Tausend Mal um den Berg

Führt wochenlanges Marschieren, bis die Füsse bluten, zur Erleuchtung? In Japan sind Mönche davon überzeugt. Der lange Weg zum kurzen Moment der Erleuchtung.

Christian Schmidt

Geräuschlos taucht Shōsa Kotera aus dem Schwarz der Nacht auf, gekleidet in Weiss, der Farbe des Todes. In der Hand hält er seinen Hut, darin eingenäht eine Münze für den Fährmann, der ihn im Falle seines Ablebens auf die andere Seite des Flusses bringen wird. Kotera ist ein Teenager mit geschorenem Kopf, dicker Brille und heller Stimme, ein Bübchen noch, und doch bereit, zu sterben. Er deutet eine kurze Verbeugung in unsere Richtung an, stellt sich vor einen kleinen Tempel und beginnt, das Mantra der Gottheit Fudō Myō-ō zu rezitieren:

«Namah samanta-vajrânâm canda mahârosana sphotaya hûm trat hâm mâm.» – «Ehre den alles durchdringenden Donnerkeilen! Oh du Gewalttätiger mit grossem Zorn! Zerstöre! Hûm trat hâm mâm.»

Es ist eine Frühsommernacht kurz nach ein Uhr. Kotera, Novize der buddhistischen Tendai-Schule, hat soeben seine 67. Umrundung des Bergs Hiei oberhalb von Kyoto begonnen. Er ist unterwegs, um auf dem langen Weg zur Erleuchtung voranzukommen. Jede Nacht zieht er los, bis er hundertmal um den Berg gegangen ist. Wobei das erst der Anfang ist. Das eigentliche Ziel: tausend Umrundungen. Am Ende wird Kotera eine Distanz zurückgelegt haben, die knapp dem Umfang der Erde entspricht.

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In dieser Nacht will ich dem Novizen auf seiner Tour folgen. Weil aber klar ist, dass ich sein Tempo unmöglich halten kann, wird Riyusan Isomura auf mich aufpassen. Einst selbst ein Gjōya, ein «Wanderer auf dem Weg zu Buddha», amtet er nun als Buchhalter der Mönche auf dem Berg Hiei. Mit einem weissen 4x4 Nissan des Klosters fährt er voraus und wartet jeweils dort auf mich, wo Koteras Pfad die Passstrasse kreuzt.

Kotera beendet seine Rezitation und nähert sich uns. Isomura heisst mich auf die Knie zu gehen und den Kopf zu senken. Ich blicke direkt auf die Füsse des Novizen. Die Riemen der Strohsandalen haben Wunden in den Rist geschnitten; zwischen den Zehen fehlt die Haut, die Waden sind geschwollen. Der junge Mönch berührt mit der Gebetskette meine linke Schulter, anschliessend den Kopf, dann die rechte Schulter. Dazu murmelt er ein Gebet. Jede Berührung fühlt sich an wie ein elektrischer Schlag. Der nicht verebbt. Der sich einbrennt.

Wow! Das hatte ich nicht erwartet.

Ich stehe auf und schaue den kleinen Mönch an, als sei er ein Ausserirdischer, ein Wunderwesen. Er ist Novize, und doch habe ich den Eindruck, dass er mir – vielleicht vierzig Jahre älter – auf seinem inneren Weg bereits unerreichbar voraus ist. Gerne hätte ich ihn gefragt, weshalb er diese Strapazen auf sich nimmt. Und wie lange er durchhalten will. Nach den ersten hundert Umrundungen steht es den Mönchen offen, die Askese abzubrechen – wie es die meisten tun, auch Buchhalter Isomura hatte sich so entschieden. Machen sie jedoch weiter, gibt es kein Zurück mehr. Dann erwarten sie nicht nur tausend Umrundungen, beginnend bei 30 Kilometern pro Nacht, zunehmend bis 84 Kilometer, dann steht ihnen auch eine neuntägige Askese bevor, für die sie in einen Tempel eingeschlossen werden. In dieser Zeit dürfen sie weder essen noch trinken noch schlafen. Eine Herausforderung, die sie an die Grenze zum Tod führt. Wenn sie ihren Mund spülen – was sie einmal täglich dürfen –, ist das ausgespuckte Wasser blutrot; die Schlaflosigkeit lässt sie halluzinieren, und der Körper beginnt sich selbst zu verdauen. Vor Beginn der neun Tage verschenken sie ihren gesamten Besitz, lösen ihr Bankkonto auf und lassen sich für die Todesanzeige fotografieren. Aufgeben dürfen die Mönche nicht, weder während der tausend Umrundungen noch während der Fastenzeit. Sind sie am Ende ihrer Kräfte, müssen sie ausharren, bis sie aus Erschöpfung sterben.

Über all das wollte ich mit Kotera sprechen. War er tatsächlich bereit, sein Leben zu riskieren? Waren die Umrundungen wirklich der Schlüssel dazu, ein sogenannter Bodhisattwa zu werden, ein Erleuchtungswesen? Bodhisattwas geben ihr Ich auf und kommen damit der Erleuchtung nahe. Sie verzichten jedoch auf ihre Vollkommenheit zugunsten jener Menschen, die noch in ihrem weltlichen Leiden verhaftet sind. Doch Isomura hatte deutlich gemacht, dass ich den Novizen nicht ansprechen darf, weder jetzt noch an einem der kommenden Tage. Nach sechs Stunden Marsch rund um den 848 Meter hohen Berg werde er morgens um sieben ins Kloster zurückkehren, nicht um zu ruhen, sondern um seine üblichen Klosterpflichten zu erledigen: putzen, beten, kochen, seine Kleider waschen, wieder beten, studieren. Für Schlaf bleibe wenig Zeit; denn gegen elf Uhr sei es Zeit für die Vorbereitung der nächsten Umrundung. «Kotera ist zu beschäftigt», sagte Isomura.

