Wassernot

Was wir fürchten, ist in Kapstadt längst Realität.

Eve Fairbanks

Als ich vor neun Jahren nach Südafrika zog, hörte ich als einen der ersten Ratschläge von den Einheimischen, ich solle mich beim Autofahren nicht zu sehr auf das Navi verlassen. Das Land habe zwar Regeln für die Navigation, sagte man mir, aber manche seien zu kom­pliziert für einen Computer und nur intuitiv zu befolgen: Durch dieses Viertel könne man zwar fahren, jedoch nicht in der Nacht. Durch jenes ebenfalls, aber nur mit geschlossenen Fenstern, vor allem als weisse Person. Es waren oft weisse Südafrikaner, die vom Navi redeten, aber viele Schwarze stimmten ihnen zu. Es sei traurig, sagten alle; traurig, dass das einst geteilte Land anscheinend die Vergangenheit noch nicht vollständig hinter sich gelassen habe. Aber so war es. Das waren die Regeln. Einige akzeptierten sie schmerzvoll als Tatsache der Natur und der menschlichen Rasse.

Ich dachte an diese Regeln, als ich im März nach Kapstadt flog, der zweitgrössten Stadt Südafrikas. In den letzten drei Jahren hat Kapstadt besonders unter einer ausserordentlichen Dürre gelitten, die nur etwa einmal in 300 Jahren vorkommt. Und die durch den Klimawandel begünstigt worden ist, wie die meisten Analysten bestätigten. Die Veränderung, die die Stadt in ihrer physischen Erscheinung als Konsequenz der Dürre durchläuft, ist frappierend. Das Kap ist vom Rest des Landes abgetrennt durch eine 1500 Meter hohe Bergkette. Im Nordosten sieht die Landschaft aus wie in den Safari-Broschüren: trocken, heiss und dschungelartig. Aber im Becken zwischen der Bergkette und dem südwestlichen Ende des afrikanischen Kontinents ist das Klima aussergewöhnlich, wissen­schaft­lich als «mediterran» bezeichnet. Wenn man von den Bergspitzen nach Kapstadt hinunterschaut, auf eine Viermillionenstadt, die sich durch elegante Architektur und schroffe Hänge hervortut, dachte man bis dato vielleicht an Griechenland, wenn Griechenland noch träumerischer wäre: elfenbeinfarbene Häuser, kobaltblaues Meer, Olivenhaine, die opulente Landschaft durchwoben mit den goldenen Bändern und glänzenden Früchten der Weinberge.

Gespeist von fünfmal mehr Regengüssen als Südafrikas dürre Zentralregion, ist das Kap eines der vielfältigsten Blumenreiche der Erde, voller riesiger rötlicher Blüten. Dazu Wolkenformationen von aufgeblähten weissen Gewitterwolken bis zu Nebel, der fliesst wie ein Fluss, und Dunst, der wie ein Wasserfall vom Tafelberg hinunterströmt, jener Felswand, die über der Stadt aufragt; das Paradies scheint hier fast Realität geworden zu sein. Oder schien es bis dato zumindest.

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Viele Teile des Paradieses gibt es nun nicht mehr. Kapstadt setzt sich jetzt aus Beige und Kalkfarben zusammen, der Farbpalette der Dürre. Die Rasenflächen und Gärten sind tot. Die riesigen Townships der Stadt – Orte, reserviert für people of color unter dem Apartheid-Regime – unterschieden sich früher von den reichen Quartieren, die sich auf der Atlantikseite des Tafelbergs hinunterrollen, nicht nur geografisch, bequem versteckt hinter dem Berg, wo sie kaum zu sehen sind. Sondern auch durch ihr eigenes, weniger wünschenswertes Mikroklima, sumpfig und dem Wind ausgesetzt, anfällig für Überschwemmungen bei nassem Wetter und in den trockenen, windigen Sommern in einer Smogwolke versteckt. Am Staub, angehäuft in kleinen Verwehungen in den Rinnsteinen, konnte man früher erkennen, wenn man in eine «schlechte» Gegend kam. Heute liegt der Staub überall.

Touristen lieben Kapstadt. Der Ort hat nach den Hamptons die zweithöchste «saisonbedingte Fluktuationsrate von Multimillionären» (will heissen: Sommertourismus in Superjachten). Die Stadt ist chic: Technologie-Startups und hippe Restaurants mit Namen wie «The Bombay Bicycle Club» gibt es überall. Sie ist wohlhabend: Neun von zehn der reichsten Viertel Südafrikas befinden sich hier. Ich vermute manchmal, dass Touristen herkommen, weil Kapstadt in Afrika liegt und daher exotisch ist, sie aber gleichzeitig den Kontakt zur schwarzen Bevölkerung grösstenteils vermeiden können. Bantusprachige waren noch nicht hier, als die Europäer ankamen. Sie migrieren nun als Arbeitslose aus ländlichen Gegenden gen Osten in die Stadt, aber Kapstadt hat mit 39 Prozent noch immer einen unüblich kleinen schwarzen Bevölkerungsanteil. 42 Prozent der Einwohner sind coloreds, gemischtrassige Südafrikaner einer multikulturellen, nicht verortbaren Herkunft. Der internationale Flughafen begrüsst seine Besucher mit wandhohen Fotos von Weinbergen, Paraden, Jazzmusikern, staunen­er­regenden Stränden und Zebras – aber es gibt auffällig wenige Bilder von schwarzen Dörfern und den Stadtlandschaften, die den Rest des Kontinents ausmachen.

Innerhalb Südafrikas verhalf dieses Bild Kapstadt zu einem zweifelhaften Ruf: bekannt als Ort für Südafrikaner – und Ausländer –, die nicht offen rassistische Dinge sagen wollen, aber gedenken, an ihren Privilegien festzuhalten. Obwohl der Anteil der weissen Bevölkerung nur 16 Prozent ausmacht im Vergleich zu acht Prozent landesweit, ist diese doch viel sichtbarer hier; die Bars an vornehmen Avenues und die wie Diamanten glitzernden Strandanlagen werden fast ausschliesslich von weissen Gästen frequentiert. Geschichten unverhohlener Diskriminierung von schwarzen Menschen in Restaurants gibt es in Hülle und Fülle: Letztes Jahr wurde ein Parkplatz in einer Hochpreisgegend namens Clifton für 83 000 Dollar verkauft. Ich kenne Clifton. Es ist überfüllt, aber es gibt Parkmöglichkeiten. Irgendein Investor zahlte womöglich den Betrag, den zu erarbeiten eine normale südafrikanische Familie über 23 Jahre braucht, um das Privileg zu haben, sich nicht mit car guards – Parkwächtern – auseinandersetzen zu müssen, denjenigen schwarzen oder farbigen Kapstädtern, die sich anstellen, um dein Auto für ein paar Cents zu bewachen.

