Was die Leute von dir denken

Unfallopfer Bret lebt mit dem Stigma Behinderung. Dann meldet er sich für einen Marathon an.

Steve Friedman

Du weisst, was die Leute denken. Sie sehen die zu kurze Jeans und die speckige Winterjacke und denken: ein Obdachloser. Sie sehen, wie du eine Kreditkarte aus der Tasche ziehst: ein Betrüger. Dein starres Lächeln, die stockende, gequälte Sprache: Minderbemittelt. Der hat sie nicht alle.

Grausamkeit und Mitleid hast du schon früh kennengelernt. Erklärungen machten alles nur schlimmer. Gelächter. Abfällige Bemerkungen. Man wollte nichts mit dir zu tun haben. Also liessest du das Erklären bleiben. Du hast einen Job, eine Wohnung, eine Katze. Sollen die Leute doch denken, was sie wollen. Du hast dir ein Leben ohne Erklärungen aufgebaut, und das reichte dir.

Du bist seit 4 Uhr 30 wach an diesem Dezembermorgen. Du hast Haferflocken mit Cranberrys gegessen, deine Katze Taffy gefüttert und dein Mittagessen eingepackt: Hühnchen aus der Dose und Coleslaw, den amerikanischen Krautsalat. Nun bist du allein in der feuchten Morgenluft und stemmst dich gegen den Wind auf den schneebedeckten Stras­sen von Rhinelander. Die Industriestadt in Wisconsin mit ihren 7800 Einwohnern liegt mitten im Wald der Northern Highlands, dort, wo die Flüsse Wisconsin und Pelican zusammenfliessen. Es sind vier Kilometer bis zu Drs. Foster and Smith, dem Versand- und Onlinehandel für Tiernahrung, für den du seit fast 18 Jahren arbeitest, und einen Teil des Weges läufst du fast immer. Ein Trottel, der im Warenlager arbeitet, denken die Leute. Von deinen College-Kursen wissen sie nichts oder davon, dass du dich mit Militärgeschichte beschäftigst, Deutsch sprichst und ein wenig Russisch verstehst.

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Einen knappen Kilometer vor dem Warenlager erklimmst du einen Hügel, hältst inne und drehst dich zum Licht der Dämmerung. Selbst in den eisigen Tagen kurz vor Weihnachten vermag die schwache Morgensonne die Fabriken und ihre Schlote in etwas Freundliches, Friedliches und Sanftes zu verwandeln. Diese Gedanken teilst du mit niemandem. Kaum einer weiss, dass du Pferde magst, dass du dir überlegst, Hühner zu züchten, oder dass du dich nach Liebe sehnst und die Hoffnung darauf doch aufgegeben hast.

Damit kommst du zurecht. Es stört dich nicht. Hat es zumindest nicht, bis zu jenem Tag vor zwei Jahren, als dein Bruder Eric dir vorschlug, bei einem Fünf-Kilometer-Lauf mitzumachen. Er selbst lief zehn Kilometer und wollte Gesellschaft beim Laufen. Du sagtest Nein − du wolltest nicht, dass die Leute sich unwohl fühlten. Du wolltest nicht, dass sie dich anstarrten und sich ihr Teil dachten.

Doch Eric liess nicht locker. Und seitdem bist du dir bei vielem längst nicht mehr so sicher. Du bist jetzt 45 Jahre alt und fragst dich, ob du tatsächlich weisst, was die Leute denken. Du fragst dich, ob das Leben, das du dir so mühsam aufgebaut hast, wirklich genug ist.

 

An die Zeit vor dem Unfall kannst du dich nicht erinnern. Und du weisst, dass das ein Segen ist. Du warst sechs Jahre alt, ein Kindergartenkind, und lebtest in Mukwonago, Wisconsin, einem Vorort von Milwaukee. An einem Oktobertag rief dein bester Freund aufgeregt zu dir herüber, du sollest dir seinen neuen Spielzeugtruck anschauen. Also liessest du deine Brüder Eric und Mark stehen und ranntest auf die Strasse. Ein Kleintransporter kam aus der Kurve am Fuss des Hügels, und der Fahrer fuhr direkt in den schlimmsten Moment seines Lebens.

Deine Kapuzenjacke mit dem Logo der Packers verfing sich im Küh­lergrill. Du wurdest aus den Schuhen gerissen − sie waren noch zugeknotet, die Socken blieben in ihnen stecken −, und dein Körper wurde 15 oder 20 Meter die Strasse entlanggeschleudert, bis ein Mann aus einem VW Käfer sprang und dich stoppte. Äusserlich schienst du unverletzt.

Der Fahrer des Kleinlasters stieg auf die Bremsen, eilte zum nächsten Haus und hämmerte mit den Fäusten an die Tür. Die Frau, die sie öffnete, sagte: «Beruhigen Sie sich. Das ist eins von Barbs Kindern. Sie hat sicher schon einen Krankenwagen gerufen.» Und genau so war es. Denn deine Mutter hatte alles mit angesehen.

Du warst bewusstlos, dein Becken war zweifach gebrochen und dein Dickdarm gerissen. Die Ärzte im Krankenhaus entfernten deine Zähne, die sich durch den Aufprall gelöst hatten und zerbrochen waren. Sie legten einen künstlichen Darmausgang, schienten dein linkes Bein und legten einen Streckverband am rechten an. Als deine Mutter eintraf, war ein Fuss das Einzige, was aus den unzähligen Verbänden herausragte, also streichelte deine Mutter diesen Fuss. Sie rief ihre Mutter an, die nebenan wohnte, und bat sie, sich um deine Brüder zu kümmern. Als die Ärzte ihr sagten, dass dein Gehirn infolge eines Schädeltraumas massiv geschädigt sei, dass du nie mehr laufen oder sprechen würdest, dass deine geistige Entwicklung bei der eines Achtjährigen stehenbleiben werde und dass du nicht älter als 13 Jahre werden könnest, streichelte sie nur weiter deinen Fuss.

