Timbuktu muss warten

Vier Karawanen, ein Tuareg und ein Schlangenei: Warum das Pulverfass Mali zwingend hochgehen musste.

Michael Stührenberg

Jeder kann sehen, was die Zukunft bringt. Es ist wie ein Schlangenei. 
Durch die dünnen Häute kann man das fast völlig entwickelte Reptil deutlich erkennen.

Aus Ingmar Bergmans Film Das Schlangenei, 1977

Januar 2013. Ein Augenblick in Mopti

«Is this a joke?» Luke Harding, Reporter für den britischen «Guardian», kann nicht fassen, was ich ihm aus dem Französischen übersetze: «Es gibt einen Charterflug nach Timbuktu!» Mitten im Krieg? Auf jeden Fall verkauft Thiemoko Dembelé, der malische Direktor unseres Hotels in Mopti, gerade Tickets an der Bar. Interessenten sollen sich melden. Am besten sofort, ruft Thiemoko in den Raum: «Wer zuerst kommt, fliegt zuerst!» Der Mann ist eine Legende in Mopti. Bereits im Alter von sieben hat er Geld gemacht, als Fremdenführer am Nigerfluss. Damals ein kleiner Habenichts mit grosser Klappe. Jetzt, mit knapp vierzig Jahren, ist er Millionär und noch immer schlank. «Wie sind die Bedingungen?», frage ich. Thiemoko lächelt: «Ein Freund von mir besitzt ein Flugzeug. Damit errichten wir eine Luftbrücke zwischen Mopti und Timbuktu. Wir wollen euch Journalisten doch helfen.» 

Hilfsbedürftige Journalisten? Davon gibt es gerade mehrere Dutzend im Hotel Kagana: gestrandete Reporter, zornige Korrespondenten, frustrierte Fotografen, deprimierte Kameraleute. Allesamt Berichterstatter aus einem Krieg, wo wir nichts zu melden haben. Weil wir nie an die Front gelangen. Frankreichs Interventionstruppe, die am 11. Januar Malis Hauptstadt Bamako vor dem Zugriff der Jihadisten gerettet hat, befreit nun den Norden des Landes. Im Eiltempo nach Timbuktu! Ohne uns! Jetzt, da die Légion étrangère sie nicht mehr braucht, ist die Piste von Mopti nach Timbuktu gesperrt. Zu unserer Sicherheit, sagen sie. Sicher ist, dass das französische Fernsehen von dem Verbot nicht betroffen ist. Deshalb können nun auch wir die befreite «Stadt der 333 Heiligen» sehen – auf einem grossen Flachbildschirm über der Hotelbar. 

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«Pro Ticket», sagt Thiemoko, «macht das 3200 Euro. Ihr bleibt drei Stunden in Timbuktu, dann fliegen wir euch zurück nach Mopti. Einverstanden?» Hinter mir drängelt bereits ein Fernsehteam aus Moskau. Und eine Dame von al-Jazira schreit, sie müsse «urgently» nach Timbuktu. «Wir überlegen noch», sage ich und räume meinen Stehplatz an der Bar. Ein letzter Blick auf den Bildschirm. «Vive la France!», ruft jemand in der jubelnden Menge von Timbuktu. «Vive Papa Hollande!» Bloss raus! «So viel zahlt meine Redaktion nie, um mich für eine Siegesfeier nach Timbuktu zu schicken», befürchtet Luke. Vor dem Hotel schlägt uns trockene Hitze ins Gesicht. Fast Mittag, ein rosafarbener Staubschleier liegt über dem Fluss. Es ist der Bani, der sich ganz in der Nähe mit dem Niger vereint. Seine städtischen Ufer sind ein einziger Markt. «Seit Jahrhunderten treffen sich hier die Völker des Sahels», erkläre ich meinem britischen Kollegen. «Gemeinsam bilden sie eine Wirtschaft.» Luke hat Bücher über Wikileaks und Putin-Russland geschrieben, in Mali ist er zum ersten Mal. Im Warten auf Timbuktu, glaubt er, könne der «Guardian» einen Artikel über die Sahel-Wirtschaft gebrauchen. Wir gehen hinunter ans Wasser, mieten eine Motor-Piroge mit Schattendach. «Du wirst sehen», verspreche ich, «das Besondere an der hiesigen Wirtschaft ist: Jeder wird zu seinem Beruf geboren.»

Dann gleitet an den Ufern die menschliche Ökonomie vorüber. Da sind die Songhai und ihre zeternden Frauen. Gewaltige Matronen hinter Körben von Reis, den ihre Männer zweimal im Jahr aus den überschwemmten Feldern zwischen Bani und Niger ernten. Die Songhai sind Bauern. Wie die Dogon, die von den Bandiagara-Felsen zum Markt von Mopti kommen. Und doch sind die Dogon ganz anders als die Songhai. Weil sie nicht Reis anbauen, sondern Hirse. Die schönen Frauen der Fulbe bieten Kalebassen mit frischer und dicker Kuhmilch zum Verkauf. Sie kommen vom anderen, vom ländlichen Ufer, wo ihre Männer Kühe, Ziegen und Schafe hüten. Die Fulbe sind Viehzüchter. Am Strand einer Insel reparieren zwei Männer eine aufgebockte Piroge. «Somono», behaupte ich. «Sie sind eine Untergruppe der Bambara, von Geburt Tischler und Töpfer.» Und weil Allah die Bozo zum Fischen erschaffen hat, haben deren Frauen an diesem Tag ein ganzes Ufer-Quadrat mit geräuchertem Fisch gepflastert. Wir legen an. Die Frauen umringen uns, fragen, was wir wollen. Sie sind Flussnomaden, pendeln ständig zwischen Gao im Norden und Ségou im Süden. Ihr Leben ist der Fluss, sie trinken sogar aus ihm. Es sei ein gutes Leben, meint eine der Frauen. Nur im letzten Jahr nicht, weil da in Gao die Jihadisten herrschten: «Sie wollten Frauen. Wir mussten uns verstecken. Wenn wir nach Gao kamen, verkroch ich mich im Bootsbauch, und mein Mann deckte mich mit Räucherfisch zu.» Am schlimmsten seien die Tuareg gewesen. «Wir hassen die Tuareg», schreit die Bozo-Frau. «Wir müssen sie ausrotten!» Hastig notiert Luke die zornigen Worte.

Zurück an Bord. Luke bewundert weiter die Uferlandschaft, er kann schon spielend Songhai und Bozo unterscheiden, Bambara und Fulbe. Nur einen Tuareg wird er auf dem Markt von Mopti nicht mehr finden. Was ist nur aus Manos Traum geworden? «Weisst du, wer Mano Dayak war?» Luke schüttelt den Kopf. «Der Anführer von Tuareg-Rebellen», sage ich. «Vor zwanzig Jahren in Niger, Malis Nachbarland.» Luke lehnt sich zurück. «Diese Geschichte ist lang», warne ich ihn. Mein Kollege zuckt mit den Achseln: «Wir haben Zeit.» Wartet denn nicht Timbuktu auf uns? «Erzähl schon!» Also gut, im Präsens: Dezember 1990.

Die verlorene Karawane des Mano Dayak

«Voilà ta caravane», sagt Mano, «je te l’offre!» Er schenkt sie mir? 140 Dromedare, die über den glühenden Sand der Ténéré-Wüste ziehen? Ach so, es war wieder nur ein Scherz. Hat mein Freund mir doch gerade erst erklärt, im Land der Tuareg gebe es nichts zu verschenken. Weil es in diesem Land, das als Staat nicht existiere, ja auch so gut wie gar nichts zu besitzen gebe: «Was ist schon eine Wüste ohne Öl? «Von diesem Land», sagt Mano, «kann nur der Blick des Nomaden Besitz ergreifen.»

Zugegeben, anfangs fühlte ich mich von Mano oft verschaukelt. Die Poesie in seinen Worten klang wie kitschige Touristen-Werbung: vom Wind, der die Dünen formte wie der Künstler seine Skulpturen; von Frauen, schön und frei, trotz dem Islam, an dessen Gebote sich die Tuareg so ernsthaft hielten wie Adam an das Verbot vom Apfel; von verschleierten Männern mit Schwertern und einem noch schärfer schneidenden Hochmut. Und wie sie noch mitten im Ténéré, einer der menschenfeindlichsten Sandwüsten der Welt, gelassen über Liebe und Ehre philosophierten. All dies schien sich wundervoll um die vermeintliche Gewissheit zu ranken, die Wüste und ihre Menschen seien unveränderbar. Dabei verkörperte Mano und die in seiner Wüstenreiseagentur Temet Voyages angelernten Tuareg doch das exakte Gegenteil. Zeigten sie doch, wie sehr sich die Tuareg im Umbruch befanden. Weil sie sich anpassen mussten, nicht zuletzt an den Klimawandel. Seit den Dürren der siebziger und achtziger Jahre war ein grosser Teil ihrer ehemaligen Weiden im Norden Nigers und Malis nur noch nutzlose Öde.

«Wir haben die schönste Wüste der Welt!» Mano drückt aufs Gas, in Sekunden holt sein hoch getunter Rangerover die Karawane ein. Beladen mit Tiersalz ist sie unterwegs zu den Märkten des Sahels, um einen Teil ihrer Ladung gegen Hirse, Stoffe, Tee und Zucker zu tauschen. Danach kehrt sie zurück ins Aïr-Gebirge, die Heimat jener vier Tuareg, die verschleiert neben den Kamelen durch das Sandmeer ziehen. Der Karawanenführer, ein kräftiger Mann namens Diku, spricht Tamaschek. Mano übersetzt, erklärt zugleich: «Die Karawane der Tuareg verbindet Sahara und Sahel. Die beiden Regionen ergänzen sich. Die eine kann nicht ohne die andere auskommen. Deshalb absolvieren Männer wie Diku jedes Jahr diesen dreimonatigen Marsch. 2000 Kilometer zu Fuss!» Um das Salz aus der Wüste auf die Märkte des Sahels zu tragen. Ich bin beeindruckt. Wie hätte ich auch darauf kommen können, dass im Zeitalter von Bill Gates Kamelkarawanen noch eine solche wirtschaftliche Bedeutung zukommt? Ob ich mich ihm für ein paar Tage anschliessen dürfe, frage ich Diku. Der Alte lacht, nickt. Mano teilt mir seinen Koch Ahmed als Übersetzer zu, verspricht, mich in ein paar Tagen wieder aufzugabeln. Dann braust er davon in Richtung Agadez, zurück zur Wirtschaft mit den Touristen.