Als ich einmal durch Johannesburg fuhr, sah ich eine Werbetafel einer Kapstädter Immobilienfirma, die Südafrikaner zum «Semigrieren» aufforderte. Es war ein Wortspiel mit «emigrieren», jenem Verb, mit dem viele weisse Südafrikaner seit dem Ende der weissen Herrschaft nach 1994 drohen: dem Auswandern in ein weisseres Land. Für Kapstadt ergab sich daraus eine seltsame Schlussfolgerung: Hierher zu ziehen, war fast genauso gut, wie Afrika ganz zu verlassen.

 

Ich liess mich von der Spar-Euphorie anstecken – es machte auch Spass

 

Dies alles hilft zu erklären, warum es im Rest des Landes um die Dürre seltsam ruhig bleibt. Meine Freunde in Johannesburg reden kaum darüber, und es scheint sie nicht zu kümmern. «Geschieht ihnen recht, weil sie ihre Swimmingpools auffüllen!», war ein ätzender Kommentar, den ich hörte. Als der «Tag null» näherkam, an dem die Verwaltung die Hähne zudrehte, schrieb das Magazin National Geographic warnend: «Vier Millionen Menschen müssen Schlange stehen, überwacht von bewaffnetem Sicherheitspersonal.» Die Südafrikaner ausserhalb von Kapstadt gingen davon aus, dass dies die ausgleichende, gerechte Strafe sei. Der Gedanke an eine Person, die 83 000 Dollar bezahlt, nur um einem farbigen Parkwächter aus dem Weg zu gehen, und dann für einen Eimer Wasser schwitzend vor einem Verteilwagen anstehen muss, war schon fast angenehm.

Ich schrieb meinem Freund Paul in Kapstadt, der in einem Apartment in einem Viertel der gehobenen Mittelklasse wohnt, um herauszufinden, ob ich bei ihm unterkommen könne. Er willigte ein – aber nur, wenn ich verstehen wollte, was in seiner Stadt eigentlich vor sich ging.

Was los war, erklärte er, sei nicht nur eine Dürreperiode, sondern eine Art riesiges, ungeplantes, durchgeknalltes und phantastisches gesellschaftliches Experiment. «Ich hoffe, du bist bereit dazu, deine Wasserspar-Grenzen zu testen!», schrieb er mir. «Kein Tropfen verlässt die Wohnung, ausser durch die Toilette. Waschbecken und Badewanne sind versiegelt. Die Waschmaschine verwende ich auf kleinster Stufe, und was herauskommt, fliesst in einen 25-Liter-Behälter für zusätzliche Spülung. Es ist vielleicht alles ein bisschen extrem», räumte er ein.

Er und sein momentaner Gast würden nur ungefähr ein Fünftel der 50 Liter pro Tag und Person verbrauchen, die die Stadtverwaltung verfügt habe, sagte er. «Es ist mehr eine Herausforderung als eine Notwendigkeit», erklärte er. «Aber es macht auch irgendwie Spass!»

Im vergangenen Jahr hat der Wasserverbrauch in der Stadt unerwartet um 40 Prozent abgenommen. «Eimerduschen» – oder das Wasser in einem Plastikbecken auffangen, um es wiederzuverwenden – ist nun die Norm. Geschirrspülen mit sauberem Wasser ist ein Luxus; Küchen riechen nach tagealtem Abwasch­wasser. Leute stellen übergrosse Behälter in den Hof, um Regenwasser zu sammeln, und ersticken dabei das wenige Gras, das noch wächst. Reiche Südafrikaner haben traditionellerweise penible Sauberkeitsanforderungen, um sich abzugrenzen. Nun sind sie bereit dazu, einem Besucher tagealten Urin in der Toilettenschüssel zuzumuten, um zu beweisen, dass sie nicht spülen, und es macht sie stolz. Körpergeruch ist kein Tabu mehr. Viele Frauen haben ihre Haarpflegeroutine radikal angepasst: Sie geben natürlichen Locken den Vorzug, um weniger waschen und stylen zu müssen, oder, wie mir eine Frau in einer Diskussion auf einer lokalen Facebook-Seite zur Dürrebekämpfung schrieb: «Ich experimentiere damit, meine Haare mit einem Pflanzenbestäuber leicht einzusprühen.»

Auf der Facebook-Seite über die Dürre, die nun 160 000 Mitglieder zählt, gehört es zum guten Ton, sich gegenseitig anzustacheln. Die Gruppenmitglieder, die aus verschiedenen Gesellschaftsschichten kommen, nennen sich gegenseitig «Wassermitstreiter». Für ihren niedrigen Wasserverbrauch, ihre «Brauchwas­ser­systeme», «Tauchpumpen» und die seltsamen Vorrichtungen, die sie erfunden haben, um den Wasserverbrauch in ihren Häusern sinnvoller zu machen, geben sie sich gegenseitig digitale high fives, also Likes. Je verrückter und selbstgebastelter, desto besser. Monique und Clint Tarling, ein Paar, das mit seinen Kindern am Rand der Innenstadt lebt, zeigten mir eine «nachhaltige Dusche», die sie aus einem 500-Liter-Tank und Holzpaletten gebaut hatten. Die neue Dusche steht auf der Eingangsveranda, aber daran stören die Tarlings sich nicht.

Clint baute eine alte Wurmfarm zum Filter um. Monique, die als Hausfrau ausgesetzte Kleinkinder aufnimmt – zwanzig in den letzten sechs Jahren –, entdeckte für sich, dass das Projekt von einer Notwendigkeit zur kreativen Neigung wurde, einer Sehnsucht nach Schönheit, von der sie selbst nichts geahnt hatte. Sie dekorierte die neue Dusche mit Farnen und wasserdichten Lichterketten. Magisch. Ihre Kinder duschen extra lange – das Wasser läuft in einem geschlossenen Kreislauf –, nur um in der Dusche stehen zu können.

