Team Ruanda

Hutu und Tutsi treten in der ruandischen Fahrradmannschaft gemeinsam gegen das Trauma des Genozids an.

Philip Gourevitch

Gasore Hategeka kaufte sein erstes Fahrrad im Jahr 2008. Es war ein in China hergestellter, arg gebrauchter Eingänger, und es kostete 35 000 Ruanda-Francs – ungefähr 60 US -Dollar. Gasore, der etwa zwanzig Jahre alt war, hatte fast sein halbes Leben dafür gearbeitet. Sein Vater hatte einmal ein Fahrrad besessen, und obwohl Gasore sagte, dass er sich an seine Kindheit kaum erinnere, erzählte er: «Mir gefiel, wie das Fahrrad funktionierte. Ich weiss noch, wie er mich auf dem Fahrrad auf die Felder weit ausserhalb unseres Dorfes mitnahm, und als mein Vater starb, dachte ich an das Fahrrad.»

Er fühlte sich dazu berufen, so jedenfalls drückte er es aus. Er sagte: «Es war immer mein Traum – es war immer in meinem Kopf, dieses Fahrrad.» Wenn Gasore von dem Fahrrad sprach, meinte er damit fast etwas Mystisches: die Verkörperung des Ideals von der Fortbewegung aus eigener Kraft.

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Gasore ist sich nicht ganz sicher, wann er geboren wurde, er weiss nicht, ob er 1997, als sein Vater starb, neun oder zehn Jahre alt war. Seine Mutter starb, als er noch klein war, und sein Vater heiratete ein zweites Mal und bekam weitere Kinder. Manchmal kam sein Vater nach Hause, und manchmal brachte er Essen, aber nicht immer. Er war ein Säufer, der es manchmal so weit kommen liess, dass er sich nicht einmal mehr den nächsten Drink leisten konnte – und Gasore sagte, dass sein Durst, plus die Tuberkulose, ihn unter die Erde brachten. In seiner Kindheit gab es nur eine Gewissheit: «Wenn ich nicht allein klarkomme, dann sterbe ich», sagte er. 

 

Im Nordwesten Ruandas, in den Ausläufern der Virunga-Vulkane, herrscht ein feucht-kaltes Klima, die schwarze Lava-Erde eignet sich hervorragend für den Kartoffelanbau. Mit einem Sack ausgerüstet, machte Gasore als kleines Kind jeweils die Runde bei den Kartoffelhändlern und sammelte heruntergefallene Kartoffelstücke ein. An guten Tagen fand er darüber hinaus eine Banane oder eine Zwiebel. Als Waise wurde er zum maibobo, zum Strassenkind – eines von Hunderttausenden von Kindern ohne erwachsene Bezugsperson. Inmitten der ganzen Armut und Not des Landes war ihr Schicksal besonders schlimm, aber für Gasore brachte das Leben auf der Strasse keine wesentliche Veränderung mit sich. Als er älter wurde, setzten ihn die Kartoffelhändler dafür ein, die Hundert-Kilo-Säcke zu füllen, mit denen sie ganz Ruanda belieferten. Man zahlte ihm hier und dort eine Münze, und weil er wusste, wie man ohne Geld lebt, legte er jede 500er-Note (knapp 1 Dollar), die er sich erspart hatte, beiseite. 

 

Nach einer Weile begann er, Kartoffeln auf Holzfahrrädern zu transportieren – Familie-Feuerstein-Roller, die aus Brettern und mit der Machete geschnitzten Rädern zurechtgezimmert wurden –, und als er älter wurde, lud er als Gelegenheitsarbeiter die Kartoffelsäcke auf die Lastwagen. Jetzt konnte er 500 Francs pro Tag verdienen. Aber noch immer erlaubte er sich nur eine Ausgabe, die nicht zwingend nötig war. «Es gab Typen, die Fahrräder stundenweise vermieteten und einem das Radfahren beibrachten», erzählte er. «Wenn ich ein wenig Geld hatte, ging ich dorthin, und der Besitzer des Fahrrads rannte hinter mir her und stiess mich an. Danach arbeitete ich weiter, bis ich mir wieder eine Lektion leisten konnte.» Wie viele Ruander konnte Gasore weder lesen noch schreiben, aber Geld zählen konnte er. 10 000 Francs kostete ein Hundert-Kilo-Sack Kartoffeln, und als er so viel hatte, kaufte er einen. Er pflanzte die Kartoffeln auf einem Stück Land, das ihm sein Vater hinterlassen hatte, und wenige Monate später, als er seine Ernte verkauft hatte, hatte sich sein Vermögen vervierfacht. «Sofort dachte ich an das Fahrrad», erzählte er mir. 

 

Der Radius der ruandischen Landbevölkerung beschränkt sich auf einen Tagesmarsch – etwa 25 Kilometer. In dieser räumlich begrenzten Geografie ist das Fahrrad das gängigste mechanische Transportmittel. Wenige Ruander können sich ein Fahrrad leisten, und die vereinzelten Räder, die es gibt, finanzieren sich selber. Noch am selben Tag, wie er sich sein Fahrrad gekauft hatte, gab Gasore die übriggebliebenen 5000 Francs dafür aus, der Fahrrad-Taxi-Vereinigung seines Dorfes beizutreten. Gasore beförderte lieber Waren als Menschen und je länger die Fahrt, desto besser: Er sah sich gerne das Land an und freute sich über das Fitnesstraining. In Ruanda gibt es kaum flaches Gelände, und besonders der Nordwesten ist ein einziges Auf und Ab. 

 

Als er mir seine Geschichte erzählte, sprach er nie von den Katastrophen, die die jüngere Geschichte Ruandas prägen: Der Genozid von 1994 oder der Bürgerkrieg, der ihm vorausging, und das erneute Aufflammen des Kriegs, der den Nordwesten zerstört zurückliess. Er war inmitten von allgegenwärtiger Gewalt aufgewachsen – mindestens 800 000 Menschenleben wurden innert hundert Tagen ausgelöscht, als die Regierung Banden aus der Hutu-Mehrheit mobilisierte, um die Tutsi-Minderheit auszurotten. Millionen weitere, die meisten Hutu, wurden aus ihren Häusern vertrieben oder flohen ins Exil. Gasores Familienangehörige waren Hutu, aber er sprach nicht darüber. Er erzählte nur von seiner eigenen Not und wie er ihr, so schnell er konnte, davonpedalte. Alles, was ihn an der Geschichte interessierte, war, als Radfahrer darin einzugehen. Als Strassenjunge hatte er ein paar Blicke von der Tour of Rwanda erhascht, einem zermürbenden Etappenrennen durchs ganze Land, und er hatte sich gefragt, wie er mir erzählte, «ob ich eines Tages die Chance erhalten werde, daran teilzunehmen». 