So wurde Diku zu meinem ersten Wüstenlehrer. Ständig forderte er mich zum Sehen auf. Weil in der Wüste der Weg immer dem Blick folge. Abgesehen von ausgeblichenen Knochen und Schädeln verendeter Kamele gab es im Ténéré keine Wegweiser. Darum legte Diku seinen Kopf meist leicht in den Nacken zurück, kniff die Augen zusammen und liess den Blick durch den Sehschlitz seines vielfach gewundenen Turbans schweifen. Stets auf der Suche nach Fixpunkten: Meistens nach einem Adrar, einem jener wie aus Blätterteig-Schichten geformten Wüstenberge. Oder eine Dünenkette, die sich, für ungeübte Augen kaum wahrnehmbar, in der Ferne über die Ebene hob. Oder gar das Wunder einer Akazie, eines einzelnen Baumes im Umkreis von Hunderten von Kilometern. Manchmal auch nur die Reste einer verdursteten Akazie – knorrige Äste, die aus dem Sandmeer ragten wie die Arme von Ertrinkenden. Im Prinzip leuchtete mir Dikus Orientierungsmethode ein. In der Praxis half sie mir herzlich wenig. Denn vor uns, hinter uns, um uns herum erstreckte sich Tafassasset, die flache, profillose Sandebene. Geografie und Geometrie vereinten sich, machten die Erde zur Scheibe, hinter deren Peripherie jeden Abend um kurz vor sieben die Sonne in den kosmischen Abgrund stürzte. 

Morgens, wenn ich zögernd aus meinem Schlafsack kroch und die Tuareg ihre über Nacht steif gefrorenen Füsse über einem Feuer aus Kamelkötteln auftauten, drehte ich mich als Erstes 360 Grad um die eigene Achse. Um nachzuprüfen, ob der Horizont noch immer jenen makellosen Kreis beschrieb, dessen Mittelpunkt ich selber war. Dann richtete ich meinen Blick gen Westen, unsere Marschrichtung für den kommenden Tag. Der Gedanke, dass ich schon jetzt, vor unserem Aufbruch, ohne Fernglas das Gebiet sehen konnte, wo wir am Abend unser nächstes Lager aufschlagen würden, erfüllte mich mit einem Gefühl ungeheurer Bodenlosigkeit. 

Nie zuvor hatte ich eine solche Landschaft gesehen. Die Welt, aus der ich kam, bestand aus Gegensätzen. Aus Formen, Konturen, Farben, die sich klar voneinander abhoben, um ihren Anspruch auf Wichtigkeit gegen die konkurrierende Fülle anderer Konturen, Formen, Farben zu verteidigen. Spazierte ich auf den Boulevards und Avenuen von Paris, empfand ich, was ich sah, oft als visuelle Schreie. Der Ténéré bot das Gegenteil: eine totale Stille, auch für die Netzhaut. Keine Kontraste, nur Verläufe. Alles ging ineinander über, zerfloss zu dem ermüdenden Eindruck einer sich ewig wiederholenden Einheitlichkeit. Am schlimmsten war das grelle Licht des Mittags, wenn das Auge nicht einmal mehr den Horizont ausmachen konnte, sondern nur noch eine flimmernde Durchsichtigkeit. Dann schien das Verschmelzen von Oben und Unten auf den gemeinsamen Ursprung von Himmel und Erde hinzudeuten. 

«Wie kannst du dich ohne Horizont zurechtfinden?», frage ich Diku. «Nicht nur mittags, sondern auch bei Sandstürmen!» Der alte Karawanenführer zeigt auf den Boden, behauptet, es sei alles ganz einfach: «Tagsüber kann sich die Karawane am Wellenprofil orientieren, das der Wüstenwind in die hart gebackene Sandkruste fräst.» Jeder wisse, dass im Ténéré der Wind stets aus nordöstlicher Richtung wehe. «Also musst du deine Schritte in einem bestimmten Winkel zum Verlauf der Bodenwellen lenken.»

Mano Dayak stammte aus derselben Welt wie Diku. Und schien sich doch um Lichtjahre von ihr entfernt zu haben. In Paris war er zu jener Zeit schon eine Berühmtheit. Er kannte Filmstars, holte das Fernsehen in die Dünen des Ténéré, um Saint-Exupérys «Le petit prince» zu verfilmen, half Bertolucci bei dessen Dreharbeiten für «Der Himmel über der Wüste». Er nahm auch regelmässig an der verrückten Wüsten-Rally Paris–Dakar teil. Fasziniert von technologischen Neuerungen, von immer schnellerer Kommunikation, von Frauen so blond wie in amerikanischen TV-Serien, jettete Mano zwischen Agadez und Paris, zwischen der Lichterstadt an der Seine und Nigers altem Tor zur Wüste. Doch manchmal packte ihn eine andere Art von Unruhe. Dann fuhr Mano hinaus in den Ténéré, um unter freiem Himmel zu schlafen. Oder nach Tiden, einem Wadi im Aïr-Gebirge, zwei Autostunden nördlich von Agadez. Dort lebte seine greise Mutter in einem Nomadenzelt. Wie einst Mano. Bis zu jenem Tag, als ein Kolonialgendarm nach Tiden gekommen war, den Jungen zu sich aufs Kamel gezogen und ihn fortgeschleppt hatte in die «Nomadenschule». Lange war Manos Mutter weinend dem Kamel hinterhergelaufen.

So wurde Mano Dayak zum modernen Nomaden. Nach dem Abitur trampte er durch die Sahara nach Europa, reiste weiter nach Amerika, kehrte irgendwann heim in den Niger mit dem Vorsatz, im Rahmen einer Doktorarbeit «ethno-soziologische Studien» über sich selbst zu betreiben. Als er sich der Absudität dieses Unternehmens bewusst wurde, gründete er Temet Voyages, eine Tuareg-Reiseagentur für vermögende Wüsten-Fans. Und machte damit selbst ein Vermögen. 

Manos dolce vita ertrank in einem Blutbad. Im Mai 1990 richtete Nigers Armee ein Massaker unter Tuareg an, die vor der Dürre von 1984/85 nach Algerien geflüchtet waren und nun mit internationaler Hilfe in ihrer alten Heimat neu angesiedelt werden sollten. Doch in Tchin-Tabaraden, einem Auffanglager im Busch, warteten Tausende vergeblich. Die Regierung verkaufte sie auf dem Markt der Hauptstadt Niamey. Als es in Tchin-Tabaraden zu Unruhen kam, rückte die Armee an, eröffnete das Feuer, vergiftete die Brunnen. Die Zahl der Opfer wurde auf 1700 geschätzt. 

Zunächst ignorierte Mano das in den Wüstensand gelegte Schlangenei. Bis zu jenem Tag, als ein in Lumpen gekleideter Tuareg ihn in seinem Büro in Agadez aufsuchte. Der Mann kam aus Tchin-Tabaraden. Zwei Söhne waren vor seinen Augen erschossen worden. Über Mano schlug eine Falle zu. Dem Greis standen Tränen in den Augen. Und für einen Tuareg gibt es nichts Schlimmeres, als zu weinen. Es entehrt ihn, zwingt aber auch die Zeugen seiner Schande zum Handeln, sofern sie dazu in der Lage sind. Deshalb wohl hatte der Greis seine Tränen zu Mano Dayak getragen. Weil dieser im Dafürhalten der Nomaden der einzige Tuareg in Niger war, der es zu etwas gebracht hatte in der Welt der Sesshaften. Mano besass die Fähigkeit zum Handeln. Und damit nun auch die Pflicht dazu.

In erster Linie wollte Mano weiteres Blutvergiessen verhindern. Aber die Lage wurde von Tag zu Tag komplizierter. Das Massaker von Tchin-Tabaraden hatte weitere Tuareg aus der Wüste zurückgelockt in ihre alten Heimaten im Norden Nigers und Malis. Sie waren aus libyschen Kasernen desertiert und hatten ihre Kalaschnikows mitgebracht. Nun waren sie verschanzt in den Felsen von Aïr und Ifoghas. Und die Kunde von einer rébellion touarègue wuchs wie ein orientalisches Märchen, das von Mund zu Ohr wandert und mit jedem Erzählen grossartiger wird. Dabei handelte es sich anfangs nur um einen kleinen Haufen. In Niger habe ich sie selbst gezählt: 17 Rebellen, die so taten, als wären sie 170. Sie stammten aus Oberst Ghadhafis Islamischer Legion, hatten dem Libyer als Kanonenfutter für seine Kriege in Tschad und als Leihgabe an die Palästinenser-Guerilla PLO in Libanon gedient. Nun aber wollten sie Rache für Tchin-Tabaraden nehmen und einen unabhängigen Staat für die Tuareg.

Die Rebellen nannten sich «Ichomar», abgeleitet von chômeurs, dem französischen Wort für Arbeitslose. Diesen Namen hatten ihnen die Nomaden verpasst. Das lybische Kasernenleben, so fanden die alten Hirten und Kameltreiber in den Wadis, hatte ihre Söhne entfremdet. Hatte sie zu arbeits- und nutzlosen Menschen gemacht. Die Rebellen jedoch akzeptierten den Namen voller Stolz. In ihren Ohren klang «Ichomar» nach Abenteuer und Spass. Drei Utensilien machten fortan den echten Ichomar aus: seine Kalaschnikow, die zerbeulte Teekanne im Rucksack und die Gitarre zum Tagesausklang am Lagerfeuer.