In einem Land voller Empfindlichkeiten, in dem ein Witz der einen Person die andere unakzeptabel verletzt, ist auf dieser Facebook-­Seite eine relativ seltene Art von öffentlichem Humor vorherrschend. Man macht sich ein wenig lustig über die Anstrengungen seiner Mitbürger. Eine Frau lud stolz ein Bild von ihrer Waschmaschine hoch, die sie an die Wand hoch­geschraubt hatte, damit ein Schlauch das gebrauchte Wasser direkt in die Zisterne leiten kann. «Sieht aus wie eine Gaskammer!», kommentierte jemand. «Die Chancen stehen gut, dass man beim Kacken von einer Waschmaschine erschlagen wird», sagte ein anderer.

Ich liess mich von der «Wasserspar-Euphorie» Kapstadts anstecken. In der ersten Nacht musste ich glattweg würgen, als mein Freund Paul seine Hände in mein schmutziges Duschwasser steckte, um es für die Toilette herauszuschöpfen. Doch schon ein bis zwei Tage später, als ich bei einem Freund auf der Gäste-Toilette den Deckel öffnete und einen Scheisshaufen erblickte, quietschte ich fast vor Vergnügen. Noch nie war ich so erfreut, ein zuvor hinterlegtes Stück Kot in einer Toilette vorzufinden, die ich selbst gerade benutzen wollte.

Wir glauben oft, dass es lange braucht, bis «Normen» sich durchsetzen oder verschieben. Der Kothaufen eines Fremden an einem gutsituierten Ort fühlt sich wie ein Tabu an, wie ein grundsätzliches Zeichen, das dessen Entdecker nicht nur anwidert, sondern auch unsicher macht, als wäre die Umgebung vernachlässigt und beunruhigend unkontrolliert. Doch in Kapstadt wurde der Kothaufen zu einem Symbol von etwas ganz anderem: ein Bedeutungsträger für Verantwortung und Gemeinschaftssinn.

Es war mir anfangs unbegreiflich, wie die Regeln sich so plötzlich ändern konnten. Deon Smit half mir, eine Erklärung zu finden. Smit, ein stämmiger 60-jähriger Vorstadtbewohner mit einem Tom-Selleck-­Schnurrbart, war einer der vier freiwilligen Administratoren der Dürre-Facebook-Seite. Beinahe ein Vollzeitjob. «Ich könnte meinen Swimmingpool von meinem Wasserhahn aus auffüllen und wäre noch immer unter der Obergrenze, die die Stadt gesetzt hat», sagte er mir. «Aber das ist falsch! Das Wasser, das ich nehmen würde, gehört jemand anderem.»

Smit war als Weisser in Zeiten der Apartheid aufgewachsen. 33 Jahre lang hatte er als Feuer­wehrmann gearbeitet, bevor er in Rente ging. Ich fragte ihn, warum er sich den ganzen Tag der Facebook-Wasser­spar-Seite und anderen erschöpfenden Missionen rund um die Wasserproblematik in Kapstadt widme, obwohl ihm das alles schreckliche Kopf­schmerzen bereite. Als Kind habe er «zwei Wünsche im Leben gehabt», erklärte er mir in seinem Büro, während auf seinem Computer-­Bildschirm private Facebook-Nachrichten von Wassermitstreitern aufpoppten. «Der erste war, Feuerwehrmann zu werden. Und der andere, mich in einem Projekt zu engagieren, bei dem ich etwas für die Gemein­schaft tun kann.»

 

«Die Dürre hat manche von uns gleicher gemacht»

 

Bloss war in der Vergangenheit nicht klar gewesen, wer oder was «die Gemeinschaft» eigentlich war. Um die weisse Herrschaft aufrechtzuerhalten, hatte die Apartheid-Regierung behauptet, die schwarzen Territorien von Südafrika seien «souveräne Staaten», obwohl kein anderes Land sie anerkannt hatte. Manchmal sagen die Weissen in Südafrika heute noch «sie» und meinen damit schwarze und «schlechte» Menschen wie korrupte Politiker oder Kriminelle. Es ist in Ordnung, zu jammern: «Sie haben mein Auto gestohlen», bevor überhaupt klar ist, wer es gestohlen hat.

Menschen aller Rassen haben immer auch Beziehungen miteinander geführt. Und sie teilten eine gemeinsame Erfahrung, wenn auch von verschiedenen Blickwinkeln aus. Es gab Smit eine gewisse Befriedigung, von der Dürre ange­spornt, etwas Positives für eine grössere Gruppe Menschen zu tun. Dieses Gefühl beschlich mich bei manchen in der Stadt. Auf der Facebook-Seite reflektierte eine Frau namens Valerie darüber, dass die Dürre sie «aufmerksamer gemacht hat auf diejenigen, die sie umgeben … Es hat manche von uns gleicher gemacht.» Sie nannte es «demütigend und erhebend zugleich».

Als ich anfing, zeitgenössische weisse Literatur aus Südafrika zu lesen, fiel mir auf, dass die Zerstörung der Infrastruktur von Privilegierten ein wichtiges Thema war: der Untergang von Häusern, Farmen, Gärten und Swimmingpools bis hin zu der Zerstörung von Toren und Mauern durch Vernachlässigung oder Rache der historisch Benachteiligten. Dies wurde grösstenteils als furchteinflössendes Szenario dargestellt. Doch in mir wuchs langsam das Gefühl, dass dies nicht nur eine Angst, sondern auch eine Phantasie war. In den Büchern bereiteten die Grenzüberschreitungen den privilegierten Figuren ein seltsames Gefühl der Erleichterung. In Mein Verräterherz, das vier Jahre vor Ende der weissen Herrschaft publiziert wurde, sagt die Frau eines weissen Farmers, während sie über die Aussöhnung mit den Verwandten seines Mörders nachdenkt: «Vertrauen kann nie eine Festung sein, ein sicheres Gehäuse gegen das Leben … Ohne Vertrauen gibt es keine Hoffnung auf Liebe.»

Nach der Einführung der Demokratie jedoch bauten sich sowohl reiche wie auch Mittelklasse-Südafrikaner Festungen: Hohe, mit Eisenspitzen bewehrte Mauern umgaben die Häuser. Viele dieser Häuser haben nicht einmal eine Klingel, um unbekannte Besucher abzuschrecken. Stattdessen tragen sie ominöse Schilder mit einem Totenschädel oder dem Namen der Sicher­heits­firmen darauf.

