Traumschiff für alle!

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Trotz Unfällen und Pannen blüht das Geschäft mit Kreuzfahrten wie noch nie.

Sibylle Berg

Noch in Sicherheit

Das Licht ist ausserordentlich hell, es ist März, und die Sache wird nicht besser durch die Mittagssonne, die in einem zu ehrlichen Winkel den weissen Haufen Metall bescheint. Davor drängt sich die Menschenmasse, zu der keiner gehören will und die ohnehin nur aus den anderen gebildet wird. Es sind rund viertausend andere, jeder in der Lage, über 1000 Euro für eine Minikreuzfahrt zu zahlen. Da ist er also, der ehemals solide Mittelstand, die Basis unserer Gesellschaft, die

heute noch das Füllmaterial bildet, auf dem die Globalisierungsgewinner herum springen. 

Sie sind Ticketkontrolleure, Sachbearbeiter, Personalchefs bei der 

Post und Sachbearbeiterinnen bei den Elektrizitätswerken. Sie sind aus Korea gekommen, Brasilien, China, viele Italiener stehen in Savona, 

jetzt erst recht, um ihrer Kreuzfahrtgesellschaft Costa, die Amerikanern 

gehört, die Stange zu halten. Aufgeregt sind sie, nervös, der Mensch vor

 der Technik, vor der «Titanic», wie gross sie ist. Extrem gross, absurd gross ist das Ding, es scheint die beschauliche Kleinstadt zu verdunkeln. Zwölf Geschosse hoch, zweihundertneunzig Meter lang. Knapp viertausend Passagiere, tausendeinhundert Angestellte. Das sind eindeutig mehr Menschen, als in einem Hochhaus wohnen, und mit dem fährt ja verdammt nochmal auch keiner auf dem Wasser herum. Alle Altersgruppen, ein Paar Rollstuhlfahrer, eine Gruppe geistig Behinderter, sehr viele Junge, und alle ähneln sich. Das ist das Erschütternde, denkt man doch, dass sich die Welt um einen selber dreht, dass alle so gleich aussehen, weil der Hersteller mit so einem Gesicht nicht viel mehr machen kann, als Augen, Mund und Nase anzubringen.

Falls man es noch nicht ahnte, dass man mit Betreten eines Kreuzfahrtschiffes, eines Schiffes also, das ohne Sinn, Verstand und jegliche Beförderungsleistung auf dem Meer herumeiert, seine angenommene Individualität aufgibt, dann weiss man es jetzt. Nach dem Abliefern des Personalausweises, jede Möglichkeit zur Flucht ist ihm genommen, wird der Mensch fotografiert. Vor einer gemalten Meereskulisse, mit zwei grinsenden Stewards, die seitlich in jede Foto springen. Tausende Male salutieren sie, lachen, da weiss man am Ende eines Tages, was man gemacht hat. Ich lasse mich mit anderen über einen Steg an Bord schieben, verwirrend viel gehämmertes Messing macht meinen Blick nervös, an jeder Ecke ein menschliches Schild, das den Weg weist, teilnahmslos blickende Angestellte, mitunter arbeiten Menschen aus 70 verschiedenen Ländern auf dem Schiff, oder ist es ein Boot?, und alle scheinen von den Philippinen zu kommen. Sie weisen die Gäste zu Fahrstühlen, die, mit nackten Göttern bemalt, zu flüstern scheinen: «Steig ein, ich fahre dich in die Hölle.»

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