Die Regierung in Niamey verdächtigte Mano, hinter den Unruhen im Aïr zu stecken. Wer, wenn nicht der Chef von Temet Voyages, besässe die logistischen Mittel, um eine Rebellentruppe in der Wüste mit Lebensmitteln zu versorgen? Vergeblich appellierte Mano an die Vernunft aller Beteiligten, versuchte zu vermitteln zwischen Norden und Süden, Sahara und Sahel. Für das Militär war das Tuareg-Problem identisch mit Mano Dayak. Und wie liess sich am besten ein Problem lösen, das aus einer einzigen Person bestand? Wir zogen die notwendigen Schlüsse: Als die Truppen in Manos Haus in Agadez einmarschierten, war er schon unterwegs zu meiner Wohnung in Paris. Ich selbst blieb noch eine Weile in Agadez. Sah, wie das Leben dort verrottete. Die Soldateska tobte in den Strassen, ab Sonnenuntergang herrschte Ausgangssperre, viele Tuareg flohen in die Wüste. Und im Aïr begann der Krieg. 

Es war eine abenteuerliche Geschichte, in die wir da Anfang 1992 verwickelt wurden. In ihr spielten nicht nur Soldaten und Rebellen eine Rolle. Sondern auch Frankreichs Geheimdienst DGSE, der Mano unterstützte. Während Frankreichs Regierung doch offiziell auf der Seite von Nigers Regierung stand. Aber die Strategen der «Françafrique» waren überzeugt, dass Mano zur Trumpfkarte im Spiel um die Zukunft des Sahels werden könnte. Weil er nichts hielt von einem Tuareg-Staat. Und weil er womöglich in der Lage war, den absurden Gedanken an Unabhängigkeit auch aus den Köpfen der Ichomar zu vertreiben. 

Als Mano im Januar 1993 auf unerklärten Wegen – der DGSE setzte ihn per Flugzeug auf dem harten Sand des Ténéré ab – nach Niger zurückkehrte, hatte er im Gepäck ein Sprechfunkgerät dabei. Für die Rebellen war es wesentlich, Zugang zu Medien zu haben. In Konflikten, die sich nicht allein militärisch lösen lassen, ist politische Propaganda entscheidend. Wir schlossen uns an Radio Saint-Lys an, eine in Südfrankreich basierte Relaisstation für Seeleute. Meistens rief Mano abends in Paris an. Als Sprecher der Rebellenorganisation FLAA diktierte er seine Communiqués, die meine Frau Judith per Fax an die Medien weiterleitete. Dann gab er Grüsse von Freunden durch; ehemaligen Angestellten von Temet Voyages, die sich der Rebellion angeschlossen hatten. Da Mano sich am Telefon nie beklagte, gingen wir davon aus, dass alles zum Besten stand. Im März 1993 beschloss ich, ihn zu besuchen. Ich flog nach Algier, von da weiter nach Tamanrasset, der Oasenstadt im Süden Algeriens, wo mich einer von Manos Leuten abholte. 

Der Mann hiess Ati ag Moussa und besass einen klapperigen Pick-up, der für die 600 Kilometer lange Fahrt quer durch die Wüste völlig ungeeignet schien. Wir verliessen Tamanrasset mit ausgeschalteten Scheinwerfern in einer mondlosen Nacht. Wie Ati sich orientierte, blieb mir ein Rätsel. Er behauptete, er könne sich unmöglich verfahren. Weil er als Kind oft seinen Vater, einen Karawanenführer, in dieser Gegend begleitet habe. Später, als «Geschäftsmann», habe er illegale Migranten durch die Sahara transportiert. Einmal sei sein Pick-up mit Motorschaden stehen geblieben, fünfzehn seiner Passagiere seien verdurstet. Keine beruhigenden Nachrichten. Doch dieses Mal hielt Atis Wagen durch. Nach zwei Tagen erreichten wir das Hauptquartier der Rebellen am Nordrand des Aïr. Ich sah Mano schon von weitem. In Kommandantenpose stand er auf einem Felsen, mit lässig verschränkten Armen und jenem weiten Tuareg-Blick, der sich im Horizont zu verhaken schien. Seit Paris hatte er fünfzehn Kilo abgenommen. Nun trug er Khaki-Uniform, einen grünen Turban, einen Bart und, seitlich von der Schulter hängend, ein französisches Schnellfeuergewehr. Che Guevara in der Wüste! Ich machte eine Foto, wir haben oft darüber gelacht. Doch nachts am Feuer gestand mir Mano seine Sorgen. Die Rebellen waren gespalten. Ein Teil der Truppe war zu der alten üblen Tuareg-Sitte der Razzia zurückgekehrt. Die feigen Überfälle fanden im Aïr statt, und Opfer der Raubzüge waren fast immer schwarze Tuareg, Abkömmlinge ehemaliger Sklaven. Die Banditen machten keinen Hehl aus ihrem Rassismus. 

Während der vier Wochen, die ich bei Mano verbrachte, lernte ich eine Menge über die Probleme der Ichomar. Das grösste lag darin, dass die Rebellen – in der Annahme, Mano vermöge alles – ihm blind vertrauten. Dies führte zu Verantwortungslosigkeit. Was Mano nicht selbst machte, wurde meist überhaupt nicht gemacht. Er kümmerte sich um alles persönlich, war politischer Stratege, Organisator für Logistik, Kontaktmann zu den Nomaden, ohne deren Hilfe die Rebellen nicht überleben konnten. Lange Zeit war er sogar der Einzige, der mit dem Funkgerät umgehen konnte. 

Im Oktober 1993 schlossen sich Nigers Tuareg-Rebellen, inzwischen in drei Fraktionen aufgespaltet, unter Manos Präsidentschaft zu einer Coordination de la Résistance Armée zusammen: noch ein pompöser Name, an den kein Geschichtsbuch je erinnern würde. Alle Gruppen akzeptierten von Mano vorgeschlagene Friedensverhandlungen. Sie sollten im Februar 1994 in Ouagadougou beginnen. 

Ich nutzte den Waffenstillstand für einen weiteren Besuch in der Wüste. Das Magazin «Geo» hatte mich beauftragt, ein Kamerateam ins Aïr und in den Ténéré zu begleiten, um dort anhand meiner früheren Reportagen einen Dokumentarfilm über die Tuareg zu drehen. Vielleicht waren die sechswöchigen Dreharbeiten die beste Zeit, die Mano und ich je zusammen verbrachten. Obwohl der Frieden noch auf wackeligen Beinen stand, kehrten im Aïr die Nomaden zu ihrem normalen Leben zurück. Und Karawanen mit Hunderten von Kamelen zogen erneut durch den Ténéré nach Bilma. Mano sprach von dem Frieden, der bald kommen würde. Davon, wie er Agadez in eine «Oasenuniversität» zu verwandeln gedachte. Im April 1995 schlossen Nigers Regierung und die Rebellen endlich Frieden. Die Tuareg hatten eine Menge erreicht: eine Dezentralisierung, in deren Rahmen sie ihre Zukunft weitgehend selbst gestalten konnten. Es war Manos Sieg. Und er gab seinen Rivalen das Gefühl, ihn nicht länger zu brauchen. Ein Rennen auf Posten und Pöstchen setze ein. Die kleinen Führer der Rebellion zogen um nach Niamey, widmeten sich einem klimatisierten Müssiggang fern von der Wüste. 

Mano blieb im Aïr. Im Warten darauf, dass die Regierung einige ihrer Versprechen wahr machen würde. Vor allem das Entwaffnen arabischer Milizen, die, unterstützt von Nigers Armee, Tuareg-Nomaden ermordeten. Doch nichts geschah. Da beschloss Mano, sich an den Premierminister zu wenden. Eine kleine Cessna sollte ihn im Gebirge abholen. Tagelang schunden sich seine Männer dort die Hände blutig, um in der 2000 Meter hohen Steinwüste des Bagsan-Massivs eine Landebahn anzulegen. Am Vorabend des geplanten Treffens sprachen wir mit Mano über Radio Saint-Lys. Wir vereinbarten, dass seine Rebellen uns am nächsten Tag gleich nach dem Start der Maschine anrufen sollten, damit wir unsererseits die Kontaktpersonen in Niamey informieren könnten. Es war unser letztes Gespräch. 

Der Anruf aus der Wüste erfolgte wie geplant am Nachmittag des 15. Dezember. Die Verbindung war schlecht. Der Sprecher am anderen Ende musste seine Nachricht mehrmals brüllend wiederholen, bevor wir verstanden: Das Flugzeug war beim Start nicht vom Boden hochgekommen und gegen eine Felswand gerast. Der Tank war explodiert. Sich der brennenden Maschine zu nähern, war unmöglich. Hilflos sahen die Rebellen zu, wie die Insassen der Cessna verbrannten. Einmal hörten sie Schreie. Und glaubten, Manos Stimme zu erkennen.

So endete die Geschichte jenes Mannes, der das Schlangenei hätte zertreten können. Nach dem Krieg, sagte Mano, sollten im Aïr «Nomadendörfer» entstehen. Damit die Tuareg mit ihren Herden gegen die Dürren aushalten, möglicherweise sogar die Wüste zurückdrängen könnten. Damit sie sich nicht gezwungen fühlten, zu hundert Prozent sesshaft zu werden. Jede Siedlung würde mit einer Schule, einem Spital, Obst- und Gemüsegärten, einer landwirtschaftlichen Kooperative versehen sein. Es war eine geniale Idee. Wichtiger noch: Mano wusste, wo die Heimat der Tuareg lag. «Wir gehören zum Sahel», schrieb mein Freund einmal. «Wir sind seine Verbindung zur Wüste, so wie das Händlervolk der Haussa den Sahel im Süden mit der Savanne verbindet. Die vernünftigste Lösung läge in der Schaffung einer Bundesrepublik Niger und einer Bundesrepublik Mali. Besser noch, in der Bildung einer Sahel-Konföderation nach dem Muster Kanadas oder der Schweiz.»

