Tausend Mal um den Berg

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Führt wochenlanges Marschieren, bis die Füsse bluten, zur Erleuchtung? In Japan sind Mönche davon überzeugt. Der lange Weg zum kurzen Moment der Erleuchtung.

Christian Schmidt

Geräuschlos taucht Shōsa Kotera aus dem Schwarz der Nacht auf, gekleidet in Weiss, der Farbe des Todes. In der Hand hält er seinen Hut, darin eingenäht eine Münze für den Fährmann, der ihn im Falle seines Ablebens auf die andere Seite des Flusses bringen wird. Kotera ist ein Teenager mit geschorenem Kopf, dicker Brille und heller Stimme, ein Bübchen noch, und doch bereit, zu sterben. Er deutet eine kurze Verbeugung in unsere Richtung an, stellt sich vor einen kleinen Tempel und beginnt, das Mantra der Gottheit Fudō Myō-ō zu rezitieren:

«Namah samanta-vajrânâm canda mahârosana sphotaya hûm trat hâm mâm.» – «Ehre den alles durchdringenden Donnerkeilen! Oh du Gewalttätiger mit grossem Zorn! Zerstöre! Hûm trat hâm mâm.»

Es ist eine Frühsommernacht kurz nach ein Uhr. Kotera, Novize der buddhistischen Tendai-Schule, hat soeben seine 67. Umrundung des Bergs Hiei oberhalb von Kyoto begonnen. Er ist unterwegs, um auf dem langen Weg zur Erleuchtung voranzukommen. Jede Nacht zieht er los, bis er hundertmal um den Berg gegangen ist. Wobei das erst der Anfang ist. Das eigentliche Ziel: tausend Umrundungen. Am Ende wird Kotera eine Distanz zurückgelegt haben, die knapp dem Umfang der Erde entspricht.

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