Wenn eine Frau schiesst

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Chris ist tot, dabei hat Nikki nur ihr eigenes Leben gerettet.

Justine van der Leun

Bis Nicole «Nikki» Addimando wegen Totschlag angeklagt wurde, bestand ihr Alltag als Vollzeitmutter überwiegend aus Fahrten zum Kindergarten und zu Chorproben. Im Herbst 2017 lebte sie mit Christopher Grover und den gemeinsamen Kindern Ben und Faye in einer Dreizimmer-Souterrainwohnung im Osten von Poughkeepsie im Gliedstaat New York. Sie waren seit neun Jahren zusammen. Nikki, damals 28, hatte zuvor als Kindergärtnerin gearbeitet, doch als sie 2012 mit Ben schwanger wurde, beschloss das Paar, dass Nikki ihren Job aufgeben würde, um ihn aufzuziehen. Zwei Jahre später kam Faye zur Welt.

Nikki war 1 Meter 52 gross, wog 50 Kilogramm und trug ihr schwarzes Haar lang und geglättet. Chris war 30 Jahre alt und kaum grösser als Nikki. Auffällig waren sein kahler Kopf und seine trotz der kleinen Körpergrösse muskulöse Statur. Er verbrachte viel Zeit im Fitnessstudio, wo er als Trainer arbeitete und so für das Haupteinkommen der Familie sorgte. Das Geld war knapp, und manchmal musste Nikki etwas vom Ersparten der Kinder nehmen, um das Nötigste einzukaufen. Später legte sie es dann wieder zurück. Nachts nähte sie Babyschuhe, die sie online für 28 Dollar das Paar verkaufte.

Chris war beliebt bei den jungen Frauen, die er trainierte. «Ein total netter Typ», sagte mir seine Chefin. In seiner Freizeit spielte er gern Videospiele, schaute Animes und machte Taekwondo. In Kursen an der Volkshochschule hatte er gelernt, wie man Amateurfilme dreht. Das Verhältnis zu seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder war sehr eng. Sonntags fuhr er oft zu ihnen raus aufs Land nördlich von Poug­h­­keepsie. Anfangs begleitete Nikki ihn, später blieb sie lieber zu Hause. Sie hatte zu viele Verletzungen, für die sie nicht immer die gleichen Ausreden liefern konnte: Sie bekomme nun mal leicht blaue Flecken, sie sei die Treppe hinuntergefallen, sie sei einfach furchtbar tollpatschig.

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