Was seither geschah zu: «Heiner will es wissen»

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Die Reportage über die Reise von sieben Schweizer Lehrern und Rentnern zu den kolumbianischen Kohleminen von Glencore («Heiner will es wissen» in Reportagen #22) endete mit einem Besuch in der Konzernzentrale in Baar (ZG) – und einem überraschenden Versprechen des Firmenchefs Ivan Glasenberg.

Rocío Puntas

Dass der kritische Bericht, den die sieben unermüdlichen Bürger aus dem schweizerischen Säuliamt nach ihrer dreiwöchigen Kolumbienreise im Januar 2015 über die Umsiedlungen rund um die Kohlenminen von Glencore missfallen würde, war abzusehen. Umso mehr überraschte nach zweieinhalbstündiger Diskussion das Angebot von Konzernchef Ivan Glasenberg, dessen Nachsteuern die Reise überhaupt erst in Gang gesetzt hatten: «Let’s fix this. Ich lade Sie ein, mit mir nach Kolumbien zu reisen.»

Drei Wochen später, Ende März, erneut in der Gemeinde Tamaquito in der Provinz Guajira. Jairo Fuentes sitzt in der Mitte eines grossen Kreises, trägt dasselbe bestickte Hemd wie beim ersten Treffen, die Hände ruhen auf seinem Stock. Flankiert wird er von den Dorfoberen und einem Dutzend in farbige Gewänder gehüllten Bewohnern. Jairo hält einen langen Monolog, vergleicht das Verhalten der ausländischen Minengesellschaften mit jenem der spanischen Kolonialherren und zählt die negativen Auswirkungen der Mine El Cerrejón einzeln auf. Ihm gegen­über: Ivan Glasenberg, weisses Polo­shirt und dunkle Hose, schwarze Sonnenbrille, Kopfhörer, mit denen er den Worten Jairos auf Englisch folgt.

Glasenberg hat sein Versprechen gehalten und ist, begleitet von seinem Nachhaltigkeitsteam aus Baar und seinen Kohlemanagern aus Australien und den USA, nach Kolumbien gereist. Mit dabei: der Schweizer Botschaftsdelegierte für friedensfördernde Massnahmen sowie die 56-jährige Silvia Berger aus Hedingen und der 71-jährige Bas­tian Nussbaumer aus Hausen am Albis. Die beiden Säuliämtler liessen sich Glasenbergs Angebot nicht entgehen, begrüssten vor dem Gespräch herzlich Jairo, der sich über das unerwartet rasche Wiedersehen freute. «Dass sich der Konzernchef der Probleme persönlich annimmt, ist schon mal ein grosser Erfolg für unsere Ini­tiative. Jetzt wollen wir sehen, ob Glasenberg den Worten auch Taten folgen lässt», sagt Silvia Berger.

Und auch die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien (ASK) gab sich erstmals einen Ruck, nachdem sie sich bis anhin zurückhielten, und hat sich der Reise kurzfristig angeschlossen. Mit gutem Grund: Im April/Mai stellte die ASK ihren Schattenbericht der Öffentlichkeit vor, den sie in Kooperation mit der kolumbianischen NGO Pensamiento y Acción Social (PAS) über Glencores angebliches Fehlverhalten in Kolumbien erstellt hat. Der Bericht klagt die Finanztransaktionen Glencores in Kolumbien an, die Umsiedlungspraxis, den Umgang mit Gewerkschaften und Umweltverschmutzungen. Ergänzt wird er durch eine ausführliche Stellungnahme Glencores, die jeden einzelnen Vorwurf relativiert oder widerlegt.