«Und aus all dem ist nichts geworden», vermutet Luke Harding auf der dahintuckernden Piroge in Mopti. «Schlimmer», sage ich. «in Niger und Mali hat die Rebellion der 1990er Jahre ein fatales Erbe hinterlassen: Heerscharen von Ichomar! Laut den Friedensverträgen sollten sie in die nationalen Streitkräfte integriert werden. Aber sie fanden keinen Platz – weder in den Kasernen noch im Zivilleben.» Also blieben sie disponibel. Auf Abruf bereit für jedwede nouvelle cause.

Januar 2013, noch ein Augenblick in Mopti

«Der Flug nach Timbuktu ist verschoben!» Thiemoko versucht, seine aufgeregte Kundschaft zu beruhigen. Einige fordern ihr Geld zurück. «Im Norden tobt ein Sandsturm. Wir müssen warten, bis er sich gelegt hat. Danach geht es sofort los!» Hmm. Was Thiemoko verschweigt, betrifft eine typische Eigenheit der saharisch-sahelischen Wetterkarte: Auf Sandsturm folgt nicht automatisch blauer Himmel! Im Gegenteil, meistens bleibt der aufgewirbelte Staub noch zwei bis drei Tage in der Luft hängen. Die Sonne kommt nicht durch, die Welt sieht aus wie aus dem Innern eines trüben Aquariums betrachtet.

Neue Timbuktu-Bilder laufen auf dem Bildschirm über der Bar. Gerade zeigt France 24, wie eine schwarze Menge die Häuser und Geschäfte von Mauren plündert. Ich kenne das Viertel. Es liegt im Norden der Stadt, dort, wo die Salzkarawanen aus Taoudenni eintreffen. «Haben die Leute etwas gegen Mauren in Timbuktu?», fragt Luke. Nicht nur in Timbuktu. In Bamako traf ich neulich Ould Khalifa, einen Busunternehmer. Das Gerücht war in Umlauf geraten, seine Busse hätten Jihadisten an die Front transportiert. Die Polizei plünderte seine Büros, klaute 20 Computer und einen Safe. Eine «Hexenjagd» sei im Gange, meinte Khalifa: 500 Mauren, lauter Geschäftsleute mit ihren Familien, seien bereits aus Bamako geflohen. Und in Timbuktu gibt es offenbar keinen einzigen Mauren mehr. Wer kümmert sich dann ums Salz? «Lass uns noch einmal auf den Markt gehen», schlage ich vor. Luke ist zu allem bereit, an Timbuktu glaubt er ohnehin kaum noch. 

Am Ufer des Bani finden wir Faraji, einen schwarzen Salzhändler vom Stamm der Bambara. Seine Etalage – marmorfarbene Platten und Klumpen verschiedener Grössen – ist auf ebener Erde ausgebreitet. Daneben, unter einem von Stöcken abgestützten Plastikdach, bietet er uns einen Sitzplatz an. «Wieso hast du noch Salz?», frage ich. «Sind die Mauren nicht geflohen?» Faraji weist auf den Fluss. «Siehst du die Pinasse dort? Sie ist heute Morgen eingetroffen.» Das 20 Meter lange Boot wird gerade entladen. Träger schultern schwere Salzplatten, tragen sie von Bord, stellen sie aneinandergereiht auf den Strand. «Mein Lager», prahlt Faraji. «Das Salz schickt mir mein Bruder per Fluss aus Timbuktu. Wir haben einen Familienbetrieb.» Ich verstehe nicht. «Aber wie gelangen die Platten von den Salzminen in Taoudenni nach Timbuktu? Das geht doch nur mit den Karawanen der Mauren!» Faraji lächelt dünn. Karawanen, belehrt er mich, gebe es schon seit zehn Jahren nicht mehr. «Die Mauren haben sie durch Lastwagen ersetzt. Ein einziger Wagen transportiert mehr als eine ganze Karawane. Verstehst du?» Und was ist aus den Kamelen geworden? «Die Mauren haben sie an Schlachthöfe in Mauretanien und Algerien verkauft.» Meine Verwirrung nimmt nur noch zu: «Und wer fährt die LKW?» «Glaubst du, Schwarze hätten keinen Führerschein?»

Faraji erbarmt sich. Er fischt ein Reiskorn aus dem Staub, hält es in die Luft. «Ohne uns Schwarze», ruft er, «könnten die Mauren nicht einmal dieses Körnchen bewegen. Sie haben das Geld, aber wir besitzen die Kraft. Und das Salz von Taoudenni gehört Mali, nicht den Mauren. Wenn sie jetzt fliehen, umso besser. Dann holen wir uns das Salz.» 

Wir trotten zurück zum Hotel. «Ich habe nicht ein Wort verstanden», gesteht Luke. «Was hat das Salz mit der heutigen Lage in Mali zu tun?» Oh, das ist eine längere Geschichte. «Nun erzähl schon!» Also gut: März 2001, ich bin mit Liman ag Feltou, Manos Neffe in Timbuktu verabredet. Obwohl mein Freund dafür extra den weiten Weg aus Agadez kommen muss. Aber seit dem Tod seines Onkels reise ich nur noch in die Wüste, wenn Liman mich begleitet. 

Die Karawane der Mauren

Im ersten Tageslicht brechen wir aus Timbuktu auf. Gegen zehn Uhr holen wir eine Karawane ein. 43 Kamele und drei Treiber, leicht als Mauren erkennbar – kein Targi würde so mittellos durch die Wüste ziehen. Wer die Salzkarawanen der Tuareg im Ténéré kennt, wird schwerlich all die Kleinigkeiten vergessen, die nur darauf abzielen, der Härte der Wüste mit den Listen einer besonderen Menschlichkeit beizukommen: mit Witzen und lautem Lachen, mit Gesängen, Trommeln und Rasseln, um die Kamele anzuspornen. Mit Erfindungen wie dem ambulanten Teebrauen – denn eine Karawane hält nicht vor Anbruch der Nacht, und kein Targi möchte es bis dahin ohne Tee aushalten. Nicht eine dieser Annehmlichkeiten beglückt die Karawane, die wir da vor uns sehen. Deren Begleiter trotten stur vor sich hin, lassen sich von der Sonne ausbrennen, frieren in der Nacht unter löcherigen Decken, die man anderswo keinem Hund zumuten würde.

Sind dies tatsächlich die Reste von Azalai, jenen legendären Karawanen, die im Mittelalter das «weisse Gold» aus Taoudenni, den Salzminen im Westen der Sahara, holten? Und die vor 900 Jahren Timbuktu, den «Brunnen der Sklavin Buktu», entstehen liessen? Seither liegt Taoudenni 14 Tagesmärsche nördlich von Timbuktu. Oder 700 Kilometer, wie die von anderen Messeinheiten besessenen Weissen behaupten. Auf 3000 Kamele schätzte der Sahara-Forscher Théodore Monod den Gesamtumfang der Azalai. Das war 1934.

Ich steige aus dem Wagen, marschiere eine Zeit lang neben dem Karawanenführer, einer hageren Gestalt mit kräftiger Nase. Unser Gespräch kommt nicht recht in Gang. Der Mann will Geschenke. Am liebsten Geld. Zu meiner Überraschung gibt ihm Mahmoud, unser maurischer Fahrer, durch Gesten zu verstehen, er solle eine ordentliche Summe fordern. 50 000 CFA, rund 75 Euro, hält der Karawanier jetzt für angemessen. «Shuf!», schau!, ruft er und deutet auf seine nackten Füsse. Tatsächlich, der Mann geht barfuss durch die Wüste. Über den brennenden Sand, der in die Fusssohlen schneidet, wenn die Krustenränder kleiner Bodenwellen hart gebacken sind. Und über die Reg, eine Steinwüste mit noch heisseren, noch schärferen Felsbröckchen, unter denen Skorpione lauern. Weshalb tut er das, wenn er es doch nicht nötig hat? Denn in welch ärmlichem Aufzug er sich uns auch präsentieren mag, er ist kein armer Mann. Immerhin gehört ihm diese Karawane.
Weisse klagen oft über ihr gespanntes Verhältnis zu Mauren. Weil diese nie Wert darauf gelegt haben, Europäern gefällig zu sein. Sie sind Nachfahren arabischer Kriegerstämme, die im 7. Jahrhundert von ihrer Halbinsel loszogen, um für Allah die Welt zu erobern, und die sich im Laufe der Jahrhunderte mit Berbern und schwarzen Sklaven vermischten. Mauren wirken hart gegen sich selbst und noch härter gegen andere. Auch der spröde Islam, den sie praktizieren, scheint nicht derselbe zu sein wie jener, den die schwarzen Völker des Sahels bevorzugen, durchdrungen von Nachsicht mit den Schwächen des Menschen und seinem Bedürfnis nach Wundern und Schutzamuletten. 

Natürlich verdanken die Mauren ihren schlechten Ruf zum Teil den Europäern, die ja, historisch betrachtet, mindestens genauso grausam und gierig waren. Antoine de Saint-Exupéry etwa, der legendäre Wüstenerzähler, gehörte zu jenen Bruchpiloten der Sahara, auf deren Maschinen die Mauren noch in den dreissiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihre Flinten abfeuerten. Bekamen sie einen Piloten zu fassen, liessen sie ihn nur am Leben, wenn er Lösegeld einbrachte. So wie es heute die Islamisten im Norden Malis und Nigers halten. 