Tagelang blieb dein Zustand unverändert. Nach einer Woche oder zwei wollten die Ärzte dich operieren, um den Druck auf dein Gehirn zu verringern. Sie sagten, der Eingriff sei riskant, du würdest ihn vielleicht nicht überleben, doch wenn sie nichts täten, würdest du ganz sicher sterben. Sie rieten ihr, sich auf deinen Tod vorzubereiten. Deine Mutter kontaktierte ein Bestattungsinstitut.

Später brachte sie einen Kassettenrekorder und eine selbst aufgenommene Kassette mit. Darauf waren die Hühner und Snowball, euer schwarzer Labrador, zu hören und Eric, wie er Saxofon spielte. Sie dekorierte die Drähte über deinem Krankenbett. Du warst immer noch bewusstlos, doch sie sprach mit dir.

Du brauchtest Blut, mehr als deine Mutter und ihre Familie spenden konnten. Sie erzählte es einer Nachbarin. Ihr Vater war Vorarbeiter bei der Waukesha Motor Company und sagte in allen Schichten: «Leute, im Krankenhaus ist ein kleiner Junge, der Blut braucht. Vergesst nicht, dass all eure Urlaubsanträge für dieses Jahr über meinen Schreibtisch wandern.»

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Du wachtest aus dem Koma auf, aber du sprachst nicht. Dann, eines Tages, tatest du es plötzlich. Dein erstes Wort war: «Nein!»

Die Ärzte rieten deiner Mutter, dich in einem Pflegeheim unterzubringen, um dort den Rest deines Lebens zu verbringen. Wenn man es denn Leben nennen konnte.

Deine Mutter war schon immer eine zähe Frau, die zugibt, dass sie Pferde lieber mag als Hunde und Hunde lieber als die meisten Menschen. Dein Vater war schon lange fort. «Oh, er war ein liebevoller Mann», sagt deine Mutter. «Er liebte alle, egal, ob sie gross oder klein, blond, brünett oder rothaarig waren.» Deine Mutter machte sich nichts vor, was deine Pflege bei euch zu Hause anging. Doch sie schnappte sich eine Krankenschwester, und gemeinsam verfrachteten sie dich auf eine Luftmatratze und schoben sie in ihren grünen Kombi. Dann fuhr sie mit dir heim.

Sie weigerte sich, dir einen Rollstuhl zu geben. Deine Mutter war zäh, und sie wusste, dass sie eines Tages sterben würde. Falls du dann wie durch ein Wunder noch am Leben sein solltest, musstest du ebenfalls zäh sein. Monatelang hievte sie dich sechs Tage die Woche auf die Luftmatratze, schob dich in den Kombi und fuhr mit dir zu Physio-, Ergo- und Sprachtherapeuten. 

Deine linke Gehirnhälfte war beschädigt. Das störte deinen Gleichgewichtssinn und hatte die Nerven deiner rechten Körperhälfte beschädigt und diese insgesamt geschwächt − vor dem Unfall warst du Rechtshänder, nun wurdest du notgedrungen Linkshänder. Die linke Seite deines Gesichts war teilweise gelähmt. Dein Sprachzentrum war in Mitleidenschaft gezogen worden. Jahrelang musstest du Medikamente gegen Krampfanfälle einnehmen. Die Ärzte waren überrascht, als dein Gehirn wieder zu wachsen begann, doch es arbeitete anders als zuvor.

Du lerntest Lesen und vergassest es wieder. Du lerntest Rechnen und vergassest es wieder. Du lerntest Sprechen und vergassest es wieder. Du musstest alles wieder und wieder lernen. Fragte man deine Mutter, dann sagte sie, du hättest Probleme. Das Wort «behindert» kam ihr nicht über die Lippen.

Wenn Besuch kam, brachte man dir Spielzeug mit, und deine Brüder freuten sich – besonders über die Actionfiguren wie G. I. Joe –, weil sie es waren, die am Ende damit spielten. Der zehnjährige Eric war beständig hilfsbereit und fürsorglich. Ein ernster, ruhiger Junge, der mit fünf verkündete, er werde mal Fischkundler, darum wünsche er sich ein Tiefsee-U-Boot zu Weihnachten. Er wurde Physiklehrer an einer Highschool. Von ihm kam der Vorschlag, der dein Leben verändern sollte. Der achtjährige Mark war in nichts beständig. Er war wild, unberechenbar und impulsiv. Später an der Highschool verdiente er sich als Kredithai etwas dazu und hetzte halbstarke Schlägertypen auf säumige Kunden. Nach der Schule ging er zum Militär und wurde schliesslich Fern­fahrer. Mark hänselte dich und nahm dir deine G. I. Joes weg. Aber wehe, wenn andere Kinder es auf dich abgesehen hatten – und das hatten so manche, bevor Mark und seine Gang sie in die Finger bekamen.

Deine Mutter war arm. Sie arbeitete für ihren Bruder, der ein Treibhaus besass. Doch sie wusste, dass Bildung wichtig war und welchen Trost Musik spenden konnte, also sorgte sie dafür, dass deine Brüder Klavierunterricht bekamen. Und du auch. Du hattest keine Kontrolle über deine rechte Hand? Na und? Einer ihrer Neffen hatte das Down-­Syndrom, und wenn er zu Besuch kam, gab sie ihm eine Säge und schickte ihn raus, um mit Kleinholz für den Kamin zurückzukommen. 

Wenn dein Cousin mit dem Down-Syndrom Holz sägen konnte, konntest du auch Klavierspielen lernen. Deine Mutter erklärte dem Klavierlehrer deiner Brüder, was sie sich vorstellte. Was sie brauchte. Und dieser fand einen Komponisten – ein Veteran aus dem Krimkrieg –, der seine rechte Hand verloren und Stücke nur für die linke Hand komponiert hatte. Also lerntest du, linkshändig Klavier zu spielen.

Aus dir sollte jemand werden, der das Leben allein stemmen konnte – eine sichere Strategie, um mit Lehrern umzugehen, die dich für langsam hielten, mit Ärzten, die dich dumm nannten, und mit Kindern, die dich hänselten. Die meisten hast du nie vergessen. Manche schon.

