Was seither geschah #43: «Der Phoenix von Paris»

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Als Matthieu war er im Bürgertum unterwegs, als Charles in der Gosse. Wo ist er heute?

... was seither geschah

Julia Amberger

Als ich Matthieu zum ersten Mal traf, wirkte die Unterwelt noch wie ein Magnet auf ihn. Unter dem Namen Charles war er drei Jahre zuvor in ganz Frankreich zu einer Kultfigur geworden. Er lebte damals in den Strassen von Paris, studierte ihre Gesetze und erschuf sich eine neue Identität. Arte Radio sendete eine Dokumentationsserie über ihn – über Charles, den liebenswerten Ganoven. Über Charles, den Philosophen der Strasse. 300 000 Menschen hörten zu. Bevor ich ihn damals besuchte, hatte er mir am Telefon gesagt, er habe sich längst von Crack und Gosse gelöst.

 

Lässt sich ein Leben auf der Strasse abstreifen wie die Haut einer Schlange, aus der sie herausgewachsen ist?

Matthieu hatte seine Eltern nie kennengelernt, er wurde als Neugeborenes von einer bürgerlichen Familie adoptiert. Doch seinen Platz fand er in diesem Leben nicht. Wie Gespenster kreisten nachts die Fragen um ihn: Wer waren meine Eltern? Warum haben sie mich verlassen? Mit 10 Jahren fing er an zu kiffen, mit 15 entdeckte er chemische Drogen. Als ihn seine Freundin verliess und sein Vater ihn rauswarf, war er so verbittert und wütend auf die Gesellschaft, dass er sich für ein Leben am Rand entschied. Er nahm den Namen an, den ihm eine Prostituierte gab, schoss sich mit Crack in den Orgasmus. Er klaute Handys oder stand Schmiere, er machte Karriere als Ganove und fand einen Gefährten – bis sein Gefährte starb und die Einsamkeit ihn erstickte. Charles beschloss, sich zu töten. Nach einer Überdosis wachte er aus dem Koma auf: hungrig und bibbernd vor Kälte. Plötzlich war er hellwach, glaubte an eine Alternative zum Tod und arbeitete sich allmählich aus der Gosse und der Abhängigkeit heraus.

Hat Matthieu Charles besiegt?

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