 

2007 wurde ein nationales Radteam gegründet, und kurz bevor Gasore als Radtaxifahrer zu arbeiten begann, richtete das Team seine Trainingslager 40 Kilometer östlich von Sashwara in der Stadt Ruhengeri ein. Während Gasore seinen Radtaxidienst versah, sausten die Fahrer mit ihren Helmen auf dem Kopf an ihm vorbei, schillernde Gestalten in engen Team-Ruanda-Dresses in den Nationalfarben Blau, Gelb und Grün, die sich über die geschwungenen Lenker ihrer schlanken Renner beugten und in geschlossener Formation in die Pedale traten. «Ich fuhr ihnen hinterher, sogar wenn ich einen Fahrgast hatte.» Auf der langen Abfahrt nach Gisenyi konnte er drei Minuten am Stück mithalten. Er begann, täglich vor der Arbeit zu trainieren, trieb sich selber die Berge hoch und runter. Er rief den Rennfahrern zu, fragte sie, wann sie wieder vorbeikämen, und passte ihnen ab. Einmal montierte er alles, was er konnte, von seinem Taxifahrrad mit den breiten Reifen ab – Beifahrersitz, Gepäckträger, Schutzbleche, Ständer. «Als ich dann zu ihnen stiess, fuhren wir wirklich zusammen», erzählte Gasore. Acht Monate lang trainierte er für sich, bis er zu sich selber sagte: «Ich bin bereit.» 

 

Gasore qualifizierte sich für die Distriktmeisterschaften, dann für regionale Wettbewerbe, und schon bald nahm er mit seinem Taxifahrrad an nationalen Rennen teil. Er war so gut, dass er dem Trainer des Team Ruanda auffiel und dieser ihm ein Rennrad gab. Im Juni 2009 holte er ihn ins Team. Gasore hatte seit rund einem Jahr trainiert. 

 

Im Februar 2010 flog das Team Ruanda nach Westafrika, um an der Tour of Cameroon gegen Teams aus ganz Afrika und aus Europa anzutreten. Gasore war bei den ersten Etappen weder besonders gut noch besonders schlecht. Zu Beginn des dritten Tages geriet er in den mit Abfall und spitzen Steinen übersäten Strassengraben, holte sich einen Platten und verlor Zeit, als er wartete, bis das Teamauto angekrochen kam und man ihm den Reifen wechselte. Er schloss zum Peloton – dem Hauptfeld – auf und tat dasselbe nochmals: Er fuhr in den Graben und holte sich einen weiteren Platten. Als er diesmal die Gruppe einholte, wurde er ungeduldig mit seinen Teamkollegen. Sie schienen ihm nicht besonders ehrgeizig zu sein. Die Strategie und die Taktik in einem Strassenrennen im Team sind unheimlich komplex. Nach jeder Etappe werden die Rennfahrer sowohl individuell wie auch als Team bewertet, während der Toursieger aus der Summe der jeweils gefahrenen Etappenzeiten ermittelt wird. Teamarbeit ist entscheidend, nicht nur innerhalb eines Teams, sondern auch zwischen den einzelnen Teams – um den Luftwiderstand zu minimieren, Energie zu sparen, die Gegner zu ermüden, anzugreifen oder Angriffe abzuwehren und auszureissen – und die Teams spielen sich in einem dauernden Drama von wechselnden Allianzen gegenseitig aus. Gasore wusste aus dem Training, dass er sich an die Gruppe hängen musste, wenigstens bis zum Schlusssprint. Aber während des Rennens, inmitten der Gruppe aus fast hundert Fahrern, schien ihm das auf einmal sinnlos.

 

«Plötzlich hielt ich mich nicht mehr an die Regeln», sagte Gasore. Während einer jähen Steigung sprintete er davon und überrundete alle. Auf dem Gipfel lag er weit in Führung, ganz allein. Er schaute zurück und zögerte, doch er hörte Stimmen, die ihm zujubelten – sein Trainer winkte ihm zu und rief «Los, los!» – und er legte nochmals an Geschwindigkeit zu. Die Tour gewann er nicht, aber als er an diesem Nachmittag das Podest bestieg, war Gasore der erste Radfahrer aus Ruanda, der je an einem internationalen Profirennen einen Etappensieg errungen hatte. 

 

Gasore ist ein ruhiger, aufmerksamer Mann, nicht gross, aber kräftig. In seiner Gegenwart fühlt man die wilde Einsamkeit eines Jungen, der sich gegen andere Vagabundenkinder behaupten musste. Ich lernte ihn letztes Jahr im Frühling kennen, in einem einstöckigen Backsteinhaus im Schatten zweier hochgewachsener Avocado-Bäume, die voller Früchte standen, abseits einer staubigen Strasse in Ruhengeri. Hier wohnt der Trainer des Team Ruanda, Jonathan Boyer, ein 55-jähriger Amerikaner, den alle Jock nennen, zusammen mit seinen Haustieren: Hund Zulu, Katze Kongo und Rabe Jambo. Jede Woche kommt das Team in Ruhengeri für ein drei- bis viertägiges Training zusammen. Gasore, der in der Nähe wohnt, war schon früh hier, aber einige seiner Teamkollegen mussten über 160 Kilometer mit dem Rad zurücklegen, um hierher zu gelangen. Nach ihrer Ankunft verschwanden sie unter der heissen Dusche – ein Luxus, über den niemand von ihnen zu Hause verfügt – dann hingen sie herum, tauschten sich aus, liessen ihr Rad vom Team-Mechaniker flicken, aktualisierten ihre Facebook-Seiten oder bewunderten sich einfach auf Fotos von sich selber in Aktion auf Jocks Computer. Die Stimmung war gemütlich und locker, und als er seine Teamkollegen um sich hatte, schien Gasore sich zu entspannen und aufzuleben; im Team, sagte er, habe er eine Familie. 