Isomura nickt, die Umrundung kann beginnen. Wir lassen den kleinen Tempel hinter uns, Kotera geht voraus, in seinen Mönchskleidern aus Baumwolle, an den Füssen Strohsandalen, umgeben vom flackernden Licht seiner Kerze. Ich folge in meinen atmungsaktiven, schweissabsorbierenden, wasserundurchlässigen Hightechkleidern, in Schuhen mit Vibramsohlen, auf der Stirn das gleissende Licht einer LED-Lampe. Ein groteskes Bild.

In dieser Nacht werden Kotera und seine Laterne alles sein, was in meinem Leben zählt. Dieses Bübchen ist mein Führer. Was, wenn ich ihn verliere? In den Wäldern mit ihren gewaltigen Zedern leben Schwarzbären. Auch meine Kompass-App wird mir nicht helfen. Weil Handys die meiste Zeit keine Verbindung haben, und weil der Berg, in Luftlinie zwar nur wenige Kilometer von den Ausläufern Kyotos entfernt, ein Labyrinth aus Schluchten, Steilhängen und Dickichten ist. Zu unwegsam, um einer Himmelsrichtung folgen zu können.

Habe ich Angst?

In engen Windungen schraubt sich der Pfad zwischen Wurzeln und Steinen in die Höhe. Bereits nach wenigen Minuten wird der Schein der Laterne schwächer, Kotera zieht davon. Ich versuche mich daran zu halten, was Buchhalter Isomura erklärt hat: Die Mönche gehen immer im selben Tempo, egal, ob es hinauf geht oder hinunter. Um den Rhythmus zu halten, rezitieren sie unentwegt das Mantra von Fudō Myō-ō:

«Namah samanta-vajrânâm canda mahârosana sphotaya hûm trat hâm mâm.»

Einige Biegungen später bleibt Kotera vor einem steinernen Buddha stehen, eine der insgesamt 260 Wegmarken, die er im Verlauf der Umrundung besucht, manchmal verkörpert durch Statuen wie hier, manchmal durch Felsen, Bäume oder Quellen. Um sich die Aufmerksamkeit des Buddhas zu sichern, klatscht Kotera in die Hände und reibt die Perlen der Gebetskette aneinander, dann beginnt er, Mantras zu rezitieren. Wo genau die heiligen Orte sich befinden und in welcher Reihenfolge sie zu besuchen sind, steht im Tebumi, einer Art Wanderkarte in Worten. Kotera trägt das Buch in einer Umhängetasche bei sich, kopiert vom Tebumi seines Lehrers. Gerne hätte ich einen Blick auf die Abschrift geworfen, erinnert das Konzept doch an die Songlines der Aborigines in Australien, doch Isomura lehnt ab. Das Tebumi ist geheim.

Nach einer letzten Verbeugung geht Kotera auf dem Weg zu sich selbst weiter. Der Pfad taucht hinunter zu Bachläufen und steigt auf der anderen Seite wieder hoch, schlängelt sich kurz über ebenen Waldboden, nur bis zur nächsten Runse. Während unter meinen Füssen Äste knacken und Steine rollen, während mein Atem wie ein Blasbalg tönt und bei zunehmender Steilheit in das Pfeifen eines Wasserkochers übergeht, schwebt Kotera ohne jedes Geräusch dahin. Ich folge ihm wie eine Motte dem Licht.

Auf den Berg Hiei bin ich gereist, weil ich vor Jahren über die Mönche und ihre lebensgefährliche Askese gelesen hatte. Per Zufall, einige Zeilen in einer Tageszeitung. Die Sätze blieben mir im Gedächtnis, nicht zuletzt, weil ich kurz zuvor selbst beinahe gestorben war und zwecks Wiederauferstehung wochenlang in einem Isolationszelt ausharren musste. Vermummtes Spitalpersonal und einige Schläuche waren mein einziger Kontakt zur Aussenwelt. Da mir das auch als eine Art Askese erschien, fühlte ich mich mit den Mönchen verbunden. Und seit ich dem Tod einmal nahegekommen bin, suche ich immer wieder die Auseinandersetzung damit, versuche mehr über ihn zu erfahren, will mich auf die nächste Begegnung vorbereiten und dabei gleichzeitig erfahren, wie andere dem Tod gedanklich begegnen – etwa die Mönche auf dem Mount Hiei. In der Nähe zum Tod finden sie zu sich selbst.

Buchhalter Isomura treffe ich Tage vor der nächtlichen Wanderung zum ersten Gespräch, im Verwaltungstrakt des Klosters, einem flachen Gebäude neben Souvenirläden und Verpflegungsständen. Vor dem Bau weist ein Gedenkstein auf das «Interreligious Gathering of Prayer for World Peace» hin, eine Zusammenkunft der wichtigsten religiösen Würdenträger aus der ganzen Welt, die jedes Jahr auf dem Berg Hiei stattfindet. Im Hintergrund des Verwaltungsgebäudes leuchtet breit und mächtig die rote Haupthalle des Klosters, sie gilt als eine der grössten Holzbauten Japans und zählt zum Unesco-Welterbe.

