Was seither geschah #29 : «Königin der Früchte»

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Blanka Milfaitová kocht die besten Marmeladen der Welt. Das brachte ihr Freude, Bewunderung und Pokale – aber auch Missgunst, Neid und aufdringliche Journalisten.

… was seither geschah

Kilian Kirchgessner

Vermutlich ist es ihr irgendwann einfach zu viel geworden. Die Journalisten, die in ihrem Leben herumschnüffelten, die Schlagzeilen der Boulevardzeitungen. Die Nachbarn, die ständig anonym beim Gesundheitsamt anriefen und sie anschwärzten. Natürlich fand sich bei den Kontrollen nichts, gar nichts – aber zermürben kann so was doch. Blanka Milfaitová ist in Tschechien zur Prominenten geworden: Sie trägt den Titel «Weltweit beste Marmeladenherstellerin», und vor ihrem Café daheim im Böhmerwald stehen die Leute Schlange. «Natürlich muss man für alles bezahlen», sagt sie. «Und für den Erfolg gleich doppelt. Über uns schlug eine Welle von Neid, Missgunst und Angriffen zusammen. Deshalb sind wir weggezogen.»

Von Anfang an war die Geschichte der 41-Jährigen im Grunde eine Geschichte der Flucht. Zuerst flüchtete sie aus ihrem ewig gleichen Bürojob in die Waldeinsamkeit des bayrisch-böhmischen Grenzgebiets, in ein Dorf, das nur durch eine schmale, gewundene Strasse mit dem Rest der Welt verbunden ist. Als ihre Marmeladen eine Auszeichnung nach der anderen gewannen und alle vom Buckingham Palace bis zu den Zürcher Nobel-Boutiquen bei ihr die Köstlichkeiten orderten, schloss sie ihre Küche und flüchtete sich auf eine Weltreise: Mit dem Wohnmobil reisten sie, ihr Mann und ihr kleines Kind der Vegetationszeit nach von Plantage zu Plantage, um jeweils die frischesten Früchte direkt einzukochen. Aus der Reise wurde ein Buch mit vielen Bildern, eine Mischung aus Rezeptsammlung und Lebensratgeber, das in Tschechien gleich auf der Bestsellerliste landete. Blanka Milfaitová ging auf Lesereise, trat in Talkshows auf. Und entschied eines Tages, dass es Zeit sei für die nächste Flucht.

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