Von Männern und Wölfen

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Wer einem Wolf begegnet, dem gebietet es die Ehre, ihn zu jagen.

Urs Mannhart

Ein anmutiges, ein stolzes Pferd: Falls sich Gürrün weiter so entwickelt, wird sie nächstes Jahr zu den grössten der Herde zählen, das kann Asamat jetzt bereits sagen, obwohl die Stute noch keine sechs Monate alt ist. Ihre ungestüme Art, ihr unbändiger Wille machen den Umgang mit Gürrün nicht gerade einfach, das zeigt sich heute besonders deutlich; Asamat hat seine Herde, seine zwei Dutzend charismatischen, weit verstreut in den baumlosen Hügeln weidenden Tiere aufgespürt, hat sie über mehrere Kilometer hin, Bäche und Schafherden querend, in die Ebene getrieben, sicher über die Passstrasse nach Hause geführt und mithilfe seines Hundes in den Schafstall gesperrt.

Der Stall ist eng, aber hoch, die vierte Wand ist lediglich eine hüfthohe metallene Brüstung, die den Blick weit hinauslässt auf die schneebepuderte, von hellblonden Halmen bestandene Hochebene. Man muss kein Pferdeflüsterer sein, um zu bemerken: Auf dieser Ebene, unter dem endlos weit sich spannenden kirgisischen Himmel, würde Gürrün nun gerne stehen. In Freiheit, in der traulichen Nähe ihrer Mutter. Aber Gürrün wird dort nicht hinkommen. Heute Abend nicht. Denn Asamat, der umhergeht mit diesem beiläufigen und doch zupackenden Blick, mit diesen absichtsvoll gewählten Schritten, er trägt ein Seil in seinen Händen, ein Seil mit Schlinge.

Im Grunde ist es ein Leichtes, ihm auszuweichen, ihm gar keine Gelegenheit zu lassen, sein Seil zu werfen. Aber Arrin hat er bereits erwischt, hat sie nach kurzem Zweikampf bezwungen. Dann war es Harna, der es gelang, ihn zu Boden zu werfen – und doch entkam sie nicht.

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