Vertauschte Zwillinge

Ein Fehler im Spital stellt das Leben zweier Brüderpaare auf den Kopf.

Susan Dominus

An einem Sonnabend im Sommer 2013 waren zwei attraktive junge Frauen unterwegs, um Schweinerippchen zu besorgen, die sie später am Tag grillen wollten. Janeth Páez schlug vor, zu einem Lebensmittelgeschäft im Norden Bogotás in der Nähe des Wohnortes ihrer Freundin Laura Vega Garzón zu fahren. Dort stand William, ein netter junger Cousin von Janeths Freund mit unüberhörbar ländlichem Akzent hinter der Fleischtheke, filetierte Rind und schnitt Schweinepfötchen zu, die seine Kunden am liebsten mit Bohnen zubereiteten, und Janeth war sicher, dass sie die Rippchen bei ihm zu einem besonders guten Preis bekommen würden.

Als Laura Janeth in das Lebensmittelgeschäft folgte, war sie überrascht, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Hinter der Fleischtheke stand einer ihrer Kollegen aus der Ingenieurfirma Strycon, und sie winkte ihm fröhlich zu. Er nahm sie allerdings kaum zur Kenntnis. «Das ist Jorge!», sagte sie zu Janeth. «Er arbeitet bei mir im Büro.» Jorge war ein allseits beliebter 24-jähriger Mitarbeiter, der ein paar Stockwerke über ihr Rohre für die Weiterleitung von Öl entwarf, deshalb wunderte sie sich, ihn hier Kunden bedienen zu sehen.

«Du irrst dich, das ist William», erwiderte Janeth. William war ein fleissiger Arbeiter und verliess die Fleischtheke praktisch nur zum Schlafen, so dass sie sicher war, dass er nicht bei Strycon arbeiten konnte. «Nein, das ist Jorge – ich kenne ihn», sagte Laura. Komischerweise lächelte er aber noch immer nicht zurück. Einige Minuten später kam er dann hinter der Theke hervor, um sie zu begrüssen, und umarmte Janeth, die ihn Laura als William vorstellte.

Laura war verwirrt: Warum gab sich Jorge als jemand anderes aus? Vielleicht war es ihm einfach unangenehm, hier bei seinem Nebenjob ertappt worden zu sein, dachte sie – mit blutiger Schürze und weisser Haube. Janeth glaubte, sie müsse sich getäuscht haben, doch Laura blieb skeptisch. Sie hielt es für wahrscheinlicher, dass Jorge eine falsche Identität verwendete, als dass sich zwei Menschen derart ähnlich sahen. Die beiden hatten nicht nur den gleichen Teint und die gleichen hohen Wangenknochen, sondern auch die gleiche Statur, das gleiche Haar, den gleichen Gesichtsausdruck. Hinzu kamen noch Dutzende anderer Kleinigkeiten, die Laura gar nicht im Einzelnen hätte benennen können, die aber zusammengenommen eine unwahrscheinliche Ähnlichkeit ergaben.

Am Montag darauf erzählte Laura Jorge bei Strycon von dem witzigen Missverständnis mit seinem Doppelgänger hinter der Fleisch-
­theke. Jorge erwiderte lachend, er habe zwar einen Zwillingsbruder, doch Carlos und er sähen sich kein bisschen ähnlich.

Zu diesem Zeitpunkt hätte Jorge eigentlich schon genügend Hinweise darauf gehabt, dass weder er noch seine Familie waren, wofür er sie hielt. Doch wie ein Sprichwort besagt, das Carlos, ein grosser Fan von Sprichwörtern, manchmal in Bezug auf Jorge verwendete: «Niemand ist so blind wie der, der nicht sehen will.»

Einen Monat später erfuhr Janeth von Laura, dass bei Strycon in der Zeichenabteilung eine Stelle frei war, und fing dort ebenfalls an. Als sie kurz darauf Jorge zum ersten Mal sah, konnte sie sofort nachvollziehen, weshalb Laura an der Fleischtheke so perplex gewesen war. Beide Männer hatten die gleichen sanften braunen Augen, den gleichen beschwingten, gespreizten Gang, das gleiche breite, strahlende Lächeln. Sie hatte das Gefühl, Jorge nicht gut genug zu kennen, um ihn auf die Ähnlichkeit anzusprechen, doch sie zeigte William ein Foto von Jorge. William lachte und zeigte es an der Fleischtheke herum, tat es aber als Zufall ab. 

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Ein halbes Jahr später wechselte Janeth die Stelle erneut und verliess Strycon, aber jedes Mal, wenn sie und ihr Freund William einander über den Weg liefen, fragte sie sich, ob sie Jorge nicht doch von seinem Doppelgänger hätte erzählen sollen. Die Frage liess Janeth nicht los, und schliesslich, am 9. September 2014, einem ruhigen Tag bei der Arbeit, schickte sie Laura ein Foto von William, das diese Jorge zeigen sollte. Laura konnte Jorges Reaktion auf das Foto kaum erwarten und ging sofort nach oben. Lächelnd schaute Jorge auf ihr Handy, fluchte und sagte: «Das bin ja ich!» Er starrte auf das Bild.

