Was die Leute von dir denken

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Unfallopfer Bret lebt mit dem Stigma Behinderung. Dann meldet er sich für einen Marathon an.

Steve Friedman

Du weisst, was die Leute denken. Sie sehen die zu kurze Jeans und die speckige Winterjacke und denken: ein Obdachloser. Sie sehen, wie du eine Kreditkarte aus der Tasche ziehst: ein Betrüger. Dein starres Lächeln, die stockende, gequälte Sprache: Minderbemittelt. Der hat sie nicht alle.

Grausamkeit und Mitleid hast du schon früh kennengelernt. Erklärungen machten alles nur schlimmer. Gelächter. Abfällige Bemerkungen. Man wollte nichts mit dir zu tun haben. Also liessest du das Erklären bleiben. Du hast einen Job, eine Wohnung, eine Katze. Sollen die Leute doch denken, was sie wollen. Du hast dir ein Leben ohne Erklärungen aufgebaut, und das reichte dir.

Du bist seit 4 Uhr 30 wach an diesem Dezembermorgen. Du hast Haferflocken mit Cranberrys gegessen, deine Katze Taffy gefüttert und dein Mittagessen eingepackt: Hühnchen aus der Dose und Coleslaw, den amerikanischen Krautsalat. Nun bist du allein in der feuchten Morgenluft und stemmst dich gegen den Wind auf den schneebedeckten Stras­sen von Rhinelander. Die Industriestadt in Wisconsin mit ihren 7800 Einwohnern liegt mitten im Wald der Northern Highlands, dort, wo die Flüsse Wisconsin und Pelican zusammenfliessen. Es sind vier Kilometer bis zu Drs. Foster and Smith, dem Versand- und Onlinehandel für Tiernahrung, für den du seit fast 18 Jahren arbeitest, und einen Teil des Weges läufst du fast immer. Ein Trottel, der im Warenlager arbeitet, denken die Leute. Von deinen College-Kursen wissen sie nichts oder davon, dass du dich mit Militärgeschichte beschäftigst, Deutsch sprichst und ein wenig Russisch verstehst.

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