An der Clarendon-Avenue-Grundschule fand ein Rennen statt. Das Gehen fiel dir schwer, vom Laufen ganz zu schweigen, aber alle Kinder mussten teilnehmen. Einer der schnellsten Jungs aus deiner Klasse war auch einer der gehässigsten. Doch deine Mutter erinnert sich, wie er über die Ziellinie lief, sich umschaute, und als er sah, was für eine Strecke du noch vor dir hattest, das Rennen noch einmal lief, direkt hinter dir, nicht um sich über dich lustig zu machen, sondern einfach, damit du nicht allein laufen musstest.

Deine Mutter musste die Medikamente, die Klavierstunden für eine Hand und vieles andere bezahlen, doch sie weigerte sich, den Fahrer des Kleinlasters zu verklagen. Er war nicht betrunken gewesen. Es war ein Unfall. Er hatte selbst Kinder. So sah sie es. Sie brüllte ihren Anwalt an, als er sich nach dessen Vermögensverhältnissen erkundigte. Wie konnte er es wagen?! Den Richter brüllte sie auch an. Er hatte sie ermahnt, sich hinzusetzen und den Mund zu halten, und dann ihrem Anwalt erklärt, sie solle gefälligst klagen, sonst drohe ihr ein Verweis wegen finanzieller Unverantwortlichkeit. «Der Mann ist ja wohl kaum morgens aufgestanden und hat sich gesagt: ‹Heute mähe ich mal einen Sechsjährigen um!›», schrie sie den Richter an.

Deine Mutter kam über die Runden. Nachdem sie sich mit der Frau deines Onkels zerstritten hatte, fand sie andere Jobs: kellnerte, verpackte Fleisch in einem Feinkostladen, nahm Bestellungen in einem anderen Laden an.

Wenn du Milch in deine Müslischale kipptest und alles danebenging, nahm deine Mutter einen Lappen und wischte sie weg, das neue Müsli musstest du dir jedoch selbst machen. Du fielst oft hin. Sie sprach dann einfach weiter, während sie dir auf die Beine half. Und wenn es wieder passierte, half sie dir einfach noch einmal auf.

 

Deine Knochenbrüche verheilten. Der künstliche Darmausgang wurde zurückverlegt. Wegen des Hirnschadens war dein Gang weiterhin unbeholfen, doch du stürztest seltener. Du redetest mehr. Von aussen betrachtet, sah es wie eine Geschichte mit Happy End aus: Kleiner Junge wird schwer verletzt, findet aber durch liebevolle Strenge und Unterstützung seinen Platz in der Welt. Doch du hattest deinen Platz noch nicht gefunden.

Auch deine Mutter würde das bald merken, wenn sie es denn nicht schon längst gewusst hatte. Du warst in der zweiten Klasse. Es war ein Frühlingsnachmittag, als deine Mutter in die Schule gerufen wurde. Sie war vielleicht streng, doch man konnte auch Spass mit ihr haben. Manchmal holte sie dich, deine Brüder und ein paar andere Kinder von der Schule ab, und ihr gingt Enten füttern oder angeln oder einfach an den See zum Spielen.

Sie war auf dem Weg zu deiner Klasse, als sie dich im Flur sah. Du warfst mit Büchern um dich und rissest Papier in Fetzen. Du hattest deine Gründe, wütend zu sein. Das war ihr bewusst. Und andere an ihrer Stelle hätten dich vermutlich in den Arm genommen, dir den Kopf gestreichelt, dich getröstet.

Sie packte dich und versohlte dir den Hintern noch im Schulflur. Ein paar Leute sahen geschockt zu. Doch sie wussten nicht, was deine Mutter wusste. Sie wussten nicht, was sie zu dir sagte, als sie dich zum Auto zerrte.

«Andere Kinder können mehr als du?», fragte sie. «Pech. Lern, damit umzugehen!» Sie war nicht religiös, doch nun, mit einem schluchzenden, tobenden Zweitklässler konfrontiert, sprach sie plötzlich von Gott.

«Gott hat nie behauptet, dass es gerecht zugeht», sagte sie. «Was er dir gab, war eine Chance.»

Zu Hause nahm sie einen Stift und schrieb auf deine Schultasche: «Scheitern ist nicht hinfallen. Scheitern ist, liegen zu bleiben.» Sie schrieb es auch an den Kühlschrank.

Die Ärzte rieten deiner Mutter, deine Sachen mit Klettverschlüssen zu versehen, damit du dich selbst an- und ausziehen konntest. Aber sie wusste, wie grausam Kinder sein konnten und dass du auch ohne Klettband an der Kleidung genügend Spott auf dich zogst. Also machte sie dir Hemden mit riesigen Knopflöchern und überdimensionierten Knöpfen, und du musstest lernen, sie zuzuknöpfen. 

Deine Grossmutter und sie sahen dir dabei zu. Beim letzten Knopf merktet ihr, dass du dich jeweils um ein Loch vertan hattest. Deine Grossmutter wollte dir helfen. «Finger weg! Wenn du es nicht mit ansehen kannst, geh nach Hause», fauchte ihre Tochter. «Er muss lernen, es allein zu machen.»

Deiner Grossmutter liefen Tränen über das Gesicht, und sie krallte ihre Hände hinter dem Rücken ineinander, während du mit deiner gesunden linken und deiner verformten rechten Hand das Hemd wieder aufknöpftest. Die Augen deiner Mutter blieben trocken.

Sie ging mit dir zu einer Selbsthilfegruppe für Menschen, die einen Hirnschaden erlitten hatten, und deren Familien. Als die Mutter eines jungen Mannes sagte: «Ich bin selbst auch eine Kämpferin», fuhr deine Mutter sie an: «Sind Sie nicht. Sie sind eine Mutter. Das ist Ihre Aufgabe!»