William trug das gelbe Trikot der kolumbianischen Nationalmannschaft, das bei wichtigen Fussballereignissen praktisch eine landesweite Uniform war. Jorge hatte auch schon oft eines angehabt, was die Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Mann auf dem Bild nur umso frappierender erscheinen liess. In dem Moment kam ein Freund an Jorges Tisch vorbei, und Jorge sprach ihn an. «Was hältst du von dem Foto?», fragte er und reichte dem Freund das Handy. «Ist ein nettes Bild von dir», antwortete der Freund. «Tja, aber das bin nicht ich», erwiderte Jorge. Er konnte den Blick nicht von Lauras Handy abwenden und gestand sich schliesslich ein, dass er sich wohl nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren konnte. Laura und er gingen in die Teeküche, um sich zu unterhalten. Vielleicht hatte sein Vater, der selten zu Hause gewesen war, ja irgendwo noch einen Sohn, den er nie erwähnt hatte. Auf seinem Handy sah sich Jorge weitere Bilder von Williams Facebook-Seite an. Voller Unbehagen betrachtete er ein Foto von William im Fleischerkittel, auf dem er genauso aussah wie Jorge bei den seltenen Gelegenheiten, wo er einen Laborkittel trug. Ein anderes Bild zeigte William mit einem Schnapsglas in der Hand und einem Freund an seiner Seite.

Jorge wechselte an den PC, damit er sich die Bilder genauer angucken konnte. Er klickte noch einmal auf das Foto von William und dem Freund. Jetzt, im grösseren Format, fiel ihm etwas auf, was ihm zuvor auf dem Handy entgangen war. Er beugte sich vor, bis seine Nasenspitze fast den Bildschirm berührte. Die Haare des Mannes waren nach oben gegelt, und er trug ein T-Shirt, das Jorge noch nie gesehen hatte. Doch die volle Unterlippe und das dicke braune Haar kannte Jorge nur zu gut. Das Hemd des Mannes spannte in vertrauter Weise über den Anfängen eines Schmerbauches. Entgeistert starrte er auf den Bildschirm, und ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken. Das Gesicht des Mannes neben seinem Doppelgänger kannte Jorge besser als sein eigenes: Es war das seines zweieiigen Zwillingsbruders Carlos.

Nach Feierabend ging Jorge wie gewohnt zu der kleinen Universität, die er abends besuchte, doch er konnte den Blick nicht von den Bildern auf seinem Telefon losreissen. Als der Unterricht zu Ende war, nahm er den Bus nach Hause, um Carlos zu berichten, was er an diesem Tag erlebt hatte.

Als sie gemeinsam aufwuchsen, hatte Carlos die Hausaufgaben immer mit links erledigt, und Jorge hatte bei ihm abgeschrieben. Heute waren beide erfolgreich; Carlos arbeitete tagsüber in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und absolvierte nebenbei ein Abendstudium. Sie teilten sich eine kleine, aber gemütliche Wohnung mit zwei Schlafzimmern, die in einem Mittelklasse-Viertel lag und verglichen mit den Wohnverhältnissen ihrer Kindheit schon einen Aufstieg darstellte. Ihre Mutter, eine Haushälterin, hatte sie und ihre ältere Schwester Diana in einem einzigen kleinen Raum im Haus ihrer Grossmutter in Bogotá aufgezogen. Sie hatten sich nie arm gefühlt – ein Fernseher und ein Kühlschrank wurden ins Zimmer gequetscht, und die öffentlichen Schulen in der Nähe waren gut. Doch finanziell ging es ihnen nun besser – Jorge konnte zu Fussballspielen fahren, Carlos abends ausgehen – und alle drei Geschwister bedauerten, dass ihre Mutter vor vier Jahren an Magenkrebs gestorben war, bevor sie ihr ein angenehmeres Leben ermöglichen konnten.

Auf der Busfahrt nach Hause überlegte Jorge fieberhaft, wie genau er Carlos das alles sagen sollte. Diana hatte er bereits von den Fotos erzählt, und sie hatte gemahnt: «Aber bitte bring es ihm schonend bei.» Zu Hause telefonierte sein Bruder wie üblich mit einer Frau, und Jorge drängte ihn, das Gespräch zu beenden. «Lass mich in Ruhe», konterte Carlos. Denn so lief es zwischen ihnen: Wenn Carlos gereizt war, stichelte und flachste Jorge immer weiter, liess Carlos keine Ruhe, und je wütender Carlos dann wurde, umso mehr amüsierte sich Jorge.

Schliesslich legte Carlos auf. Jorge beschloss, die Stimmung möglichst locker zu halten, und fragte: «Was würdest du sagen, wenn ich dir erzähle, dass ich einen eineiigen Zwillingsbruder habe?» Carlos schien das alles andere als lustig zu finden. Jorge unternahm einen neuen Anlauf: «Glaubst du an Telenovelas?»

Carlos verlor langsam, aber sicher die Geduld. Wenn Jorge ihm etwas zu sagen habe, solle er bitteschön endlich damit herausrücken. Jorge führte Carlos zum Laptop in seinem Schlafzimmer und fing an, durch die Fotos zu klicken. Er zeigte Carlos die Bilder von William im kolumbianischen Nationaltrikot und an der Fleischtheke. Die frappierende Ähnlichkeit brachte beide zum Lachen. Doch dann klickte Jorge das Foto von ihren Doppelgängern mit den Schnapsgläsern. Im Gegensatz zu Jorge, der sich instinktiv vorgebeugt und das Bild angestarrt hatte, fuhr Carlos zurück, als hätte ihm jemand einen heftigen Stoss versetzt. «Wer ist das?», fragte er aufgebracht.

Jorge erzählte ihm alles, was er an diesem Tag von Janeth und Laura erfahren hatte. Die beiden jungen Männer auf dem Bild waren auf einer abgelegenen Farm in Santander aufgewachsen, einer eher ländlichen Gegend im Norden, deren Einwohner im restlichen Teil Kolumbiens wegen ihres aufbrausenden Temperamentes und ihrer Vorliebe für Waffen belächelt wurden. Laut Facebook waren die zwei ebenso wie Jorge und Carlos im späten Dezember 1988 geboren.