 

Viele der Rennfahrer bezeichnen Jock als ihren Teamvater, und er nennt sie seine Jungs. Jock nahm 1981 als erster Amerikaner überhaupt an der Tour de France teil und gewann das Race Across America über 5000 Kilometer von der West- zur Ostküste. Nach dem Beenden seiner sportlichen Karriere und einem geschäftlichen Misserfolg sass er wegen sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen neun Monate im Gefängnis. In Ruanda sind die Menschen zum Glück nicht an seiner Vergangenheit interessiert. Und auch Jock fragt nie nach den Geschichten der Fahrer, es sei denn, sie wollten etwas erzählen. «Ich betrachte sie als Potenzial und als nichts anderes», sagte er mir. Vor 17 Jahren, während des Genozids, waren die Fahrer kleine Jungen. Sie beteiligten sich nicht an der Gewalt, die ihr Land beherrschte. Sie alle, Hutu und Tutsi, haben Narben davongetragen, und sie wissen gegenseitig von ihren Geschichten. Sie wissen, wie sie früher nach Ethnien getrennt wurden und dass diese Trennung im ruandischen Leben noch immer existiert, aber sie wollen für etwas anderes bekannt werden.

 

«Ruanda braucht Helden», sagte einmal ein Sportfan in der Hauptstadt Kigali zu mir, und indem sie sich mit etwas beschäftigen, mit dem sich jeder Ruander identifizieren kann – Radfahren – kommen diese jungen Männer diesem Bedürfnis nach. 

 

Am Morgen hatten Jock und seine Freundin Kimberly Coats, die bei der Teambetreuung mithilft, in Ruhengeri das Frühstück zubereitet und für jeden Fahrer eine Schüssel mit einer riesigen Menge Essen gefüllt: eine dicke Schicht Porridge, bedeckt mit Brot, Rührei, einer oder zwei Avocados und einem halben Dutzend Bananen. Dann fuhren alle Richtung Hauptstrasse los, um sich mit einem 15-Kilometer-Aufstieg in der dünnen Bergluft aufzuwärmen. Jock fuhr auf dem Motorrad nebenher, und ich sass hinter ihm. Nach einer Weile teilte er das Team in drei Gruppen auf, die gegeneinander anzutreten hatten, fast alles bergauf, bis zum rund 50 Kilometer entfernten Ziel. Jedes Mitglied des Siegerteams sollte 2000 Francs gewinnen. In einem Land, in dem das tägliche Durchschnittseinkommen vielleicht 800 Francs beträgt, «reicht das als Motivationsspritze», wie Jock meinte. 

 

Das Rennen führte durch ärmliche Dörfer, durch Teeplantagen und Felder, auf denen Bohnen, Karotten und Mais angebaut wurden, an Hirten mit langen Stäben inmitten von Schafherden und an einer Kolonne verurteilter génocidaires vorbei, an Strassenfriseuren und hüpfenden Schulmädchen in Faltenkleidern. Es begann zu nieseln, und Jock trieb die Fahrer weiter auf der glitschigen Strasse. Einmal geriet ein Radfahrer mit Transportgut mitten unter die Gruppe und trat in die Pedale, um über 30 Meter mithalten zu können, er kämpfte mit seinen Flipflops, drei meckernde Ziegen fuhren ebenfalls mit. Kinder feuerten sie vom Strassenrand aus an, rannten mit, bis ihnen die Puste ausging und sie lachend auf der Strecke blieben. Die Fahrer aus dem Nordwesten waren ein vertrauter Anblick, oft riefen Leute ihre Namen. Und doch schienen zwischen den Athleten – auf ihren teuren Rennrädern und mit ihrem amerikanischen Trainer mit seiner iPhone-Stoppuhr in der Hand – und der Welt, durch die sie brausten, Jahrhunderte zu liegen. 

 

An einem Volksrennen, der Wooden Bike Classic in Kibuye, entdeckt Jock schliesslich Adrien Niyonshuti. Er gewann ein Rennen gegen Hunderte von Rennfahrern, die auf Rädern fuhren, die wieder und wieder zusammengeschweisst worden waren, mit Reifen, die platzten, wenn sie voll aufgepumpt wurden. Sie trugen Skipullover oder Hemden, abgewetzte Flanellhosen und Badelatschen, und manch ein Fahrer musste aus dem nahen Kivu-See gefischt werden. Adrien hat ein jungenhaftes, beinahe an einen Vogel erinnerndes Auftreten und eine scheue Ernsthaftigkeit, die seine unerbittliche Kraft auf dem Fahrrad nicht erahnen lässt. Er stammt aus einer Familie, die grösstenteils ausgelöscht wurde, aber über Generationen hinweg Athleten hervorgebracht hat. Sein Grossvater mütterlicherseits war ein grosser Wrestler, der, laut Überlieferungen der Familie, gegen Mwami Mutara Rudahigwa, Ruandas vorletzten Monarchen, angetreten ist und ihn gepinnt hat; sein Onkel Emmanuel war ein nationaler Rad-Champion vor dem Genozid. Adrien begann als 15-Jähriger Rennen zu fahren, damals gewann er ein Radio in einem Eingänger-Wettkampf in seiner Heimatstadt Rwamagana in Ost-Ruanda. Emmanuel trainierte und förderte ihn. Dann starb Emmanuel, und Adrien erbte seinen Stahlrenner, den die Familie durch den Genozid gerettet hatte. Einer von Adriens älteren Brüder, ein Fernfahrer, wurde zu seinem Mentor, aber bald starb auch er – an Tuberkulose, wie Adrien sagte. Das erste Rennen, das Adrien gewann, war die Wooden Bike Classic. Als Jock sagte, dass er zurückkommen werde, glaubte Adrien ihm nicht. Es war normal, dass Muzungus kamen, für Aufregung sorgten, Versprechen abgaben und wieder verschwanden.

 

Adrien war sieben beim Genozid. Er war das jüngste von neun Kindern, und er lebte als einziges von ihnen noch bei den Eltern auf ihrer Farm ausserhalb Rwamaganas. Seine Mutter hatte ihm den Spitznamen Dessert gegeben. Denn – wie sie erklärte – gerade, als sie geglaubt hatte, das Kinderkriegen hinter sich zu haben, kam Adrien, «wie etwas Süsses, wenn man sich bereits sattgegessen hat». Die Familienangehörigen waren Tutsi, und als der Genozid begann, im April 1994, versteckte Adrien sich mit seiner Familie zwischen den Bananenbäumen. Manchmal sagt er, er sei zu klein gewesen, um sich daran zu erinnern, aber meistens sagt er, dass er sich an zu viel erinnere. Seine Eltern, Muslime, beteten normalerweise fünfmal täglich, und während der ersten Tage im Dickicht wurde Adrien bewusst, dass sein Vater sich fürchtete, denn er schien pausenlos zu beten. 

