Verführt Verwöhnt Verzockt

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Campione am Luganersee: Erst kamen die Casino-Millionen, dann der Bankrott.

Marzio G. Mian

Zum Glück war mir bei meinem ersten Besuch in der Wallfahrtskirche Santa Maria dei Ghirli am Seeufer vor dem Dorf das Jüngste Gericht entgangen. Das fünf Meter hohe und neun Meter breite Fresko aus dem fünfzehnten Jahrhundert befindet sich an die äussere Südwand verbannt, unter einem Säulengang, mit Blick auf den kleinen Friedhof, der die Kapellen der alteingesessenen Familien aus Campi-
one beherbergt, die Taroni, Bianchi, Moretti, Grandini. Ich sage zum Glück, denn als ich später die Protagonisten dieser Geschichte traf, hätte ich sie unweigerlich mit der schrecklichen Szene in Verbindung gebracht, die darauf zu sehen ist und die heute wie eine düstere Vorahnung oder ein Fluch erscheint, trotz der zarten, zwischen Rosa und Hellblau abgestuften Farben des Bildes, beinahe als wollte es sich auch dadurch noch über die von Sünde gezeichneten Seelen empören. Ich wäre seinem Einfluss erlegen, die Gesichter, die Blicke derjenigen, die ich in Campione kennengelernt habe, wären verschwommen und schliesslich verschmolzen mit denjenigen der Männer und Frauen, die sich zu Füssen Christi drängen. Eines Christus, den ich noch nie so wütend und apokalyptisch gesehen habe: Unbehaglich sitzt er auf einem mächtigen Thron, zitternd vor Zorn in seiner Rolle als unerbittlicher Rächer, der auf die Erde zurückkehrt, um der Korruption ein Ende zu machen. Und wirklich scheint die gestikulierend zusammengepferchte, von Erzengeln mit Schwertern bedrohte Menschenmenge keineswegs zerknirscht und reuevoll, ganz im Gegenteil, eine Nonne entblösst schamlos ihre Brust, zur Hingabe bereit, ein Händler bietet Geld in der Überzeugung, er könne selbst die Vergebung des höchsten Richters erkaufen. Andere würfeln unerschütterlich weiter. Im Hintergrund sieht man Folterinstrumente, keine Spur von Fegefeuer oder Paradies, die verlorenen Seelen werden gepackt und von geflügelten Teufeln sogleich weggeschafft.

«Gehen Sie die Wallfahrtskirche besuchen, und schauen Sie sich an, was dies für ein Ort ist», so der Ratschlag des Priesters, Don Eugenio Mosca, des letzten Menschen, mit dem ich in Campione gesprochen habe. «Dies ist das Reich des Teufels», warnte er mit einem fast feindlichen Grinsen im Vorraum des Pfarrhauses, vielleicht, weil ich sein heiliges Mahl unterbrochen hatte – das war ersichtlich, weil er die zusammengerollte Serviette wie einen Knüppel schwang. «Der leichte Reichtum war gewiss kein göttlicher Segen, Gott ist nicht da, wenn Geld im Übermass erhält, wer keine Opfer bringt! Was kann der Abgrund, in den das Dorf nun gestürzt ist, anderes sein als ein Zeichen des Herrn?»

In einer ganz anderen Stimmung besuche ich mit Sabrina zum ersten Mal Santa Maria dei Ghirli, als Abschluss eines langen Spaziergangs, bei dem wir uns kennenlernen. Sie will mir Zugang zu ihrer Welt verschaffen, zu ihrer Geschichte, ihren Gedanken. «Hier finde ich ein wenig Frieden. 2018 geschah dies oft, draussen ging die Welt unter, und ich setzte mich hierhin, um dem Albtraum zu entrinnen.» Wir gehen unter Zypressen und Steineichen des kleinen Parks entlang, der sich zwischen Felsen dem See entlangzieht. Der Weg führt zur scherenartig gespreizten Doppeltreppe aus grauem Stein, dem Zugang zur Kirche am See. «Die Bräute kommen mit dem Schiff», sagt Sabrina. Dann korrigiert sie sich: «Sie kamen. Wer wird denn heute noch Campione zum Hochzeitsort wählen? Es war das Reich des Glücks, und es ist zum Reich des schwarzen Unglücks geworden, wie es schwärzer gar nicht geht.» Die Beete strotzen vor Gestrüpp, das Gras steht hoch am Strassenrand, der grosse Mosaik-Brunnen am Dorfeingang, wenn man von Brissone kommt – gleich nach dem Marmortor, das 1937 mit seiner Inschrift «Campione d’Italia» von den Faschisten erbaut wurde –, ist ausgetrocknet, moosbefleckt, an den Ecken der Bürgersteige hat der Wind Blätter zweier Herbste angehäuft, das verrostete Bus-Schild wankt und knarrt bei jedem Luftzug, die Abfalleimer quellen über auf dem verlassenen Parkplatz, einem der vielen Parkplätze und Parkhäuser, die in einer Gemeinde mit rund 1900 Einwohnern insgesamt bis zu 3000 Autos aufnahmen und die nun leer sind. «Wir waren das Las Vegas der Alpen, und jetzt sind selbst Heckenschneiden und Unkrautjäten ein Luxus. Wir sehen aus wie – das heisst, wir sind – die schlimmste italienische Gemeinde inmitten einer der schönsten Schweizer Landschaften. Ein krankes Glied an einem gesunden Körper. Mit der Schliessung der ‹Fabrik› ist das Spiel aus, les jeux sont faits», sagt Sabrina, während wir ins Auto steigen. Wir fahren durch die kurvenreiche Via Totone, bis wir talaufwärts zur Grenze gelangen. Hier oben thronen neben einem Stück Schweizer Wald, wie ein natürlicher Balkon über dem Luganersee, die italienische Hochebene des Sighignola und das Intelvi-Tal.

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