Wassernot

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Was wir fürchten, ist in Kapstadt längst Realität.

Eve Fairbanks

Als ich vor neun Jahren nach Südafrika zog, hörte ich als einen der ersten Ratschläge von den Einheimischen, ich solle mich beim Autofahren nicht zu sehr auf das Navi verlassen. Das Land habe zwar Regeln für die Navigation, sagte man mir, aber manche seien zu kom­pliziert für einen Computer und nur intuitiv zu befolgen: Durch dieses Viertel könne man zwar fahren, jedoch nicht in der Nacht. Durch jenes ebenfalls, aber nur mit geschlossenen Fenstern, vor allem als weisse Person. Es waren oft weisse Südafrikaner, die vom Navi redeten, aber viele Schwarze stimmten ihnen zu. Es sei traurig, sagten alle; traurig, dass das einst geteilte Land anscheinend die Vergangenheit noch nicht vollständig hinter sich gelassen habe. Aber so war es. Das waren die Regeln. Einige akzeptierten sie schmerzvoll als Tatsache der Natur und der menschlichen Rasse.

Ich dachte an diese Regeln, als ich im März nach Kapstadt flog, der zweitgrössten Stadt Südafrikas. In den letzten drei Jahren hat Kapstadt besonders unter einer ausserordentlichen Dürre gelitten, die nur etwa einmal in 300 Jahren vorkommt. Und die durch den Klimawandel begünstigt worden ist, wie die meisten Analysten bestätigten. Die Veränderung, die die Stadt in ihrer physischen Erscheinung als Konsequenz der Dürre durchläuft, ist frappierend. Das Kap ist vom Rest des Landes abgetrennt durch eine 1500 Meter hohe Bergkette. Im Nordosten sieht die Landschaft aus wie in den Safari-Broschüren: trocken, heiss und dschungelartig. Aber im Becken zwischen der Bergkette und dem südwestlichen Ende des afrikanischen Kontinents ist das Klima aussergewöhnlich, wissen­schaft­lich als «mediterran» bezeichnet. Wenn man von den Bergspitzen nach Kapstadt hinunterschaut, auf eine Viermillionenstadt, die sich durch elegante Architektur und schroffe Hänge hervortut, dachte man bis dato vielleicht an Griechenland, wenn Griechenland noch träumerischer wäre: elfenbeinfarbene Häuser, kobaltblaues Meer, Olivenhaine, die opulente Landschaft durchwoben mit den goldenen Bändern und glänzenden Früchten der Weinberge.

Gespeist von fünfmal mehr Regengüssen als Südafrikas dürre Zentralregion, ist das Kap eines der vielfältigsten Blumenreiche der Erde, voller riesiger rötlicher Blüten. Dazu Wolkenformationen von aufgeblähten weissen Gewitterwolken bis zu Nebel, der fliesst wie ein Fluss, und Dunst, der wie ein Wasserfall vom Tafelberg hinunterströmt, jener Felswand, die über der Stadt aufragt; das Paradies scheint hier fast Realität geworden zu sein. Oder schien es bis dato zumindest.

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