Vielleicht, überlegte Jorge, hatte es ja eine Verwechslung im Krankenhaus gegeben – eine Krankenschwester, die versehentlich ein Baby eines eineiigen Zwillingspaares mit dem eines anderen Zwillingspaares vertauscht hatte. Er sprach allerdings nicht laut aus, was das bedeutete: dass einer von ihnen beiden eine andere Mutter hatte. Dass sie wahrscheinlich gar keine Zwillingsbrüder, ja, nicht einmal biologisch verwandt waren. Keiner von ihnen wagte zu sagen, was beiden klar war: Wenn einer von ihnen durch ein Versehen in der Familie gelandet war, dann höchstwahrscheinlich Carlos.

Dass Carlos keinerlei Ähnlichkeit mit Jorge oder Diana hatte, war unübersehbar. Seine Geschwister hatten den zierlicheren Körperbau ihrer Mutter, ihre hohen Wangenknochen, ihre Augen. Carlos war grösser, stämmiger, hatte eine breitere Nase und eine markantere Stirn. Doch die Unterschiede beschränkten sich nicht nur auf das Äussere: Carlos hatte sich in seiner Familie immer als Aussenseiter gefühlt, auch wenn ihm das Wort «unabhängig» besser zusagte. Als Kind hatte er nie Interesse an den aufwendigen Phantasiespielen der Mutter und Geschwister gehabt, in denen sie stundenlang in fremde Rollen schlüpften und mit verstellter Stimme sprachen. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte er wesentlich weniger Kontakt mit Diana als Jorge. Er war der Einzige in der Familie, der so etwas wie Modebewusstsein besass, und ganz unbestritten der Einzige, der tanzen konnte. Carlos und Jorge hatten immer vermutet, dass Carlos nach dem Vater kam, aber sie kannten ihn nicht gut genug, um sich sicher sein zu können.

Carlosʼ Gefühl des Fremdseins hatte das Verhältnis zu seiner Mutter jedoch nie belastet. Er hatte sie immer heiss und innig geliebt. Sie war eine starke Frau, wenn auch nicht gerade streng. Hatten er und Jorge Streit, ging sie gerne mit ihrem flauschigen Hausschuh dazwischen, was die Jungs unweigerlich zum Lachen brachte – vermutlich genau das, was sie hatte erreichen wollen. So bescheiden die Verhältnisse, in denen sie gelebt hatten, auch gewesen sein mochten, sie hatte dafür gesorgt, dass alle ihre Kinder eine gute Schule besuchen konnten, und ihnen das Gefühl vermittelt, dass sie im Leben alles erreichen konnten. Carlos war überzeugt, ihr alles zu verdanken, was er bisher geschafft hatte.

Die beiden sassen auf dem Bett in Jorges Schlafzimmer, als Carlos plötzlich den Laptop zuklappte, schweigend in sein Zimmer ging und die Tür hinter sich schloss. Jorge folgte ihm und versuchte, tröstende Worte zu finden. Carlos wusste, dass sie gut gemeint waren – ist doch egal, selbst wenn einer von uns vertauscht wurde, sind wir immer noch Brüder –, doch irgendwie fühlte er sich dadurch nur noch einsamer. «Lass uns einfach nicht mehr darüber reden», sagte er zu Jorge und bat ihn, das Thema nie wieder anzuschneiden.

Carlos machte in dieser Nacht kaum ein Auge zu. All das ergab einfach keinen Sinn. Wie konnte es sein, dass seine Mutter ihn nicht ausgetragen hatte – er nicht ihr Fleisch und Blut war? Er hatte schon einmal um sie getrauert, jetzt kam es ihm vor, als hätte er sie ein zweites Mal verloren. Er fühlte sich entwurzelt, machtlos, allein. Ein paar Zimmer entfernt schlief Jorge tief und fest.

Am nächsten Tag, kurz nachdem William die Fleischtheke aufgemacht hatte, kam sein Cousin Brian – Janeths Freund –, um seine 12-Stunden-Schicht zu beginnen. William, der schnell zum Leiter des Ladens aufgestiegen war, hatte Brian, der nebenbei studierte, gern angestellt. Er fühlte sich Brian in vielerlei Hinsicht näher als seinem zweieiigen Zwillingsbruder Wilber. Brian war in Bogotá aufgewachsen, und als William im Jahr 2009 in die Hauptstadt kam, hatten die beiden Cousins viel Zeit damit verbracht, gemeinsam Maisfladen zu backen und sie bei Wind und Wetter auf der Strasse zu verkaufen. Sie vertrieben sich die Zeit, indem sie sich und ihre Kunden zum Lachen brachten. William und Wilber gingen sich meist schon nach kurzer Zeit auf die Nerven. Als Wilber später zusammen mit William an der Fleischtheke arbeitete, regte sich William darüber auf, dass sein Bruder Williams Autorität infrage stellte und dass er immer gerade dann putzen musste, wenn Kunden darauf warteten, bedient zu werden. William fand, dass Wilber launisch war und keinen Sinn für Humor hatte.

Während er mit William an der Theke arbeitete, erzählte Brian, dass Janeth ihm am Vorabend sehr verstörende Fotos von jungen Männern gezeigt hatte, die genau wie William und Wilber aussahen. William fand die Vorstellung witzig und war neugierig. Er erinnerte sich, dass Janeth ihm vor ein paar Monaten schon einmal ein Foto seines Doppelgängers gezeigt hatte, doch dies klang nach einem noch viel unglaublicheren Zufall. Er schickte Janeth eine Nachricht und bat sie, ihm die Fotos zu schicken. Als das erste bei ihm eintraf, schrie William auf – dann lachte er.

