Was seither geschah #32: «Wer hat uns gehackt?»

Die Deutsche Postbank hat 10 000 Euro, die Cyberkriminelle bei Reportagen erbeutet haben, festgesetzt und weigert sich, das Geld zurückzugeben. Sollen wir das Geldinstitut wegen ungerechtfertigter Bereicherung verklagen?

... was seither geschah

Dmitrij Gawrisch

Zunächst legt Roland Paule nicht einmal eine Akte an. Mehr als einen Anruf, davon ist der Wirtschaftsanwalt aus Wiesbaden überzeugt, dürfte ihn der Freundschaftsdienst für Ernst Widmer, den Zürcher Kollegen, der Reportagen vertritt, nicht kosten. Schliesslich ist die Beweislage eindeutig: Cyberkriminelle haben sich Anfang 2016 ins E-Mail-­Konto des Reportagen-Chefredaktors Daniel Puntas gehackt und in seinem Namen eine gefälschte Rechnung für fiktive Haus- und Bürogeräte an die Buchhaltung geschickt, begleitet von der dringenden Bitte, den fälligen Betrag sofort zu überweisen. Obwohl die Buchhalterin Verdacht schöpft, führen unglückliche Zufälle dazu, dass 10 000 Euro auf einem Konto bei der Deutschen Postbank landen.

Empfänger der betrügerischen Überweisung ist John Webson. Webson ist keine reale Person, sondern ein oder mehrere Cyberkriminelle, die mit einem gefälschten Ausweis ein Konto bei der Postbank eröffnet haben. Das ist online schnell und bequem von jedem Ort der Welt aus möglich. Die für eine Bank so wichtige Identitätsprüfung findet mittlerweile per Videochat statt, früher erfolgte sie im sogenannten Postident-Verfahren. Dabei genügte es, den Personalausweis in einer Filiale der Deutschen Post vorzuzeigen und ein Formular zu unterzeichnen.

Im Klartext: Kaum geschulten und besonders zu Stosszeiten überforderten Schaltermitarbeitern, die vor allem Briefe abstempeln und Pakete herausgeben, oblag es, die Identität von Neukunden der Postbank festzustellen. Experten für Internetkriminalität berichten von Fällen, in denen der Kontoeröffner den Ausweis nicht einmal aus der Brieftasche ziehen musste oder Ausweiskopien akzeptiert wurden. Sie gehen davon aus, dass in Deutschland auf diese Weise täglich rund ein Dutzend betrügerische Geisterkonten eröffnet werden.

Die Reportagen-Redaktion in Bern glaubt das Geld verloren – bis am 30. März 2016 eine E-Mail vom Berliner Landeskriminalamt darüber informiert, dass gegen Kriminelle, die unter dem Namen John Webson operieren, ermittelt werde, sämtliche ihrer Konten gesperrt seien und sich das gestohlene Geld entsprechend noch immer bei der Postbank befinde. Offenbar ist es den Tätern nicht gelungen, die Beute rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

Bevor sie das Geld zurücküberweist, verlangt die Postbank eine Haftungsfreistellung. Sollte John Webson doch eines Tages in einer Filiale auftauchen und seine 10 000 Euro herausverlangen, will die Postbank nicht auf den Kosten sitzenbleiben. Aber selbst nach erteilter Freistellung wartet Reportagen vergebens auf die Rückzahlung. Eine interne Prüfung habe ergeben, dass aus Sicht der Bank die Transaktion rechtmässig abgelaufen sei, heisst es in einer Stellungnahme der Postbank, weil sie durch die dazu berechtigte Buchhalterin erfasst und freigegeben worden sei. Ohne einen gerichtlichen Pfändungsbeschluss gegen John Webson will die Postbank das Geld nicht zurückgeben. Doch wie soll man eine Person verklagen, die nicht existiert?

Diese Frage stellt sich auch Roland Paule. Mit deutschen Rechtsgepflogenheiten und Umgangsformen vertraut, wurde er zum Fall herangezogen. Im Laufe von rund 40 Berufsjahren hat der gebürtige Stuttgarter geschätzte 8000 Fälle vertreten, eine mittelgrosse Kanzlei in Wiesbaden trägt seinen Namen. Inzwischen 66-jährig, muss er höchstens noch beweisen, dass er auch loslassen kann: Nicht nur seine Frau fragt sich regelmässig, ob der Vater dreier erwachsener Kinder und inzwischen auch vierfache Grossvater das vereinbarte Kürzertreten auch wirklich durchhält. Mit Humor, erfrischender Selbstironie und Charme konterkariert er das Klischee vom Anwalt als unerbittlichem Rechthaber. Eine Gerichtsverhandlung ist für ihn der allerletzte Ausweg; mit Empathie glaubt er schneller und vor allem für alle Beteiligten gesichtswahrender ans Ziel zu gelangen.

Paule baut einen persönlichen Kontakt zur Rechtsabteilung der Postbank auf. Er will das Geldinstitut dazu bringen, das Geld ohne Umweg über das Gericht herauszugeben. Doch diesmal überschätzt er sich, wie er später eingesteht. Nach monatelangem Hin und Her, Telefonaten, versäumten Rückrufen, zuletzt unbeantworteten Briefen bleibt alles wie gehabt. Ohne Gerichtsbeschluss weigert sich die Postbank, in das Vermögen ihres Kunden Webson einzugreifen – ob der nun echt ist oder nicht. Paule ist entschlossen, bis zum Äussersten zu gehen und die Postbank wegen ungerechtfertigter Bereicherung zu verklagen, weil sie das Geld von Reportagen-Abonnentinnen und -Abonnenten unrechtmässig zurückbehält.

Bevor es zum juristischen Showdown kommt, stösst Paule auf einen ähnlichen Fall, den das Berliner Kammergericht unlängst behandelt hat. Auch hier wurde gegen Unbekannt geklagt, auch hier wurde schliesslich ein Pfändungsbeschluss wegen deliktischer Handlung erlassen. Das knotenlösende Urteil hat in der Jurisprudenz keine hohen Wellen geschlagen, deshalb muss Paule das Landgericht Bonn – in der einstigen Hauptstadt Westdeutschlands hat die Postbank ihren Hauptsitz – erst überzeugen, dass auch fiktive Betrüger verklagt und verurteilt werden könnten. Roland Paule gewinnt, das Gericht erlaubt es, John Websons Vermögen bei der Postbank zu pfänden.

«Trotz überwältigenden Rechtsüberhangs wurde das Bemühen, zu diesem offenbaren Recht zu gelangen, empathiefrei durch klebrigen bürokratischen Widerstand behindert», resümiert Ernst Widmer, der Zürcher Anwalt von Reportagen. «Es gibt keine Solidarität mehr unter den rechtschaffenen Kaufleuten. Vielmehr führt formalistisch geprägter, einzig dem Selbstschutz verpflichteter Geist im Effekt zur Komplizität an sich legitimer Dienstleister mit dem Verbrechertum. Keine schöne Erfahrung.»

Am 19. Juli 2019 gehen 7131.81 Euro auf dem Konto des Magazins ein. Damit nimmt der rund dreieinhalb Jahre andauernde Kampf um elementare Gerechtigkeit ein gutes Ende. Die Differenz zu den ursprünglichen 10 000 Euro, die an John Webson überwiesen wurden, sind vor allem Verfahrenskosten und Spesen. Seine Arbeit hat Roland Paule nach der deutschen Anwaltstarifordnung abgerechnet, weit unterhalb der sonst üblichen Stundensätze. Aus Freundschaft und Spass an der Sache.

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