Verbringt man ein bisschen mehr Zeit mit den Reichen oder Weissen, merkt man, dass sie sehr wohl ein Bewusstsein von der Vergänglichkeit ihrer «Festungen» haben. Dass diese nicht überleben können – oder sogar sollen.

Ein Freund aus der Nähe von Johannesburg sinnierte jüngst darüber, dass er und seine Frau «im tiefsten Innersten» wüssten, dass die Weissen in Südafrika mit Hunderten Jahren der Unge­recht­ig­keit «davongekommen» seien. Seine Frau würde das bloss niemals zugeben oder ambivalente Gefühle ausdrücken gegenüber ihrem Fünf-Zimmer-Haus oder ihrer abgeschotteten Lebensweise, aus Angst, sie würde sich zum «Ziel von Vergeltung» machen: Persönlich vermutet mein Freund «das Gegenteil». Nämlich, dass die Wut der Schwarzen sich genau deshalb entfacht, weil die Weissen sich weiterhin absondern. Und still bleiben. Die Ansicht seiner Frau gewinnt meist, da sie als vorsichtiger gilt.

Doch was, wenn es eine naturgemachte Entschuldigung gäbe, die Mauern des Absonderns und der Stille einzureissen und ein anderes Leben auszuprobieren? Wäre das wirklich so schlecht?

Der Historiker Jacob Remes von der New York University, der menschliches Verhalten während Katastrophen untersucht, erklärte mir, dass während «plötzlicher» Katastrophen – wie etwa Hurrikanen oder Erdbeben – das Gefühl von Gemeinschaftssinn anschwillt, dies aber nicht unbedingt für langsamer geschehende Katastrophen gilt. Es könne vorhergesagt werden, dass die Reichen versuchen würden, sich aus «allen Unannehmlichkeiten herauszukaufen». Doch was ich über Kapstadt geschrieben hatte, brachte ihn dazu, sich zu fragen, ob nicht vielleicht die höheren Klassen auf eine Gelegenheit warteten, um ihren Nachbarn und sich selbst zu beweisen, dass es «wirklich so etwas wie eine Gesellschaft gibt».

Gegen Ende meines Besuches sagte Smit, er wolle mir seinen Rasen zeigen, eine erbärmliche Staublandschaft. «Du kannst dir nicht vorstellen, wie smaragdgrün er war», sagte er mir und schüttelte den Kopf.

Viele der reicheren Kapstädter wertschätzen ihre Gärten. Sie fungieren als mikroskopische Länder, sorgsam gepflegte, vermeintlich unantastbare Eden hinter ihren Mauern, gegenüber der Unbeständigkeit des nun integrativen Gemeinschaftsraumes. «Diese kleine Rasenfläche», sagte Smit, «war mein kleines Königreich.» Als ich ihn fragte, ob er traurig sei, dass der Rasen gestorben ist, lachte er nur. «Ich muss mich anpassen», sagte er. «Er ist weg. Na und?»

In einer ehemals «weissen» Nachbarschaft namens Newlands stehen täglich Tausende Bewohner von Kapstadt an, um an einer natürlichen Quelle Wasser zu bekommen. Abgesehen von einem kleinen Polizeihäuschen, das die Autos überwacht, wird die Quelle von keiner Autorität verwaltet. Ein 42-Jähriger Inder namens Riyaz Rawoot arbeitete 14 Monate an der Infrastruktur der Quelle – eine lange Vorrichtung aus Beton, Ziegelsteinen, Metallständern, PVC und Schläuchen, die das Wasser in 26 Ausläufe verteilt –, vor denen eine ausserordentliche Vielfalt von Menschen mit Krügen wie auf einer Kommunionbank kniet. Rawoot erklärte, er habe die Infrastruktur gebaut, weil er einen ethnischen Hintergrund habe, bei dem es normal sei, «alles mit allen zu teilen».

Anwar Omar, den ich über die Facebook-Seite kennengelernt und dem ich gesagt hatte, wie sehr mir seine Dusche, bestehend aus einem Insektizid-Spray, gefiel, insistierte, dass ich mir die Quelle anschauen müsse. Er sagte, ich würde etwas sehen, das meine Meinung darüber, was in der Welt möglich sei, verändern würde.

Das Interessante an der Quelle ist, dass sie einem ehemals gemischten Viertel entspringt (heute ist es weiss) – die Art Viertel, die in Südafrika Spannungen hervorrufen, weil sogar Langzeitbesitzer von Häusern sich immer noch Sorgen machen, jemand könne rechtlichen Anspruch auf ihr Land geltend machen. Tatsächlich hatten Rawoots Vorfahren zwei Strassen weiter weg von der Quelle gewohnt. «Menschen von überall in den ‹Cape Flats› gehen hin», flüsterte Omar mir zu. Einige kamen von so weit her wie Mitchell’s Plain, einer Township, die mehr als zehn Meilen entfernt liegt. «Sie wollen zu ihren Gewässern zurück», sagte Omar.

Noch interessanter allerdings war eine andere Tatsache: Trotz allen Spannungen, trotz ihren Ängsten schienen viele weisse Bewohner die Stimmung an der Quelle zu geniessen. Und sie war tatsächlich unglaublich: Eine Massenszene, etwa 60 Menschen in Flip-Flops, Bademänteln, Kopftüchern, schicken Privatschuluniformen und hautengen Kleidern, wirbelten um Harleys und halb defekte Fahrräder, schoben Wasserkannen in Kinder- und Einkaufswagen, selbstgebastelten Laufkatzen und auf Skateboards hin und her. Rucksäcke und leere Wasserflaschen lagen überall verstreut wie in einem Schulhauskorridor zur Mittagszeit. Ein 16-Jähriger machte einen Handstand nach dem nächsten für ein paar Leute. Rawoot verteilte derweil Eis am Stiel mit Traubengeschmack.

Die Stimmung war irgendwie ehrerbietig: Menschen glitten anmutig umeinander herum, deuteten leise an, welcher Ausfluss am meisten Wasser hergebe, lenkten die Wagen von anderen, gaben gefüllte Kannen in organisch entstandenen Schlangen weiter. Heutzutage existiert der Traum von einer nicht hierarchischen Gesellschaft kaum noch; Anarchismus ist höchstens noch ein Sound für trashige Schülerbands. Doch an der Quelle kam das Gefühl auf, als wäre der Traum wiederbelebt. Alles funktionierte auf einfache Weise, wie selbstverständlich.