 

In einer Nacht hörte Adrien, wie sich seine Eltern stritten. Sein Vater wollte flüchten; er war der Meinung, dass sie im Haus von Adriens Grossmutter am anderen Ende der Stadt sicherer wären. Seine Mutter widersprach ihm, da die Familie mit der Flucht ihren ganzen Besitz verloren hätte. Ihre Farm hatte eine reiche Ernte, Hühner, Ziegen und, wie Adrien sagte, «viele Kühe», der traditionelle Indikator für Wohlstand in Ruanda. Adriens Vater fand, dass es sich für die Farm nicht zu sterben lohne, aber seine Mutter blieb standhaft, bis eine Gruppe der Interahamwe – der Miliz, welche die Tutsi ermordete – die Familie aufspürte. Dann rannten sie. Das Haus von Adriens Grossmutter schien zu weit weg, weshalb sie Richtung Stadt flüchteten. «Es gibt eine Redensart in Ruanda, die besagt, dass der Tod vieler Menschen zusammen wie eine Hochzeit ist», sagte mir Adriens Mutter, als ich sie in Rwamagana besuchte. Das bedeute, dass die Mitglieder einer Gemeinschaft zusammen leben und sterben: «Sie gehen dorthin, wo alle andern sind. Sie rechnen nicht damit, zu überleben.» Sie fügte hinzu: «Es ist sehr zynisch.»

 

Der Norden Ruandas war bereits vor dem Völkermord durch den jahrelangen Bürgerkrieg zwischen der schon lange andauernden Hutu-Diktatur und einer vorwiegend aus Tutsi bestehenden Rebellengruppe geschwächt worden, die sich Rwandan Patriotic Front (RPF) nannte. 1992 startete die RPF unter der Führung von Paul Kagame (dem jetzigen Präsidenten Ruandas) eine Grossoffensive im Nordosten und zwang Zehntausende Hutu-Zivilisten in die Flucht. Zu dieser Zeit hatte Adriens Vater eine vertriebene Hutu-Familie bei sich aufgenommen – ebenfalls Muslime – die später nach Rwamagana gezogen waren; und jetzt, nachdem er mit seiner Frau und seinem Sohn durch den Wald gerannt war, ging er zu dieser Familie, und man liess sie herein. Einer der Söhne dieser Familie war ein Interahamwe-Führer, und es dauerte einige Tage, bevor die Nachbarn Verdacht schöpften, dass die Familie Tutsi bei sich verstecke. Doch nach einer Woche war das Haus von Milizionären umzingelt. «Ich erinnere mich noch genau, dass sie zwischen 11 Uhr 30 und 12 Uhr mittags da waren», erzählte Adrien. Die Killer hatten Macheten und Krüge mit Benzin bei sich, und Adrien hörte sie sagen: «Verbrennt sie bei lebendigem Leib.»

 

Dann setzte starker Regen ein. Der April ist der Hauptmonat der Regenzeit in Ruanda, und der Regen fällt schwer und laut vom Himmel. Auf den Dächern erzeugt er ohrenbetäubenden Lärm, und selbst draussen schluckt der Krach alle anderen Geräusche, so dass sich ganze Szenen des Genozids seinen Zeugen als Stummfilm präsentierten: sterbende und mordende Menschen im Dämmerlicht, wahrgenommen durch helle Regenschleier. Adrien beobachtete, wie seine Peiniger Schutz suchten, und als der Regen aussetzte, hörte er, wie Leute riefen, dass die RPF einen Bus am Stadtrand angegriffen habe. «Die Interahamwe gingen dorthin. Deshalb wurden wir an diesem Tag nicht ermordet.»

 

Adriens Familie konnte nirgendwo sonst hin, und tags darauf gegen Mittag kamen die Interahamwe zurück. Dieses Mal hörte man Schüsse in der Ferne. Die RPF nahm die Stadt ein. Die Mörder flohen, und die Rebellen marschierten durch Rwamagana, geleiteten Überlebende zum Krankenhaus und warteten auf Trucks, die sie in die Lager in Kayonza hinter der Frontlinie brachten. Adriens Mutter erzählte mir, dass die Strassen von Tutsi-Leichen gesäumt gewesen seien, und auf dem Weg ins Camp seien sie an einer Schubkarre vorbeigegangen, die mit den Leichen von drei kleinen Jungen und zwei Mädchen beladen gewesen sei. «Ah!», weinte sie und wedelte mit einem Taschentuch vor ihren Augen. «Diese Bilder werde ich nie vergessen.» Als die RPF im Juli an die Macht kam, waren sechs ihrer Kinder – fünf Söhne und eine Tochter – ermordet worden.

 

Interahamwe-Milizionäre hatten das Haus von Adriens Grossmutter überfallen, wo Adriens Schwester und das Baby, das sie bei sich getragen hatte, mit einer Machete verstümmelt und tot liegen gelassen worden waren. Die beiden waren die einzigen Überlebenden des Massakers gewesen; später fand man die Leichen von mehr als vierzig Familienangehörigen in einer grossen Wanne, in der Bananen fermentiert werden, um daraus Bier herzustellen. Adriens Familie ist nie auf die Farm zurückgezogen; das Haus war zerstört worden, und heute pachtet ein Bauer das Land. Die Familie, die Adriens Familie bei sich in Rwamagana aufgenommen hatte, war mit ihnen ins Camp geflohen, kehrte mit ihnen zurück und nahm sie erneut bei sich auf. «Noch heute», sagte Adrien, «sind wir wie Verwandte.»

 

Ich sprach stundenlang mit Adrien über den Genozid, aber ausser seiner Beschreibung der Interahamwe-Milizionäre, die mit dem Benzin gekommen waren, schilderte er die grauenvollen Szenen, die er durchlebt hatte, ohne jegliche Bilder. «Er hat nicht viel gesehen», sagte mir seine Mutter. Dann sagte sie: «Einiges hat er gesehen. Er war noch sehr klein, und ich versuchte, ihn vor dem Anblick der Leichen zu schützen.» Aber wie war das möglich? Er sagte mir, dass ihn nach drei Tagen ohne Radfahren die Erinnerungen so sehr einholten, dass er unter heftigen Kopfschmerzen leide.