Vielleicht, schrieb Janeth William, seien er oder sein Bruder ja krank geworden und aus Santander in ein Krankenhaus nach Bogotá gebracht worden. William fragte bei seiner Tante nach, die antwortete, ja, er sei kurz nach seiner Geburt in einem Krankenhaus in Bogotá gewesen. Er und Wilber seien in der 28. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen und William hätte Probleme mit der Verdauung entwickelt. Die Tante sagte, er sei in der Materno Infantil in der Stadt behandelt worden. William gab diese Info an Janeth weiter, die versprach herauszufinden, wo Jorge geboren worden war. Sollte es in der Materno Infantil gewesen sein, schrieb Janeth, dann sei klar: Es müsse eine Verwechslung gegeben haben.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte William es ebenso wie Janeth amüsant und aufregend gefunden, dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Doch nun packte ihn plötzlich die Angst. Er hatte immer anders ausgesehen als der Rest seiner Familie und hatte andere Ziele verfolgt – seine Ambitionen gingen über die Farm hinaus. Dabei war es ihm nie in den Sinn gekommen, dass er tatsächlich anders sein könnte – dass er nicht dort hingehörte. Er liess seinen Blick durch die Fleischerei schweifen. Er nahm kaum etwas wahr: weder die ahnungslosen Kunden, noch die blutigen Fleischklumpen, noch seinen besorgten Cousin. Er verliess das Geschäft und ging in seine Wohnung, die im dritten Stock desselben Hauses lag. Kaum war er oben angekommen, schrieb er Janeth und fragte, ob sie schon Neuigkeiten hatte, in welchem Krankenhaus Jorge zur Welt gekommen war.

Einige Minuten später stolperte er zurück zur Fleischtheke und zeigte Brian Janeths Nachricht. Jorge und Carlos waren tatsächlich in der Materno Infantil geboren worden. «Jetzt wissen wir Bescheid», sagte William. Er liess sich auf die Bank im hinteren Teil des Ladens sinken und brach in Tränen aus. Ein schmerzhafter Gedanke jagte den nächsten. Man hatte ihn um seinen angestammten Platz gebracht. Er war ein Vermisster, den niemand vermisst hatte. Wie sollte er es bloss seiner Mutter beibringen? Sie hatte sechs Kinder, aber er war der Einzige, der ihr Geld schickte. Er war derjenige, der sich um sie sorgte, wenn sie krank war, der als Junge versucht hatte, sie mit Umarmungen und Küssen aufzumuntern, wenn sie niedergeschlagen war, und der sie mit sanften Bissen in die Ohren zum Lachen gebracht hatte. Diese Nachricht, das wusste er, würde ihr das Herz brechen – so wie sie gerade seins gebrochen hatte.

William hatte nur einmal vor Jahren die Stimme gegen seine Mutter erhoben. Er hatte damals gerade seinen Militärdienst so erfolgreich abgeschlossen, dass er aus den 92 Soldaten in seiner Einheit die höchste Auszeichnung erhielt, die mit einem Stipendium für eine Ausbildung zum Unteroffizier bei den Seestreitkräften verbunden war, eine Laufbahn, die Bildung und einen entscheidenden sozialen Aufstieg bedeutete. Doch dann stellte sich heraus, dass das Militär ihm das Stipendium doch nicht geben konnte; seine Eltern hatten ihn aus der Schule genommen, als er zwölf war, und ihm fehlte der entsprechende Schulabschluss. «Warum hast du mich nicht zur Schule gehen lassen», schrie er seine Mutter an, als er wieder zu Hause in Santander war. Die nächste höhere Schule war fünf Stunden Fussmarsch entfernt, und die Familie hätte neben den Kosten für Uniform und Schulgeld auch noch für seine Unterbringung aufkommen müssen. Gleichzeitig hätte seine Arbeitskraft auf der Farm gefehlt. Trotzdem fand William, seine Mutter hätte einen Weg finden, sich etwas einfallen lassen und mit allen Mitteln für ihn kämpfen müssen. Er selbst hätte gekämpft, aber was konnte ein Zwölfjähriger schon ausrichten?

Als er dort weinend auf der Bank sass, überkamen ihn zum ersten Mal Gefühle, die er erst viel später würde in Worte fassen können: der Eindruck, dass seine Mutter sich schuldig fühlte und sich um ihn sorgte, die verlorene Chance, in Bogotá zur Schule zu gehen, anstatt auf den Feldern arbeiten und die Ernte einholen zu müssen, seine Trauer darüber, wie fremd er sich in seiner Familie immer gefühlt hatte, einer Familie, die ihn liebte, aber ihn dennoch damit aufzog, dass er nicht richtig hineinpasste. Brian sass fassungslos neben ihm und wusste nicht, was er sagen sollte. Es gab einfach keine bewährten Floskeln, auf die man in einer solchen Situation zurückgreifen konnte. Nach etwa zehn Minuten hörte William zu Brians Erleichterung auf zu weinen und stand auf. Arbeiten konnte William, und genau das würde er tun. Die beiden gingen wieder ins Haus, machten die Theke sauber, räumten auf und warteten auf die nächsten Kunden.