In der Highschool besuchtest du Förderkurse und hasstest sie. Die anderen Kinder fingen an zu wimmern, wenn sie eine Aufgabe zu schwer fanden, und schon übernahm sie ein Betreuer für sie. Du wolltest nicht, dass andere deine Aufgaben machten. Du lerntest Latein, weil das Formen der fremden Laute deine Aussprache trainierte. Du lerntest Deutsch, weil das Denken in fremder Sprache dir insgesamt dabei half, dich besser auszudrücken.

Sechs Wochen vor deinem Highschool-Abschluss bekam deine Mutter einen Anruf. Du warst im Unterricht einfach aufgestanden und gegangen. Keiner wusste, wohin. Sie fand dich am State Highway 83, auf dem Weg Richtung Norden. Du sagtest ihr, du wissest nicht, wohin du gehst. Du wolltest einfach nur weg. 

Das brachte doch alles nichts! Deine rechte Körperhälfte funktio­nierte nicht richtig. Dein Mund auch nicht. Jeder hielt dich für dumm, obwohl du es nicht warst. Du würdest niemals gut genug sprechen können, um jemandem wirklich vermitteln zu können, wie du dich fühltest, was du dachtest. In deinem Herzen und deinem Kopf herrschte ein einziges Durcheinander. Du nahmst Medikamente gegen die Krampf­anfälle. Und manchmal, vor allem wenn du müde warst, hinktest du und machtest lange Pausen zwischen den einzelnen Worten. Die Leute fühlten sich unwohl in deiner Nähe. Was war das für ein Leben?

Du wusstest, wie deine Zukunft aussehen würde. Du wusstest, was zu tun war. Du versuchtest, dir das Leben zu nehmen.

Deine Mutter fuhr dich ins Krankenhaus. Der Psychologe dort sagte, du seist «minderbemittelt». Deine Mutter hatte einen einarmigen Komponisten für dich gefunden, dich auf der sperrigen Luftmatratze in ihren Kombi gehievt, dir Blut besorgt. Sie hatte dir beigebracht, wieder zu sprechen und dein Hemd allein zuzuknöpfen. Natürlich würde sie auch einen Arzt finden, der sich die Zeit nahm, dir wirklich zuzuhören. Dich wirklich zu sehen. Und das tat sie. Er arbeitete in Milwaukee, war freundlich und hörte zu. Und verstand dich. Er verstand, dass das Leben niemals leicht war, dass es für jemanden mit deinen Hirnverletzungen praktisch unerträglich war und dass deine ganzen Medikamente es tatsächlich unerträglich machten. Er wusste, wie du dich fühltest.

«Bret ist klug», sagte er zu deiner Mutter, als ob sie das nicht längst gewusst hätte. «Er schafft es fast, einen zu überzeugen, dass Selbstmord die logische Konsequenz ist.»

Es dauerte lange, bis du diese Gedanken hinter dir lassen konntest. Einmal traf dich deine Mutter in deinem Zimmer mit einer Machete an. «Du willst dich umbringen?», schrie sie und griff nach der Machete. «Her damit, ich helfe dir dabei!» Sie schlug dir mit den Griff gegen die Beine. 

Der Arzt riet, alle Medikamente abzusetzen. Er sagte zu deiner Mutter, dass sie dich dadurch zwar verlieren könnte, er aber der Meinung sei, man müsse das Risiko eingehen. Ihr wart euch einig.

Du gingst weiterhin zu diesem Arzt. Du holtest deinen Highschool-Abschluss nach. Du bereitetest dich auf dein Leben vor.

Du wolltest einen Kurs zur Dateneingabe beim Waukesha County Technical Institute besuchen. Deine Mutter meinte: «Klar, wenn du möchtest.» Du wolltest allein dorthin fahren, und wieder sagte sie: «Natürlich, wenn du das möchtest.»

Du gingst die Greenfield Avenue hinunter und nahmst die Buslinie 9. Du wusstest es nicht, aber hinter dem Bus, tief im Fahrersitz versunken, fuhr deine Mutter. Noch nie war sie so stolz auf dich gewesen. Noch nie − von deiner Zeit im Krankenhaus abgesehen − hatte sie sich solche Sorgen gemacht. 

1987 zogen du, Mark und deine Mutter nach Pine Lake, wo sie eine Bar namens «The Whispering Pines» kaufte. Es waren schöne Jahre. Deine Mutter traf Oscar, einen 15 Jahre jüngeren, freundlichen Mann. Du standest hinter der Theke und lerntest neue Leute kennen, und sie lernten dich kennen. Deine Mutter und Oscar heirateten. Sie lebten in der Wohnung im ersten Stock, Mark und du, ihr lebtet unten. Du besuchtest Kurse am Nicolet Area Technical College. Du hattest eine Eins im Computerkurs, im Psychologiekurs, im Wirtschaftskurs und im kreativen Schreiben. In Wirtschaftsrecht und dem weiterführenden Algebrakurs hattest du jeweils eine Zwei. In Grundlagen der Sprache hattest du eine Drei.

Du wolltest mehr als nur Bier ausschenken. Du bewarbst dich auf diverse Stellen in der Stadt. Du fülltest einen Bewerbungsbogen an einer Tankstelle im Ort aus. Er war umfangreich, und es dauerte lange. Die Frau, die dir gegenübersass, beobachtete dich dabei. Das machte dich noch nervöser. Als du gingst, konnte deine Mutter sehen, wie sie die Bewerbung zerriss und in den Mülleimer warf.

Eine Stelle, die dich ebenfalls interessierte, war bei Drs. Foster and Smith, dem Handel für Tiernahrung. Die Filialleiterin wunderte sich. Du bekamst doch eine Invalidenrente. War dir nicht bewusst, dass eine regelmässige Tätigkeit dein Recht auf die staatlichen Zahlungen gefährdete? Das wolltest du doch sicher nicht? Du erklärtest ihr, dass du arbeiten wolltest, weil man das nun mal so tat. Fand sie das etwa komisch? Sie fand es vollkommen normal und sagte dir, dass man dich gern einstellen würde.