 

Im Februar 2007 erfuhr Adrien, dass Jock wieder in Ruanda sei und ein Team rekrutiere. Während einer Woche prüfte Jock einige Dutzend Radfahrer auf seinem Computrainer – einem Gerät, das einen Hometrainer mit einem Laptop verbindet und die Kraft und Geschwindigkeit des Fahrers misst – und selektierte die besten zehn für ein Intensivtraining. Er quartierte sie in einer kirchlichen Herberge ein, verpflegte sie üppig, gab ihnen etwas Taschengeld und trainierte so hart mit ihnen, dass Adrien über die vergangenen fünf Jahre sagte: «Was ich bis zu diesem Zeitpunkt getan hatte, war ein Witz im Vergleich dazu.» Ende Monat schickte Jock die Hälfte der Fahrer nach Hause. Dem Rest teilte er mit, dass sie nun das Team Ruanda bildeten. Adrien war dabei, und im darauffolgenden Monat wählte Jock ihn und ein weiteres Teammitglied aus, nach Südafrika zu fliegen, um am Cape Epic teilzunehmen, dem grössten Profi-Mountainbike-Rennen der Welt. 

 

Adrien hatte noch nie eine so moderne Stadt wie Kapstadt gesehen; er hatte noch nie das Meer gesehen, und einen Wettkampf wie das Cape Epic konnte er sich bis dahin nicht einmal vorstellen: ein Rennen in acht Etappen durch das kupierte Gelände des Westkaps, bei dem über tausend Fahrer täglich 130 Kilometer in Zweierteams im Gelände absolvieren. Es gab Sandpassagen, Flussdurchquerungen und lange Abschnitte, wo das Fahrrad über Geröllfelder gebuckelt wurde. 

 

Adrien und Jock waren ein Team, und als sie bei der ersten Etappe den 24. Platz belegten, hörte Adrien, wie jemand fragte: «Wo kommt dieser Fahrer her?» Ihre Team-Ruanda-Dresses fielen auf. War Ruanda nicht ein Schlachtfeld? Adrien kümmerte sich nicht darum; seine Antwort darauf war, Rad zu fahren. Aber sein Körper hatte sich noch nie so kaputt angefühlt. «Ich sagte zu Jock: ‹Bitte, Trainer, das ist kein Rennen für mich.›» Er war überzeugt, am Ende zu sein. «‹Warum hast du mich hierher gebracht?› ‹Komm schon›, sagte er, ‹keine Sorge, das ist ein tolles Rennen.›»

 

Adrien mochte Jocks Härte. «Er kennt das Leiden, welches Radfahren mit sich bringt, besser als wir», sagte er. «Einige Leute in Ruanda haben keinen, der sie antreibt. Als ich in der Schule war, hat niemand etwas von mir verlangt. Wenn dich jemand antreibt, musst du mitdenken. Wenn ich stark bin, helfe ich mir selber. Ich helfe nicht ihm.» An jedem Tag des Cape Epic gewann er an Selbstvertrauen. Am sechsten Tag lag er auf Platz 13, und am Ende des Rennens wurden er und Jock 33. von 607 Teams. Jock staunte, während Adrien sich nichts anmerken liess. Als er nach Ruanda zurückkehrte, trainierte er sofort weiter. «Als Nächstes gingen wir nach Amerika.»

 

Jock hatte das Team Ruanda unter anderem deshalb nach Amerika gebracht, weil es sehr lehrreich ist, gegen stärkere Gegner anzutreten. Er wollte ihnen zeigen, wie ihr Sport auch noch sein konnte, worauf sie sich eingelassen hatten. Er ahnte, dass sich ein zukünftiger Olympiasportler unter ihnen befinden könnte, aber er wusste, dass sie als Erstes selber daran glauben mussten. Jock arbeitete hart mit den Rennfahrern in Amerika, aber es liess sich nicht wegdiskutieren, dass es ihnen an Erfahrung mangelte. Bei ihrem ersten Rennen, in New Mexico, schieden sie bei einer Etappe aus, und in späteren Wettkämpfen dümpelten sie am hinteren Ende herum. Auf dem Rückweg von Amerika fürchteten die Ruander, dass sie Jock mit ihren dauernden Niederlagen enttäuscht hätten, und rechneten damit, dass er sie aufgeben würde. Aber Jock tat das Gegenteil. Die Reise hatte ihm gezeigt, wie wichtig es für die Ruander war, zu gewinnen. Als sie zu Hause waren, begann er, sie zu entlöhnen – hundert Dollar pro Monat (mehr als doppelt so viel wie das Durchschnittseinkommen in Ruanda) plus jedes Mal einen kleinen Bonus, wenn sie im Trainingscamp erschienen.

 

Im vergangenen November, eine Woche vor der Tour of Ruanda, fanden in Kigali die African Continental Championships statt. Für das Team Ruanda stellte die finale Strassenetappe ein grosses Ereignis dar, denn die ersten zwei Fahrer im Ziel qualifizierten sich für die Olympischen Spiele 2012 in London. Nur sieben Rennfahrer aus Afrika werden für die Olympischen Spiele zugelassen, und es kamen Teams aus zwanzig afrikanischen Ländern nach Kigali. Am Start wurde für einen jungen ruandischen Zuschauer eine Schweigeminute abgehalten, der einige Tage zuvor vom Team-Auto der Ivoirer überfahren und getötet worden war. Dann fuhren die Rennfahrer los. Adrien war Ruandas Hoffnung, aber in der ersten Hälfte des 140 Kilometer langen Rennens lag Gasore in Führung. Als seine Kräfte nachliessen und er zurückfiel, holte Adrien bei einem steilen Aufstieg auf. Aber als er im Stehen in die Pedale trat, riss die Kette seines Rads. Gasore lieh Adrien sein Fahrrad, damit dieser weiterfahren konnte, aber obwohl er viel von seiner verlorenen Zeit wieder wettmachte, reichte es nicht für eine Olympiaqualifikation.

 

Die Tour wurde immer grösser. 2009 wurde sie vom Weltverband UCI zum offiziellen Rennen im internationalen Circuit ernannt, und die Preisgelder wurden erhöht. In diesem Jahr nahmen Teams aus zwölf Ländern in Afrika und Europa teil, und Ruander kamen herbeigeströmt, um zuzuschauen und die Fahrer anzuheizen. Adrien traf als Dritter im Ziel in Kigali ein, hinter zwei Marokkanern. Die Stadt war von Zuschauern so überlaufen, dass die Polizeipräsenz verdreifacht werden musste, um den Radfahrern die Bahn freizuhalten. Laut Jock haben geschätzte drei Millionen Ruander das Rennen verfolgt. Die ruandischen Rennfahrer wurden immer berühmter, man hörte ihre Namen am Radio, und man erkannte ihre Trikots überall. «Das Team arbeitet sich hoch», sagte mir Jock. «Ich bin überwältigt.»

