Vor Gericht 1976

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Es gibt Gründe, die sind so abgrundtief, da kann man nicht hinuntersehen. Aber spüren kann man sie.

Fritz H. Dinkelmann

Am 21.Januar 1976 wurde Frau Anna Wagner mit einer dicken Holzlatte erschlagen. In Oberdorf regierte tagelang die Angst. Wer war der Täter? Es war der Ehemann des Opfers, der 38-jährige Schreiner und regional bekannte Antiquitätenhändler Hugo Wagner. Nach seiner Verhaftung legte er sofort ein Geständnis ab. An der Gerüchtebörse brodelte es, angesehene Bürger fürchteten um ihren Ruf, tout Soleure, ganz Solothurn, wartete und fieberte auf diesen Prozess. Lange vor Verhandlungsbeginn war die Zuschauertribüne überfüllt, mindestens fünfzig Leute fanden keinen Einlass mehr. Viele hatten sich so nett angezogen, dass man ruhig von einem gesellschaftlichen Ereignis sprechen kann. Im Mittelpunkt der Neugierde ein Angeklagter, der im Laufe des Prozesses einmal sagte: «Das, was man in mich hineininterpretierte in der Öffentlichkeit, stimmte ja alles nicht. Es war kein Leben mehr zum Darinstehen.»

Er kaufte noch zwei Joghurts. Seine Frau hatte Griess mit Apfelschnitzen zum Mittagessen gekocht. Man ass, und vermutlich wurde nicht viel gesprochen. Nichts deutet auf eine gespannte Atmosphäre hin, von einem Streit ist nichts bekannt. Der 21. Januar 1976 ist ein Mittwoch und vorläufig nicht mehr als die Mitte der Woche. Nach dem Essen setzen sich Mann und Frau ins Arbeitszimmer; Zeitschriften werden gelesen: traditionelle Mittagspause auch in Oberdorf. Dann steht er auf, geht in den Keller, holt ein wuchtiges Vierkantholz, geht nach oben, stellt sich hinter seine Frau, holt aus, schlägt zu. Insgesamt sicher zwanzigmal. Mindestens drei Genickschläge sind für die Frau tödlich. Danach reisst er die Schranktüren auf im Zimmer, auch im Schlafzimmer schafft er Unordnung, nimmt Geld und Schmuck, bricht eine Kellertüre auf (von innen), wechselt seine blutigen Kleider, versteckt das Tatwerkzeug im Auto und geht dann in die Werkstatt. Er holt den Lehrbub und fährt mit ihm zur Arbeit. Er heisst Hugo Wagner, ist Schreiner und in der Region Solothurn ein berühmter Möbelrestaurator und Antiquar. Im Leumundsbericht steht: «Er war ein charmanter Spassmacher – weit über die Grenzen von Oberdorf hinaus bekannt.»

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