Du tratest deinen Job am 29. August 1995 an. Du warst Angestellter Nr. 860. Du transportiertest Waren im Lager zusammen mit einem jungen Mann namens Marko Modic. Er merkte schnell, dass du ziemlich clever warst. Und witzig. Witziger und cleverer als alle anderen im Warenlager. Ihr redetet über Politik und Frauen und Sport, und du spieltest gemeinsam mit den Kollegen aus dem Warenlager einmal die Woche Volleyball. Du merktest bald, dass du mit deinen Gleichgewichtsstörungen und der schwachen rechten Körperhälfte nicht richtig mitspielen konntest. Also bliebst du von da an am Spielfeldrand und kommentiertest das Spiel.

Marko fiel auf, dass du allen klugen Sprüchen zum Trotz ziemlich empfindlich warst. Als ob du dir etwas beweisen müsstest. Wenn andere eine Fünf-Liter-Flasche die Treppen hochtrugen, nahmst du zwei, eine auf jeder Schulter. Wenn jemand dich auf die Unfallfolgen ansprach, sagtest du nur: «Wir sind alle verschieden.» Thema beendet.

Marko lernte dich besser kennen, aber er war praktisch der Einzige. Die Mittagspause verbrachtest du allein in der Ecke vor dem Fernseher und schlangst dein Hühnchen mit Coleslaw hinunter.

Die Leute boten dir an, dich mit zur Arbeit zu nehmen, aber du wusstest, dass sie es nur aus Pflichtgefühl taten, also lehntest du ab. Niemand sollte sich deinetwegen unwohl fühlen. Du gingst zu Fuss zur Arbeit und zu Fuss nach Hause. Du gingst zu Fuss zum Supermarkt und in den Waschsalon. Du sahst fern und gingst früh ins Bett, und am nächsten Morgen standest du auf, füttertest Taffy, machtest dir deine Haferflocken mit Cranberrys, und so ging es immer weiter, und es war genug. 

Deine Mutter war zäh und hatte ihr Bestes gegeben. Mit Erfolg. Du warst ebenfalls zäh geworden.

Hättest du den Leuten doch nur zeigen können, was du alles wusstest − über Landwirtschaft und Tiere und deine Katze und die Zuchthühner, die du dir anschaffen wolltest, über Militärgeschichte, dass du Latein und Deutsch konntest, dass du dich nach einer zärtlichen Berührung sehntest ... Aber du konntest es ihnen nicht erklären. Das war Teil des Problems, es war das Problem. Du hättest ein Mittel gegen Krebs finden können, und es wäre völlig nutzlos gewesen, weil du nicht darüber sprechen oder schreiben konntest.

Aber du wolltest für andere von Nutzen sein. Alle zwei Monate gingst du zur Blutspende ins Community Blood Center. Du halfst deiner Mutter und Oscar im Haushalt. Du lerntest die vierstelligen Barcodes für die Waren im Lager auswendig, damit du immer genau wusstest, wo etwas lag, wenn jemand es brauchte. Du trugst die riesigen Wasserkanister. Du nahmst niemals Urlaub (zum Teil auch, weil du Angst vor den vielen Formularen hattest, die man dafür ausfüllen musste). Du besuchtest Kurse wie «Gesellschaftswissenschaften», «Amerikanische Geschichte bis 1865», «Amerikanische Geschichte seit 1865», «Prinzipien des Marketings» und «Personalwesen». Du fingst an, Geld fürs Alter zurückzulegen. Jeder baut sich ein eigenes Leben auf, und du hattest dir deins aufgebaut. Es war einsam, aber damit kamst du zurecht. Es reichte dir.

Als du 35 warst, kauften deine Mutter und Oscar eine Farm rund hundert Kilometer weiter westlich. Sie fragten, ob du mit ihnen dorthin ziehen wollest. Es gebe dort Pferde und Hühner. Du lehntest ab. Du arbeitetest seit fast acht Jahren bei Drs. Foster and Smith. Glaubten Oscar und deine Mutter wirklich, du würdest deinen Job einfach so aufgeben? 

Deine Mutter war einmal mehr unglaublich stolz auf dich. Und machte sich Sorgen.

Du und dein Bruder bliebt in Pine Lake, bis Mark die Bar verkaufte. Du zogst nach Rhinelander und zum ersten Mal in eine Wohnung ganz für dich allein. Noch immer lehntest du ab, wenn Kollegen dich mit dem Auto mitnehmen wollten. Du warst noch nie beim Firmen-Picknick oder der Weihnachtsfeier. Du hattest einen Job, und an drei Freitagen im Monat holten deine Mutter und Oscar dich nach der Arbeit ab und nahmen dich übers Wochenende mit auf die Farm, und das reichte dir.

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Eines Tages rief dich Eric aus Houston an, wo er Naturwissenschaften an einer Highschool unterrichtete, und fragte, ob du mit ihm am Fünf-­Kilometer-Lauf in Rhinelander teilnehmen wolltest. Du sagtest Nein. Nicht weil du dachtest, du könntest es nicht schaffen. Jeden Tag gingst du acht Kilometer, warum solltest du die Strecke also nicht laufen können? Aber du wusstest, dass die anderen sich unwohl fühlen würden, die Leute, die einfach so drauflosreden konnten, die Leute, deren rechte Hand abends nicht müde wurde und deren Lächeln nicht erstarrte. Ausserdem machtest du dir Sorgen wegen des Gleichgewichts. Was, wenn du mittendrin stolpern, wenn du hinfallen würdest? Eric gab nicht auf. «Komm schon», sagte er. «Es ist ein Gruppending, aber man ist trotzdem für sich. Du störst keinen, und keiner stört dich.» Nahmst du teil, weil Eric so hartnäckig war, oder gab es doch einen anderen Grund? Du bist dir nicht sicher.