 

Ruandas hohe Geburtenrate – durchschnittlich fünf bis sechs Kinder pro Familie – verbunden mit einer Gesundheitsrevolution, dank der viel mehr Kinder überleben, hat zu einer Bevölkerungsexplosion geführt. Die Regierung spricht von elf Millionen Ruandern, das ist ein Anstieg von hundert Prozent seit dem Völkermord, und mehr als die Hälfte von ihnen sind unter zwanzig Jahre alt. Im Vergleich dazu scheint eine Handvoll Radfahrer unbedeutend zu sein. Aber die Rennfahrer waren sich ihrer Vorbildfunktion bewusst. Wenn sie zu Hause trainierten, versuchten junge Männer und Knaben, ihnen hinterherzufahren. 

 

Adrien hatte sogar einen Strassenjungen aus Rwamagana adoptiert, einen Waisen des Völkermords namens Godfrey Gahemba. Er trat dem Team als 16-Jähriger bei, und ein Jahr später, 2008, wurde er an der Tour of Ruanda Dritter. Adrien liebte Godfrey, wie alle anderen auch. Jock dachte, ihm seien keine Grenzen gesetzt. Nicht lange nach dieser Tour war Adrien in Südafrika und erfuhr, dass sein Vater schwer krank war. Als er zu Hause ankam, war sein Vater gestorben. Adrien blieb für einige Wochen, um seiner Mutter zu helfen und mit Godfrey zu fahren. Eines Tages fuhren sie an einem Rennen in Rwamagana mit. Sie verteilten Wasserflaschen, und Godfreys Lenker verfing sich im Lenker eines anderen Fahrers. Er stürzte auf die Strasse und wurde von einem Auto überfahren.

 

«Ich ging an seine Beerdigung, und es sah so aus, als ob jede Person aus einem Umkreis von 150 Kilometern gekommen sei, die meisten von ihnen jünger als 15», erzählte mir Jock, als wir uns im April letzten Jahres in Kigali trafen. «Ich habe den Bürgermeister gefragt, ob er jemals so viele Leute gesehen habe. Er antwortete: ‹Dieser Junge gab so vielen Leuten Hoffnung.›» Jock zeigte auf einen Fernseher, der Bilder des Völkermords und Überlebende zeigte. «Schau mal, was sie bisher hatten. Nichts – oder schlimmer als nichts.»

 

Viele Ruander, Hutu und Tutsi, sagen, dass sie am liebsten die Geschichte ihres Landes vergessen würden – damit sie ihr Leben nicht mehr mit dem Völkermord und den Bürgerkriegen in Verbindung bringen müssten. Die drängende Frage nach dem Genozid war: Wie kann ein Volk, das durch dermassen extremes und umfassendes Blutvergiessen geteilt worden war, wieder gemeinsam leben? Präsident Kagames RPF, die seit 1994 die führende Partei Ruandas ist, hat eine scheinbar einfache Antwort gegeben: Wir sind jetzt in erster Linie alle Ruander. Das war der Grundsatz des neuen Ruanda, dem jede staatliche Institution und jede Staatshandlung unterstellt war. Das Auslöschen von beinahe einer Million Menschen durch Mitbürger wird das Land noch über Generationen hinweg prägen. Die Idee war damals, eine gebrochene Nation in einer kollektiven Identität zu vereinen. Diese Identität hat den Vorteil, dass sie echt ist – egal, in welche Unterkategorien man sie einteilt: Alle Ruander haben eine identische Nationalität und Sprache. Sie hat jedoch den Nachteil, den jedes universalistische Diktat mit sich bringt, nämlich, dass viele andere Wahrheiten unterdrückt, verwischt und übergangen werden müssen, damit sie sich etablieren kann. Das Paradoxe ist, dass die Ruander, im Bestreben, den Völkermord hinter sich zu lassen, ihn sich konstant vor Augen halten; als Warnung vor den Gefahren, die eine gespaltene Identität mit sich bringt. Und für eine junge Generation, die Narben ihres historischen Erbes trägt, aber nicht direkt zur Rechenschaft gezogen werden kann, reicht es nicht, einfach miteinander zu leben und die Erinnerungen an das Massaker zu begraben; es ist nötig, der ruandischen Identität mehr Wert zu verleihen. 

 

Als Adrien nach Südafrika fuhr, um es bei MTN-Cycling zu versuchen, begleitete ihn Nathan Byukusenge, ein ruandischer Teamkollege. Anfang 2009 wurde die Team-Unterkunft bei Johannesburg von bewaffneten Einbrechern heimgesucht. Adrien versteckte sich im Kleiderschrank, während Nathan zusammengeschlagen und ein Fahrer aus Sambia niedergestochen wurde. Nachdem die Diebe getürmt waren, fand Adrien Nathan weinend vor: «Ich muss nach Ruanda zurückkehren. Dieses Land hier ist schlecht. Ich will nicht in diesem Land sterben.» Nathan war auch ein Überlebender des Völkermordes, und während des Angriffs fühlte er sich wieder wie 1994. Adrien kamen ebenfalls Bilder von früher hoch, als er im Schrank lag, aber er fand es nicht richtig von Nathan, das MTN-Team zu verlassen. «Ich sagte zu Nathan: ‹Denk nicht so›», erzählte er. «Wir müssen uns jetzt aufs Training konzentrieren. Denk nicht, dass es in Ruanda besser ist und du dort nicht sterben kannst.» Schliesslich war nicht jeder Moment der Gewalt von historischer Bedeutung: Adriens junger Schützling Godfrey war kurz davor in einem völlig sinnlosen Unfall getötet worden. Und doch erklärten beide ihren Entscheid – Nathan reiste nach Hause, und Adrien blieb in Südafrika – mit der Tatsache, ein Völkermordüberlebender zu sein.

 

Für Tutsi wie Adrien und Nathan ist es einfacher, offen über ihre Erinnerungen zu sprechen, als es für Hutu ist. Und doch ist das Überleben des Völkermords die offizielle Geschichte Ruandas, und vor wenigen Jahren begann der Staat, die Vernichtungen formell «Genozid gegen die Tutsi» zu nennen. (Die Wunden aus den Bürgerkriegen, die dem Völkermord vorausgegangen waren und auf ihn folgten, wurden in die jüngsten offiziellen Gedenkfeiern kaum mit einbezogen, und es hat nie ein öffentliches Bekenntnis zu den vielen Opfern dieser Kriege, Hutu und Tutsi, gegeben.) Mittlerweile hat die Regierung ungewöhnlich umfassende Gesetze erlassen, die es verbieten, «divisionistische» Reden zu halten. So sind jegliche Formen von Ausdrücken verboten, die ein Gericht dahingehend interpretieren könnte, dass Hutu gegen Tutsi ausgespielt werden. Und diese Gesetze – in Kombination mit der unausgesprochenen Tatsache, dass nach aussen hin den Hutu die Schuld zugewiesen wird, während nach innen ein kollektives Schuldbewusstsein vorhanden ist – haben den Ausdruck eines historischen Traumas der Hutu unterbunden. Man befürchtet, dass das Gleichsetzen der Erfahrungen von Hutu und Tutsi einem Leugnen des Genozids gleichkommt. Diese Sorge ist berechtigt: Die Ideologie der Hutu-Power ist in Ruanda keineswegs aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt worden. Aber die Politik der ethnischen Neutralität hat neue Verwirrung gestiftet. 