Doch Antoine de Saint-Exupéry war auch bemüht, in seinem Urteil den «befriedeten» maurischen Kriegern einigermassen gerecht zu werden. «Was nutzen nun Gerste und Frieden?», fragt er in «Wind, Sand und Steine», seinem 1939 veröffentlichten Hauptwerk: «Der alte Krieger, der zum Hirten geworden ist, erinnert sich, dass er einst eine Wüste bewohnte, in der jeder Dünenrücken kostbare Gefahren barg, wo man Wachtposten um die Lager aufstellen musste, wo die Nachrichten von den Bewegungen der Feinde die Herzen um die nächtlichen Lagerfeuer höher schlagen liessen. Es kommt über ihn wie der Seegeruch, den niemand vergessen kann, der ihn einmal genossen hat. Er vergleicht diese herrlichen Erinnerungen mit seinem neuen Leben. Ruhmlos irrt er über eine friedliche Fläche, der jede höhere Weihe fehlt. Nun erst ist die Sahara für ihn zur Wüste geworden.» 

Und vielleicht werden manche Mauren auch weiterhin dieser Beschreibung gerecht, bleiben sie die Söhne und Erben der Almoraviden – jenes Missionsordens, der Mauretanien einst zum Islam bekehrte, Marokko und Südspanien eroberte. Bevor sie in Sevilla oder Granada sesshaft wurden, zeichneten sich die Almoraviden durch eben jene Stärke aus, die den maurischen Karawaniers auf der Strasse nach Taoudenni anhaftet: Ausdauer und Verzicht auf jeden Komfort.

«Warum willst du diesem armen Karawanier nicht ein Geschenk machen?», fragt Mahmoud. «Stell dir vor, du müsstest hier ohne Schuhe durch die Sahara gehen!» «Warum schenkst du ihm nicht deine Schuhe?», rutscht es mir heraus. Mit verächtlicher Mine zieht der Karawanenführer davon. Mahmoud verschluckt ein paar Flüche. Die Hälfte des Geldes hätte er kassiert. Wenn überhaupt, so zählt der Fahrer unseres zweiten Wagens zu den allerentferntesten Nachfahren jener Feinsinnigen von Sevilla und Granada. Mahmoud ist ein dicker Mann mit Hang zu Jähzorn. Die ständige Anstrengung, seine jeweiligen Arbeitgeber freundlich anzublicken, haben sein junges Gesicht frühzeitig in Falten geworfen. Da ich ihn schon vor unserer Abreise aus Timbuktu für das Mieten seines Wagens mit ihm als Fahrer bezahlen musste, widmet er sich nun den verschiedenen Möglichkeiten des Hinzuverdienens. Dies ist nicht das erste Mal, dass wir an den Rand unschöner Worte geraten.

Der offizielle guide unserer Expedition ist Mahmouds Freund Lamine, auch er ein Maure. Nachts höre ich ihn oft psalmodieren. Meist gegen drei Uhr, wenn ihm Wind und Kälte den Schlaf rauben. Dann hockt er, in Turban und Decke gehüllt, neben dem Vorderrad von Mahmouds Wagen. Wie erstarrt. Nur diesen Singsang von sich gebend, eine inbrünstige Interpretation von Koran-Suren, die als Schutz gegen shaitan wirken sollen. Denn die Nacht, glaubt Lamine, sei «der Tag des Teufels».
Im ersten Morgenlicht lockert unser Führer seine Glieder mit Turnbewegungen auf. Dann zieht er mit der Ferse im Rückwärtsgang ein Quadrat in den Sand, drei mal drei Schritte gross, und fügt diesem auf der Ostseite, dem Sonnenaufgang zugewandt, noch ein kleineres Quadrat hinzu. Seine «Moschee»! Er betritt sie barfuss, mit behutsamen Trippelschritten, und kniet sich in die Öffnung des kleinen Mekka-Quadrates, auf den Platz des Imam. Das grosse Quadrat in seinem Rücken ist für die übrigen Gläubigen bestimmt – die freilich ausbleiben. Einsam drückt Lamine vor Gott die Stirn in den Sand. Und empfindet es als gutes Omen, wenn ihm die feinen Körnchen noch stundenlang in den Falten seiner wachsenden Weisheit kleben bleiben. 

So reisen wir den Karawanen nach. In zwei Geländewagen, die eine freiwillige Apartheid zum Ausdruck bringen: Im vorderen Auto sind die beiden Mauren unter sich, den hinterher fahrenden Wagen teile ich mit Liman und dem Fotografen Pascal Maitre. Mit Mahmoud und Lamine teilen wir nur eine auf Gegenseitigkeit beruhende Abneigung.

Am Morgen des fünften Tages erreichen wir Taoudenni. Es ist noch früh, die Sonne schüttet ihr erstes Licht auf etwas Fernes, das aussieht wie ein mit Hügeln überzogener Acker. Die Salzminen. Lamine lässt Mahmoud anhalten, kommt zum Seitenfenster unseres Wagens geschritten, erteilt Instruktionen: «Wenn wir ankommen, lasst euch auf kein Gespräch mit den Minenarbeitern ein! Erst gehen wir zum Kaïd. Ohne dessen Erlaubnis läuft hier gar nichts. Kapiert?»

Aus der Nähe ähneln die Minen einer Ansammlung gewaltiger Maulwurfshügel. Ihr richtiger Name ist Agorgott – Taoudenni heisst nur das Dorf an ihrem Rande. Zwischen den aufgeworfenen Erdhaufen klaffen Löcher, drei bis fünf Meter tief. Sie sind rechteckig angelegt, haben messerscharf gezogene Wände und in die Erde geschnittene Treppenstufen, die wie in eine pharaonische Totenkammer hinabführen. Gegen Lamines Befehl halten wir an. Ich steige aus, trete an den Rand eines der Löcher. Unten schuften drei Schwarze. Einen Moment lang starren sie zu mir empor. Weder feindselig noch freundlich. Aus Augen, die riesig erscheinen. Hinter mir höre ich Lamine brüllen: «Zum Kaïd!»

Also los, auf zum Herrscher von Taoudenni! Dem Erben einer stolzen Geschichte: Vor rund 400 Jahren wurden Taoudenni und Timbuktu durch die Truppen des Sultans von Marokko erobert. Der Sultan übertrug die Kontrolle über die kostbaren Salzminen einem kaïd, einem Beamten, der in seiner Person die Funktionen des Administrators, des Richters und des Polizeichefs vereinte. Doch mit der Zeit lockerten sich die Bande zum marokkanischen Sultan, und der Kaïd von Taoudenni wurde zu einem eigenmächtigen Potentaten. Zum Herrscher über Salz und Sklaven.

Der Fürst, ein greiser, dünner Maure, empfängt uns mit würdevollem Kopfnicken vor seiner Haustür. Er bewohnt eine Hütte, deren Einrichtung aus einer auf dem Boden ausgebreiteten Wolldecke besteht. Wir lassen uns nieder. Abermaliges Nicken, Lächeln, wieder Nicken. Dann wachsen uns herrliche Blumen aus dem Mund. Der Kaïd und ich ergehen uns in schwelgenden Reden. Ein glückseliger Lamine übersetzt: des Herrschers Entzücken, uns in seinem bescheidenen Heim zu empfangen; meine Dankbarkeit, in seinen Schatten treten zu dürfen, gebeugten Hauptes, denn das Gewicht der uns gewährten Ehre ist nicht unerheblich. All das. Das Türloch lässt nur wenig Licht ins Innere. Genug jedoch, um festzustellen, wer von den weiteren Anwesenden gerade ein zustimmendes «Inschallah!», (So Gott will!), «Bismillah» (Im Namen Gottes!) oder «Al-hamdulillah!» (Gott sei gepriesen!) beisteuert.

Ein Teller mit Kamelfleisch macht die Runde. Darauf folgen klebrige Gläser mit überzuckertem Minztee. So kommen wir zum Geschäftlichen. Auf dass uns in Taoudenni niemand beim Spazieren und Besichtigen störe, werde er uns drei Schwarze als Schutzgeleit mitgeben, erklärt der Kaïd. Sie würden die Arbeiter davon abhalten, aus ihren Löchern zu kriechen, um uns anzubetteln. Auf jeweils 10 000 Francs CFA schätzt der Greis den an ihn selbst zu erstattenden «Arbeitsausfall» für die Schutzleute, die ja sonst «ebenso viel» in den Minen verdienen würden. Wäre dem tatsächlich so, würde das Los der Salzhacker zu den beneidenswertesten in der Sahara zählen. Aber sei’s drum: Uns macht es nicht arm, ihn macht es kaum reicher. Offenbar geht es nur um das Prinzip, dass dem Herrscher eine messbare Achtung gebühren müsse. Wir erheben uns und treten zurück ins Freie.

Und plötzlich wird der Seele übel. Die Behausungen, die den Weg zu den Minen weisen, sind nur Höhlen: schiefe, aus Erde und Salzsteinen aufgeschichtete Mauern, die einen fensterlosen Raum umschliessen. Die Türen, manchmal bis auf halbe Höhe im Sand versunken, sind kleine schwarze Löcher. Ein zorniges Brummen liegt in der Luft: Fliegen. Zahlreich wie schwarze Sterne am Himmel des Tages. Sie stürzen sich auf alles, was Feuchtigkeit verspricht: Nasenlöcher, Augenränder, Mundwinkel. Wir erreichen die Minen. Zwischen den Erdhaufen windet sich ein Trampelpfad von einer Grube zur nächsten. Der Wind scheint hier ewig zu wehen. Er vermischt roten Staub mit weissem, Erde mit Salz. 

Einer der Arbeiter keucht zum Gotterbarmen, als wir zu ihm in sein Loch hinab steigen. Mir fallen seine Füsse auf: rissig, wie von Säure zerfressen. Steif und schwankend steht der Mann in der sengenden Sonne. Er wartet auf zwei weitere Männer. Sie sind in einem Stollen, der waagrecht in den Salzboden führt. Ich gehe in die Hocke, sehe die beiden in fünf Meter Entfernung. Der eine liegt auf dem Rücken, der andere kauert neben ihm. Ausgerüstet mit Hacke und Pickel, die aus der Bronzezeit stammen könnten. Sie haben einen Salzblock aus der Wand des Stollens gebrochen, ziehen und drücken ihn jetzt ächzend ins Freie. Der Mann draussen übernimmt die Feinarbeit. Er muss die Blöcke für die Karawanen zurechtmeisseln: einen Meter hoch, 50 Zentimeter breit, 2 Zentimeter dick. Zu einer Platte, die 25 bis 30 Kilo wiegt.

