Tom verlässt seine Frau für einen Mann

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Jahrelang täuscht er sich selbst. Bis er sich heftig verliebt.

Marc Bädorf

Tom und Scarlett waren ein glückliches Paar. Sie haben sich im Jahr 1971 an der University of California kennengelernt, sie war Doktorandin, er Assistent, der für drei Jahre in den USA arbeitete. Er hat sich sofort in sie verliebt, sie auch in ihn, und sie wurden ein Pärchen, nein, ein Paar. Dem es so ernst war mit der Liebe, dass Scarlett ihr Heimatland verliess und mit Tom umzog, als er das Angebot bekam, an einem Lehrstuhl in Deutschland zu arbeiten. Sie heirateten im Jahr 1973, bekamen drei Jahre später einen Sohn. Dass keine weiteren Kinder hinzukamen, hatte nur einen Grund, und zwar den, dass es Scarletts gesundheitliche Verfassung – eine Herzkrankheit, um genau zu sein – nicht zuliess. Sie waren zärtlich zueinander und hatten Sex, vielleicht nicht viel häufiger als andere Ehepaare, aber auch nicht weniger.

1984, sie waren seit dreizehn Jahre zusammen, bekamen sie ein halbes Jahr lang immer wieder Besuche von einem Freund von Tom. Er hatte eine Gastprofessur in ihrem Wohnort inne, manchmal übernachtete er bei ihnen. An einem dieser Abende sass er mit Tom im Wohnzimmer. Scarlett schlief schon, ihr Sohn ebenso.

«Tom», sagte der Freund, «ich muss dir was sagen, was dich möglicherweise schockiert.»

«Mach schon», sagte Tom, «mich kann so leicht nichts schockieren.»

«Ich bin schwul», sagte der Freund.

«Ich auch», antwortete Tom.

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