In Ruanda hat es immer als unhöflich gegolten, zu fragen, ob jemand Hutu oder Tutsi sei, aber heute wird es von vielen als Tabu angeschaut, wenn nicht geradewegs als illegal. Ruander wissen selbstverständlich, wer was ist, und ein Berater des Präsidenten erklärte mir: «Man müsste vermutlich jeden Bürger jeden Abend wegen ethnischen Divisionismus verhaften, wenn man hören könnte, wie wir bei uns zu Hause übereinander sprechen.» Selbst Aussenstehende müssen oft nicht nach der Ethnie der Leute fragen: Wenn man mit Ruandern, die 1994 im Land waren, über ihre Familie spricht und sie nicht sagen, sie seien Überlebende des Völkermordes, sind sie ziemlich sicher Hutu. Das war bei den meisten Mitgliedern des Team Ruanda der Fall. Im Teamalltag schien die ethnische Herkunft keine allzu grosse Rolle zu spielen. Aber wenn die Rede auf die unausweichliche Vergangenheit kam und eine Beziehung zwischen dem Leiden von früher und jenem der Gegenwart hergestellt wurde, stand die Leichtigkeit, mit der die überlebenden Tutsi darüber sprachen, in einem krassen Gegensatz zu der Verschwiegenheit ihrer Hutu-Teamkollegen. 

 

Als die Tour of Rwanda durch Gasores Wohnort Sashwara führte, zeigte mir sein junger Freund Janvier, wo die beiden zusammen wohnten. Wir betraten Gasores Haus durch eine niedere, schlecht schliessende Türe. Es gab einen winzigen Vorraum mit Erdboden, dunkel und leer bis auf ein Paar Schuhe, die, Sohlen nach aussen, an einem Haken neben dem Fahrradhelm hingen. Eine weitere Türe führte in eine Kammer, die gerade gross genug für ein Doppelbett war und Platz liess, um am Fussende und an einer Seite zu stehen. Die beiden lebten hier wie die meisten Menschen in Ruanda, sogar eher etwas komfortabler: mit richtigem Bettrahmen und einer Matratze für nur zwei Personen. Bis vor wenigen Jahren hatte Gasore in einem weniger geräumigen Haus gewohnt – ohne Vorraum –, seine Miete ist so von fünf Dollar pro Monat auf neun gestiegen. Janvier und ich sassen auf dem Bett. Über unseren Köpfen, gleich unter dem Wellblechdach, war eine Wäscheleine angebracht, die unter der aufgetürmten sauberen Wäsche durchhing, und Gasore als Schrank diente. An den Wänden hingen Radsport-Medaillen, Abzeichen von Rennen und Schnappschüsse des Teams, und daneben hatte er Zeitungsausschnitte und Poster hingeklebt: eine Kreuzigungsszene, ein Tribut an den ermordeten südafrikanischen Reggae-Star Lucky Philip Dube, eine Zeitungsfoto von Präsident Kagame, eine MTN-Cycling-Postkarte von Adrien, ein Porträt von Alicia Keys. Am Kopfende des Betts hing ein grosses Blatt Papier, auf dem Gasore das Schreiben übte. Grosse, ungleichmässige Versalien standen am unteren Rand, und weiter oben standen Wörter, die er abgeschrieben hatte: «PEN», «PULLEY», «MENU», «GO TO», «RWANDA».

 

Am Morgen darauf erzählte ich Gasore von meinem Besuch und fragte ihn, ob es stimme, dass er als Junge nach Kongo gegangen sei. «Ja», antwortete er, in einem gleichgültigen Tonfall. Und sein Vater? «Mein Vater wurde vom Militär in ein Lager in Bigogwe gebracht, nicht weit von unserem Haus entfernt. Sie behielten ihn für einige Tage dort. Sie schlugen ihn – so richtig heftig. Er kam zurück, und zwei Tage später war er tot.»

«Warst du dabei, als er starb?»

«Ja.»

 

Gasore wusste nicht, weshalb man seinen Vater mitgenommen hatte. Es schien ihn auch nicht sonderlich zu kümmern; er gab keinen Hinweis darauf, dass er seine Geschichte verändert hätte. Es war, als ob er sagen würde: «Was spielt das schon für eine Rolle?» Die Geschichte, die er geheim gehalten hatte, hatte ihm in der Tat nichts gegeben. Sie hatte ihn zu einem wilden Jungen gemacht, und er hatte sich dafür entschieden, sich nicht unterkriegen zu lassen. Mit dem Radfahren hatte er diese Entscheidung umgesetzt, und das war die Geschichte, die er erzählen wollte. So, wie er sie erzählt hatte, stimmte sie nicht, und gleichzeitig stimmte sie doch. Gasore war ebenso sehr ein Opfer seiner Geschichte wie Adrien, aber was sie noch viel mehr verband, war die Angst davor, Opfer zu sein. «Diese Geschichte – sie ist die Geschichte der älteren Generation», sagte Gasore, wenn er vom Völkermord und den Kriegen sprach. «Es ist die ältere Generation, die diese Geschichte geschrieben hat, und wir blättern jetzt um und machen ein neues Ruanda. Ich habe kein Problem mit den Menschen. Der Typ, den du dort getroffen hast, Janvier, ist zum Beispiel Tutsi. Du hast gesehen, er wohnt in meinem Haus und ist Tutsi.»