Isomura sitzt in einem braunen Samue, dem buddhistischen Arbeitsgewand, an seinem Pult, an den Füssen rote Nikes, die Haare zu einem schwarzen Schimmer rasiert, darunter schmale Augen, die zum Strich werden, wenn er lacht. Was Isomura häufig tut. Im Verlaufe der kommenden zwei Wochen wird er sich als umgänglicher und freundlicher Mensch entpuppen, der sich viel Zeit nimmt, ja so viel, dass ich keinen Schritt allein tun kann; was ihn zu meinem Big Brother macht. Gleichzeitig bleibt Isomura undurchschaubar und distanziert. Und gibt Rätsel auf. Bei vielen meiner Fragen kippt er den Kopf so zur Seite, als müsse er einer Ohrfeige ausweichen. Weil ich, zugegebenermassen ohne Kenntnisse in Buddhismus, die falschen Fragen stelle? Oder weil ich nach Details grüble? Weil ich zum Beispiel wissen will, weshalb die Mönche ihren Hut bis zur dreihundertsten Umrundung tragen müssen und ihn erst dann auf den Kopf setzen dürfen? Sah Isomura in mir einen Kleingeist, der mit seinem angelesenen Wissen zu beeindrucken versucht, anstatt den Blick auf das grosse Etwas in der Ferne – die Erleuchtung – zu richten? 

Eine Mitarbeiterin bringt Tee und Biskuits, draussen quaken Frösche. Erste Frage: Kann auch ich erleuchtet werden? Isomura lehnt sich zurück und lächelt ob so viel Unwissen. «Jeder Mensch kann Buddha werden, folglich steckt in jedem Menschen die Buddha-Natur, ja sogar in den Teetassen vor uns ist sie verborgen.» Um den Samen dieser Buddha-Natur in sich zu finden und zur Blüte zu bringen, seien die Mönche die tausend Tage unterwegs. «Unser Leben ist ja wie ein Sturm im Wasserglas. Der Stress wirbelt den Sand auf, das Wasser ist trüb. Nur wenn es gelingt, unser Inneres zu beruhigen, sinkt der Sand. Dann können wir die Buddha-Natur erkennen.» Allerdings, und das dürfe ich nicht vergessen, seien die Mönche nicht unterwegs, um erleuchtet zu werden. «Ihre Aufgabe ist es, anderen Menschen beizustehen. Damit auch sie ihre irdischen Abhängigkeiten zu überwinden lernen.» Nächste Frage, sie interessiert mich besonders: Es heisst, entlang der Route gebe es unmarkierte Gräber, je nach Quelle zwischen einigen wenigen bis zu mehreren hundert. Sind tatsächlich Mönche während der Umrundungen gestorben? Haben einige sogar Selbstmord begangen, mit dem Dolch, den sie immer mit sich tragen? Isomura kippt den Kopf. Falsch, wie so vieles, was man sich ausserhalb Japans über die Tendai-Mönche erzähle. «Ein einziger ist gestorben, ein alter Mann.» Aus Erschöpfung.

Inzwischen ist es zwei Uhr vierzig, Kotera ist nirgends mehr zu sehen. Obwohl er immer wieder stoppt und ich aufholen kann. Eine Zeit lang erkannte ich in der Ferne noch den Schimmer seiner Kerze, hörte leise das Reiben der Gebetsperlen. Jetzt ist nur noch Dunkelheit und Stille. Als sich links ein Abgrund nach dem anderen öffnet, frage ich mich, ob ich nicht doch besser zu Hause geblieben wäre. Muss ich wirklich ein besserer Mensch werden? Ich bin doch bereits ziemlich anständig. Und gibt es keine Abkürzung auf dem Weg zur Erleuchtung? Ich halte Ausschau nach Isomura und seinem Nissan mit den weichen Polstern. Vergeblich. Da ist nichts anderes als das Hier und Jetzt.

Noch in der Schweiz hatte ich nach Menschen gesucht, die sich als erleuchtet bezeichnen. Und fand im Netz eine lange Liste – zu lang, um wahr zu sein – , darauf etwa eine ehemalige Anhängerin Bhagwans, einen Obdachlosen in Deutschland, verschiedene indische Gurus, eine zweimal vergewaltigte Frau, die ihre Bücher vom Himmel fertig geschrieben ins Hirn übermittelt erhält, einen Psychologen mit Nahtoderfahrung und Erleuchtungserlebnis auf einem Bahnperron, und auch der junge Niederländer Bentinho Massaro zählt sich dazu, genannt «Justin Bieber der Erleuchteten». Seine Werbevideos beendet er mit gefalteten Händen, einem abgründigen Lächeln und dem Satz «I love you».

Das alles konnte es nicht sein. Ebenso wenig gefiel mir die klassische Definition, die Erleuchtung als «plötzliche Erkenntnis» oder «zu einem höheren Bewusstsein führende spirituelle Durchdringung» bezeichnet. Das war mir zu schwammig.

Weit verständlicher und glaubhafter schien mir, was der amerikanische Publizist John Horgan zum Thema schreibt. Sein Annäherungsversuch kommt nicht nur ohne jede Esoterik und Angaben einer Kontonummer daher, seine Überlegungen sind auch nachvollziehbar. Horgan hatte einen Professor für Psychologie interviewt, einen entfernten Bekannten, mit dem er seine Faszination für den Buddhismus teilt. Der Professor – er bleibt anonym – erzählte ihm, was für ihn Erleuchtung heisst. Dazu zeichnete er ein Glas auf ein Stück Papier, darüber ein Auge, das darauf schaut. «Normalerweise», sagte er, «machen wir einen Unterschied zwischen uns und einem Objekt.» Aber in Momenten des «reinen Bewusstseins», wenn es gelinge, weder irgendetwas zu denken noch irgendetwas wahrzunehmen, «wird das Bewusstsein gleichzeitig zum Subjekt wie auch zum Objekt». Das führe zu einer neuen Art der Selbsterkenntnis. «Was du bist und was die Welt ist, wird zu einer Einheit. Da ist eine Tiefe in den Dingen, die zuvor nicht da war.» Diese Erkenntnis definiere er für sich als Erleuchtung, und da er sie selbst erlebt habe, bezeichne er sich als erleuchtet. Was aber nicht heisse, dass er nun von allen Problemen und Schwächen befreit sei: «Erleuchtung ist zwar extrem befriedigend und transformativ, aber dein Verstand bleibt dennoch in vielen Belangen unverändert.»