Abdulrahman, ein älterer Muslim, erzählte mir, er habe in den Townships 48 Jahre lang als Getränkehändler geschuftet und Erfrischungs­ge­tränke verkauft. Er war es leid, zu verkaufen. Er wollte geben. Vor ein paar Wochen kam er zu der Quelle, um ein paar Kübel zu füllen, und ertappte sich dabei, wie er eine Stunde lang den Schlauch hielt. Zwei Tage später machte er die 10-Meilen-Wanderung noch einmal – nur, um den Schlauch zu halten. Er trage absichtlich Schuhe mit Löchern, «damit das Wasser abfliessen kann», sagte er mir und lachte laut dabei. Er war nass von Kopf bis Fuss. Als ich ihn fragte, warum er diese unbezahlte Arbeit mache, schaute er mich an und lachte noch einmal, so, als wäre es offensichtlich. «Alle sind gestresst», sagte er. «Alle hetzen.» Aber weil er den Schlauch halte, «können sich die Leute entspannen»!

«Geht’s schnell genug?», fragte er eine fremde Blonde erwartungsvoll. Von ihrem Hals hing ein Kreuz. «Es ist grossartig!», sagte sie. Er strahlte voller Stolz.

Rawoot, der die Rohre für die Quelle gebaut und sie auch bezahlt hatte, arbeitet normalerweise als Physiotherapeut. Er führte mich in sein «Büro» an der Quelle – ein Fleck ausgetrocknetes, mit Zigaretten übersätes Gras – und sagt mir, er liebe es, Menschen «vom Schmerz zur Freude» zu führen und sie dabei intimer zu berühren als ein normaler Arzt. Schmerz, sinnierte er, «ist wie ein ausgetretener Pfad»: Es gibt vielleicht eine ursächliche Verletzung, aber nach und nach gewöhnen sich Körper und Seele an den Schmerz und spüren ihn auch dann noch, wenn die Verletzung offiziell verheilt ist. Rawoots Arbeit als Physiotherapeut besteht darin, seine Hände auf die Körper der Patienten zu legen, sie zu mobilisieren und einzelne Körperteile subtil neu zu arrangieren, so erklärte er es mir. Nicht, um sie zu «reparieren», sondern um ihnen zu helfen, sich bewusst zu werden, dass in ihnen bereits die Fähigkeit schlummert, sich anders zu fühlen.

 

«Es gibt eine neue Denkweise. Eine Verlagerung.»

 

Als Kind, sagte er, sei er bestürzt und betrübt gewesen über Südafrikas «Nur für Weisse»-Schilder. Offiziell als «indisch» klassifiziert, hatte Rawoots Grossmutter weisse Vorfahren. Er ging immer wieder mit seiner Tante zum Hauptbahnhof, wo sich Weisse, Coloreds, Inder, Chinesen und Schwarze in der Haupthalle mischten – jedoch alle in andere Richtungen gingen. Das Bild dieses brodelnden Kosmopoli­tis­mus ist ihm geblieben. Das hatte er sich erhofft, als Nelson Mandela 1994 zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt wurde. «Aber es geschah nicht wirklich», sagte er, zur Quelle hinblickend.

Stattdessen leiden, 15 Meilen von Newlands entfernt, in Khayelitsha, der riesigen, in den achtziger Jahren erbauten und von Millionen Schwarzen bewohnten Township, die meisten Familien an Versorgungsunsicherheit und leben in Hütten. Cindy Mkaza, eine Pädagogin, die dort arbeitet und aufgewachsen ist, sagte mir, das Vergnügen an der Dürre habe ihre Schüler nicht wirklich erreicht. Die meisten von ihnen hätten sowieso weder einen Garten noch eine Dusche, und während Jahren war das unterversorgte Wassersystem immer wieder ohne Vorwarnung abgeschaltet worden. «Es ist, als würden sie sowieso schon dieses Dürre-Leben führen», sagte sie.

Die städtische Wasserbegrenzung kümmert sich nicht um die Grösse der Haushalte, ausser ein Bewohner unternimmt ein beschwerliches Berufungs­verfahren. Und so leiden die Ärmeren verstärkt unter der Wasserknappheit. Weil sie häufig mit viel zu vielen Menschen in einem Haus leben, das eigentlich nur für eine Person gedacht ist. Shaheed Mohammed, der in einer anderen verarmten Township namens Athlone lebt, erzählte mir, dass sein Nachbar jeden Morgen um vier aufstehe, um für seine stattliche Grossfamilie Wasser in Eimern zu besorgen – bevor ein Gerät, das die Stadt an ihren Sanitärinstallationen angebracht hat und das das Wasser limitieren soll, sich einschaltet und den Hahn zudreht.

Als ich Cindy Mkaza, der Pädagogin, von der Frau aus der Facebook-Gruppe erzählte, die gesagt hatte, sie sei «von Demut erfüllt», da sie sich um das Wasser sorgen müsse, lachte sie nur. Sie sagte, die Nachbarn ihrer Mutter, die sich selten die drei Dollar leisten könnten, um mit dem Minibus-Taxi in die Stadt zu fahren, seien sich der Bemühungen der reicheren Kapstädter nicht bewusst. Und sie war besorgt, dass die Mittel- und Oberschicht immer noch mehr Optionen hätte als die Armen, falls die Situation wirklich ausser Kontrolle gerate. Die Reicheren könnten immer noch nach Wasser bohren – oder wegziehen.

Mohammed hingegen fühlte eine neue Art Neugier von Weissen oder Nach­barn aus höheren Klassen, von denen er nicht viel Liebe gewohnt war. «Es gibt eine neue Denkweise. Eine Verlagerung», sagte er. Bei Treffen einer Gruppe namens Water Crisis Coalition – Wasserkrisenvereinigung –, deren Mitglieder in erster Linie People of Color sind, fielen ihm Kapstädter auf, die normaler­weise nicht in die Townships kommen. Weisse, Reiche, sogar ein Zionist war dabei.

