Walsaison

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Auf den Färöer-Inseln ist die Grindwaljagd der Höhepunkt des Jahres. Tierschutz und Tradition prallen dabei aufeinander.

Linus Reichlin

Tod eines Kalmars

Der Kalmar hat ein Problem. Er hat vorhin eine schwierige Muschel geknackt, es hat lange gedauert, bis ihre Schale unter dem Druck seiner Fangarme endlich geborsten ist. Und nun steckt ein Souvenir der Muschel in einem seiner Tentakel, ein spitzer Schalensplitter. Kalmare, sagen die Meeresbiologen, besitzen ein hoch entwickeltes Nervensystem. Sie sind lernfähig, haben ein ausgeprägtes Schmerzempfinden, und vermutlich träumen sie sogar. Wenn er heute träumt, dann davon, dass er endlich diesen schmerzenden Splitter loswird. Und das alles für eine magere Muschel, die seinen Hunger nicht gestillt hat! Nun hält er Ausschau nach einem Fischchen, die sind nicht so kompliziert wie Muscheln. Wenn man einem Kalmar in die Augen schaut, sagen die Meeresbiologen, hat man das Gefühl, dass er den Blick erwidert. Nach einer Weile entdeckt der Kalmar das appetitliche Glitzern einer Fischhaut. Er presst Wasser aus der Düse unter seiner Mantelhöhle, pfeilschnell schiesst er auf das Fischchen zu, dessen Darm sich in der Todesangst entleert. Der Kalmar umschlingt das Fischchen mit seinen neun unverletzten Tentakeln und presst das Leben aus ihm heraus. Dann führt er den Kopf zu seinem weit geöffneten Schnabel. Der Kalmar liebt diesen Moment, wenn sein Schnabel ganz ausgefüllt ist mit Nahrung, aber im Moment der Fresslust wird er unvorsichtig. Er überhört die Geräusche seines Feindes. Als er mit seiner Radula den Kopf des Fischchens zerraspeln will, wird er von einem Schlag getroffen. Ein lautloser, schrecklicher Schlag, der ihn lähmt. Er möchte fliehen, aber er kann sich nicht mehr bewegen. Seine Haut färbt sich weiss vor Angst. Bei vollem Bewusstsein sieht er etwas Riesiges über sich, etwas, das sein Gesichtsfeld ausfüllt: Er sieht seinen Tod. 

Grindweibchen

Das Weibchen ist schön, vielleicht auch nach den Massstäben derer, die mit ihm schwimmen. Es ist schön, weil es für die Welt geformt wurde, in der es lebt, es ist formgewordenes Wasser. Es besitzt die Anmut einer Welle, und seine Haut gleicht der glatten Oberfläche einer Lagune. Es ist keine Freude, ein so schönes Tier zu töten, sagen die, die aus Erfahrung sprechen. Das Weibchen hat lebhafte, dunkle Augen, die aber proportional gesehen winzig sind im Vergleich zu denen des Kalmars, den das Weibchen soeben durch einen gebündelten Sonar-Strahl betäubt und dann mit seinen spitzen Raubtierzähnen aufgespiesst hat. Der Kalmar hat die im Verhältnis zum Körper grössten Augen aller Lebewesen dieser Erde, aber das nützt ihm jetzt herzlich wenig: Seine Augen lösen sich in der Magensäure des Grindwal-Weibchens auf, es sind nur noch Fetzen davon übrig. Kalmare, sagen die Meeresbiologen, benutzen Werkzeuge und kommunizieren miteinander über die Veränderung der Hautfarbe. Noch ist der zu Brei zersetzte Kalmar im Walbauch allein, aber nicht mehr lange, denn das Weibchen ist eine buchstäblich grosse Schönheit. Es misst sechs Meter in der Länge und wiegt mehr als zwei Tonnen. Es muss jeden Tag fünfzig von denen fressen, die Werkzeuge benutzen und ein ausgeprägtes Schmerzempfinden haben. Aus der Sicht der Kalmare ist das Weibchen wie ein Bagger, der illegal eine Schneise in den Regenwald fräst, wie ein Wilderer, der Gorillas erschiesst, wie Leute, die Wale töten. Wir sind die Wale!, sagt der Chor der Kalmare. 

Aber der Ruf dringt nicht über die Wasseroberfläche hinaus. Es spielt sich alles in der Tiefe des Meeres ab, und das Meer gehört, was die Kalmare betrifft, dem Weibchen und seiner Schule. Es ist eine kleine Schule, zwanzig, dreissig Grindwale nur, die an diesem Tag die vielleicht sogar träumenden Kalmare zwischen die spitzen Zähne nehmen. Mehrere Hundert Kalmare werden kalkweiss vor Angst, bevor sie unter Schmerzen sterben. Sie hätten allen Grund, die Grindwale zu hassen. Mit gutem Recht könnten sie den Grindwalen vorwerfen, dass sie doch auch etwas anderes essen könnten. Dass sie nicht auf Kalmare, die intelligentesten aller Weichtiere, angewiesen sind, um zu überleben. 

Die Grindwale kämen in Erklärungsnot. Denn tatsächlich könnten sie sich genauso gut von Fischen ernähren. Das tun sie auch, wenn sie keine Kalmare finden. Aber Kalmare schmecken ihnen einfach besser. Sie lieben ihr Fleisch. Sie suchen stets nach Kalmaren und lassen Fische links liegen. Sie töten die Kalmare aus Lust auf ihr Fleisch.

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