Drei Uhr. Die Welt ist genauso gross wie der Schein meiner Lampe: ein kleiner Kreis, aus dem Schwarz der Nacht herausgeschnitten. Alles rundherum existiert nicht, weder Kriege noch das neongrelle Nachtleben von Kyoto mit den Kids, die betrunken auf den Trottoirs liegen, während sich neben ihnen Sportwagen Rennen liefern. Da sind nur: Walderde, Wurzeln, Steine. Zwischen den Wipfeln leuchten Sterne, irgendwo ruft ein Vogel.

Der Weg ist nicht immer gut zu erkennen, aber mit der Zeit entwickle ich einen Sinn für die Richtung. Komme ich an einer Quelle vorbei, daneben ein steinerner Buddha, weiss ich, dass ich noch auf Kurs bin. Und je länger ich gehe, desto besser verstehe ich, weshalb Isomura einen spanischen Journalisten nach Hause schickte, der ebenfalls über die Askese schreiben wollte. Der Kollege beging den Fehler, im Interview mit dem Buchhalter von «Marathon-Mönchen» zu sprechen, im Westen ein gebräuchlicher Übername für die Asketen, der auf dem Berg Hiei aber als Beleidigung empfunden wird. Zu Recht. Die Mönche wollen keine bestimmte Distanz in möglichst kurzer Zeit zurücklegen, sie wollen kein Zielband zerreissen; sie sind Pilger, sie huldigen den Buddhas und Bodhisattwas. Körperliche Fitness ist kein Ziel. Sie ist nur Mittel, um die Distanz zwischen den 260 Gebetsorten zu überwinden. Isomura erwähnte einmal ganz nebenbei, wie die Mönche ihre Askese selbst nennen: «Die Umrundungen sind ein Gebet.» Eine zwischen 30 und 84 Kilometer lange Fürbitte.

Aus der Dunkelheit taucht eine Umgrenzungsmauer auf, dahinter das Dach eines Tempels. Hier liegen die Gebeine des Kloster-Gründers. Bewacht wird das Mausoleum von einem Mönch, der sich verpflichtet hat, für zwölf Jahre innerhalb dieser Mauern zu bleiben, die Anlage jeden Tag zu putzen und auch jeden Tag für den Geist des Gründers zu kochen. Diese Aufgabe zählt zu den drei «Höllen» auf dem Berg Hiei, wie die Mönche sagen, ebenso wie die «Hölle» der Umrundungen oder die «Lese-Hölle»: Eingeschlossen in einen Tempel, rezitiert ein Mönch drei Jahre lang Sutras.

Ich bleibe vor der Mauer stehen. Am Tag zuvor hatte mir Isomura den Mönch vorgestellt, der dahinter haust. «Was, seit neun Jahren?», hatte er erstaunt auf die Feststellung des Buchhalters geantwortet, wie lange er bereits das Mausoleum hüte. Ein kleines Männchen mit vollem Gesicht und verschmitztem Lächeln. Doch weshalb der Ausdruck «Hölle», hatte ich ihn gefragt. Wie können Sie Ihren Weg zur Erleuchtung mit den Grausamkeiten des Fegefeuers vergleichen? Ähnlich wie im Christentum werden auch im Buddhismus, wie er an diesem Ort der Welt praktiziert wird, sündige Menschen gegrillt. Er und die anderen Mönche lassen sich doch auf ihre Askese ein, um bessere Menschen zu werden. Weshalb also bringen sie ihr Engagement und die «Hölle» miteinander in Verbindung? Der Mönch lächelte weiter, dann verbeugte er sich und verschwand mit wallendem Gewand im Innern des Tempels.

Die Antwort darauf finde ich bei Robert F. Rhodes, Professor an der Otani-Universität in Kyoto, einem modernistischen Bau mit endlosen Korridoren. Rhodes ist vor Jahrzehnten als Sohn amerikanischer Missionare nach Japan gekommen und gilt heute als der beste säkulare Kenner der Tendai-Schule. Ich treffe ihn in einem winzigen Büro, das Rhodes gerade räumt; er wird pensioniert. Erschöpft schaut er auf die mit Büchern bedeckten Wände.

Während wir Jasmintee trinken, löst Rhodes die Verwirrung. «Hölle» sei nichts mehr als ein etwas saloppes Synonym dafür, was im Buddhismus als «Reines Land» bezeichnet werde, also das himmlische Reich oder die Wohnstätte eines Buddhas. Rhodes pausiert und denkt nach, ob er seine Erklärung in andere Worte fassen kann, dann sagt er: «In Buddha findest du die Hölle, und in der Hölle findest du Buddha. Das ist sehr hübsch!» Er lacht laut.

Überhaupt dürfe ich gewisse Dinge nicht zu wörtlich nehmen. So treffe es nicht zu, dass die Mönche den Berg Hiei tausendmal umrunden. «Es sind nur 975 Nächte.» Weshalb? Rhodes schichtet einige Bücher von links nach rechts, denkt kurz nach, und schichtet sie zurück. «Nach tausend Umrundungen sind die Mönche so weit, erleuchtet zu werden. Das wollen sie jedoch nicht, weil sie sonst ihrer Aufgabe nicht mehr nachgehen können, sie sind nicht mehr in der Lage, anderen Menschen auf ihrem Weg Richtung Erleuchtung beizustehen.» Die Zeit zwischen der letzten Umrundung und dem eigenen Tod stehe stellvertretend für die fehlenden 25 Umrundungen. Was nichts anderes heisse, als dass die Mönche am Ende ihres Lebens dann bereit für die Vollkommenheit seien. Damit werde auch klar, dass man sich Erleuchtung nicht als Ziel setzen könne, Erleuchtung ergebe sich: «Erleuchtet werden heisst, grenzenlose Freiheit zu erreichen. Wer aber ein erklärtes Ziel verfolgt, ist nicht frei und kann folglich nicht erleuchtet werden.»