Historisch gesehen, reflektierte Mohammed, seien sie auf so viele Arten «an den Rändern. Aber wir haben immer von dieser Art der Einheit geträumt. Wir waren nicht sicher, ob die Rhetorik, die behauptet, dass die Weissen die ‹Kolonialisten› sind, wirklich immer stimmt oder stimmen muss.» Mohammed war erfreut, zu sehen, dass seine neuen Verbündeten bereit dazu waren, Fähigkeiten und Mittel zur Verfügung zu stellen, die er und seine Gefährten nicht hatten. «Diese Leute haben oft einfacher Zugang zum Internet. Sie können bei der Regierung Beschwerde einlegen und Vorschläge machen, wie grössere Haushalte behandelt werden sollen.» Und mehr noch als das: Mohammed war berührt davon, wie die Weissen und Reicheren seinen Nutzen anerkannten. Bei einem Treffen der Water Crisis Coalition lobten weisse Teilnehmer eine gigantische Demonstration, die People of Color in den 1960er Jahren abgehalten hatten, um gegen Rassenungerechtigkeit zu protestieren, als Inspirationsquelle, wie Leute sich für Veränderung verbünden können. Eine weisse Frau sagte zu ihm: «Wir brauchen die Unterstützung der Cape Flats. Ohne die Unterstützung der Cape Flats sind wir nichts.»

Die Dürre hat viel grössere Veränderungen gebracht als nur bezüglich der Einstellung zum eigenen Wasserverbrauch. Einer, der in einer reichen Gegend Autos bewacht, sagte mir, er sehe nun mehr Anwohner, die zu Fuss gingen – etwas, was die Wohlhabenden in gewissen südafrikanischen Vierteln praktisch nie tun. An seiner Quelle machte mich Rawoot auf eine Gruppe von Trägern aufmerk­sam, die Kleingeld verdienen, indem sie für andere Kannen herumschieben. In Südafrika kommen sich ungelernte Arbeiter, wie zum Beispiel Autobewacher, oft wegen Revierstreitereien ins Gehege. Doch hier sassen die Träger, die gerade erst angekommen waren, geduldig auf dem Randstein und überliessen die Arbeit den Erfahreneren. «Sie behandeln sich spontan mit einer neuen Art von Respekt», sagte Rawoot. «Eine neue Kultur der Höflichkeit.»

Es gibt eine menschliche Grundangst vor den Chancenlosen. Davor, dass sie eines Tages ihre Wut in Brutalität umsetzen, wenn es keine von oben auferlegte Ordnung gibt. Getreu dem Motto «Jeder kämpft für sich allein.» Diese Angst mag heute noch stärker sein als früher, in einer Zeit, in der Phänomene wie der Brexit oder Donald Trump einigen das Gefühl geben, der Volkswille sei gleichzusetzen mit selbstzerstörerischem Stammesdenken, und in der Eliten wie die Manager von Cambridge Analytica uns darüber informieren, dass Menschen nichts anderes sind als Bündel, die man nach Lust und Laune manipulieren kann, indem man ihre Ängste anzapft. Wir nennen es heute weise, anzu­nehmen, Menschen seien nur durch Eigennutz, Status und Angst zu motivieren. Es gilt als unklug, zu glauben, dass wir massenhaft motiviert werden könnten durch den Wunsch, Respekt zu zeigen – oder durch Liebe.

Ich traf mich mit Lance Greyling, dem Direktor für Wirtschaft und Investition in Kapstadt, weil er versprochen hatte, mir etwas über die Dürre zu verraten, was die wenigsten begreifen würden. Greyling gab zu, praktisch nichts vom Wort «Wasser» gehört zu haben, als er 2015 der Regierung beitrat. Die Niederschlagsmuster hatten während Jahr­zehnten zwar langsam und stetig abgenommen, aber die Stromversorgungsengpässe schienen viel dringlicher. Dann wuchs plötzlich das Bewusstsein für eine Dürrekrise. Im Mai 2017 sprach die Bürgermeisterin ein Gebet am Fusse des Tafelbergs, um den Himmel um Wasser anzuflehen. Anthony Turton, ein führender Experte für Wassermanagement, verkündete, Kapstadt brauche «höhere Ge­walt». Gott oder irgendeine unglaublich riesige, fette, phantasti­sche Maschine.

Greyling, ein fröhlicher 44-Jähriger, lacht heute über die verzweifelten Ideen, für die die Regierung warb, damit sie sich nicht nur darauf verlassen musste, dass die Bewohner von Kapstadt ihr Verhalten änderten: eine Entsalzungs­anlage aus Saudiarabien, einen Eisberg aus der Antarktik herschleppen. Im November stellte die Stadt strategische Kommunikationsspezialisten ein, die sich einig waren, die beste Lösung sei, den Menschen höllische Angst einzujagen. Die Stadtbeamten gaben ihr sanftes und nettes Bitten auf, es solle doch Wasser gespart werden, und setzten auf Schwarzmalerei, Blossstellung und Gewalt. Sie setzten die Was­serbegrenzungsgeräte ein, von denen mir Mohammed später erzählen sollte, landläufig bekannt unter dem Namen «Aqua-Loc». Sie wirkten sich auf Wassernutzer in etwa so aus wie ein Magenband bei Adipositas-Patienten: Wenn du den Versuch wagst, mehr als das tägliche Kontingent zu beziehen, dreht es dir einfach den Hahn zu.

 

2025 wird die Hälfte der Menschheit in Gebieten mit Wasserknappheit leben

 

Techniker installieren nun jede Woche 2500 solche Geräte. Und im Januar verkündete die Bürgermeisterin, dass der ominöse «Tag null» nicht länger nur eine Möglichkeit, sondern eine schiere Gewissheit darstelle. Der Provinzgouverneur warnte vor drohender Anarchie. «Bis jetzt», fügte er traurig hinzu, «haben über 50 Prozent der Bewohner von Kapstadt die Bitten, Wasser zu sparen, ignoriert.»

Doch die Magenband-Wasserspargeräte funktionierten. Die Stadtbehörden konnten erkennen, wie der Wasserverbrauch rapide sank. Aber Greyling sagte mir, die dystopischsten Behauptungen der Regierung seien «nicht wirklich wahr». Der grösste Teil der Bevölkerung von Kapstadt hatte den Wasserverbrauch gesenkt, obwohl einige es nicht schafften, unter die Limitierung zu kommen. Die Folgerung, dass der «Tag null» eine Art gottgegebene rote Linie sei, nach der das Wasser in der Stadt «versiegen» würde, war auch nicht ganz präzise; der Tag stand nur für jene Höhe des Wasserspiegels im Stausee, unterhalb deren die Stadt beschlossen hatte, das Wasser noch aggressiver zu rationieren.

