Tochter zu verkaufen

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Der Krieg in Syrien schickt ihnen preiswerte Schönheiten: Arabiens Männer shoppen Flüchtlingsfrauen in Jordanien.

Daniela Schröder

«Seltsame Idee», sagt Mahmoud, der Übersetzer, als ich ihm in einem Café in Amman von meinen Fragen erzähle. «Was ist daran seltsam?» – «Dass es bei deiner Geschichte um Männer gehen soll.» Er zieht an seiner Wasserpfeife, guckt in die Luft, schweigt. Ich schaue ihm in die Augen und warte auf mehr, auf eine Erklärung, was an meinen Fragen falsch sein soll: Warum häufen sich in jüngster Zeit immer wieder Berichte aus Jordanien über syrische Flüchtlingsfrauen und -mädchen, die unter sexueller Gewalt leiden? Warum nutzen arabische Männer das Elend der Flüchtlingsfrauen aus? Von Elendsprostitution ist die Rede, von sexueller Nötigung, Mädchenhandel, Kurzzeit-Ehen, Kinderbräuten. Ausgerechnet arabische Männer, die getreu ihrer Kultur die Starken, die Beschützer sind. Warum verraten sie ihre klassische Rolle? Mahmoud sieht mich nicht an. «Ach, eigentlich auch egal», sagt er schliesslich und lächelt süffisant. «Du bist hier der Boss, und ein Job ist nun mal ein Job.»

Die Berichte über das Elend der Syrerinnen beschäftigen mich, die Situation der Frauen berührt mich. Doch mit jedem weiteren Artikel, den ich lese, denke ich mehr über die Männer nach, die dafür verantwortlich sind, was den Frauen passiert. Es erscheint mir paradox. In der arabischen Welt ist der Mann doch der Starke, der Beschützer, die Frau ist die Schwache und zu Beschützende. Warum werden Beschützer zu Tätern, frage ich mich.
Mahmoud hat ein paar Semester Englisch studiert, seitdem arbeitet er als Übersetzer und Fremdenführer, ein Kollege hat ihn mir empfohlen. Mahmoud ist angezogen wie die Puppen im Schaufenster spanischer Modeketten, hat penibel gezupfte Brauen und einen exakten Dreitagebart, ich schätze ihn auf Anfang 40, er ist Mitte 30. Alles in allem ist Mahmoud ein gutes Beispiel dafür, wie sehr arabische Männer auf ihr Äusseres achten, ständig spiegelt er sich in seinem Smartphone. «Simple, easy», das ist sein Lieblingsspruch, alles ganz einfach, alles cool. Ich ahne, dass es mit uns nicht gut gehen wird.

Auf der ersten gemeinsamen Taxifahrt steigt Mahmoud vorne ein, natürlich vorne, so viel zum Thema Boss. Der Taxifahrer – Glatze, Knubbelnase, Haarkranz wie ein Mönch – zündet sich an der alten eine neue Zigarette an, zieht ohne Seitenblick nach links und hupt ein Taxi aus der Spur. Im Radio läuft arabischer Pop, Mahmoud dreht auf Nachrichten. Suriyya, Syrien, höre ich heraus und immer wieder Bashar, den Vornamen des syrischen Machthabers al-Asad. «Ja, ja, ja», sagt der Taxifahrer und bläst Rauchkringel aus dem Fenster. «Und nun bringen sie sicher noch was über syrische Frauen, vielleicht gibt es sogar schon einen Werbespot.» Er guckt zu Mahmoud hinüber, dann lachen sie, dass ihnen die Augen tränen.

«Syrerinnen», erklärt Mahmoud, als er sich wieder beruhigt hat, «sind die schönsten aller Frauen», im ganzen Nahen Osten für ihre Anmut berühmt. Der Fahrer nickt, langsam und mit Nachdruck. «Wenn ich ein syrisches Mädchen sehe», sagt er und faltet kurz die Hände, «ich schwöre bei Gott, dann geht in mir die Sonne auf. Veeery beautiful, veeery sexy, veeery nice smile.»

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