Und was weiss Rhodes über die Gräber entlang der Route? Jeder Film, jeder Zeitungsartikel, jedes im Westen publizierte Buch über die Mönche geht auf das Thema ein. Nicht aus Erschöpfung würden sie sterben, sondern durch die eigene Hand, weil vom Durchhaltewillen verlassen. Nein, sagt Rhodes, die Autoren schreiben einander ab. Im Westen lechze man nach Drama und Sensation. Der Dolch stehe für das Schwert, das die Gottheit Fudō Myō-ō  stets bei sich trage. Um die drei Gifte zu bekämpfen, von denen die Menschen beherrscht sind: Neid, Gier und Abhängigkeit. «Ich habe noch nie gehört, dass ein Mönch sich das Leben genommen hat.»

Drei Uhr fünfzig. In einem Bach hole ich mir nasse Füsse, wenig später glaube ich, eine Bewegung zu erkennen. Ist sie das? Isomura hatte von einer ermordeten Frau erzählt, der er während einer seiner Umrundungen begegnet sei; nicht nur er habe sie gesehen, andere auch, sie alle hätten Angst gehabt. Dann stürze ich und verliere die Lampe. Nur noch schwarz. «Kotera!» Minuten später habe ich sie ertastet, humple mit schmerzendem Fuss weiter und sage mir vor, was ich bei Haruki Murakami gelesen habe: «Schmerz ist unvermeidlich, Leiden ist eine Option.» Mein Mantra der Nacht.

Der Weg wird flach, folgt einem Kamm und läuft auf eine steinerne Bank zu. Am Horizont ist das Lichtermeer Kyotos zu erkennen, im Zentrum das dunkle Viereck des Kaiserpalasts mit Park. Die Bank ist der einzige Ort, an dem die Mönche sich setzen dürfen, für zwei Minuten, sie beten für die Gesundheit des Kaisers. Im Palast geniessen sie besonderes Ansehen, haben sie doch mehrmals erkrankte Mitglieder der Familie wundersam geheilt. Deshalb werden die Mönche nach Beendigung der Umrundungen vom Kaiser empfangen. Als einzige Besucher überhaupt dürfen sie ihre Sandalen anbehalten.

Wenig später kreuzt der Weg die Passstrasse. Endlich! Und tatsächlich wartet der weisse Nissan mit einladend offenen Türen, daneben Buchhalter Isomura – für mich insgeheim der «Buchhalter der Erleuchteten» – , das Gesicht vom Handy bläulich erhellt. Begleitet von Katy Perrys Geplätscher, fahren wir los. Eine Viertelstunde später biegt Isomura in einen Feldweg, hupt, als Rehe im Scheinwerferlicht auftauchen, und hält vor einem Schuppen. Im Innern steht, neben Baumaterial und Werkzeugen, eine Reihe abgewetzter, aber pompöser Ledersessel. Ob die Buddhas des Bergs Hiei hier ihre Sitzungen abhalten würden, frage ich Isomura. Doch er hat kein Ohr für Scherze, macht es sich in einem der Sessel bequem, schätzt mit einem Blick auf die Uhr, wann ungefähr Kotera hier vorbeikommen wird, und schliesst die Augen.

Ich denke derweil über den vergangenen Tag nach. Ich hatte Kogen Kamahori getroffen, 43 Jahre alt und jener Mönch, der im Oktober 2017 die tausend Bergumrundungen abgeschlossen hatte, acht Jahre nachdem ein anderer Mönch zum letzten Mal erfolgreich gewesen war. Kamahori trägt seither den Titel Daigyoman Ajari, Heiliger Meister der höchsten Praktik. Steigt er hinunter nach Kyoto, kommen Hunderte von Menschen zusammen. Sie warten stundenlang am Strassenrand, bis er in seinem weissen Gewand auftaucht, begleitet von Helfenden, die den Verkehr regeln und ihm bei Rotlicht einen Schemel hinstellen.

Das Treffen mit Kamahori war als Kernstück dieser Recherche geplant, er sollte die entscheidenden Aussagen liefern. Weshalb hatte er sich für die tausend Umrundungen entschieden, wie hatte er sie überstanden, und wollte er eines Tages erleuchtet werden? In der anstrengendsten Phase der Umrundungen marschierte er hundert Tage lang jeweils 84 Kilometer, das heisst, er war von morgens ein Uhr bis am nächsten Abend unterwegs, dazu hatte er die Fastenzeit durchzustehen. Das Video eines japanischen Kamerateams zeigt, wie Kamahori nach neun Tagen den Tempel verlässt, auf die Knochen abgemagert, die Augen treten aus den Höhlen, mit winzigen Schritten schwankt er dahin, an einen langen Holzstab geklammert. Ein lebender Toter.

Ich hatte mich gefreut, endlich diesen Menschen kennenzulernen. Mir schien seine Leistung unglaublich, übermenschlich. Drei Tage lang wollte ich ihn durch seinen Alltag begleiten, sein Tun und Denken verstehen lernen, vielleicht hätten wir uns sogar etwas angefreundet, vielleicht hätte er mit mir einige Einsichten über Leben und Sterben geteilt, aber Isomura gestand mir nur eine Stunde Gesprächszeit zu. Das bedauerte ich sehr. Doch auch die eine Stunde sollte sich als zu lange entpuppen.

