Was seither geschah #33: «Während ich schlief»

In dieser gezeichneten Reportage lieferte uns der Zeichner Christoph Fischer Einblicke in seine Traumwelt. Jetzt liegt das Buch mit dem gleichnamigen Titel vor – und vielen weiteren gezeichneten Träumen.

Christoph Fischer

Seit der Veröffentlichung meiner Träume habe ich weitere 1095 Nächte geschlafen und 8760 Stunden potenzielle Traumarbeit hinter mir. Die Träume kommen zu mir, ich bin lediglich das aufzeichnende Medium, mache also so etwas wie «Ghostwriting». Dennoch ist es harte Arbeit, im Dämmerzustand genügend Kraft aufzubringen, um zu zeichnen und zu schreiben. Bis jetzt sind auf diese Weise etwa 500 Skizzen zusammengekommen. Auch wenn das nach viel klingt, ist das über einen Zeitraum von zehn Jahren gerade mal ein einziger Traum auf sechzig Stunden Schlaf. Nicht gerade sehr ergiebig, und es erinnert vom Aufwand her eher an Goldwaschen.

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Die Anzahl meiner Traumaufzeichnungen hat in den letzten Jahren stark nachgelassen. Das hat mit meinen veränderten Lebensumständen zu tun. Als Vater muss ich jetzt um sechs Uhr sofort Lego spielen. Weiterdösen und Träumeaufzeichnen liegen seither kaum mehr drin.

Ich bin mit Kerstin in einer Seilbahngondel. Vor der Ausstiegsplattform nähert sich die Gondel einer Art Waschanlage, zwei sich drehenden Bürsten. Aus den Bürsten kommt Sauce statt Waschwasser heraus. Man kann wählen, ob mit Käse- oder Knoblauchgeruch gewaschen werden soll. Ich kann zuerst das Kippfenster nicht schliessen und gerate in Panik. Sauce dringt durch die Ritzen in der Gummidichtung in die Gondel ein.

Auch wegen der geplanten Buchveröffentlichung mit ebendiesen Träumen habe ich weniger oft und weniger explizit geträumt. Ich konnte es mir aus Platzgründen nicht leisten, weitere geeignete Bilder und Geschichten zu träumen, denn es hätte mich geärgert, wenn diese nicht mehr ins Buch gekommen wären. Darum habe ich mich beim Träumen wohl unbewusst etwas eingeschränkt. Und ich war nicht mehr einem so grossen Projekt ausgeliefert wie damals: Mein Skulpturprojekt «Heinz», eine überdimensionale Betonfigur für die Verkehrsinsel vor meinem Atelier, hatte mich stark überfordert und so meine Träume über viele Jahre hinweg intensiviert.

In einem oben offenen Korridor brechen Segmente im Boden auf, in der dünnen Erdschicht. Darunter sind riesige Babys zum Leben erwacht. Kerstin findet sie alle sehr herzig. Ich finde es faszinierend, dass fast alle gleichzeitig schlüpfen, und auch bemerkenswert, dass es grad im gleichen Areal geschieht, wo sich nebenan auch der Friedhof befindet.

Das Verrückte an den Träumen ist ja, dass die physikalischen und gesellschaftlichen Bedingungen verschoben, verstärkt, unberechenbar und unlogisch sind. Ein Traum kommt mir deshalb wie ein Simulator vor, der die Reaktion meiner Persönlichkeit unter extremen Bedingungen testet. Daneben begleiten mich aber auch immer wieder versöhnliche und gar poetische Erlebnisse und Entdeckungen durch die Nacht.

Während die Skizzen mit den Aufzeichnungen roh und unmittelbar sind, habe ich aus einer Auswahl mit besonders atmosphärischen Szenerien grossformatige Bleistiftzeichnungen angefertigt, zum Teil erst viele Jahre später, wie das Bild auf der vorangehenden Doppelseite (Seite 8/9).

 Claudia hört am Radio melancholische Independent-Musik, die ihr gefällt. Es heisst, die Geschichte dahinter sei unglaublich: Entdeckt wurde die Musik von einem Schweizer Paar, das in Amerika Ferien machte und in einer Bar sass. Neben ihnen war eine Gruppe Pfadfinder in einer Art Uniform mit Halstuch. Alles gestandene Mathematiker. Sie erzählten, sie hätten als Cowboys in einer Reihe – jeder zu einem Zugfenster gerichtet – einen Zug überfallen. Als sie erwischt wurden, habe ihnen der Sheriff als Bewährungsauflage verboten, ihre Musik zu exportieren.

 


Christoph Fischers Buch Während ich schlief zeigt 51 grosse Bleistiftzeichnungen, 120 Skizzen und Traumtexte. Es ist im Christoph-Merian-­Verlag erschienen. Das Cartoonmuseum Basel stellt bis zum 1. Juni 2020 Fischers Träume aus, darunter die Bildstrecken, die er für Reportagen kreierte: Gezeichnetes Chicago (Reportagen #3) und Das hie isch Bethlehem – nid Bümpliz (Sonderheft Berner Stadtfest 2016).

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