Wüstenzug nach Basra

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Vorbei an Dattelpalmen und Dynamitfallen: Mit dem Wüstenzug nach Basra. Welche Geschichte erzählt Widad aus Abteil 4, Platz 6A?

Theresa Breuer

Am Hauptbahnhof in Bagdad herrscht eine Ruhe, die für die Zentralstation einer Hauptstadt ungewöhnlich ist. In der Eingangshalle sitzen Frauen und Männer, die die bewaffneten Polizisten am Eingang schon passieren durften, und unterhalten sich im Flüsterton. In der Mitte der Halle hängt ein gigantischer Kronleuchter, darunter steht eine Göttinnenstatue, das kreisförmige Foyer wird von hellen Steinsäulen gestützt. Das leise Echo, das von der etwa 30 Meter hohen Kuppel widerhallt, wirkt eher wie in einer Kathedrale als in einem Bahnhof.

Das Gebäude wurde Anfang der fünfziger Jahre eröffnet. Es erinnert an Zeiten, in denen Männer noch mit Hutkoffern und Frauen mit Handfächern reisten. Von der einstigen Pracht ist nicht mehr viel übrig. Elegante Damen und Herren mit Koffern sucht man vergebens. Die meisten Reisenden tragen ihre Habseligkeiten in billigen, mit Comicfiguren bedruckten und blau-weiss-karierten Plastiktaschen aus China zum Zug. Im einzigen Laden im Bahnhof, wo es früher auch Whisky zu kaufen gab, bietet der Besitzer heute Kekse, Chips und Wasser an. Die Ticketschalter, über denen Ziele wie Syrien und die Türkei stehen, sind alle geschlossen. Nur ein einziger Schalter ist geöffnet. Wie in Zeitlupe gibt der Mann an der Kasse Fahrkarten aus: Knapp sechs Euro für einen Sitzplatz im Grossraumabteil, 45 Euro für ein Bett in einer Einzelkabine und 74 Euro für einen Schlafwagen der ersten Klasse.

Nur bei ihm kann man Tickets kaufen, alle Reisenden haben an diesem Abend dasselbe Ziel: Basra.

Kaum 100 Fahrgäste haben sich eingefunden, obwohl der Zug zehn Waggons und Platz für 332 Passagiere hätte. Die meisten Reisenden haben vorher per Telefon reserviert und müssen nur noch ihre Tickets abholen. Draussen, an den Gleisen, beschnüffeln Sprengstoffhunde das am Bahnsteig aufgereihte Gepäck.

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