Toxische Operation

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Neue Herzklappen retten Leben, wenn dabei keine Keime mitkommen. Was wussten die Verantwortlichen?

Vanessa Mistric

Bei Moliets trifft der Atlantik auf die Küste, wirbelt meterhohe Wellen auf und schiebt die Gischt über feinen Sand. Ein 50-jähriger Basler steigt aus seinem Wohnwagen, den er auf dem angrenzenden Campingplatz geparkt hat. Nennen wir den Mann Wagner. Er macht einen Roadtrip entlang der französischen Küste, mit seiner Frau und seinen zwei jugendlichen Töchtern. Wagner hat auch zwei Söhne, die haben in den Schulferien aber andere Pläne. Es ist ein heisser Tag im Juli 2016, Unbeschwertheit liegt in der Luft. Doch als Wagner seinen Blick über den Strand schweifen lässt, so erinnert er sich später, wird ihm bewusst: Vielleicht ist dies das letzte Mal, dass er das Meer sieht.

Seit er vor einigen Stunden mit seiner Lungenärztin aus der Schweiz telefoniert hat, ist alles anders. Wagner habe sich mit Mycobacterium chimaera infiziert, sagte sie ihm, die Sterberate liege bei 50 Prozent. Das Bakterium lebt im Wasser und ist für Menschen normalerweise ungefährlich, eigentlich. Bis M. chimaera es auf einmal schaffte, zunächst unbemerkt in Dutzenden Spitälern in der Schweiz, Europa, den USA und Australien während Operationen ins offene Herz von Patienten zu gelangen – und dort eine lebensgefährliche Entzündung zu verursachen. Zu dem Zeitpunkt, als Wagner mit seiner Ärztin telefoniert, waren allein in Europa an die 50 Personen mit dem Keim diagnostiziert – und nun auch Wagner.

Auf der Skipiste im Dezember 2013 nimmt das Unglück seinen Anfang, drei Jahre vor dem Roadtrip am Atlantik. Wagner lässt sich mit dem Schlepplift den Hasliberg im Berner Oberland hinaufziehen, um eine Buckelpiste zu fahren. Als er sich bei der Abfahrt in die Kurve lehnt, spürt er sein Herz doppelt schlagen. Er japst nach Luft, muss bremsen, ist genervt. Schon lange weiss Wagner, dass seine Herzklappen undicht sind. Er muss um die 30 gewesen sein, als das einem Arzt zum ersten Mal auffiel. Doch erst mit 40 begann sich der Herzfehler bemerkbar zu machen. Beim Sport ging Wagner immer schneller die Luft aus. Nun, mit 47, hat er sie langsam satt, die Stimme in seinem Kopf. Die ihn mahnt, langsamer zu machen. Die Touren abseits der Pisten schafft Wagner längst nicht mehr. Sie fehlen ihm. Wenn der eisige Wind sein Gesicht streifte, während er auf Ski einen Hang bestieg, oder auf einer steilen Abfahrt Spuren in den Pulverschnee zog, fühlte er sich frei.

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