Du liefst die fünf Kilometer in Tennisschuhen von Walmart, deren Sohlen auseinanderfielen, und dir wurde zum ersten Mal bewusst, dass du dich auch irren konntest. Laufen und gehen war nicht dasselbe − deine Beine fühlten sich an wie Gummi. Und niemand schien sich unwohl zu fühlen. Dafür war jeder viel zu sehr mit sich und dem Lauf beschäftigt. Sie sagten «Hallo», du sagtest «Hallo». Und dann lächelten sie, und du lächeltest zurück. Es fühlte sich gut an. Nach dem Rennen begrüssten die Leute dich, fragten nach deiner Zeit (29 Minuten), lachten und unterhielten sich, und es war egal, wie langsam du sprachst, wie oft du beim Antworten stocktest. Es schien keinen zu kümmern. Die Frau deines Chefs war da und ein paar andere, die du kanntest. Fünf Wochen später nahmst du an einem weiteren Fünf-Kilometer-Lauf teil. Am Tag davor warst du mit einer Erkältung aufgewacht, aber du schafftest die Strecke trotzdem wieder in 29 Minuten.

Du kauftest dir ein neues Paar Schuhe. Du wolltest deine rechte Körperhälfte gezielt trainieren. Also gingst du zu einem Fitnessstudio in deiner Nähe. Als du deine Kreditkarte zeigtest und fragtest, ob der Club sie akzeptiere, musterte dich der breitschultrige Typ hinter dem Tresen, schaute auf deine zu kurze Jeans und deine alte Jacke und das starre Lächeln auf deinem Gesicht und sagte: «Klar, wenn es wirklich Ihre Karte ist.» Du drehtest dich um und gingst. Aber du gabst nicht auf.

Du wurdest Mitglied bei Anytime Fitness in der Innenstadt von Rhinelander. Beim ersten Mal − nach deiner Schicht von 7 Uhr bis 15 Uhr im Lager − führte dich der Filialleiter herum. Auf dem Laufband neben dir trainierte eine ältere Frau. Sie lächelte herüber und sah, dass du neu warst und noch nicht wusstest, wie man die Einstellungen auswählte. Sie fragte, wie schnell du laufen wollest. Dir war klar, dass sich die Leute in deiner Gesellschaft unwohl fühlten, aber du wolltest nicht unhöflich sein, also sagtest du «sechseinhalb». Du wolltest sechs­einhalb Kilometer laufen. Sie lächelte und nickte, dachte insgeheim, dass sechseinhalb Kilometer ziemlich ambitioniert seien. Aber sie half dir, es einzugeben. 

Du flogst beinahe vom Band, und die Frau hätte vor Schreck fast aufgeschrien. Aber du fingst dich. Sie half dir, das Laufband besser einzustellen, und du schafftest die sechseinhalb Kilometer.

Nein, du gabst nicht auf. Du hattest gelernt, dein Hemd mit deiner verformten rechten Hand zuzuknöpfen. Du hattest gelernt, einhändig Klavier zu spielen. Natürlich konntest du einen Marathon laufen. Du suchtest dir einen in deiner Nähe, den Journeys Marathon in Eagle River, und meldetest dich an. Zuvor flogst du noch nach Las Vegas und nahmst am fünf Kilometer langen Thin Mint Sprint teil. Ganz allein.

Danach gingst du weiter ins Fitnessstudio und batest deine Mutter, sich den 14. Mai freizuhalten. Sie sollte dich in Eagle River laufen sehen. Du konntest nicht einmal auf einer geraden Linie von ihrem Haus in Kennan bis zur Scheune gehen. Wie solltest du 42,195 Kilometer schaffen? Die Frau, die selbst so zäh war, sagte, du seist verrückt.

Dennoch fuhren sie und Oscar die drei Stunden nach Eagle River. Du trugst nur ein Baumwoll-T-Shirt, dir war eiskalt, und deine Mutter hatte Angst, dass du den Tag nicht überleben würdest. Sie wusste, dass Läufer, die länger als sechs Stunden brauchten, disqualifiziert wurden, und sorgte sich, dass du das nicht schaffen und wie du diesen Rückschlag verkraften würdest. Nach fünf Stunden hatte mehr als die Hälfte der Läufer die Ziellinie überquert. 40 Minuten später und fünf Meter vor der Ziellinie humpeltest du zu deiner Mutter und Oscar hinüber. Du warst erschöpft, und deine Mutter sah, dass die rechte Seite deines Körpers nicht mehr so recht mitspielte. Aber sie sah auch, wie glücklich du warst. Du erzähltest ihnen vom Lauf, wie toll es gewesen war, dass du am Erfrieren warst, dass du weitere Marathons laufen wolltest, und deine Mutter war froh und erleichtert, während um euch herum die Leute schrien: «Lauf über die Ziellinie! Du musst über die Ziellinie laufen!»

Du schafftest den Marathon in 5 Stunden und 39 Minuten. 101 Läufer kamen ins Ziel. Als 96. überquertest du die Linie.

 

Es ist später Nachmittag an einem Mittwoch, und die Abendsonne wirft lange Schatten auf die schneebedeckten Strassen in Rhinelander. Du hast deine Schicht bei Drs. Foster and Smith hinter dir, und obwohl du müde bist, ist dein Lächeln strahlend und ansteckend. 

Heute Abend gibt es Pizza und morgen wieder Hühnchen aus der Dose mit Coleslaw. Für die Dose Hühnchen hast du im Walmart 2 Dollar 39 bezahlt und für die Packung Coleslaw 99 Cent bei Trig’s. Das Hühnchen reicht für zwei Portionen und der Coleslaw mindestens für vier. Du kannst gut mit Geld umgehen. Du hast mehr als 50 000 Dollar fürs Alter zurückgelegt. Du hattest schon mal mehr auf dem Konto, nachdem die Versicherung das Geld für den Unfall ausgezahlt hatte, aber diese Rücklagen bedeuten dir mehr. Du hast sie dir selbst erarbeitet. Deine Bonität ist «ausgezeichnet». Du hast eine Platin-Kreditkarte. Das sind Dinge, die die Leute nicht über dich wissen. 

