Vipassana 1993

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Zehn Tage Meditation? Nur für Randständige und Weltfremde, glaubt der Asien-Korrespondent. Bis er sich selbst hinsetzt.
Die historische Reportage.

Tiziano Terzani

Und so war schliesslich auch ich angekommen. Unerschütterlich wie ein Fels sass ich mit gekreuzten Beinen am Boden, die Hände mit der Innenseite nach oben in Nabelhöhe aufeinandergelegt, den Rücken gerade, die Schultern entspannt, die Augen geschlossen. Die Gedanken auf meine Nasenspitze gerichtet, konzentrierte ich mich auf den Augenblick, in dem der langsam und sanft ein- und ausströmende Atem einen bestimmten Punkt der Haut berührt. Stunde um Stunde, Tag um Tag, ohne jemals ein Wort zu sprechen. Vegetarische Mahlzeiten – die letzte vor zwölf Uhr Mittag –, Schlafengehen um neun, ohne eine einzige Buchseite zu lesen, um nicht abgelenkt zu werden, immer darauf bedacht, mir jeder Bewegung, jedes Gedankens, jeder Empfindung bewusst zu werden.

Meditation: Da hatte ich mein halbes Leben in Asien verbracht und nie auch nur einen Gedanken darauf verschwendet. Zwar hatte ich von Leuten gehört, die meditierten, die solche Kurse besuchten, aber ich hatte stets das Gefühl, mich ginge dies nichts an. Es war in meinen Augen etwas für Leute, die mit der Welt nicht zurechtkamen, eine Fluchtreaktion. Unglaublich, aber wahr. In China, Japan und Tibet, in Korea, Thailand und Indochina hatte ich Dutzende von Tempeln besucht, hatte ganze Tage in buddhistischen Klöstern verbracht, aber das Thema Meditation hatte sich mir nie gestellt. Wozu dient sie? Wie geht sie vonstatten? Was ist ihr Sinn?

Mich faszinierte die Schönheit der Buddha-Statuen, von denen ich inzwischen einige Dutzend besass. Ich hatte in ihrer Gesellschaft gelebt – ein birmanischer Bronze-Buddha hatte mehr als zwanzig Jahre lang schweigend über meine Bibliothek gewacht –, mich aber nie gefragt, was sie da machten, im Lotossitz, mit jenem grossmütigen Lächeln, den halbgeschlossenen Augen, eine Hand im Schoss, mit der anderen den Boden berührend. Wirklich, ich hatte mich nie gefragt – nicht anders als jemand, der seit seiner Kindheit ein Kruzifix über dem Bett hängen hat und sich nie mit der Bedeutung Christi am Kreuz beschäftigt hat.

Aber das Leben ist auch ungeheuer verschwenderisch. Wie vielen wunderbaren Menschen begegnen wir, ohne dass wir uns dessen bewusst werden; und wie viele schöne Dinge entgehen uns auf dem täglichen Nachhauseweg! Wie immer bedarf es lediglich des rechten Augenblicks, eines Zufalls; es bedarf eines Menschen, der uns anhält und unsere Aufmerksamkeit auf dies oder jenes lenkt.

«Meditiere!», hatten mir viele geraten. Schliesslich hatte ich auf Leopold, einen Bekannten aus Florenz, gehört, der mir immer wieder von seinem «Meister» erzählt hatte. Im November hatte er mir gesagt, dass John Coleman einen seiner berühmten Kurse in Thailand abhalten würde, und mich gedrängt, daran teilzunehmen. «Du musst begreifen, was Meditation ist», hatte er gesagt, «wozu warst du denn sonst all die Jahre in Asien?»

Die Vorstellung, von einem Amerikaner, einem ehemaligen CIA-Agenten, meditieren zu lernen, erschien mir höchst sonderbar. Aber wie Leopold ausführte, braucht man oft einen Vermittler aus dem Westen, um bestimmte Aspekte Asiens zu begreifen.

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