Glasenberg hat einen schlechten Start. Auf der Busfahrt nach Tamaquito nennt er den alten Ort ein armseliges Loch, die Bewohner könnten El Cerrejón dankbar sein, dass sie nun bessere Häuser, urbane Nähe und die Möglichkeit zur Bildung für die Jungen hätten. Ebenso sei dem endlich ermöglichten Zugang zum Gesundheitswesen, insbesondere für Neugeborene, Rechnung zu tragen. Auf Jairos Erläuterungen, wieso man bei der Umsiedlung unter mehreren Optionen ausgerechnet diesen wasserarmen Landstrich gewählt habe, meint er: «Sie haben den falschen Ort ausgesucht! Wenn ich das getan hätte, müsste ich als Manager die Konsequenzen tragen.» Glasenbergs Verhalten verweist auf ein Grundproblem in diesem Konflikt. Die Glen­core-Manager können sich offenbar nicht vorstellen, dass die ursprüngliche Lebensform der indigenen Bevölkerung wertvoll war, dass Fortschritt und Bildung nicht zwangsläufig Segen bedeuten. Bastian Nuss­baumer hat in seiner beruflichen Karriere als Sozialpädagoge solche Züge bei Machtmenschen oft beobachtet, er nennt es «dickfelliges Unbeteiligtsein». Glasenberg ist ein erfahrener Händler, aber auch ein ausgesprochener Instinktmensch, mit einem Gefühl für pragmatische Lösungen. Er verspricht sofortige Trinkwasserlieferungen mit Containern und beauftragt den anwesenden El-Cerrejón-Chef, Tamaquito langfristig die Wasserversorgung zu garantieren.

Beim Nachtessen liefert Glasenberg einen Einblick ins globale Rohstoffgeschäft und sagt, wieso er Glencore als Wirtschaftsmotor sieht, überall dort, wo der Konzern Minen besitzt: «Rohstoffvorkommen haben perse keinen Wert. Das wollen die NGOs partout nicht verstehen. Nehmen Sie Guinea. Das Land sitzt auf den grössten Eisenerzreserven der Welt. Um das Erz zu bergen, braucht Guinea 20 Milliarden Dollar, doch kein In­vestor ist heute bereit, dieses Risiko einzugehen.»

Rohstoffförderung bedeute fast immer wirtschaftliche Prosperität. In der Provinz La Guajira zeichne die Kohleförderung El Cerrejóns für 55 Prozent des Bruttosozialprodukts verantwortlich, in Cesar würden die 6500 Glencore-Angestellten gemäss einer staatlichen Studie durch Sekundäreffekte für insgesamt 40 000 Stellen sorgen. «Auf den Philippinen haben wir uns soeben von unserem Gold- und Kupferminenprojekt Tampakan getrennt. Die NGOs hätten uns wegen der damit verbundenen Zwangsumsied-­lung von 5000 Menschen sowieso nur die Hölle heissgemacht. Jetzt erledigen kleine Mineure und ihre Warlords den Job – sicher nicht zum Vorteil der Bevölkerung.»

Glasenberg hat sein ganzes Leben als Rohstoffhändler gearbeitet und ist seit Anfang der neunziger Jahre für die heutige Glencore tätig. War Marc Rich, mit dem er zwei Jahre in Baar zusammengearbeitet hat, der King of Oil (so der Titel der Biografie von Daniel Ammann), so ist Glasenberg zweifellos der King of Coal. Mit seinem sicheren Gespür, bei einem tiefen Kohlepreis um die Jahrhundertwende in Australien, Südafrika und Kolumbien Kohleminen zeitgleich mit dem einsetzenden chinesischen Wirtschaftsboom zu kaufen, hat er Glencores Aufstieg zum 60-Milliarden-Konzern massgeblich gestaltet. Dass er sich dabei mehr für die nächste Geschäftsmöglichkeit als beispielsweise für die indigene Kultur Kolumbiens interessiert, liegt auf der Hand.

Anderntags in der Provinz Cesar, den Minen von Prodeco: Gloria und Rafael von der kolumbianischen NGO PAS, zwei knapp dreissigjährige feurige Kämpfer für das Gute, hören eine kurze Zeit den Ausführungen der Manager zu. Dann fällt Gloria Glasenberg ins Wort und widerspricht: «Durch fehlendes Deklarieren Ihrer Firmenstruktur haben Sie 100 Millionen Dollar staatliche Abgaben unterschlagen!» Glasenberg kontert: «Falsch: Unsere Verträge mit Kolumbien sind eindeutig. Steuern und Royaltys wurden klar festgelegt, sonst wären wir als Investoren gar nicht erst eingestiegen.» Die beiden liefern sich ein Wortgefecht erster Güte, mit starken Argumenten auf beiden Seiten, bis Glasenberg zum zweiten Mal in diesen Wochen mit einer für Glencore-Verhältnisse überraschenden, unwiderstehlichen Offensive aufwartet: «Lassen Sie uns doch zusammenarbeiten und die Umsiedlung von El Hatillo gemeinsam über die Bühne bringen!» Im Bus sitzen Gloria, Rafael und Glasenberg neben­einander, tauschen Visitenkarten, die Stimmung ist gelöst. «Setzen Sie Ihr investigatives Talent doch einmal anderweitig ein», fordert Glasenberg Gloria lachend heraus. «Wir sind bereits daran», zwinkert Gloria zurück, denn zu viele Abgaben ausländischer Firmen würden in Bogotá versickern.