Sie wissen nicht, dass du schon vor Jahren allein nach Las Vegas gereist bist, um dich mit einer Frau zu treffen, die du im Internet kennengelernt hattest. Aber daraus wurde nichts. Aus dem gleichen Grund bist du auch mal nach Nashville gefahren, aber auch das hat nicht geklappt.

Du weisst, dass Enttäuschungen wehtun, aber nichts schmerzt so sehr wie das Leid, das die Menschen sich selbst zufügen. Du erklärst, dass Menschen, die das Gefühl haben, sie könnten der Welt nicht mitteilen, wer sie sind, unglaublich traurig sind und sich selbst und anderen schreckliches Leid zufügen. Und du klingst eher wie ein Philosophieprofessor oder wie ein Priester als wie ein Trottel, der im Warenlager arbeitet.

Du weisst, dass alles, was man macht – egal, ob es Geschichte studieren oder Gedichte vortragen ist −, neue Perspektiven schafft und dass Laufen den Körper trainiert und den Horizont erweitert und dass man stolz auf das sein kann, was man macht, solange man nicht untätig ist. Und nun klingst du wie ein Psychologe, vielleicht auch wie jemand, der einen Selbstmordversuch hinter sich hat und es jetzt besser weiss. 

Und dann erzählst du, dass du dir sehr lange eine Freundin gewünscht hast, aber einsehen musstest, dass Frauen in deinem Alter meist Kinder haben und einen Partner suchen, der die Kinder zum Fussballtraining fahren kann. Ohne Auto wärst du nur eine Last, also hast du dich damit abgefunden, nie eine Freundin zu haben. Und plötzlich klingst du wie so viele andere, die sich aus Angst in ihrer eigenen kleinen Welt einschliessen.

Nach fast 18 Jahren hast du noch immer an keinem Firmen-Picknick oder an einer Weihnachtsfeier teilgenommen. Laufen ist das eine − du bist einer von vielen, du musst nicht mit den anderen reden, niemand fühlt sich unwohl, und ihr seht euch ohnehin nicht wieder. Das Leben ist was ganz anderes. Wenn du plötzlich zu solchen Veranstaltungen gehen und über dich selbst reden würdest, wem wäre damit geholfen?

Bobbi Jewell hätte vor Schreck fast aufgeschrien, als es dich vor drei Jahren bei Anytime Fitness schier vom Laufband fegte. Dann sah sie dich die sechseinhalb Kilometer laufen. Bobbi hat ein Reisebüro in der Stadt. Hier schaust du als Allererstes vorbei, wenn du von einem Lauf zurückkommst, und zeigst ihr stolz deine Medaillen. Du weisst nicht, wie sehr du sie inspirierst.

Marko Modic, dein Kumpel aus dem Warenlager, leitet heute die Personalabteilung bei Drs. Foster and Smith. Er ist überzeugt, du seist klüger als 99 Prozent der Mitarbeiter, und dabei habe er deine und seine Vorgesetzten schon mit eingerechnet.

Er sagt, das Laufen habe dich verändert, wenn auch nicht auf den ersten Blick. Vorher hättest du nie über den Unfall gesprochen. Heute gibst du zu, dass du schwere Zeiten hinter dir hast – vor allem, wenn du damit jemandem helfen kannst. Dann erzählst du, was die Ärzte gesagt haben: dass du niemals wieder sprechen oder laufen könnest. Und dass, wenn ein Arzt das zu jemandem sage, dieser sich schleunigst einen anderen Arzt suchen solle.

Auch Marko hat mal schlechte Tage. Wer hat die nicht? Dann denkt er daran, was sein alter Kollege aus dem Warenlager alles durchgemacht hat und wo er heute steht. Er atmet einmal tief durch und weiss, dass er es schaffen kann, wenn er sich nur nicht hängenlässt. Er denkt an dich und fasst neuen Mut, auch wenn du davon nichts weisst.

Es gibt viele Dinge, die du nicht weisst. Du weisst nicht, ob du dieses Jahr im Juli am Firmen-Picknick teilnimmst oder ob du zur Weihnachtsfeier gehst. Du weisst nicht, ob du nicht doch eine Freundin findest. Du hältst es für unwahrscheinlich. In den letzten zwanzig Jahren hast du etwa 45 Liter Blut gespendet. Es gibt dir ein gutes Gefühl, dort hinzugehen. Du magst die kostenlosen Kekse und plauderst gern mit den Schwestern. 45 Liter. Es gibt vieles, was du nicht weisst. Dein Zustand wird sich verschlechtern. Du hast Narbengewebe im Gehirn und ständig Schmerzen. Bei feuchtem Wetter schwillt das Narbengewebe an, und du bekommst starke Migräne. Vielleicht stolperst du morgen einmal. Vielleicht stolperst du morgen ununterbrochen.

Du weisst, dass ein gewisser Dr. Steven Flanagan, Vorsitzender der Abteilung für Rehabilitationsmedizin am NYU Langone Medical Center, Mäuse mit Hirnverletzungen auf Laufbänder setzte und feststellte, dass diese Tiere ihre kognitiven Fähigkeiten schneller und umfangreicher wiedererlangten als Mäuse ohne Laufbänder. Er und andere Wissenschaftler vermuten, dass körperliche Betätigung chemische Prozesse im Gehirn auslöst, die die Heilung unterstützen. Du weisst, dass immer mehr Berichte von Menschen mit Hirnverletzungen dies belegen und mittlerweile Ärzte Patienten mit diesem Leiden Sport empfehlen. Du weisst, dass es bei dir gewirkt hat, dass es dir geistig und körperlich besser geht, seit du mit dem Laufen begonnen hast.

 

Du redest nicht gern über deine Hirnverletzung, deine Genesung, über das, was war und was hätte sein können. Aber du möchtest, dass die Leute − vor allem diejenigen, die dasselbe durchmachen wie du − wissen, dass es Aussicht auf Besserung gibt, dass es bei dir so war und auch bei ihnen so sein kann.

