Wenn zwei sich streiten

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Ist es okay, Witze über Kleinwüchsige zu machen?

Christoph Wöhrle

Als Peter Brownbill noch Don Piccolo hiess, fühlte er sich oft nichtig. Er hatte sich damals diesen Namen gegeben, der jedem gleich klarmachen sollte: Ich bin vor allem eines: klein. Erst als er seinen Alias wieder strich, konnte er wachsen.

Heute steht Brownbill, 51, in einem Zelt auf der Bühne des Heidepark Soltau, Niedersachsen. Er tritt als Zwerg auf, als kleiner Waldschratt. Er geht zu den Kindern im Publikum und stiehlt ihnen, was sie im Kopf tragen. Das ist die Geschichte der Show im Freizeitpark: Die «Traumfänger» rauben den Kindern ihre Phantasie, ihre Geschichten, ihre Träume. Brownbills Waldschrattgesicht zeigt ein starres Grinsen. Der Kleinwüchsige, er misst 1,20 Meter, verdient gerade wieder Geld mit seiner Körpergrösse. Beim Träumestehlen lebt er seinen Traum.

Michel Arriens trug nie einen anderen Namen als Michel Arriens. Auch er ist kleinwüchsig, glaubt aber seit der denken kann, dass eine Behinderung nicht behindern muss. Dass er etwas aus sich machen kann, wenn er es nur genug will. Heute sitzt der 29-Jährige in seinem Büro in Berlin bei Change.org, wo er als Campaigner angestellt ist. Arriens postet: Wie es denn wäre, den Schwerbehindertenausweis in Teilhabeausweis umzubenennen, Barrierefreiheit in allen Bereichen zu schaffen? «Handeln statt Scheindebatten führen», darum geht es Arriens. Die Welt ein bisschen besser machen, sich für Minderheiten einsetzen. Nur ein Klick, und er kann Grosses bewirken. Auch er lebt seinen Traum.

Der Begriff Diskriminierung hat sowohl für Peter Brownbill als auch für Michel Arriens immer eine Rolle gespielt in ihrem Leben. Wer beide trifft, der lernt schnell: Das Wort Zwerg ist ein Unwort. Auch der Begriff Wicht, Gnom oder Liliputaner. Dass Brownbill mit seiner Behinderung Geld verdient, als Schauspieler und Gesamtkunstwerk, ist für den Aktivisten Arriens die Überschreitung einer Grenze. Er will das nicht hinnehmen. Dass Arriens sein Geschäftsmodell schädlich findet, will wiederum Brownbill nicht akzeptieren. Er verbittet sich diese Einmischung.

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