Schliesslich schrieb William eine Nachricht an Wilber, der an diesem Tag in einer anderen Fleischerei arbeitete, und bat ihn, sofort zu kommen. Als Wilber später am Nachmittag eintraf, sagte William, er müsse ihm etwas zeigen, und rief auf seinem Handy ein Bild von Jorge und Carlos auf. Wilber war sofort klar, was alle anderen erst nach Stunden begriffen hatten.

«Man hat uns also vertauscht», sagte Wilber achselzuckend, irritiert darüber, wie viel Bedeutung William dem Bild beimass. «Mir ist egal, wer das ist. Du bist mein Bruder und wirst es immer bleiben.»

Hin und wieder kommt es vor – manchmal wenige Stunden nach der Empfängnis, normalerweise jedoch ein paar Tage später –, dass die Kräfte, welche die sich teilenden Zellen verbinden und sie als eine Masse zusammenhalten, plötzlich versagen. Anstatt ein einziger Zellhaufen zu bleiben, der Monate später einen einzelnen Menschen und ein einzelnes Ich formen wird, spalten sich die Zellen in zwei getrennte Einheiten auf, jede mit ihren eigenen sich unablässig teilenden Zellen. Diese sind zwar voneinander getrennt, jedoch identisch, und der Nukleus jeder Zelle trägt die gleiche DNA in sich. Eineiige Zwillinge verdanken ihr Leben einer Laune der Natur, sie sind das wunderbare Ergebnis eines Systemfehlers.

Die Entstehung zweieiiger Zwillinge ist wesentlich banaler. Zwei getrennte Spermien treffen auf zwei unterschiedliche Eizellen, und zwei Kinder werden geboren. Zweieiige Zwillinge gleichen sich genetisch nicht mehr als andere Geschwister, ihre einzige Besonderheit liegt in der Gleichzeitigkeit: Empfängnis und Geburt finden bei ihnen fast simultan statt.

Die vier jungen Männer in Bogotá waren als zweieiige Zwillinge aufgewachsen, jeder mit einer ganz eigenen Identität. Nun, so stellten sie fest, war jeder von ihnen ein eineiiger Zwilling, Teil eines besonderen Paares. Noch bevor die vier Brüder sich trafen, schlug sich jeder unbewusst bereits auf die Seite desjenigen Bruders, mit dem er sich einst den Mutterleib geteilt hatte. Carlos und Wilber waren vorsichtig und vertraten die Ansicht, dass man die Sache am besten auf sich beruhen lassen sollte – schliesslich wusste niemand, welche Probleme diese unbekannten Leute bringen mochten. William und Jorge hingegen waren offen für ein Treffen. Bereits wenige Stunden nach der Entdeckung hatte Janeth noch für denselben Abend um 21 Uhr ein Treffen zwischen William und Jorge auf einem öffentlichen Platz arrangiert, kurz nachdem William die Fleischerei schloss.

Wilber, der sich zunächst gegen ein Treffen mit den anderen Brüdern ausgesprochen hatte, wurde beim Blick auf die Bilder schliesslich doch von der Neugier übermannt und wollte mitkommen. Gegen 15  Uhr sprach William zum ersten Mal mit Jorge und fragte, ob er neben Brian und Janeth auch Wilber mitbringen dürfe. Er war erleichtert, als Jorge zustimmte. Beiden fiel auf, dass ihre Stimmen sich nicht ähnelten. William sprach heiserer und natürlich mit dem Akzent aus Santander. Er nannte Jorge «Señor», mit jener Förmlichkeit, die typisch für die Landbevölkerung war. Doch Jorge spürte, dass ihm die Stimme sympathisch war; sie klang nicht nur freundlich, sie klang einfach gut.

Je näher das Treffen kam, umso schweigsamer wurde William. Er machte früher Feierabend, um noch zum Friseur zu gehen. Er zog seinen besten Pullover an, den schwarzen mit den grauen Streifen. Er schnallte seine Pistole um, die er seit seinem Militärdienst immer mit sich trug. Rastlos ging er auf und ab.

Am anderen Ende der Stadt war Jorge ebenso nervös. Er hatte seinen Bruder gebeten mitzukommen, doch Carlos hatte ein Date, das er nicht absagen wollte. Als Jorge auf dem Weg einem Studienfreund begegnete, fragte er ihn spontan, ob er nicht zur moralischen Unterstützung mitkommen wollte.

Zur verabredeten Zeit sah sich Jorge auf dem Platz um. Seine Hände waren feucht, und der Druck, den er in der Magengegend verspürte, schnürte ihm die Luft ab. Nach ein paar Minuten sah er mehrere Personen auf sich zukommen. Dort war William – mit Jorges Gesicht und seinem breitbeinigen, leicht watschelnden Gang.

Brian filmte die Begegnung mit seinem Handy. Wenn man das Video ohne Ton anschaut und die nervöse Unterhaltung ausblendet, sieht man, wie Jorge und William eine Art durchchoreographierte, rituelle Pantomime vollführen. William starrt Jorge an, als dieser zur Seite blickt, dann dreht William den Kopf, als ob er Jorge die Möglichkeit geben will, sein Gesicht eingehender zu betrachten. Jorge nutzt die Gelegenheit und mustert William von oben bis unten. Dann schauen die beiden sich direkt an – es gibt einen kurzen, erschreckend intimen Blickkontakt, sie lächeln sich einen Moment an – und wenden den Blick dann schnell wieder ab. Immer wieder schauen die beiden scheu zum anderen hinüber, wie ein frisch verliebtes Paar, das kurz davor ist, einander zum allerersten Mal seine Liebe zu gestehen. Jorge fasst sich ein Herz und schaut William genauer an; er kaut energisch an seinem Kaugummi. Er berührt seine Wange, fühlt sein eigenes Gesicht: Ja, das bin ich. Und diese Person dort drüben, das ist er. William ist ruhig, verlagert das Gewicht von einem Bein auf das andere, so dass es wirkt, als würde er schwanken. («Es war, als würde ich durch einen Spiegel in ein Paralleluniversum schauen», wird Jorge später sagen.)