Deine Mutter glaubt, dass es dir besser geht und du glücklicher bist, seit du läufst. Sie sitzt in der Küche, trinkt Kaffee und erzählt von den Chillischoten, die sie einlegt. Vier Tage später werden sie und Oscar nach Rhinelander fahren, mit dir Chinesisch essen gehen und dich anschliessend mit zur Farm nehmen.

Sie sagt, dass artige Kinder nicht immer brave Jungs werden und brave Jungs nicht immer gute Menschen, aber dass du alles davon warst. Du hättest alles werden können − Arzt oder Rechtsanwalt zum Beispiel −, wenn der Unfall nicht gewesen wäre. Sie sagt, sie bezweifle, dass du ohne das Laufen heute derselbe Mensch wärst. Dass du so unabhängig und selbstsicher wärst. Sie sagt, du würdest dich jedes Mal verbessern. Vielleicht nur um ein paar Minuten. Oder Sekunden. Aber du tust es. Und das bedeute dir viel. Ihr auch. Es war ein Fehler, dir vom Laufen abzuraten, an dir zu zweifeln. Deine Mutter erkennt Fehler nicht nur bei anderen, sie kann sie auch selbst zugeben.

Sie sagt, ihre Stärke sei, dass sie sich von Schicksalsschlägen nicht aus der Bahn werfen lasse und die Dinge so nehme, wie sie seien. Deine Stärken seien Geduld und Ausdauer. Du siehst das anders und nennst es Hartnäckigkeit und Sturheit.

Deine Mutter sitzt in der Küche und spricht über Sterben und Gnade. Nach drei Stunden gibt sie zu, dass auch sie einmal in Tränen ausgebrochen ist. Du warst zehn, und ihr wurde plötzlich bewusst, dass du niemals würdest pfeifen können. Es war etwas so Triviales nach allem, was du durchgemacht hattest. Aber sie heulte wie ein Wasserfall.

Sie hat Verständnis für Selbstmitleid. Wir alle kommen mit Verletzungen, Krankheiten, Verlust und Veränderung in Berührung, wir alle haben Angst, sind traurig und verlieren die Hoffnung. Sie weiss, wie sich all das anfühlt. Entscheidend ist – für Läufer wie Nichtläufer, Menschen mit Hirnschäden und Menschen, denen das Leben übel mitgespielt hat, Glückspilze wie Pechvögel, jugendliche Kredithaie und Highschool-Physiklehrer –, wie man mit diesen Momenten umgeht, in denen man nur noch aufgeben möchte.

«Ich habe ein Schaumbad genommen, dabei ein Glas Wein getrunken, mich ausgeheult und ordentlich selbst bemitleidet», erzählt deine Mutter. «Dann bin ich aus der verdammten Wanne raus, hab mich ins Bett gelegt, und am nächsten Tag bin ich einfach wieder aufgestanden.»

Am ersten Morgen auf der Farm wachst du aus Gewohnheit um 4 Uhr 30 auf und liest dann noch im Bett. In letzter Zeit über die amerikanische Sibirien-Expedition nach dem Ersten Weltkrieg. Danach spielst du Karten mit deiner Mutter und Oscar und kümmerst dich um die Pferde und Hühner. Seit du läufst, kannst du in einer geraden Linie vom Haus zur Scheune gehen. Dann frühstückst du und hilfst bei kleineren Umbaumassnahmen. Ihr dämmt die Scheune und richtet die Balken auf der Veranda. Dann spielt ihr noch etwas Karten, und nach dem Abendessen schaut ihr einen Film, bevor es ins Bett geht. Zwischendrin läufst du noch eine Runde.

Du magst das Gefühl beim Laufen. Die Endorphine, die Herausforderung, die Möglichkeit, immer besser zu werden. Du magst es, dich am Start mit deinen Mitläufern zu unterhalten. Du magst, wie es dich verändert hat. Du gehst aufrechter, fühlst dich stärker, und du geniesst es, dass du attraktive Frauen in Shorts beäugen kannst und es keinem etwas auszumachen scheint. Du magst das Laufen, weil es dir gezeigt hat, dass du dich jahrelang in deiner eigenen kleinen Welt abgeschottet hattest, die zwar sicher war, aber dich eben auch einschränkte. Durch das Laufen ist dir bewusst geworden, dass du ein Mensch wie jeder andere bist. Vielleicht bist du nicht ganz so schnell, aber du kämpfst genauso, verbesserst dich genauso und hast genauso viel Spass. Wenn du die Ziellinie überquert hast, bleibst du stehen und feuerst die Übrigen an − die Langsamsten, die Dicksten, diejenigen, die am meisten zu gewinnen haben. Du weisst, wie sie sich fühlen. Du weisst, dass sie Gewinner sind, auch wenn sie es selbst nicht wissen.

Mittlerweile läufst du fünf Tage die Woche. Wenn du müde bist, ziehst du deinen rechten Fuss ein wenig nach, aber das ist nicht schlimm. Du hast an sechs Zehn-Kilometer-Läufen, einem Halbmarathon und drei Marathons teilgenommen. Dieses Jahr läufst du den Journeys-­Marathon in Eagle River zum dritten Mal, und du hoffst auf eine Zeit von 4 Stunden und 22 Minuten. Unter sieben Minuten pro Kilometer. Du denkst, dass du das schaffen kannst. Aber du weisst es nicht.

Eines aber weisst du, seit du den ersten Fünf-Kilometer-Lauf in den ausgeleierten Tennisschuhen gelaufen bist: Du wirst weiter laufen. Du wirst an Orte reisen, die du sonst nie gesehen hättest. Du wirst Menschen treffen, die du sonst nie getroffen hättest, Dinge sagen, die du sonst nie gesagt hättest. 

Und du wirst zurechtkommen.

Und noch etwas weisst du – auch das hat dich das Laufen gelehrt: Dein einsames, zähes Leben, das du dir so lange, so mühevoll aufgebaut hast, es reicht dir nicht. Das hat es nie.

Du willst mehr.

 

Aus dem Amerikanischen von Nadine Alexander und Katrin Hoppe

Steve Friedman unterwegs:
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