Wie soll man Taoudenni beschreiben? Wie das Unfassbare, das Ungeheuerliche erklären? Die Minenarbeiter – laut dem Kaïd sind es 400 – siechen in einem mittelalterlichen Greuel, in einer Welt des Hieronymus Bosch. Vielleicht lässt sich der Ort am besten durch das definieren, was ihm fehlt. Da ist keines jener Geräusche, die anderswo von Leben zeugen. Kein Hundebellen, keine Eselsschreie, kein Vogelgezwitscher. Es gibt keinen Baum, keinen Strauch, kein Gras. Auf dem Boden, hier und da, ein Rest von Resten: der abgerissene Absatz einer Plastiksandale, ein zerfranstes Stück Karawanenstrick, ein Schnipsel vergilbtes Papier. Kein Kinderlachen. Keine Frauen. Kein Anflug von Weichheit und Sanftmut, der das Grauen hätte lindern können. Taoudenni ist eine Grenze – jenseits davon ist nur noch Agonie. Wer in diesem siedenden Loch ernsthaft erkrankt, den muss der Tod erlösen.

Noch etwas ist nicht zu übersehen: Alle, die hier im Salz schuften, sind schwarz. Und die Männer des Kaïd verbieten ihnen, mit uns zu reden. Mit einer Ausnahme. Ganz allein in einem Salzloch sitzt ein Targi. Ein dreieckiges Gesicht mit glanzlosen Augen und schlaffen Wangen; ein schütterer Haarkranz, der den knochigen Schädel umschliesst wie Akaziengestrüpp eine kahl gefressene Ziegenweide. 

Mohamed ag Ataher ist der Sohn verarmter Nomaden. Liman spricht ihn auf Tamaschek an; niemand wagt es, ihn daran zu hindern. Die beiden unterhalten sich lange. Dann übersetzt Liman: Mohamed hat bei einem maurischen Händler in Timbuktu einen Kredit aufgenommen, rund 600 Euro. Nicht die gesamte Summe auf einmal, sondern peu à peu, um seine Familie zu ernähren. Bis der Händler den Geldfluss sperrte und den doppelten Betrag zurückforderte. Er liess seinem zahlungsunfähigen Schuldner die Wahl: Gefängnis oder Taoudenni. 

Dies ist das Schicksal der meisten, die in den Minen verkommen. Das Schuldknechtsystem von Timbuktu hat sie zu Sklaven gemacht. Viele maurische Händler in der Stadt unterhalten eine Konzession in Taoudenni und versorgen die Minen mit immer neuen Arbeitskräften. Die lächerlich niedrigen Monatslöhne verrechnen sie mit den Schulden. Nur können diese nie getilgt werden. Jeden Sommer, wenn eine höllische Hitze Taoudenni leert, kommen die Minenarbeiter mit der letzten Karawane und leeren Händen zurück nach Timbuktu. Dann müssen sie, um sich zu ernähren, neue Kredite aufnehmen und im September wieder nach Taoudenni ziehen. Manche arbeiten schon 20 Jahre in den Minen.

Mohamed ist erst im Vorjahr nach Argogott gekommen. Und darüber zum Skelett geworden. «Ich kann nicht mehr», sagt er. «Ich versuche es jeden Morgen, aber es geht nicht. Ich kann die Platten nicht mehr heben. Ich kann nicht einmal mehr das Werkzeug heben.» Unsere Ohnmacht wird unerträglich. Was könnten wir tun? Mitleid zeigen? Was würde es ihm nutzen?

Aufbruch in Eile. Schnell, fast übergangslos, kommt die Nacht. Da taucht im Licht unserer Scheinwerfer ein dünnes Männchen auf. Mohamed ag Ataher. Er hat einen sauberen boubou angelegt, um sich würdig von Liman zu verabschieden. Sie halten sich einen Augenblick bei der Hand, schlagen sich gegenseitig auf die Schulter. Als Liman ins Auto steigt, lässt er einen 40-jährigen Greis zurück.

«Was ist aus dem Mann geworden?», fragt Luke Harding. Ich weiss es nicht, nur: «Es gab ein Nachspiel. Pascal Maitre, der Fotograf, kam 2006 erneut nach Taoudenni. Und musste die Minen schnell wieder verlassen. Fremde hatten sich in dem Ort eingenistet. Junge Männer, bewaffnet. Den Minenarbeitern hatten sie T-Shirts mit einem Abbild von bin Ladin geschenkt.» Versteht Luke, was ich sagen will? Die neuen Herren von Taoudenni waren die heutigen Jihadisten. Die Schlange war aus dem Ei geschlüpft.

Januar 2013, ein kurzer Augenblick in Sévaré

Wir wagen einen Vorstoss in Richtung Timbuktu. «Lass uns so tun, als hätten wir eine Erlaubnis von den Franzosen», schlage ich vor. Luke ist einverstanden, was haben wir schon zu verlieren? An der Nordausfahrt des Städtchens Sévaré, eine Viertelstunde von Mopti entfernt, halten wir an einer Strassensperre der malischen Armee. Ein Soldat kommt ans Wagenfenster, will unsere Papiere sehen. Wir zeigen die Akkreditierung des Informationsministeriums in Bamako. Jeder ausländische Journalist bekommt sie problemlos – ein Blatt Papier ohne Foto. «Wir haben auch eine mündliche Genehmigung seitens der Franzosen», lüge ich. «Ein Offizier erwartet uns in Timbuktu.» Dem Soldaten ist es egal, er hat andere Befehle. «Fahren Sie zurück in die Stadt», sagt er. «In der Kaserne fragen Sie nach Hauptmann Maiga. Er ist für Journalisten zuständig.»

Hat also nicht geklappt. «Wir können ja trotzdem zur Kaserne fahren», schlägt Luke vor. Ich weiss nicht. Die malische Armee ist mir nicht geheuer. Das Gros ihrer Soldaten ist disziplinlos, feige und brutal. Als die Jihadisten vor zwei Wochen nach Süden vordrangen, sind die malischen «Elitetruppen» geflohen wie Hasen vor dem Jäger. Hätten sie die nördlich von Sévaré gelegene Stadt Konna verteidigt, wären die Franzosen heute nicht in Mali. Und jetzt folgen die malischen Soldaten der Légion étrangère in die befreiten Ortschaften und rächen sich an angeblichen «Kollaborateuren» und «Verrätern». In einem Brunnen von Sévéré wurden vor ein paar Tagen über 20 Leichen entdeckt.

Am Kasernentor fragen wir nach Hauptmann Maiga. Ein Soldat macht sich auf die Suche, wir müssen draussen vor dem Tor warten. Irgendwann erscheint ein Mann in grüner Uniform. «Wie kann ich Ihnen helfen?», fragt er höflich. «Wir müssen dringend nach Timbuktu!» Hauptmann Maiga schüttelt bedauernd den Kopf. «Die Piste nach Timbuktu ist leider gesperrt.» – «Wir übernehmen das Risiko. Können wir uns einem Truppenkonvoi anschliessen?» – «Ein Armeelastwagen ist gestern auf eine Mine gefahren», entgegnet der Offizier nun etwas schroffer. «Zwei Soldaten wurden getötet.» Beschämt verabschieden wir uns.

Auf dem Bildschirm über der Hotelbar in Mopti geht der Krieg weiter. Die französischen Truppen erreichen Kidal, die letzte Hochburg von Ansar ad-Dine. Jener Terrorgruppe, die noch vor wenigen Tagen in Timbuktu tobte. Iyad ag Ghaly, der Führer von Ansar ad-Dine, wohnt in Kidal. Oder vielmehr wohnte dort. Iyads Haus, meldet ein Fernsehsprecher, sei von der französischen Luftwaffe zerbombt worden.

«Was ist wohl aus dem Haus von Ati ag Moussa geworden?», frage ich vor mich hin. Laut genug, dass Luke Harding es hören muss. «Meinst du den Schmuggler aus deiner ersten langen Geschichte?», fragt mein Kollege. Ich glaube, die Fortsetzung interessiert ihn. Januar 2001, Liman hält vor einem eisernen Hoftor, hupt dreimal. Das Tor öffnet sich.

Die Karawane der Marlboros

Freude. Umarmung. Mein alter Freund Ati ag Moussa! Das letzte Mal bin ich ihm vor neun Jahren begegnet, in jener mondlosen Nacht in Tamanrasset, als er mich von Algerien nach Niger geschmuggelt hat. Seither hat er sich in Kidal niedergelassen. In einem stattlichen Haus am Stadtrand, mit Blick auf die Wüste. In seinem zur Oase bewässerten Innenhof prunkt eine Parabolantenne, drinnen stehen ein Farbfernseher, ein Faxgerät, ein Satellitentelefon. Und vor dem Haus parkt auch längst nicht mehr der klapperige Pick-up von damals. Sondern die neuste Ausführung des japanischen 4x4-Know-hows. Hat Ati den Schatz von Ali Baba gefunden? Nein, erklärt mein Freund stolz: «Ich bin jetzt Marlboro!» So nannten sich in jenen Tagen die Zigarettenschmuggler der Südsahara. Die Ware kam steuerfrei aus Cotonou, dem Hafen von Benin, und gelangte auf Lastwagen nach Assamaka, Nigers letztem Dorf vor der algerischen Grenze. Dort deckten sich Schmuggler aus verschiedenen Ländern der Region ein. Allen voran Ati. Mindestens einmal im Monat fuhr er nach Assamaka, packte seinen Pick-up mit 25 000 Schachteln voll, um sie jenseits der Grenze zum doppelten Preis zu verschachern. Nach Abzug der Kosten für Benzin, Lohn für einen Helfer, Schmiergelder für ein paar Generäle blieb ihm von jeder Reise ein Gewinn in Höhe von zwei Millionen Francs CFA: 3000 Euro – in einem Land, dessen Bürger im Durchschnitt weniger als 300 Euro im Jahr verdienten. 