Es fiel Jorge ganz offensichtlich leichter, Wilber anzuschauen, Carlosʼ Doppelgänger. Jorge starrte Wilber an und schüttelte den Kopf. Wilber hatte Bilder von Carlos gesehen, auf denen er eine Brille trug. «Fehlt nur die Brille!», sagte Wilber. Ihm entfuhr ein ungewöhnlich hohes Lachen, und Jorge verspürte wieder diesen Druck im Brustkorb: Es war Carlosʼ Lachen.

Nachdem er gesehen hatte, wie ähnlich William Jorge sah, war Wilber nun gespannt darauf, Carlos kennenzulernen. Jorge rief ihn an und sagte, sie kämen gleich vorbei. Sie zwängten sich in zwei Taxis und fuhren zu Jorges und Carlosʼ Wohnung.

 

Von Standpunkt der Evolution aus betrachtet, ergeben eineiige Zwillinge wenig Sinn; zweieiige Zwillinge haben zumindest den Vorteil genetischer Vielfalt und einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, dass einer von ihnen überlebt, wenn ihnen ein Unglück widerfährt. Und dennoch haben eineiige Zwillinge, gerade weil sie ein solches Rätsel sind, viel zu unserem grundlegenden Verständnis darüber beigetragen, warum und wie wir werden, wer wir sind. Durch die Untersuchung der Überschneidungen von Eigenschaften bei zweieiigen Zwillingen (bei denen im Schnitt 50% der Gene identisch sind) und der Überschneidung derselben Eigenschaften bei eineiigen Zwillingen (bei denen 100% der Gene identisch sind) versuchen Wissenschafter seit mehr als einem Jahrhundert herauszufinden, inwiefern Variationen in der Bevölkerung auf Erbfaktoren und inwiefern sie auf die Umwelt zurückzuführen sind. «Zwillinge interessieren uns besonders», schrieb Sir Francis Galton, ein britischer Wissenschafter, der im späten 19. Jahrhundert als erster Zwillinge, die sich sehr ähnlich sahen, mit Zwillingen verglich, bei denen dies nicht der Fall war (obwohl die Wissenschaft damals eineiige Zwillinge noch nicht von zweieiigen Zwillingen unterschied). «Denn ihre Geschichte gibt uns die Möglichkeit, die Auswirkungen von Anlagen, die sie bei der Geburt erhalten, von denjenigen abzugrenzen, die durch die besonderen Umstände ihres weiteren Lebensweges bestimmt sind.»

Galton, ein Cousin Darwins, ist mindestens genauso bekannt für seine Schöpfung des Begriffes «Eugenik» wie für seine innovativen Forschungen zu Zwillingen (er war auf der Basis seiner Studien zu dem Schluss gelangt, dass gesunde, intelligente Menschen ermuntert werden sollten, sich vermehrt fortzupflanzen). Sein Nachfolger in dieser wissenschaftlichen Disziplin, Hermann Werner Siemens, ein deutscher Dermatologe, führte zu Beginn der 1920er Jahre die ersten Zwillingsstudien durch, die eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit denjenigen aufweisen, die heute noch gemacht werden. Doch er zog daraus auch Schlüsse, die seine Disziplin auf Jahrzehnte in Verruf brachten, indem er Hitlers Theorie der «Rassenhygiene» unterstützte. Auf der Suche nach dem genetischen Ursprung für verschiedenste Eigenschaften, die ihnen wünschenswert oder eben nicht wünschenswert erschienen, bewegten sich diese Wissenschafter gefährlich nah an der Grenze zum Streben nach einer Herrenrasse.

Trotz zeitweiliger Kontroversen nahm das Interesse an Zwillingen zu. Im Laufe der letzten fünfzig  Jahre wurden laut der Meta-Analyse, die Tinca Polderman, eine niederländische Wissenschafterin, und Beben Benyamin, ein Australier, dieses Jahr in der Zeitschrift Nature Genetics veröffentlichten, rund 17 000 Eigenschaften untersucht. Wissenschafter behaupten, einen genetischen Einfluss auf so unterschiedliche Bereiche wie Waffenbesitz, Wahlentscheidungen, Homosexualität, Zufriedenheit im Beruf, Kaffeekonsum, Durchsetzung von Vorschriften oder Schlaf­losigkeit gefunden zu haben. In praktisch jedem Bereich, den die Wissenschafter unter die Lupe nahmen, stellten sie fest, dass sich die Test­ergebnisse von eineiigen Zwillingen stärker gleichen als die von zwei­­eiigen Zwillingen. Die Studien scheinen auf einen Einfluss der Gene auf nahezu jeden Aspekt unseres Lebens hinzuweisen (ein so radikaler Schluss, dass manche Wissenschafter daraus schlichtweg nur folgern, dass die Methodologie entscheidende Fehler aufweisen muss). «Alles ist erblich», sagt Eric Turkheimer, Verhaltensgenetiker an der University of Virginia. «Je stärker zwei Menschen genetisch verwandt sind, umso ähnlicher sind sie sich auch in jedem anderen Bereich – seien es nun Persönlichkeit, Fernsehkonsum oder politische Vorlieben. Dies kann aber auch der Fall sein, ohne dass es einen besonderen Auslösemechanismus gibt, eine Art Chorea-Huntington-Gen. Vielmehr liegt hier ein komplexes Zusammenspiel einer unfassbar grossen Anzahl von Genen zugrunde.»

