Wer hat uns gehackt?

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Eine Cyberattacke, gestohlenes Geld, die Redaktion im Fadenkreuz. Ein Krimi aus den eigenen Reihen. 

Dmitrij Gawrisch

Von: Daniel Puntas

Gesendet: Mittwoch, 13. Januar 2016, 09:20

An: D.B.

Betreff: rechnungen

 

liebe frau D. B.

Bitte senden Sie das folgende:

-Zahlung nach Deutschland unmittelbar (15.000 Euro).

beste grüsse, daniel puntas

 

Im Anhang: eine Rechnung für den Kauf von Haus- und Bürogeräten.

Empfänger: Sehr geehrter Herr Puntas, lieber Daniel.

Absender: John Webson, domiziliert am Gerhart-Hauptmann-Platz 50 in 20095 Hamburg, Steuernummer 15/410/00276.

Der Gesamtbetrag von 15 000 Euro ist auf das Konto DE79 1001 0010 0638 0591 16 bei der Postbank in München zu überweisen.

 

Drei Tage später, kurz nach 13 Uhr, betritt Lucas Hugelshofer, geboren am 13. Februar 1966, zu erreichen unter Reportagen, Käfiggässchen 10 in 3011 Bern, den Posten der Kantonspolizei am Hauptbahnhof Zürich. Ein enger, weiss gestrichener, grell beleuchteter Raum, schwarze Striemen an den Wänden, drei Stühle, abgeschlagene Ecken und Kanten, da und dort notdürftig geflickt mit Klebeband: Nicht jeder hält sich hier freiwillig auf. Die Polizeibeamtin hinter schusssicherem Glas mustert ihn mit offenkundigem Misstrauen, das wachsendem Interesse weicht, je weiter er in der Geschichte, die er zu erzählen hat, fortschreitet. Als Hugelshofer fertig ist, weist sie ihn an, auf einem der drei Stühle Platz zu nehmen, ein Detektiv werde sich des Falles annehmen.

Philipp Bösch, Gefreiter, bittet Hugelshofer, ihm die Geschichte nochmals zu erzählen. Runzelt die Stirn, schüttelt den Kopf. Nach dem Gespräch bestätigt Bösch im Namen der Kantonspolizei Zürich am Samstag, 16. Januar 2016, um 14 Uhr 15, dass folgender Sachverhalt zur Anzeige gebracht wurde:

Die unbekannte Täterschaft, auftretend unter dem Namen John Webson, kontaktierte die Treuhänderin von Reportagen, D. B., per E-Mail und machte eine Rechnung in der Höhe von 15 000 Euro geltend. Die Kontaktaufnahme der Täterschaft erfolgte über das E-Mail-Konto des Chefredaktors, Daniel Puntas. In der Annahme, dass es sich um einen Zahlungsauftrag desselben handelte, wurde der Betrag von 10 000 Euro, für welchen die Treuhänderin die Zahlungsvollmacht besitzt, an die von der Täterschaft angegebene Bankverbindung «Postbank» in Deutschland überwiesen. In der Folge stellte sich jedoch heraus, dass die E-Mail mit dem Zahlungsauftrag nicht von Daniel Puntas gesendet worden war und es sich offensichtlich um ein Delikt mit betrügerischer Absicht handelt.

Schon möchte Hugelshofer den Polizeiposten wieder verlassen, da hat der Gefreite Bösch – den Trick muss er sich bei Inspektor Columbo abgeschaut haben – noch eine allerletzte Frage: «Können Sie sich einen Mitarbeiter als Täter vorstellen?»

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