Der Weg zu Kamahori führt vom Kloster über einen breiten Kiesweg zu einem einstöckigen Giebelbau mit raumhohen Schiebefenstern, so in die Abhänge des Mount Hiei gebaut, dass das Haus über den Gipfeln der Zedern zu schweben scheint, darunter in der Tiefe der dunkelblaue Spiegel des Lake Biwa. Ein junger Mönch führte in den Besucherraum. In einer Ecke ein kleiner Altar, daneben ein Strauss aus Lilien. Die Sitzkissen lagen bereit, ein dickes für Isomura, ein dünnes für mich, keines für Kamahori. Nach einigen Minuten kam er und setzte sich auf den Boden, gross gewachsen, scharf geschnittenes Gesicht, taxierende Blicke, die Stimme fest und klar. Ein stolzer Meister der höchsten Praktik.

Ich überbrachte ihm mein Gastgeschenk, ging dazu auf die Knie und hielt es ihm mit beiden Händen entgegen, gemäss Protokoll. Kamahori hätte es in gleicher Art nehmen müssen, doch er, der sich während der neuntägigen Fastenzeit von allen irdischen Begehren verabschiedet hatte, schnappte sich das Geschenk mit einer schnellen Bewegung aus dem Handgelenk, warf einen prüfenden Blick darauf und fragte: «Ist es eine Rolex?» Nein, ein Schweizer Taschenmesser. Darauf erhob er sich und machte sich auf den Weg Richtung Türe. Unterwegs sagte er: «Sie können jetzt Ihre Fragen stellen.» Und weg war er.

Isomura lachte.

Kamahori kam wieder, eine knappe Minute später, und gab zu verstehen, er sei nun bereit.

In der folgenden Stunde gab er wenig mehr als einige kurze und unverbindliche Antworten von sich. Dafür unterhielt er sich umso ausführlicher mit einem anderen Besucher, dem er zur gleichen Zeit einen Termin gegeben hatte. Gegen Ende der Stunde tippte er, mangels Rolex, auf eine imaginäre Uhr an seinem Handgelenk und machte klar, dass die Audienz zu Ende sei.

Nach dem Gespräch kehrte ich zum Hauptgebäude des Klosters zurück und setzte mich neben einen der Imbissstände, umgeben von Touristen, die den Haupttempel und seine seit 1200 Jahren brennende Flamme besuchen. Kamahori hatte mich abgekanzelt wie einen Schuljungen, dessen Fragen es nicht wert sind, sinnvoll beantwortet zu werden. Die Umrundungen seien nichts Besonderes, ja mehr noch, sie hätten «Spass» gemacht. Auch die Fastenzeit lasse sich durchstehen. «Ich hatte ein Ziel. Da sind alle Entbehrung und Schmerzen unwichtig.» Von Interpretationen, weshalb die Mönche das alles auf sich nehmen, wollte er gar nichts wissen. Und mit keinem Wort gab er Einblick in die Innenwelt eines Ajaris, die ich mir als ein von allen menschlichen Fehlern reingefegtes Paradies vorstellte.

Als Isomura in seinem Sessel erwacht, ist es kurz vor vier Uhr, erstes Morgenlicht erhellt den Schuppen. Am Himmel kreisen bereits die Raben. Ihre Rufe tönen, als sei ihnen auf dem Weg zur Erleuchtung soeben eine entscheidende Erkenntnis gelungen und sie somit einen grossen Schritt weitergekommen. Isomura geht nach draussen, reibt vor dem Haupttempel die Perlen seiner Gebetskette, klatscht und versinkt in ein kurzes Gebet. Dann lehnt er sich gähnend an eine Steinmauer. Ich frage ihn, wie er mit der Müdigkeit umgehe, schliesslich müsse er ja nach der Nacht gleich wieder ins Büro. Isomura zwinkert. Er werde während der Arbeit schlafen.

Das Timing ist gut, Isomuras Erinnerung an den Ablauf der eigenen hundert Umrundungen präzise. Schon bald taucht Novize Kotera auf, wiederum geräuschlos und immer noch im selben schnellen Schritt. Er stellt sich wie zuvor Isomura vor den Tempel und rezitiert Mantras. Seine helle Stimme verliert sich im Morgengrauen. Als wir näherkommen, zieht er die Ärmel über seine Hände. Ich darf nicht sehen, was er mit den Fingern tut. Kotera bringt sie in vorgeschriebene Positionen, um seine Energie zu lenken. «In den Mudras steckt sehr viel Kraft», flüstert Isomura. «Wer sie nicht beherrscht, kann Unheil anrichten.»

Nochmals schickt mich Isomura hinter dem Novizen her. Es ist hell geworden. Ich folge der weissen Erscheinung mit gebührender Distanz. Er scheint überirdisch zu sein, weder zu schwitzen noch sich anzustrengen. Atmet er überhaupt? Ich sehe die Wunden an seinen Füssen und frage mich, wie die Mönche mit Verletzungen oder Wunden umgehen. Dürfen sie Antibiotika nehmen? Ja, alles, was sie auf den Beinen hält, hatte Isomura gesagt und die Geschichte eines Mönchs erzählt, der unterwegs zusammengebrochen war. Zufällig wurde er gefunden und so zurück ins Kloster getragen, dass seine Füsse den Boden berührten. Weshalb er nicht als Versager galt. Am nächsten Tag zog er erneut los.