Der wohl faszinierendste Zweig der Zwillingsforschung betrifft eine kleine und ungewöhnliche Gruppe von Versuchspersonen: eineiige Zwillinge, die getrennt voneinander aufgewachsen sind. Thomas Bouchard Jr., ein Psychologe an der University of Minnesota, fing 1979 an, sie zu untersuchen, nachdem er von Jim und Jim gehört hatte, Zwillingen aus Ohio, die sich im Alter von 39 Jahren wiedergetroffen hatten. Sie sahen sich nicht nur bemerkenswert ähnlich, sondern hatten auch ihre Ferien am selben Strand in Florida verbracht, Frauen mit dem gleichen Vornamen geheiratet, sich scheiden lassen und danach wieder geheiratet, auch diesmal Frauen mit dem gleichen Vornamen, sie rauchten die gleiche Zigarettenmarke und bauten in ihrer Freizeit Miniaturmöbel. Auch in Persönlichkeit und Sprachmelodie ähnelten sie sich und vermittelten den Eindruck, sie seien bei ihrer Empfängnis schon vollständig geformt gewesen, immun gegen jeglichen Einfluss von Eltern, Geschwistern und Umgebung. Bouchard untersuchte mehr als 80 eineiige Zwillinge, die getrennt voneinander aufgewachsen waren, und verglich sie mit eineiigen Zwillingen, die gemeinsam aufgewachsen waren, zweieiigen Zwillingen, die gemeinsam aufgewachsen waren und zweieiigen Zwillingen, die getrennt voneinander aufgewachsen waren. Er stellte fest, dass die eineiigen Zwillinge, unabhängig davon, ob sie zusammen oder getrennt voneinander aufgewachsen waren, fast immer mehr Gemeinsamkeiten bei Eigenschaften wie ihrer Persönlichkeit oder – was kontroverser diskutiert wurde – ihrer Intelligenz aufwiesen als ihre zweieiigen Pendants. Eine unerwartete Erkenntnis, die seine Studien nahezulegen schien, war, dass die Auswirkungen einer gemeinsamen Umwelt – z. B. das Elternhaus ­– die Persönlichkeit kaum zu beeinflussen schienen. Erbanlagen und einzigartige Erfahrungen – ein Auslandssemester, ein wichtiger Freund – wirkten sich stärker aus.

Als reine Wissenschaft ist die Erforschung von Zwillingen, die getrennt voneinander aufgewachsen sind, bei manchen Forschern umstritten. Denn schliesslich entscheiden sich die Zwillinge entweder selbst, ihre Geschichte bekannt zu machen, oder die Wissenschafter werden durch Medienberichte auf sie aufmerksam – in Medien, die wenig Interesse daran haben, über eineiige Zwillinge berichten, die sich nicht unglaublich ähnlich sehen, keine Frauen mit dem gleichen Vornamen geheiratet und sich dann wieder von ihnen getrennt haben und die auch nicht dasselbe ausgefallene Hobby betreiben. Und nicht zuletzt werden eineiige Zwillinge, die sich nicht unfassbar ähnlich sehen, mit grösserer Wahrscheinlichkeit auch gar nicht erst entdeckt und wiedervereint. Ausserdem haben wenige Zwillingsstudien, unabhängig davon, ob sie sich mit Zwillingen befassen, die gemeinsam oder getrennt voneinander aufgewachsen sind, Zwillinge aus sehr unterschiedlichen Milieus berücksichtigt.

«Jede Studie hat ihre Kritiker», sagt Nancy Segal, Professorin an der California State University, Fullerton, die mit Bouchard von 1982 bis 1991 zusammenarbeitete. «Trotzdem kenne ich zur Abgrenzung der Auswirkungen von Genen und Umwelt keinen besseren Versuchsaufbau als die Erforschung von Zwillingen, die getrennt voneinander aufgewachsen sind.»

Segal studiert seit 2003 chinesische Zwillinge (eineiige und zweieiige Zwillingspaare, die zusammen oder getrennt voneinander aufgewachsen sind). In ihrem Buch über Zwillinge hat Segal wissenschaftliche Erkenntnisse mit Geschichten über persönliche Schicksale verbunden. Sie präsentiert ihren Lesern statistische Daten, schiebt aber immer wieder auch die eine oder andere Anekdote mit ein: z. B. die eineiigen Zwillinge, die getrennt voneinander aufgewachsen sind, aber beide zu der Studie mit jeweils sieben Ringen erschienen, oder die getrennt voneinander aufgewachsenen Schwestern, die sich beide auf die gleiche Art die Nase rieben und es «schubbeln» nannten.

Im Oktober letzten Jahres sah Yesika Montoya, eine kolumbianische Psychologin, die mittlerweile als Sozialarbeiterin an der Columbia University arbeitet, auf Facebook einen Videoclip des kolumbianischen Nachrichtenmagazins Séptimo Día, in dem durch DNA-Tests nachgewiesen wurde, dass die vier jungen Männer zwei eineiige Zwillingspaare waren. Sie nahm Kontakt zu Segal auf, die sie bis dahin nur dem Namen nach kannte. Dann kontaktierte sie die jungen Männer, die zustimmten, an dem Forschungsprojekt teilzunehmen.