Damit waren die Marlboros die stärksten Wirtschaftsfaktoren im Norden Malis. Früher hatten die Nomaden im Ifoghas-Gebirge von Viehzucht und Karawanenhandel gelebt. Karawanen waren es auch gewesen, die ihr Vieh zu fernen Märkten geschafft hatten, in die Oasen-Städte Südalgeriens. Im Prinzip hatte sich daran nichts geändert. In der Praxis jedoch alles. Weil es nun die Grenze gab. Seit seiner Unabhängigkeit 1962 hatte Algerien die nomadisierenden Viehzüchter im eigenen Land sesshaft gemacht. Und war damit umso abhängiger geworden von Fleischimporten aus dem Sahel. Ein Umstand, der den Nomaden im Ifoghas eigentlich hätte zugute kommen müssen. Dort nämlich kostete ein Hammel ein Drittel von dem, was er 500 Kilometer weiter nördlich einbrachte. Aber die Algerier liessen keine malischen Karawanen in ihr Land. Stattdessen waren es algerische Lastwagenfahrer, die sich auf dem Viehmarkt von Kidal eindeckten. In ihre Taschen floss somit der Profit.
Unter diesen Bedingungen hatten Experten schon lange das Absterben des Nomadentums in Malis Norden prophezeit. Doch im Ifoghas hatten die Menschen gelernt, an eben jener Grenze zu verdienen, die ihnen ursprünglich die Existenzgrundlage zu rauben gedroht hatte. Nun zählte jeder Nomadenclan in seinen Reihen anstelle eines Karawanenführers mindestens einen Marlboro. Doch Ati, der König der Marlboros, fühlte sich noch immer als Nomade. Sein Haus in Kidal besass mehrere Schlafzimmer; er benutzte nicht eines davon. Schlief stattdessen draussen im Hof, in einem mit Matten ausgelegten Nomadenzelt. Nur dort fanden seine Sinne Ruhe: in Sichtweite von Mond und Sternen, auf der Haut das Gefühl von Wind, in den Ohren das Kläffen der Hunde, die nachts über die Staubpisten von Kidal streunten und das Nahen von Fremden signalisierten. In Wahrheit war Ati zwar längst vom Kamel auf Allrad-Antrieb umgestiegen, bewältigte in einer Stunde grössere Distanzen, als die Karawanen seines Vaters es an einem ganzen Tag vermocht hätten. Doch wann immer es ihm seine beruflichen Verpflichtungen erlaubten, brauste er aus der Stadt hinaus zu den Nomaden.

So wie an diesem Tag. Es geht heim, zu seinem Clan. Hinten auf dem Wagen liegen drei Sack Hirse für die Verwandtschaft. Sonst nur das Notwendigste: Kautabak, Tee, Zucker. Und versteckt unter der Dschellaba, dem weiten Wollgewand, ein dicker Haufen Geldscheine. Davon soll sein Onkel Aghali Tiere kaufen – für Atis eigene Herde draussen in den Wadis des Clans. Denn wozu wäre all das Schmuggeln nütze, könnte man sich davon nicht einmal eine solide Rücklage aus Ziegen, Schafen und Kamelen leisten? 

Bei Anbruch der Nacht erreichen wir unser Ziel. Als Erstes sehe ich einen einzelnen Reiter, das Gesicht verborgen hinter einem indigofarbenen Tagelmust, dem traditionellen Turban und Gesichtsschleier der Tuareg-Männer. Grüssend hebt der Nomade den Arm, Ati grüsst mit Hupen: «Mein Onkel Aghali.» Wie nur hat er ihn erkannt? Ati lacht: «Am Kamel! Nur Aghali besitzt eines von dieser Farbe. Rotbraun wie Azawad, die Ebene im Osten.» Er parkt den Wagen ein wenig abseits, einen Steinwurf vom Lager der Nomaden entfernt. Ein Dutzend Männer taucht aus der Dunkelheit auf. Einer hat einen Baumstamm im Schlepptau – unsere Sitzbank. Ein anderer wühlt mit den Händen eine Mulde in den Sand – für das Lagerfeuer. Dann erscheinen die Clan-Ältesten. Sie grüssen nach Nomadenart: die flache Hand sanft und reglos gegen die Handfläche des anderen gedrückt. Dazu eine Litanei sich ständig wiederholender Fragen: «Wie geht es dir? Wie geht es deiner Familie? Wie geht es deiner Herde? Wie geht es…»

Später, am Lagerfeuer, ist Ati der Held der Runde. Im Dunkeln heulen Schakale. Aber sie wagen sich nicht ans Lager heran, um das die zitternden Ziegen und Schafe einen immer engeren Kreis bilden. «Die Algerier jagen uns mit Hubschraubern», erzählt Ati. «Vorigen Monat haben sie eine Marlboro-Karawane von 60 Pick-ups erwischt.» Einige sind im Sand verblutet. Andere wurden aus ihren zerbombten Autos ins Gefängnis von Tamanrasset verfrachtet. Ati aber konnte entkommen. Wieder einmal. Im leeren Dreieck zwischen Mali, Niger und Algerien bleibt nur der Wind noch weniger fassbar als Ati ag Moussa.

Als ich mich schlafen lege, dauern Atis Abenteuer noch immer an. Im roten Licht der Feuersglut wirken die Männer gespenstisch: ein Dutzend verschleierter Nomaden im Halbkreis um einen verschleierten Schmuggler. Er, der moderne Karawanier, versorgt seinen Clan nicht allein mit Lebensmitteln und Geld. Sondern auch mit Geschichten und mit Hoffnung. Und was könnte wichtiger sein in dieser Wüste?

«Dies liegt nun 12 Jahre zurück», erkläre ich Luke zum Abschluss der Geschichte. «Wäre mein Blick in jener Nacht schärfer gewesen, hätte ich vielleicht im Licht des verglimmenden Feuers das Ei der Schlange zu erkennen vermocht. Und hinter seiner Membran alle Merkmale einer aus europäischer Sicht besonders giftigen Brut: die Zukunft der Marlboros.» Denn mit den Jahren fanden die Karawaniers der Moderne eine noch viel einträglichere Fracht als Zigaretten. Zunächst marokkanisches Haschisch, das sie von Mauretanien durch die Südsahara nach Ägypten schmuggelten. Dann Kokain. Im November 2009 wurde im Busch bei Gao das halb verbrannte Wrack einer Boeing 727 entdeckt. Offensichtlich hatte die Maschine Stoff aus Kolumbien transportiert. Laut Uno-Experten gelangten pro Jahr 50 bis 60 Tonnen Kokain über das Land der Marlboros nach Europa. Es war einer der Gründe, die Frankreich für sein militärisches Eingreifen in Nord-Mali anführte.

«Und dein Freund», fragt Luke, «was ist aus ihm geworden?» Mit Ati sprach ich zum letzten Mal Anfang 2012. Er rief in Paris an. Teilte mir mit, er sei aus dem Geschäft ausgestiegen – «aus gesundheitlichen Gründen». Nun sei er unterwegs nach Mekka, noch am selben Abend gehe sein Flieger. «Eine Pilgerfahrt erster Klasse?» Luke ist amüsiert. «Dein Freund musste es eilig haben.» Wie auch immer. Wenige Wochen nach seiner Rückkehr aus Mekka starb Ati ag Moussa, le Roi des Marlboros, an Krebs in einem Krankenhaus von Tamanrasset.

Februar 2013, ein Augenblick in Ségou 

Thiemokos Luftbrücke hat sich in Luft aufgelöst. Der Flieger kommt nicht, eine Wagenkarawane verzweifelter Journalisten rast nach Süden. In Ségou, auf halbem Weg nach Bamako, treffen Luke und ich Flüchtlinge aus Timbuktu. Zwei Familien, die Tourés und die Traorés. Sie sind hier bei einem gemeinsamen Bekannten untergekommen. Jetzt sieht es so aus, als könnten sie bald zurück in ihre Heimatstadt. 

Mama Touré, eine runde, ruhige Frau, berichtet zuerst. Von den Vergewaltigungen: «Die Islamisten holten sich Frauen und Mädchen aus unseren Häusern, wie es ihnen passte. Immer waren ihre Gesichter verschleiert. Du konntest nur ihre Augen sehen.» Und von den Auspeitschungen: «Meine Nachbarin, die gerade ein Kind zur Welt gebracht hatte, wurde auf einen Platz im Stadtzentrum geschleppt und erhielt 100 Peitschenhiebe. Weil sie nicht mit dem Vater ihres Babys verheiratet war.» Als die Islamisten den Laden der Familie in Stücke schlugen, weil dort früher Zigaretten und Bier verkauft worden waren, stiegen sie in den Bus und fuhren nach Ségou. 

Jetzt erzählt Mama Traoré von Timbuktu. Das Schlimmste, was sie dort habe mit ansehen müssen, sei die Steinigung eines jungen Paares gewesen: «Die beiden waren unverheiratet im Bett erwischt worden. Sie wurden bis zum Hals eingegraben, jeder in einem eigenen Loch. Dann warfen die Islamisten Steine, aus ein paar Meter Entfernung, als würden sie einen Wettbewerb im Zielen machen. Es dauerte über eine Stunde, bis die beiden Verurteilten tot waren.»

Wir sind für den Rest des Tages deprimiert. «Was für Menschen können so etwas tun?» Lukes Frage ist rhetorisch gemeint. «Möglicherweise habe ich einige von ihnen getroffen», sage ich. Mein Kollege zieht mich an einen ruhigen Tisch im Garten der Auberge. «Ich weiss, es wird eine längere Geschichte», errät Luke. 

