Vertauschte Zwillinge

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Ein Fehler im Spital stellt das Leben zweier Brüderpaare auf den Kopf.

Susan Dominus

An einem Sonnabend im Sommer 2013 waren zwei attraktive junge Frauen unterwegs, um Schweinerippchen zu besorgen, die sie später am Tag grillen wollten. Janeth Páez schlug vor, zu einem Lebensmittelgeschäft im Norden Bogotás in der Nähe des Wohnortes ihrer Freundin Laura Vega Garzón zu fahren. Dort stand William, ein netter junger Cousin von Janeths Freund mit unüberhörbar ländlichem Akzent hinter der Fleischtheke, filetierte Rind und schnitt Schweinepfötchen zu, die seine Kunden am liebsten mit Bohnen zubereiteten, und Janeth war sicher, dass sie die Rippchen bei ihm zu einem besonders guten Preis bekommen würden.

Als Laura Janeth in das Lebensmittelgeschäft folgte, war sie überrascht, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Hinter der Fleischtheke stand einer ihrer Kollegen aus der Ingenieurfirma Strycon, und sie winkte ihm fröhlich zu. Er nahm sie allerdings kaum zur Kenntnis. «Das ist Jorge!», sagte sie zu Janeth. «Er arbeitet bei mir im Büro.» Jorge war ein allseits beliebter 24-jähriger Mitarbeiter, der ein paar Stockwerke über ihr Rohre für die Weiterleitung von Öl entwarf, deshalb wunderte sie sich, ihn hier Kunden bedienen zu sehen.

«Du irrst dich, das ist William», erwiderte Janeth. William war ein fleissiger Arbeiter und verliess die Fleischtheke praktisch nur zum Schlafen, so dass sie sicher war, dass er nicht bei Strycon arbeiten konnte. «Nein, das ist Jorge – ich kenne ihn», sagte Laura. Komischerweise lächelte er aber noch immer nicht zurück. Einige Minuten später kam er dann hinter der Theke hervor, um sie zu begrüssen, und umarmte Janeth, die ihn Laura als William vorstellte.

Laura war verwirrt: Warum gab sich Jorge als jemand anderes aus? Vielleicht war es ihm einfach unangenehm, hier bei seinem Nebenjob ertappt worden zu sein, dachte sie – mit blutiger Schürze und weisser Haube. Janeth glaubte, sie müsse sich getäuscht haben, doch Laura blieb skeptisch. Sie hielt es für wahrscheinlicher, dass Jorge eine falsche Identität verwendete, als dass sich zwei Menschen derart ähnlich sahen. Die beiden hatten nicht nur den gleichen Teint und die gleichen hohen Wangenknochen, sondern auch die gleiche Statur, das gleiche Haar, den gleichen Gesichtsausdruck. Hinzu kamen noch Dutzende anderer Kleinigkeiten, die Laura gar nicht im Einzelnen hätte benennen können, die aber zusammengenommen eine unwahrscheinliche Ähnlichkeit ergaben.

Am Montag darauf erzählte Laura Jorge bei Strycon von dem witzigen Missverständnis mit seinem Doppelgänger hinter der Fleisch-
­theke. Jorge erwiderte lachend, er habe zwar einen Zwillingsbruder, doch Carlos und er sähen sich kein bisschen ähnlich.

Zu diesem Zeitpunkt hätte Jorge eigentlich schon genügend Hinweise darauf gehabt, dass weder er noch seine Familie waren, wofür er sie hielt. Doch wie ein Sprichwort besagt, das Carlos, ein grosser Fan von Sprichwörtern, manchmal in Bezug auf Jorge verwendete: «Niemand ist so blind wie der, der nicht sehen will.»

Einen Monat später erfuhr Janeth von Laura, dass bei Strycon in der Zeichenabteilung eine Stelle frei war, und fing dort ebenfalls an. Als sie kurz darauf Jorge zum ersten Mal sah, konnte sie sofort nachvollziehen, weshalb Laura an der Fleischtheke so perplex gewesen war. Beide Männer hatten die gleichen sanften braunen Augen, den gleichen beschwingten, gespreizten Gang, das gleiche breite, strahlende Lächeln. Sie hatte das Gefühl, Jorge nicht gut genug zu kennen, um ihn auf die Ähnlichkeit anzusprechen, doch sie zeigte William ein Foto von Jorge. William lachte und zeigte es an der Fleischtheke herum, tat es aber als Zufall ab. 

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