So faszinierend sie auch sein mögen, zwei Zwillingspaare können nie mehr sein als zwei Versuchspaare. Doch für Segal waren die Möglichkeiten, die sich hier eröffneten, einzigartig, geradezu schwindelerregend. Sie kannte keine andere Familie, bei der man so viele Kombinationen analysieren und vergleichen konnte: Jorge und Carlos, Jorge und William, Jorge und Wilber und so weiter. «Wir haben hier ein Experiment in einem Experiment», sagte sie und verglich es mit russischen Matroschka-Puppen: Sobald man eine öffnete, kam eine weitere zum Vorschein.

Gegen 22 Uhr hörte Carlos es klingeln. Er ging zur Tür und blieb dort wie angewurzelt stehen: Er brachte es nicht über sich, die Tür zu öffnen. Auf der anderen Seite, das wusste er, standen Jorge und die Männer von den Fotos. Diese Männer waren nicht nur Fremde, sie waren fremder als fremd, Figuren in einer Geschichte über sein Leben, über die er praktisch keine Kontrolle hatte.

«Jetzt mach schon auf!», rief Jorge. Carlos hörte ein Lachen: Es war sein eigenes, doch es kam nicht von ihm, oder vielleicht doch? «Ich will nicht», sagte Carlos. «Ich hab Angst.» Einige Sekunden verstrichen, in denen Carlos nervös auf der einen Seite der Tür lachte und Wilber auf der anderen. «Carlos, mach endlich auf!», sagte Jorge noch einmal. Man kann sich nicht mit einem Finger vor der Sonne schützen, hatte ihre Mutter immer gesagt.

Carlos öffnete die Tür, und die Besucher strömten herein, wie eine Prozession aus einem Traum. Dort waren Jorge und sein Doppelgänger – Jorge in einem unbekannten Pullover, ein ruhigerer Jorge, ein Jorge ohne seine selbstbewusste Lässigkeit. Eine Frau war dabei und noch ein anderer Typ. Und dann sah er ihn – Carlos starrte sich selbst an, eine andere Version seiner selbst, eine befremdliche Kopie, eine Karikatur, einen Albtraum.

Carlos schaute Wilber an, sein Spiegelbild. Sie warfen sich einen kurzen Blick zu – schrien gleichzeitig «Ay!», drehten sich um, hielten sich die Augen zu und wurden beide rot. Wilber begann zu reden, doch Carlos konnte ihn kaum verstehen. Anstatt die Rs zu rollen, sprach Wilber ein hartes D. Der Sprachfehler! Carlos hatte ihn als Kind auch gehabt, war ihn jedoch mithilfe einer Sprachtherapie losgeworden.

Die vier fingen an, sich über die besonderen Eigenschaften auszufragen, welche die eineiigen Zwillinge gemeinsam hatten. Wer waren die Heulsusen in der Familie? Carlos und Wilber! Wer hatte das sanftere Naturell? Jorge und William! Wer war besser organisiert? Carlos und Wilber! Wer stellte ständig irgendwelchen Mädchen nach? Carlos und Wilber! Wer war am stärksten? Jorge und William!

Doch während Jorge bei jedem Blick auf William weitere Gemeinsamkeiten ausmachte, suchte Carlos gezielt Unterschiede zwischen sich und seinem Doppelgänger vom Lande. «Schau dir mal unsere Hände an», sagte er. «Sie sehen völlig unterschiedlich aus.» Wilbers Hände waren grösser, geschwollen, mit Narben an den Stellen, wo er mit Messern aus der Fleischerei oder den Macheten, mit denen er als Jugendlicher auf den Feldern gearbeitet hatte, aneinandergeraten war. Carlos hingegen ging oft zur Maniküre, trug, was für beruflich erfolgreiche Männer in Kolumbien nicht unüblich war, klaren Nagellack.

William fragte Jorge nach seiner biologischen Mutter: Wie ging es ihr? Wo lebte sie? Jorge behielt Williams Gesicht genau im Blick, als er ihm erzählte, dass ihre Mutter vier Jahre zuvor an Krebs gestorben war. Er zeigte ihm ein Foto von ihr, als sie noch jung gewesen war: die langen Haare von einer Haarspange zusammengehalten, schöne Augen in einem freundlichen, ernsthaften Gesicht. Beim Anblick des Fotos überkam William ein neues Gefühl der Trauer, und er schwieg mehrere Minuten.

Den Grossteil des Abends war die Stimmung in der Wohnung ausgelassen und euphorisch. Die jungen Männer hatten Spass und freuten sich über die vielen kuriosen Gemeinsamkeiten, die stärker ins Auge stachen als die Unterschiede. Doch als Kehrseite der Medaille erwartete sie alle ein Gefühl tiefen Verlustes: entgangene Zeit mit Eltern und Geschwistern, entgangene Chancen, entgangene Jahre, entgangene Schöpfungsmythen. Jorge schien entschlossen, diese negativen Gefühle nicht die Oberhand gewinnen zu lassen, zumindest noch nicht. «Es heisst bloss», sagte er zu den anderen, «dass unsere Familie grösser geworden ist.» Jemand rief: «Welcher Fussballklub?» Alle vier schrien den Namen des Lieblingsklubs vieler Kolumbianer: «Atlético Nacional!»

Gegen Mitternacht brachen die Besucher auf und versprachen, bald wieder zu kommen. Jorge und Carlos sahen einander im leeren Wohnzimmer an. Alles war unverändert, und doch war alles anders. «Und nun?», fragte Carlos. Jorge sah, dass er weinte. Carlos ging zu Jorge und nahm ihn fest in den Arm. «Ich will dein Bruder sein», sagte er.

 

Aus dem Amerikanischen von Nadine Alexander.

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