In gewissem Sinne waren diese Massnahmen äusserst mutig. Greyling sagte, die Botschaft, die die Regierung an die Öffentlichkeit habe senden wollen, sei auch gewesen: «Schaut, Leute, wir haben es nicht komplett im Griff. Es liegt genau­ge­nommen in euren Händen.» Eine Regierung, die mit Gewalt führt und gleich­zeitig ihre Beschränktheit zugibt, statt das Blaue vom Himmel zu versprechen, ist eine erstaunliche Abkehr von der Art, wie normalerweise heutzutage Politik gemacht wird.

Doch erfuhr die Regierung dafür nicht viel Anerkennung. Und wird es wahr­scheinlich auch nie. Daniel Aldrich, der an der North­eastern University die Widerstandsfähigkeit nach Katastrophen untersucht, erklärte mir, dass der Verlust an Vertrauen einer Bevölkerung in ihre Regierung nach einer Katastrophe quasi typisch sei, ja sogar unvermeidlich. Aldrich hatte umfangreiche Feldstudien in Japan nach dem Tsu­nami von 2011 durchgeführt, der mitverantwortlich gewesen war dafür, dass sich Japan von einem der «vertrauensseligsten Länder ins Gegenteil verwandelte». Menschen schmie­deten neue Allianzen gegen einen gemeinsamen Feind, vor allem einen natürlichen, erklärte er. Doch verschwinde dieser Feind, suchten sich die Menschen, unglücklich beim Gedanken, den neuen Glauben in die anderen wieder aufgeben zu müssen, ein neues Ziel.

Als der Vorsitzende der führenden Partei in Kapstadt Anfang März verkündete, die Bewohner sollten die drastische Reduktion des Wasserverbrauchs feiern und der Tag null könne nun wohl abgewendet werden, kochten die Kapstädter vor Wut. Einige nannten die Regierung dämlich, weil sie die aktuali­sierte Wahrheit verkündete, die es den Bürgern unter Umständen erlauben würde, wieder zu ihren trägen Gewohnheiten zurückzukehren. Andere fragten sich, ob die Krise eine reine Erfindung gewesen sei, um die Bevölkerung dazu zu bringen, höhere Steuern zu bezahlen. Einige liessen gar Drohnen über Kapstadts grösstem Stausee kreisen, um herauszufinden, ob er insgeheim voller Wasser war. (Er war es nicht.)

Im Jahr 2025 wird die Hälfte der Weltbevölkerung in Gebieten mit Wasser­knappheit leben. Das macht Kapstadt zu einem speziellen Fall: Auf der einen Seite lässt sich beobachten, wie wagemutig und effektiv mit einer beängstigenden Ressourcenkrise umgegangen werden kann; auf der anderen Seite ist die Situation Kapstadts ein ab­schreck­endes Beispiel dafür, wie energische Führung darin endet, dass sich die Allgemeinheit gegen die Regierung stellt und zukünftige Pro­blem­lösungen unmöglich macht. In meiner Zeit in der Stadt schien sich ein Kreislauf von immer stärker werdendem Misstrauen und einer wachsenden Feindseligkeit zwischen Regierung und Bürgern zu etablieren. Es ist nicht unser Fehler, es ist alles euer Fehler, so fasste Grey­ling die Rückmeldungen zusammen, die er bekam. Es schien ihn zu verletzen. Er seufzte, als wir über Mohammeds Aktivisten­gruppe redeten. «Leider sind viele ihrer Ansichten unsinnig», sagte er. Und als ich Rawoots Quelle erwähnte, stöhnte er auf.

Laut Rawoot und einem Zeugen bezeichnete ihn ein Bezirksrat an einer öf­fent­lichen Versammlung im März als «verrückt». Ein Professor, der eine soziologische Abhandlung über die Quelle verfasst hatte, sagte mir, viele Beamte «wollten und konnten nicht glauben», dass Rawoot seine Arbeit an der Quelle nur machte, um zu helfen. Sie waren überzeugt davon, dass er von jemandem Geld erhielt, um das Image der Regierung zu untergraben. Stadtbeamte nannten die Quelle ein öffentliches Ärgernis, ein Gesundheitsrisiko, chaotisch konstruiert von Menschen, die keine Ahnung von zentraler Planung hätten. Sie wollen das Wasser in einen von der Stadt verwalteten Swimmingpool umleiten, was zweifellos ihren Charakter zerstören würde. «Es gab Streit an der Quelle», sagte Greyling, und die Stadt stationierte dort Polizei. Doch sagten mir Cindy Mkaza, die an der Quelle nach wie vor Wasser holt, wie auch der Professor, dass Streit aus­ser­ordentlich selten sei. Als ich jemandem, der für die Regierung arbeitet, die wunderschöne Szenerie beschrieb, die ich selbst an der Quelle erlebt hatte, antwortete er mir warnend: «Ich habe keine Gegenbeweise. Aber nimm an, dass es viel mehr darüber herauszufinden gäbe, wenn du wirklich die ganze Geschichte willst.»

 

«Alhamdulilah», schrieb Bahia. «Danke, Regenfee!», schrieb Wayne

 

Als ich nach Hause zurückkehrte, nach Johannesburg, betätigte ich die Toilettenspülung. Aber zuvor hielt ich inne, um nachzudenken. Eine Thera­peutin empfahl mir einst, mit einem Freund, mit dem ich Probleme hatte, in die Ferien zu fahren. Sie sagte, der Ortswechsel könnte helfen, dass wir uns in einem anderen Licht sähen. «Aber wir kommen ja dann wieder an denselben Ort nach Hause», wandte ich ein. «Eine Erinnerung», sagte sie, «ist auch eine Möglichkeit.»

Eigentlich existiert längst ein Konsens darüber, dass uns das Unvorstellbare erwartet: Wettlauf um Res­sourcen, anhaltende Globalisierung und die dazugehörigen Kultur­kämpfe, das mögliche Zusammenbrechen des Wirtschaftssystems, auf dem die moderne Zivilisation beruht. Und je länger wir warten, desto schwieriger wird es, etwas gegen diese Veränderungen zu tun. So fühlt es sich an.

