Verloren in Chongqing

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In der grössten Stadt der Welt hilft ein Blinder beim Sehen.

Urs Mannhart

Hätte ich gewusst, dass Rung Li dort wohnt, wäre ich viel früher schon nach Chongqing gereist. Aber so ergeht es dem Menschen: Sein Leben lang bewegt er sich wie eine Schnecke, auf dem Kopf als Fühler zwei Stummel.

China empfängt mich freundlich: Der Taxichauffeur, den ich am Flughafen Schanghai seines sympathischen Gesichtes und seiner O-Beine wegen auswähle, versteht kein Wort Englisch und strahlt mich an, als hätte ich ihm gestern schon einen Witz erzählt, der ihn auch heute blendend amüsiert. Die Adresse des Hotels, die ich ihm, vermeintlich gut vorbereitet, ausgedruckt in grossen Lettern unter die Nase halte – er kann sie nicht lesen. Das kümmert ihn wenig: Hauptsache, er hat einen Kunden. Mit dem Gepäck drücke ich mich auf den Rücksitz, er klemmt sich hinters Steuer, abgetrennt von mir durch eine transparente, mit einem Rauchverbot beklebte Kunststoffwand, die seinen Sitz und damit auch ihn umgibt wie eine billige Verpackung. Es dauert, bis ich ihm begreiflich machen kann, dass er die auf meinem Blatt stehende Nummer wählen soll, um Auskunft zu erhalten über die Adresse, zu der ich gefahren werden möchte. Amüsiert blickt er durch den Rückspiegel in mein Gesicht, hält mein Papier in beiden Händen, gleichzeitig hält er auch das Lenkrad seines Kleinwagens, mit dem wir vom Flughafen auf eine Autobahn zurollen. Ich sage rollen, denn der Mann wagt, weil er nicht versteht, wohin ich will, nicht richtig zu beschleunigen, was dazu führt, dass wir mit 37 km/h die grosszügige Autobahnauffahrt nehmen. Da endlich greift er zum Telefon. Lange und engagiert bellt er in den Apparat: Das Gespräch nimmt ihn derart in Anspruch, dass ihm nicht auffallen kann, dass wir, halb auf dem Pannenstreifen, dann wieder wie besoffen hinübergondelnd in die erste Spur, mit einem fussgängerzonentauglichen Tempo vor uns hintuckern, als befänden wir uns allein auf einem Feld-Wald-und-Wiesen-Weg, während wir in Wahrheit wieder und wieder um ein Haar kollidieren mit dem restlichen, sich an den maximal erlaubten 120 km/h orientierenden Verkehr.

Endlich gibt er mir strahlend das Papier zurück, kurbelt sein Fenster zwei Handbreit hinunter, zündet sich eine Zigarette an und fügt sich, genüsslich rauchend, richtig in den Verkehr ein. Der fliesst eine lange Weile auf vier Spuren zügig auf eine Stadt zu, von der, weil alles flach ist und nebelverhangen, nicht das Geringste zu sehen ist. Später aber, als sowohl die fertigen wie auch die unfertigen Wohnblocks höher werden und der dreckige Winternebel dichter wird, gerät dieser Verkehr ins Stocken, sodass wir mehrfach überholt werden von einer Fahrrad fahrenden Frau, die auf einem sehr tiefen Sattel sitzt. Traumgleich und ohne einen lesbaren Gesichtsausdruck strampelt sie auf das Zentrum zu, und je öfter wir sie überholen, je öfter sie dann wieder uns überholt, desto dringlicher wird mein Wunsch, sie zu überreden, den Sattel deutlich höher zu stellen, damit die in ihren Oberschenkeln vorhandene Muskelkraft statt ins Knie auf die Pedale wirken könnte. Wieso aber soll jemand schneller Fahrrad fahren, wenn er bereits schneller ist als die Autos?

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