Links neben dem Weg taucht der Friedhof des Klosters auf, die Grabsteine schimmern bläulich. Wenig später ist der höchste Punkt der Umrundung erreicht, nun geht es abwärts, nicht Richtung Kyoto, sondern auf die andere Seite des Bergs, zum Lake Biwa. Da der Mönch sein Tempo konstant hält, kann ich mithalten und denke noch einmal über das gescheiterte Interview mit Kamahori nach. Die Botschaft des Ajaris war unmissverständlich: Ich, der Ungläubige aus dem Westen, habe auf dem Berg Hiei nichts verloren. Nie und nimmer würden er und die anderen Mönche mir Einblick in ihr Denken und Empfinden geben. Isomura hatte das in den vergangenen zehn Tagen mit seinen regelmässigen «Njets» bereits angedeutet, aber ich hatte es nicht wahrhaben wollen. Nun erkannte ich die Zusammenhänge: Ich durfte Kotera weder nahe kommen noch mit ihm reden; hatte keine Genehmigung, den Alltag des Novizen zu beobachten; ich durfte die geschriebene Wanderkarte namens Tebumi nicht sehen; kein Interview mit dem Abt des Klosters; keine drei Tage mit Ajari Kamahori. – Wie hatte ich so naiv sein können, auf mehr zu hoffen? Weil es Aufgabe der Mönche ist, anderen Menschen auf dem Weg zur Erleuchtung beizustehen?

Eine Stunde später erreicht Kotera eine lange Treppe, die vom letzten Hang des Mount Hiei ins flache Land führt. Jeden Tritt nimmt er mit grösster Vorsicht, sucht sich eine Stelle, die ihm weiches Auftreten erlaubt. Dass ihn die Füsse schmerzen, ist offensichtlich. Wieder betet er. Als er weitergeht, knien sich Gläubige vor ihn nieder; er segnet sie. Einige tragen Wanderstäbe mit Schellen zum Schutz vor den Bären.

Isomura ist bereits da, sein Auto steht auf einem nahen Parkplatz. Wir fahren los, in jene Richtung, in der Kotera verschwunden ist. Zum Abschluss seiner Umkreisung erwartet den Novizen nun noch die grösste Herausforderung. Er muss zurück auf den Berg, zum Kloster, 600 Höhenmeter. Eine Stunde werde er benötigen, schätzt Isomura. Das heisst für mich: Ich brauche dreimal so viel Zeit. 

Der Buchhalter stoppt, wo der Weg von der Strasse abzweigt. Ein Ziegenpfad, halb bedeckt von Dornengestrüpp. Ich mache einige Schritte, halte inne, mein Herz klopft bereits bis zum Hals, ich schaue zurück zum Auto, schaue vor mich auf das rutschige Geröll, schaue hinauf, wo die Zedern immer kleiner werden und zum grünen Meer verschwimmen – und erkenne, dass ich aufgegeben habe. Keine Kraft mehr. Oder anders gesagt: Kein Vertrauen mehr in meine Kraft. Am ersten Tag. Nachdem ich vielleicht zwei Drittel der Umrundung gegangen und ein Drittel gefahren bin.

Als ich wieder neben Isomura stehe, versuche ich einen Witz. Wie gut es doch sei, dass die Sache mit den Selbstmorden nicht stimme, ich sei nochmals davongekommen. Aber Isomura geht nicht darauf ein.

Auf der Fahrt zurück auf den Berg denke ich an Kotera, der sich nun den Hang hochkämpft. Der das in 24 Stunden erneut tun wird, auch in 48, und so weiter. Ich schäme mich.

Auf eindringlichen Wunsch organisiert Isomura doch noch ein weiteres Interview, das letzte. Mit Gyosho Uehara, der die tausend Bergumrundungen 1994 beendete. Ich will wissen, ob ein anderer Ajari sich gleich verhält wie Kamahori. Oder anders gesagt: Ich bin noch nicht bereit zu akzeptieren, dass Mönche – auf dem Weg zur Erleuchtung! – tatsächlich so herablassend und ausgrenzend sein können.

Die Fahrt zu Uehara führt von Kyoto dem Ufer des Lake Biwa entlang Richtung Norden. Reisfelder fliegen vorbei, im Wasser Graureiher, ihre langen Beine so geziert hochziehend, als würde die Nässe sie stören. Nach einer Stunde erreichen wir eine Halbinsel, die sich als bewaldete Zunge hinaus auf den Lake Biwa schiebt. In strömendem Regen gehen wir zu Fuss weiter, bis zum äussersten Ende der Halbinsel. Hier liegt einsam über dem Ufer Ueharas Klause. Ab und zu kommen Pilger an diesen Ort, einmal jährlich findet ein Ritual statt, doch die meiste Zeit ist der Mönch allein.

Uehara empfängt uns wie ein Grossvater seine Enkel, freudig und herzlich. Im länglichen Gesicht sitzt eine runde Brille, den Kopf umrahmen kurze Haare. Eine weiche, volle Stimme. Obwohl er seine Umrundungen vor über zwanzig Jahren beendet hat, trägt er noch immer weisse Kleider.

«Was bedeuteten die Umrundungen für Sie?» «Schwer zu sagen. Jeder Mensch empfindet anders. Man tut das Gleiche, und doch ist es nicht dasselbe. Für mich waren sie wie Treppensteigen. Du steigst und steigst fast bis zuoberst, dann hältst du an, kehrst um und hilfst all jenen Menschen, die du unterwegs triffst. Damit auch sie auf der Treppe weiter nach oben kommen.» «Wollten Sie auf dem Weg Richtung Erleuchtung weiterkommen?» «Nein. Ich wollte werden wie mein Lehrer. Wenn er betete, zeigte er eine so wundervolle Hingabe.» «Erlebten Sie eine Veränderung Ihres Bewusstseins im Verlaufe der Umrundungen?» «Nicht wirklich. Aber ich kam zu neuen Einsichten. Ich lernte mich auf eine andere Art kennen. Ich verstand, was ich zuvor nicht verstanden hatte. Das Woher und Warum meiner Existenz.» «Ich habe gelesen, Sie würden sich selbst als erleuchtet bezeichnen.» «Davon weiss ich nichts. Was über mich geschrieben wird, ist oft falsch.»