James Workman, Autor und Wasser-Analyst, fing die herrschende Angst in seinem 2009 erschienenen Buch Das Herz der Trockenheit ein. «Wir regieren nicht über das Wasser», schrieb er. «Das Wasser regiert über uns.» Ohne Sicherheit über die Versorgung mit dieser wesentlichen Ressource – mit ihrer Allgegenwärtigkeit, in industrialisierten Gesellschaften zu grossen Teilen versteckt, unvorhersehbarer geworden durch den Klimawandel – könnte die Gesellschaft auseinanderbrechen. Workman sorgte sich, «dass das unverblümte anthropologische Zeugnis der menschlichen Natur zeigt, dass jeder und jede von uns immer im Eigeninteresse handelt».

Kapstadt suggeriert das Gegenteil. Es könnte sein, dass Menschen nur auf etwas warten, das sie herausfordert, eine Gelegenheit, über ihren politik­müden Zynismus hinauszuwachsen und zu beweisen, dass sie gute Nachbarn sein können, auf mehr als nur Geld und Erfolg aus sind und zusammen raffinierte Kniffe erfinden, um ihre neuen Peiniger zu überlisten. Es könnte sein, dass gewisse Arten von Katastrophen – vor allem natürliche, die einem neutraler und akzeptabler erscheinen als politisch gesteuerte – vielleicht Räume für Veränderung aufmachen in Bereichen, in denen wir bislang glaubten, festzustecken. «Es gibt einen Riss in allem Gottgemachten», sagte Ralph Waldo Emerson, ein amerikanischer Philosoph und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, «nachtragende Umstände schleichen sich unversehens ein, sogar in die wilde Poesie, in der die menschliche Phantasie versucht, wagemutig Urlaub zu machen.»

«Die Wunde ist dort, wo Licht eindringt», sagt Rumi. Vielleicht wissen wir, dass die langanhaltende Zeit der Entwicklung und Selbstbereicherung bald ein Ende haben wird. Vielleicht wissen wir, im tiefsten Inneren, dass wir zurückmüssen zum Menschenwerk, das in der Natur verankert ist und sich nicht darüber hinaus erhebt. Vielleicht wird es einigen sogar Erleichterung bringen, vielleicht Freude. Vielleicht stellt sich heraus, dass wir offener sind als erwartet, etwas mühevoller zu leben.

Es ist schwierig, vorherzusagen, welche der Veränderungen in Kapstadt bleiben werden. Aber wenigstens werden sie zu einer Erinnerung.

Ich erinnere mich, wie ich vom Haus der Tarlings, weg von der Rückseite des Bergs, Richtung Kapstadt fuhr, als es plötzlich in Strömen zu regnen begann. Aus einem neuen Instinkt heraus oder einem schlafenden, der nun geweckt wurde, fuhr ich an den Strassenrand und schaute ruhig zu, wie sich die Tropfen auf der Windschutzscheibe sammelten und das Licht der Strassenlampen einfingen, ähnlich jener Lichtkreise, die im Kino einen Film ankünden oder die Geburt eines winzigen Universums.

Ich loggte mich in die Facebook-Gruppe ein. 400 Leute hatten bereits etwas gepostet. «Habe eben bei einer Sitzung einem Raum voller Menschen mitgeteilt, dass es regnet, und alle haben gejubelt!», schrieb Lesley. «Nimm einen Schirm, aber wir werden den Regen nicht aufhalten», schrieb Moegsien. «Jetzt regnet es in Mitchell’s Plain», schrieb Carmelita. «Regen in Sea Point», schrieb Gillian. «Danke, Gott! Unser edler Erlöser!», schrieb Cobie. «Alhamdulilah», schrieb Bahia. «Danke, Regenfee!», schrieb Wayne. «Gepriesen sei seine Nudeligkeit. R’amen», sagte Roxanne.

 

Aus dem Englischen von Raphael Urweider.

 


 

Knapp

Es gibt ein Wort für akuten Wassermangel: Wasserstress. Er stellt sich ein, wenn zu grosse Mengen aus Süsswasserreserven entnommen werden. Dann können sich diese nicht ausreichend genug wieder auffüllen. Um Wasserstress zu vermeiden, will die Uno, dass nicht mehr als 25 Prozent der erneuerbaren Wasserreserven, die sich aus Flüssen und Niederschlagsmengen ergeben, angetastet werden. Mehr als zwei Milliarden Menschen weltweit leiden laut der Uno bereits unter dem Phänomen. Und es werden in Zukunft mehr sein, denn seit den 1980er Jahren steigt der Wasserverbrauch weltweit um etwa ein Prozent pro Jahr. Laut den Prognosen wird dieser Trend anhalten – was bis 2050 einem Anstieg von 20 bis 30 Prozent des jetzigen Verbrauchs entspräche. Verschlimmert wird die Situation noch durch den Klimawandel, der zu mehr Dürren und häufigeren Hitzewellen führt.

 

Komplex

Eins steht fest: Es gibt am Klimawandel nichts zu beschönigen. Er ist bereits jetzt spürbar. Aber: Auch wenn die negativen Auswirkungen deutlich überwiegen, gibt es positive Nebenwirkungen. So schreibt etwa das Deutsche Umweltbundesamt auf seiner Website: «Mildere Winter können zum Beispiel die gesundheitlichen Auswirkungen von Kälteperioden verringern, die Ausfallzeiten in der Bauwirtschaft reduzieren oder unseren Bedarf an Heizenergie senken. Auch in anderen Bereichen sind positive Effekte möglich.» Und durch Greta Thunberg und die «Fridays for Future»-­Bewegung erlebt die Jugend derzeit eine Politisierung, wie es sie seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat, nicht nur in Deutschland.

 

Zur Autorin

Eve Fairbanks, 36, lebt seit zehn Jahren in Südafrika. Sie wurde von ihrem Huffington Post-Redaktor nach Kapstadt geschickt, um von dort über die Wasserkrise zu berichten. «Sobald ich ankam, realisierte ich, wie faszinierend die Situation vor Ort war», sagt sie. «In Kapstadt vollzieht sich der demografische und soziale Wandel sehr schnell.» Fairbanks glaubt nach wie vor, dass aus ökologischen Krisen wie der Dürre in Kapstadt Raum entstehen kann für konstruktive soziale Entwicklungen. «Die Bewohner erlebten ihre Stadt in der Krise in einer positiveren Art und Weise – obwohl sie nicht so perfekt funktionierte wie sonst.» Diese Veränderung halte immer noch an, sagt sie. Und ein bisschen hat sich auch ihr eigenes Verhalten verändert nach der Recherche: Fairbanks spült jetzt die Toilette nicht mehr nach jedem Gang. Ihren Rasen sprengt sie aber immer noch.

 

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