Was seither geschah #45: «Liebe mich oder stirb»

Im Juli 2017 ermordete Mattia Stanga, 24, seine Freundin Alba Chiara Baroni, 22. Der Femizid spaltete das italienische Dorf Tenno. Um die Aufstellung einer Gedenktafel zur Erinnerung an das Opfer wurde heftig gestritten.

... was seither geschah

Margherita Bettoni

Vier Monate nach der Aufstellung der Gedenktafel für Alba Chiara Baroni zeigte eine Wahl, wie umstritten der Fall noch immer ist. Zwei Bürgermeisterkandidaten standen einander gegenüber. Auf der einen Seite: Giuliano Marocchi, der sich als früherer Vize-Bürgermeister weder so richtig für, noch gegen die Gedenktafel geäussert hatte. Auf der anderen: Andrea Cobbe, ein junger Stadtrat, der das Vorhaben der Familie des Opfers immer unterstützt hatte. In sein Team berief Cobbe auch den früheren Bürgermeister Gianluca Frizzi, der aufgrund der Debatte um die Gedenktafel zurückgetreten war. Eine Art Pro-Gedenktafel-Koalition. Mit einem Unterschied von 30 Stimmen, dem knappsten Ergebnis der letzten zwanzig Jahre, wurde Kandidat eins, Giuliano Marocchi, gewählt – ein Ergebnis, das als Symbol für die anhaltende Spaltung im Dorf Tenno steht.

Die Gedenktafel blieb Anlass für Zuspitzungen und Eskalationen. Im Juni 2019 rissen Unbekannte die kleinen Lichter ab, die das Monument in der Nacht beleuchteten. Verschiedene Lokalpolitiker nutzten den Vorfall, um die Debatte neu zu entfachen. Der Bürgermeister bekundete Anteilnahme gegenüber Familie Baroni. Die Opposition forderte hingegen die Stadträtin Giancarla Tognoni zum Rücktritt auf. Sie hatte gegenüber Reportagen die Sinnhaftigkeit einer Gedenktafel infrage gestellt. Daraufhin verkündete Tognoni in einer Lokalzeitung, die Übersetzung ihrer Aussagen zu prüfen und wenn nötig rechtliche Schritte einzuleiten. Das ist bis heute nicht passiert.

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Ende Februar 2020, eine Woche vor dem Weltfrauentag, beschädigten Unbekannte erneut die Tafel: Die Lichter wurden diesmal nicht nur rausgerissen, sondern auch zerstört. Alba Chiaras Vater Massimo Baroni fand die Glassplitter: «Es sah so aus, als hätte jemand sich daran erfreut, diesmal richtige Gewalt einzusetzen», sagt er.

Die Eltern von Alba Chiara, Massimo und Loredana Baroni, machen weiter mit ihrer Aufarbeitung. Sie führen den Wunsch ihrer Tochter weiter, die davon träumte, eines Tages von ihrer Kunst leben zu können. In September 2019 eröffneten sie eine Ausstellung der Werke von Alba Chiara in einem Saal im Trentiner Landtag. Verschiedene Presseberichte über den Fall, darunter auch der Reportagen-Text, waren ebenso Teil der Ausstellung. Die Spenden, die gesammelt wurden, gingen an das «Progetto Alba Chiara». Das Projekt, das die Eltern mit einer Stiftung initiiert haben, bietet Opfern häuslicher Gewalt finanzielle Unterstützung an. «Jedes Mal, wenn wir einer Mutter oder einem Kind helfen können, fühlt es sich an, als würde Alba Chiara wiedergeboren werden», sagt Loredana Baroni, «das gibt mir eine enorme Kraft.»

Im März 2020 hätten Bilder von Alba Chiara bei der Biennale in Triest gezeigt werden sollen, eine Ausstellung in Rom war ebenso in Planung. Die Covid-19-Pandemie stoppte alles. Der letzte öffentliche Auftritt der Eltern von Alba Chiara war am Weltfrauentag: Eine Frauengruppe hatte im Winter einen Lauf gegen Gewalt an Frauen organisiert und 14 000 Euro gesammelt. Familie Baroni hatte daran teilgenommen. Als Ort für die Pressekonferenz wählten die Organisatorinnen die Gedenktafel für Alba Chiara, mittlerweile ein Symbol gegen Femizide für die gesamte Trentiner Region. Dabei verkündeten sie, dass das Geld an einen Fonds für Opfer häuslicher Gewalt gehen würde. Die Landesrätin für Soziales nahm an dem Event teil. Doch weder der Bürgermeister noch andere seiner Parteimitglieder zeigten sich.

Die Covid-19-Pandemie hat das Leben in Tenno, wie im Rest von Italien, stillgelegt. An den Auswirkungen des Femizids auf das Dorf scheint sich auch durch den Ausnahmezustand wenig geändert zu haben. «Ein Erdbeben der Stärke zwei verbreitet nur Angst unter der Bevölkerung», sagt der ehemalige Bürgermeister Gianluca Frizzi, der nach wie vor gerne in Metaphern spricht, «ein Erdbeben der Stärke neun verändert die Landschaft für immer.» So ein Erdbeben sei der Mord an Alba Chiara gewesen. Er glaubt, es werde Jahrzehnte dauern, bis die Wunden, die der Femizid in der Gemeinde Tenno verursacht hat, geheilt sein werden.

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