Als wir uns verabschieden, hat der Regen aufgehört. Uehara begleitet uns auf den Vorplatz des Tempels, bleibt stehen und winkt, wird kleiner und winkt weiter, bis uns der Wald verschluckt. Er wird in seine Ecke zurückkehren und sich jenen Aufgaben widmen, die er in den verbliebenen 25 Umrundungen zu lösen hat, das heisst, bis ans Ende seines Lebens.

Auf dem Weg zum Auto denke ich über Uehara nach. Da ist eine beneidenswerte Gelassenheit gegenüber all jenen Fragen, mit denen sich Menschen wie ich herumschlagen. Da ist eine innere Ruhe, die so tief zu gründen scheint wie der Lake Biwa. Und da ist eine grossartige Gelassenheit gegenüber der eigenen Endlichkeit und damit Bedeutungslosigkeit. Wenn das Universum einen Anfang und ein Ende hat, so will mir scheinen, dann ist das genau hier. Objekt und Subjekt lösen sich ineinander auf. Auch wenn Uehara – zumindest im Gespräch mit mir – nichts von Erleuchtung wissen will, so bin ich dennoch sicher, in ihm Vollkommenheit erkannt zu haben.

Doch etwas irritiert. Und will nicht zum Bild passen, das ich mir gerade gezimmert habe. Ja, ich gerate geradezu durcheinander. Ist Uehara wirklich mit sich und der Welt im Reinen? Steht er wirklich über allem, was das Leben an Verlockungen mit sich bringt? Hat er während der tausend Umrundungen und der neuntägigen Fastenzeit tatsächlich all seine Schwächen überwunden?

Quälende Gedanken, während von den Bäumen dicke Tropfen fallen, während Isomura vor mir hergeht und so tut, als existiere ich nicht. Im Unterholz quaken Frösche. Lachen sie mich aus? Aber dann erinnere mich an das Gespräch zwischen dem amerikanischen Publizisten John Horgan und seinem Gegenüber. Der erleuchtete Psychologieprofessor hatte Horgan klargemacht, dass Erleuchtung zwar tief im Innern einen «Shift» bewirke, gegen aussen bleibe man aber mehr oder weniger die gleiche Person: «Du schlägst dich mit denselben Themen herum wie zuvor. Du bist immer noch neurotisch, deine Mutter geht dir immer noch auf die Nerven, du willst immer noch Sex.»

Genau. Das ist’s. Nun habe ich eine Möglichkeit gefunden, Ueharas Ansehen weiterhin hochzuhalten. Mein inneres Weltbild stimmt wieder. Auch Menschen wie er dürfen Dingen frönen, die wir gemeinhin als Schwächen bezeichnen. Es macht sie nicht weniger erleuchtet.

Uehara, der weise Mann, liess während des Gesprächs jede Viertelstunde sein Feuerzeug klacken. Uehara raucht. Wie ein Schlot.

 


 

Religion weltweit

Laut WIN/Gallup International versteht sich der Grossteil der Menschen als religiös. WIN/Gallup ist ein weltweiter Verbund von unabhängigen Markt- und Meinungsforschungsinstituten. In einer Umfrage unter mehr als 66  000 Menschen in 68 Ländern gaben 62 Prozent an, religiös zu sein, weniger als ein Viertel zählte sich zu den Nichtreligiösen – und nur neun Prozent der Befragten bezeichneten sich als atheistisch. Ärmere Menschen mit einem geringen Einkommen und Bildungsgrad ordnen sich laut der Umfrage eher einer Religion zu als solche mit höherem Einkommen und besserer Bildung.

 

Den einen Buddhismus gibt es nicht

Das Pew Forum on Religion and Public Life hat ermittelt, dass sich rund 488 Millionen Menschen auf der Welt als Buddhisten bezeichnen, was etwa 7 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Der Buddhismus ist damit die viertgrösste der fünf Weltreligionen. Man unterscheidet drei grosse Hauptströmungen: die älteste Schule – entstanden vor 2500 Jahren und bis heute lebendig – ist der Theravada-Buddhismus. Der Mahayana-­Buddhismus formierte sich rund 300 Jahre später, aus ihm entwickelte sich die dritte und kleinste Strömung, Vajrayana, die vor allem in Tibet und in der Mongolei verbreitet ist, aber auch in Japan und China. Die Tendai-Schule, von der in Christian Schmidts Text die Rede ist, entstand erst im 9. Jahrhundert, sie wird dem Mahayana-Buddhismus zugeordnet.

 

Autor

Für Christian Schmidt, 63, entwickelte sich ausgerechnet diese Geschichte – ein persönlicher Traum – zum Leidensweg: Vom ersten Tag der Recherche bis zu jenem Tag, an dem er vor den Tendai-Mönchen stand, vergingen drei Jahre. Erst die dritte Übersetzerin schaffte es überhaupt, einen Kontakt zum Kloster herzustellen. Und dann war da noch Isomura. «Er entschied, mit wem ich sprach oder nicht, er war der Gatekeeper», sagt Schmidt. Für unseren Autor ein riesiger Frust. «Ich wollte eigentlich viel mehr herausfinden. Mit den Mönchen über den Tod sprechen, ihnen wirklich nahekommen. Mein Wunsch, mehr über das Thema Erleuchtung zu erfahren, ist vorläufig gescheitert», sagt er, «ich muss erst mal einen neuen Ansatz finden.»

 

Mehr vom Autor:

Reportagen #41 — Schweizer im Rotlicht

Reportagen #10 — Die Zellen meiner Schwester

Mehr zum Thema Buddhismus:

Reportagen #41 — Vipassana 1993 — Tiziano Terzani

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