Wem gehört die Stadt?

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Zürich, Berlin, München, Hamburg, Köln: ein Reportagen-Projekt

Anant Agarwala, Carole Koch, Dirk Liesemer, Judith Luig und Jenni Roth

In Europas Städten wird der Platz knapp. Fünf Geschichten über Mieter, Kinder, Flüchtlinge, Fahrradfahrer. Und Fledermäuse.

 

Zürich

 

Es ist ein fieser Trick, mit dem die Bewohner der Siedlung Winzerhalde zum Umzug gezwungen werden. Wenn sie am Abend ahnungslos in ihre Altbauwohnungen heimkehren wollen, wird ihnen das nicht gelingen. Sie werden immer wieder am Eingang abrutschen. Und irgendwann aufgeben. 

Aber auch Conrad von Känel hat heute ein Problem: «Wo ist der Monteur?», ruft der Bauleiter, den hier alle nur Coni nennen, «verdammt.» Es ist kurz nach sieben in der Früh, auf der Baustelle der Siedlung Winzerhalde herrscht Hochbetrieb. Coni, ungesund braun, Goldkettchen am Hals, hält Ausschau nach dem weissen Lieferwagen, der längst vor der Winzerhalde 36 parken müsste. Die Wohngenossenschaft liegt im Westen von Zürich, weit weg von den schicken Läden der Bahnhofstrasse. Hier hat die Stadt etwas von einem Park. Wäre da nicht die Sanierung der über dreissig Jahre alten Backsteinsiedlung, die das Areal momentan zur Grossbaustelle macht – und die Zwangsumsiedlung, die heute einem ganz speziellen Teil der Bewohner bevorsteht. 

Eben noch war Coni in den Ferien, jetzt ist er schon wieder «grausam unter Druck», wie er sagt: 44 Wohnungen, zehn Millionen Franken, dafür hat Coni genau neun Monate Zeit. Der enge Zeitplan ist aber nicht sein Problem, und auch der Denkmalschutz nicht. Conis Problem ist, dass in den alten Rollladenkästen 200 Fledermäuse wohnen. Kommt bei der Demontage auch nur eine zu Schaden, droht ein Baustopp. «Bei mir gibt es aber keinen Baustopp», sagt Coni, und es klingt wie eine Drohung.

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