Nussbaumer und Berger sehen der Verbrüderung zwischen Rohstoffkonzern und NGO zufrieden zu. Es war das erklärte Ziel ihrer zweiten Reise, die Fronten abzubauen, die beiden gegensätzlichen Interessengruppen zum Wohle der betroffenen Kolumbianer rund um die Minen zusammenzuführen.

Zum Abschluss der Reise besucht der Glen­core-Tross El Hatillo. Bereits seit dem ersten Besuch der Säuliämtler hat sich einiges bewegt: Glencore hat die Uno zu Hilfe geholt und ein neues Umsiedlungsteam auf die Beine gestellt. Jetzt beten Glasenberg und seine globalen Kohlemanager zusammen mit rund fünfzig Dorfbewohnern auf dem Dorfplatz. Auch hier hört er sich geduldig die Sorgen von verschiedenen Rednern an, verspricht, die Sache zu priorisieren und mit den Chefs der anderen beiden involvierten Minenfirmen umgehend zu reden.

Was Glasenberg, zurück in der Schweiz, auch umgehend tut. Und dabei auf ein Problem stösst, das in dieser «Grässlichkeitskette der Rohstoffförderung», wie es Bastian Nussbaumer auf seiner ersten Kolumbienreise so treffend formulierte, für sehr vieles steht. Die Minengesellschaft Colombian Natural Resources (CNR), einer der drei grossen Player in Kolumbiens Kohlegeschäft und zu viel grösseren Anteilen als Glencore für die Umsiedlung von El Hatillo verantwortlich, gehört nämlich zu 100 Prozent der Invest­mentbank Goldman Sachs in New York. Deren Chef erklärte Glasenberg am Telefon, dass er die Mine «by default» (mangels besserer Alter­nativen) erworben habe, dass er nicht einmal genau wisse, wo sich diese befinde. Mit anderen Worten: Die Banker von Goldman Sachs betrachten die Mine als einen lästigen Finanzposten in ihren Büchern. Dass daraus kein Engagement, geschweige denn der Wille zur Verbesserung irgendwelcher Menschenrechte im Umfeld einer kolumbianischen Kohlenmine erwächst, liegt auf der Hand. Und auch der dritte grosse Minenbesitzer, Drummond, ist kein einfacher Fall: Der Staat befahl Glencore und Drummond, an der Karibikküste einen neuen Kohleverladehafen zu bauen, der die Staubent­wicklung eindämmt. Drummond wollte auf keinen Fall mit dem Konkurrenten Glencore zusammenspannen, womit sich beide Gesellschaften ans Bauen machten. In unmittelbarer Nähe zum beschaulichen Santa Marta stehen nun zwei komplette und hochmoderne Verladehafen im Wert je ungefähr 600 Mio. Dollar. «In hundert Jahren wird die Menschheit über diesen Infrastruktur-Blödsinn den Kopf schütteln», sagt Glasenberg.

Glencore ist es auf dieser zweiten Reise und in den Gesprächen zurück in der Schweiz gelungen, Bemühen zur Verbesserung zu zeigen. Reingewaschen ist Glencore deshalb nicht. Die Kolumbianerin Gloria wird Glasenberg weiterhin auf die Füsse treten, sollte er seine Versprechen nicht halten. Und die Säuli­ämtler, die bereits im Mittelalter die Schweine über den Albis nach Zürich trieben, wollen auch nächstes Jahr rund um Glen­cores Minen nach dem Rechten sehen. Denn dass sich die Konzernspitze überhaupt in Bewegung setzte, ist letztlich den sieben Unermüdlichen zu verdanken.

 

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