Die Karawane der Ichomar

Eines Morgens in Kidal teilt mir Ati ag Moussa mit, er wolle einen Vetter besuchen: Ibrahim ag Bahanga. Der Mann betreibt seit zwei Jahren eine kleine Rebellion. An der Spitze von ein paar Dutzend Tuareg-Kämpfern hält er einen Brunnen im Ifoghas-Gebirge besetzt. Gestern Abend hat Ati einen Kamelreiter losgeschickt, um unser Kommen anzukündigen. Damit sein Cousin nicht aus Versehen auf uns schiessen lässt.

Wir durchqueren eine Ebene. Ohne Zelte. Ohne Herden. Stundenlang treffen wir niemanden ausser einem Wüstenfuchs, der verschreckt aus einem Grasbüschel schiesst. Bahangas Rebellion, erklärte Ati, sei «normal». Weil sich die Regierung in Bamako nicht an die Abmachungen eines Friedensvertrages von 1996 halte. 

Bahanga erwartet uns im Schatten einer Akazie: allein auf einer Kameldecke, neben sich die Kalaschnikow, ein Transistorradio, eine Teekanne – das komplette Outfit des Ichomar. 200 Meter entfernt parkt sein Pick-up, auf der Ladefläche prunkt ein aufmontiertes Maschinengewehr. Im Schatten des Wagens auf dem Boden ausgestreckt, döst ein 16- bis 17-jähriger Junge, die Arme im Genick verschränkt, den Turban über die Augen gezogen. Ist das die Leibwache des meistgesuchten Mannes von Mali? Klar, ich hatte von Bahanga gehört. Er galt als der radikalste unter Malis Tuareg-Rebellen. Geboren in Tin-Essako, einem Brunnen im Ifoghas, war er dort als Hirtenjunge aufgewachsen. Anfang der 1980er Jahre war er dem «Ruf Ghadhafis» nach Libyen gefolgt und in der Islamischen Legion zum Einzelkämpfer mit speziellen Killerfertigkeiten ausgebildet worden. Als Gründer des Mouvement Populaire de l’Azawad (MPA) hatte er 1990 die Tuareg-Rebellion im Norden Malis lanciert, gemeinsam mit Iyad ag Ghali, der 20 Jahre später die Scharia über Timbuktu verhängte.

Als ich ihn an jenem Tag besuche, ist Bahanga ein schlanker Mann von 30 Jahren, gekleidet in Jeans und Armeejacke, den Blick hinter einer Sonnenbrille verborgen. Er umarmt Ati und Liman, nickt mir höflich zu. Warum, wundere ich mich, nimmt die Armee ihn nicht einfach fest? Sein Aufenthaltsort ist ja kein Geheimnis. Wer sich in der Wüste niederlässt, tut es zwangsläufig am Wasser. Und jeder in Bamako weiss, an welchem Brunnen diese Rebellen seit nunmehr zwei Jahren logieren.
Wir sollen ihm in sein Hauptquartier folgen. Bahanga steigt in seinen Wagen, lässt den Jungen hinter das MG auf der Ladefläche klettern und fährt voraus. Fünf Minuten später halten wir vor einer scheinbar unbezwingbaren Barriere aus gewaltigen Felsbrocken und Geröll. Langsam schieben sich die Wagen weiter in das leicht ansteigende Granitfeld – auf einem Pfad, der erst aus nächster Nähe sichtbar wird. Die Rebellen müssen ihn in monatelanger Schwerstarbeit in das Geröllchaos gebrochen haben. Jetzt verstehe ich, warum es bisher niemand geschafft hat, Bahanga festzunehmen. Wer auf diesem Pfad zum Angriff rollt, kann jede Hoffnung auf Sieg fahren lassen. In Kurven müssen wie vor- und zurücksetzen, oft mit durchdrehenden Reifen, die zu qualmen beginnen. «Das Kühlwasser kocht», stellt Liman fest und klopft auf die Anzeigenadel.

Das Rebellenlager liegt in einem ausgedehnten Kessel, umgeben von einem Wall aus schwarzen Granitblöcken. Eine natürliche Festung. Als wir ankommen, veranstalten die Rebellen eine Willkommensparade. Da marschieren Nomadensöhne im glitzernden Behang von Gewehren, Magazinen, Panzerfäusten und Patronengurten. Keine wirkliche Streitmacht. Eher eine Kommandotruppe, die meist des Nachts ausschwirrt, um im Morgengrauen loszuschlagen: gegen eine Polizeistelle, eine Gendarmerie, einen einsamen Armeeposten. Um Waffen zu erbeuten und «Gefangene» zu machen. Geiseln wäre vielleicht der treffendere Ausdruck. Zwanzig von solchen armen Schluckern halten die Rebellen gerade in ihrer Gewalt.

Wozu das Ganze? «Wir fordern», erklärt Bahanga, «dass die Regierung die Gegend von In-Tedjedit zur Gemeinde erklärt.» Ich verstehe nicht. Ati erklärt: Es geht um eine Region, in der rund 80 000 Menschen leben – und ständig in ihr umherzogen. Weil sie nicht genügend Wasser finden. Jedes Jahr verdurstet rund ein Dutzend dieser Nomaden. Auf der Suche nach Weiden müssen sie ihre Herden so weit von den wenigen Brunnen forttreiben, dass ihr Wasservorrat nicht immer für den Rückweg reicht. «Wäre dieses Gebiet eine Gemeinde», schliesst Ati, «könnten die Nomaden einen Bürgermeister wählen.» Denn nur ein Bürgermeister, fährt nun Bahanga fort, dürfe in Mali Kontakte zu internationalen Hilfsorganisationen aufnehmen: «Die würden wir dann bitten, für die Nomaden Brunnen zu bauen.» Seine Gründe erscheinen mir ebenso einleuchtend wie erschreckend. Was für ein Land ist das, in dem Ichomar eine Rebellion betreiben wie anderswo Krämer einen Laden? Wo sie töten für das Recht, im Ausland um Hilfe zu betteln? 

Stolz weist Bahanga auf seine exerzierenden Kumpane: «Die Armee der Nomaden!» Einer fällt mir besonders auf. In grünem Jackett mit goldenen Knöpfen, Kordeln und Epauletten wirkt er wie eine Operettenfigur. «Eine Parade-Uniform der malischen Gendarmerie», erklärt Bahanga. «Wir haben ihre Kaserne am Unabhängigkeitstag überfallen.»

Eine Weile noch schaute ich an jenem Tag den militarisierten «Nomaden» beim Exerzieren zu. Sie ähnelten jenen ersten 17, die ich zehn Jahre zuvor im nigrischen Aïr-Gebirge getroffen hatte. Dasselbe leichtfertige Gehabe, dieselbe verspielte Mordlust. Ichomar – durch und durch. Mit einem Unterschied. Die Truppe, die hier unter dem Befehl Bahangas aufmarschierte, bestand nicht mehr allein aus Libyen-Veteranen. Neue Rekruten waren dabei. Junge Burschen, die nichts Besseres vorhatten, als was sich mit einer Knarre anstellen lässt. Weil sie keine attraktivere Zukunft für sich erkennen konnten. Weil sie nichts anderes gelernt hatten. Wegen eines Mangels an allem. Das Einzige, was es in ihrer vertrockneten Heimat im Überfluss gab, waren Waffen und Langeweile. Und die Beute lag in Reichweite. Sie lag in den Städten. Fast erinnerten sie mich an die entwurzelten Immigrantenkinder in den Vorstädten von Paris. Gerade so, als wäre diese Rebellenfestung im Ifoghas-Gebirge eine Banlieue von Timbuktu und Gao. Das Ungeheuer im Ei der Schlange hatte sich weiterentwickelt. 

Was Ibrahim ag Bahanga betrifft, so hat auch er noch eine Karawane organisiert. Sie führte von Libyen nach Mali und bestand aus Pick-ups, voll beladen mit Waffen und Munition aus den Kasernen der in Chaos endenden Ghadhafi-Herrschaft. Ohne den Krieg in Libyen hätte es keinen Krieg in Mali gegeben, glauben die Franzosen. Sie haben recht. Und ohne die Hilfe der Ichomar wäre auch al-Kaida nicht nach Mali gekommen. Bahanga und sein alter Kampfgefährte Iyad ag Ghali vollzogen einen aus ihren Augen nötigen Allianzwechsel. Jahrelang hatten sie Ghadhafi unterstützt, nun verbündeten sie sich mit dessen islamistischen Feinden. Gemeinsam mit Terroristen, Geiselnehmern und Drogen-Schmugglern übernahmen die hochgerüsteten Ichomar die Kontrolle über Malis Norden. 

«Doch der letzte Triumph blieb Bahanga versagt», erzähle ich meine Geschichte zu Ende. «Im August 2011, ein halbes Jahr, bevor die Schlange die Macht über Timbuktu und Gao an sich riss, kam Ibrahim ag Bahanga bei einem Autounfall im Busch bei Gao ums Leben.»

Februar 2013. Ein letzter Augenblick in Bamako 

Aus unserer Reise nach Timbuktu wird nichts mehr. Luke Harding ist schon wieder in London. Ich bleibe noch eine Nacht in Bamako, morgen geht der Flieger nach Paris. Der Fernseher in meinem Hotelzimmer zeigt französische Truppen, die im Adrar des Ifoghas nach letzten Jihadisten suchen. Die Region, glaubt der Sprecher, werde wohl auf unabsehbare Zeit eine «Unruhezone» bleiben.

Ich rufe Liman an. Auch er hat jetzt ein Handy, aber selten Empfang, seit er die meiste Zeit bei seiner Kamelherde am Wüstenrand verbringt. Heute habe ich Glück. «Wie steht es mit den Salzkarawanen im Ténéré?», frage ich. «Gibt es sie noch?» Limans Stimme klingt unendlich fern. Ich kann seine Antwort nicht verstehen. Dann ist er weg, verschwunden im Äther über der Wüste. Ich hatte nicht mal Zeit zu sagen, dass ich ihm diese Erzählung widme. Ihm, meinem Freund Liman ag Feltou, dem weisesten noch lebenden Tuareg, den ich kenne. Zwischen Sahel und Sahara ist die Verbindung oft schlecht in diesen Tagen.

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