 

An der Tour of Rwanda im November 2010 fuhr ich auf einem Motorrad und holte Adrien am vierten Tag gleich hinter Ruhengeri ein, wo der steilste Anstieg beginnt. Als er zum ersten Mal an der Tour teilgenommen hatte, sieben Jahre zuvor, hatte er an diesem Punkt geglaubt, er müsse ausscheiden. Jetzt sah es so aus, als ob er in Führung läge. Doch als sich die Landschaft etwas anders präsentierte, sah ich drei Fahrer ungefähr 1,5 Kilometer weiter vorne eine Steigung nehmen. Es waren keine anderen Ruander in Sicht, aber als ich neben Adrien herfuhr, begann er langsam, sich vom Peloton zu lösen. Er strengte sich nicht besonders an, und er schien nicht einmal zu versuchen, auszureissen. Über Kilometer hinweg fuhr er so bergauf, trieb ganz für sich zwischen der Gruppe an der Spitze und dem Hauptfeld dahin, bis er so weit vor den anderen lag, dass sie ihn kaum mehr einholen konnten. Dann setzte er seine ganze Kraft frei, und an die zwanzig Minuten kletterte er hoch, in voller Geschwindigkeit, bis er die drei Fahrer an der Spitze einholte. Einer von ihnen fiel zurück, und Adrien führte die Tour an. 

 

In den einfachen Dörfchen entlang der Strecke standen die Zuschauer dicht gedrängt und jubelten; die Verzückung stand ihnen ins Gesicht geschrieben, wenn sie überrascht das ruandische Dress an der Spitze entdeckten. Die Luft wurde kühler, als wir hinter den Vulkanen fuhren, und der Himmel sank tiefer und wurde immer dunkler. Am Mittag war das Licht schwarz, und der Himmel schien in Reichweite. Als es zu nieseln begann, dachte ich, wir führen durch eine Wolke. Dann, als gerade die lange Abfahrt nach Gisenyi vor uns lag, ein Gefälle von 900 Metern über 30 Kilometer, begann es wie aus Kübeln zu schütten. 

 

Bei fünfzig Kilometern pro Stunde peitschte der Regen schmerzhaft auf die Haut. Bei achtzig Kilometern pro Stunde war ich überzeugt, dass er Pusteln auf der Haut hinterlassen würde – dabei trug ich lange Hosen und eine Windjacke, und mein Helm hatte ein Visier. Adrien war so gut wie nackt in seiner Rennkluft. Er sah vermutlich überhaupt nichts. Meine Schuhe füllten sich mit Regen, und die Tropfen prallten wie kleine Tischtennisbälle auf dem Asphalt auf; bei jeder Serpentine sah es so aus, als ob wir alle – die drei Fahrer, die ich verfolgte, und mein Motorrad – in den Abgrund stürzen würden. Und Adrien versuchte, noch schneller zu werden. Nachdem er die beiden anderen bis zum Stadteingang von Gisenyi angeführt hatte, lag er im Ziel wenige Sekunden zurück, trotzdem fuhr er mit in die Höhe gereckten Fäusten ein. Er kannte die bisherigen Gesamtzeiten der einzelnen Fahrer und rechnete damit, dass er sie überflügelt hatte. Nun lag es an den Organisatoren, zu rechnen, und er watete durch den Regen und setzte sich unter eine Plane. Das Rechnen dauerte lange, und der Regen liess nicht nach. Aber als die Lautsprecher sich in Betrieb knackten, bestätigte sich Adriens Vermutung. Er hatte das gelbe Trikot gewonnen. 

 

Adrien musste nach Hause zu seiner Mutter. Aber sie sah nicht viel von ihm. Gleich nach seiner Ankunft strömten die Besucher herbei, Menschen, die er kannte, und Menschen, die er nicht kannte, sie lachten und biederten sich an und wollten ihn unbedingt sprechen, um ihm von ihren Nöten zu erzählen und ihm zu erklären, wie er ihnen helfen solle. Adrien zog sich bald nach Kigali zurück, wo er ein kleines Häuschen inmitten eines Gewirrs anderer Häuser besitzt. Dort fühlte er sich viel wohler. «Die Leute wissen nicht, wohin ich gehe, was ich mache oder wo ich wohne», sagte er. «Wenn ich mich in meiner Heimatstadt aufhalte, fragen mich die Leute ständig aus und wollen Geld. Hier fühle ich mich sicher, und es ist ruhig.»

 

«Die Armen mögen es nicht, wenn jemand Armes etwas erreicht», sagte Jock. «Wenn die Rennfahrer nach Amerika, Kamerun oder Südafrika reisen und nach Hause kommen, fällt eine Riesenmeute, vor allem Familienangehörige, über sie her und bittet um Geld.» Der Druck hatte verheerende Auswirkungen auf die Konzentration des Teams. «Meine Fahrer werden dauernd bedrängt: ‹Gib mir Geld!›», sagte Jock. «Wenn sie an einem Rennen teilnehmen: ‹Ich brauche Geld, du musst mir Geld geben.› Es ist ein Kampf für sie.»

 

Für die dortigen Verhältnisse haben die Rennfahrer viel Geld verdient. Um den Mannschaftsgeist zu fördern, sammelte Jock die Preisgelder und verteilte sie unter allen Teilnehmern; zusammen mit ihren Löhnen und den Boni des Sportministeriums für die Vertretung Ruandas an internationalen Rennen kämen laut Jock bei guten Fahrern mindestens 6000 Dollar jährlich zusammen – mehr als zehnmal so viel, wie sie vor dem Beitritt zum Team verdient hatten. Es ist Sitte, dass ein Ruander, der sich ein Vermögen erarbeitet hat, und sei es auch noch so klein, nach seinen ärmeren Verwandten schauen muss, und die Selbstdefinition von Verwandtschaft kann sich bis ins Absurde ausdehnen. Wer in Ruanda etwas erreicht, hat plötzlich ganz viele Brüder, Onkel, Cousins oder, einfach ausgedrückt, muzungu. 

 

Indem sie für Schulgelder aufkamen, für Essen, Kleidung, Unterkunft und sich mit den ewigen gesundheitlichen Problemen und Todesfällen im Dunstkreis ihrer Familien auseinandersetzten, agierten die Rennfahrer wie die Vorsitzenden einer Stiftung. Um ihr Kapital zu schützen, investierten sie in kleine Geschäfte – sie vermieteten Taxifahrräder oder Motorräder oder verpachteten Ackerland – und gleichzeitig begannen sie, neue Häuser zu bauen, um sie einst mit eigenen Familien zu bewohnen. Vier der fünf Rennfahrer, die von Anfang an im Team waren, haben neue Häuser. Und trotzdem haben sie Jock erzählt: «Egal, wie viel wir verdienen, egal, wie viel du uns gibst, wir werden immer in der gleichen Position verharren.» Jock sagte oft von seinen Fahrern: «Ruander sind gute Kletterer.» Aber der Sog der Armut lässt das Klettern wie eine Sisyphusarbeit erscheinen. 

 

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