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Jeden Morgen blättert sie zum Kaffee einen digitalen Katalog fremder Lebensentwürfe durch.

Esther Göbel

Eine junge Frau steht in einem Berliner Supermarkt und kann sich nicht entscheiden. Der Edeka, in dem sie sich durch die Regaltunnel schiebt, ist ganz neu und riesig, nicht vergleichbar mit dem kleinen, in dem sie sonst immer einkaufen geht. Aber sie wollte sich die Sache einmal ansehen. Eine Tiefkühlpizza wollte sie kaufen, Ristorante von Dr. Oetker, «Spinat mit Käse». Doch jetzt steht sie vor vier Regalfächern Tiefkühlpizza, die sich vom Boden bis fast unter die Decke ziehen. Sie staunt, dass ein einziger Supermarkt ein solches Sortiment aufbieten kann. Ihr Gesicht wirkt müde und fahl im Neonlicht, die Kühlung rauscht. Sie tritt einen Schritt zurück, um das Angebot in seiner Breite besser erfassen zu können. Auf einmal gerät sie in Zweifel, ob «Spinat mit Käse» wirklich die beste Wahl ist. Vielleicht doch «Viermal Käse»? Oder «Pizza Salami», ausnahmsweise? Ja, schon klar, ist Wurst drauf. Wollte sie nicht mehr essen. Wegen der Tiere, wegen des Klimas. Aber. Nur heute. Andererseits: Sie hat seit mindestens zwei Wochen keine Pasta mehr gegessen. Oh ja, Pasta! Sie lässt die gläserne Pizza-Regalwand hinter sich und bewegt sich Richtung Nudelregal.

Was will ich? Das ist die eigentliche Frage unter all den Fragen, die die junge Frau sich im November 2019 stellt. Ständig fragt sie sich etwas. Als sässe in ihrem Kopf ein aus den Fugen geratenes Orchester, dessen Mitglieder keine Instrumente im harmonischen Einklang spielen, sondern ständig in einem Chaos schiefe Töne in den Raum posaunen. Die Fragen schreien sie an: Was will ich? Wer bin ich? Will ich ein Kind? Und wann? Wird mein Leben dann besser? Oder schlechter? Wenn ich niemals eines bekomme, bin ich dann eine mangelhafte Frau? Muss jede eins haben? Wohin mit dem Zweifel? Wohin mit der Angst? Stimmt etwas nicht mit mir, weil ich nicht weiss, was ich will? Woher wissen es die anderen? Tun alle nur so, als seien sie sicher? Ist es am Ende egal, was ich entscheide?

Immer dann, wenn die junge Frau fast das Gefühl der Erleichterung überkommt, weil sie sich endlich dazu durchgerungen hat, einen der vielen Gedanken zu Ende zu denken, posaunen schon wieder das nächste Aber und die nächste Frage dazwischen. So geht das die ganze Zeit. In ihrem Kopf ist niemals Ruhe. Ausser wenn sie arbeitet. Oder schläft.

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