Trinken aus Gedichten

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In der Bibliothek von Kabul zelebriert ein Meister der Sufis die Verse Rumis.

Marian Brehmer

«Wonach auch immer wir suchen, es ist bereits in uns.» In Linien von rechts nach links tauchten die Buchstaben auf der Tafel auf, besprenkelt mit filigranen Punkten. Iran, im Januar 2014. Ich sass im Farsi-Literaturunterricht für Ausländer am Sprachinstitut der Uni Teheran. Gerade hatte unser Professor ein Gedicht des persischen Mystikers Jalaluddin Rumi vorgelesen. Wie immer beim Rezitieren persischer Poesie klang die Stimme meines Professors musikalisch und mitreissend. Sorgfältig schrieb ich die Buchstaben ab, neben mir Studenten aus Italien, Korea und Lettland.

Die kurvigen, noch etwas wackeligen Farsi-Worte in den Quadraten meines Notizbuchs hallten in mir nach. Ich spürte, wie sich noch während des Abschreibens eine Welle der Freude in meiner Magengegend brach; alles fühlte sich auf einmal klarer an und wirklicher. Eine tiefe Stille, wie ich sie manchmal beim Reisen oder beim Meditieren erlebt hatte, breitete sich in mir aus. In diesem Moment wusste ich: Dieses Gefühl war es, wonach ich suchte. In jenem Teheraner Winter öffnete sich mir ein Fenster zur Welt der persischen Sufi-Dichtung, voll sprachlicher Schönheit, Weisheit und harmonischer Rhythmen.

Ein Sinnsucher war ich schon seit längerem gewesen. Den Sufismus, also die islamische Mystik, hatte ich 2009 in Syrien kennen und schätzen gelernt. Damals, im Jahr vor meinem Abitur, war ich als Stipendiat zu Gast bei Sufis in einer Aleppiner Altstadtmoschee. Ich schlief auf deren Balkon auf einer Matratze, liess mich durch den Gebetsruf wecken und nahm an den Gebetszeremonien der Sufis teil. Der Klang des gesungenen Koran und die Spiritualität der Menschen begeisterten mich genauso wie ihre Gastfreundschaft.

Poesie allerdings hatte nie eine Rolle in meinem Leben gespielt. Heimische Lyrik, das war zu Schulzeiten trockene Gedichtanalyse im Deutschunterricht gewesen. Irgendwie angestaubt, ein kulturelles Fossil. Ohne Bezug zu meiner Lebensrealität. Doch Rumi fühlte sich anders an. Bis heute habe ich keine rationale Erklärung dafür, warum mich gerade die fast 800 Jahre alten Verse eines persischen Mystikers derart berühren – und dazu auch noch in einer Sprache, die nicht die meine ist.

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