Wer kann Nixon schlagen?

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«Sechs Kandidaten sind am Start – düsen in Flugzeugen durch die USA und geben viel Geld aus für das Privileg, den Eingeborenen was vom Pferd zu erzählen.» Die historische Reportage von 1972.

Hunter S. Thompson

Bei den Demokraten

 

Montagmorgen, am Vortag der Vorwahlen in Florida, flog ich zusammen mit Frank Mankiewicz, der McGoverns Kampagne steuerte, nach Florida.

Bei der unsanften Landung auf Miamis International Airport ergoss sich meine Bloody Mary über die Washington Post vom Montag, die auf der Armlehne lag. Ich kümmerte mich nicht weiter darum, sondern warf nur einen Blick auf Mankiewicz, der neben mir sass … und noch immer selig schnarchte. Ich stiess ihn an. «Wir sind da», sagte ich. «Wieder daheim in Fat City. Was liegt an?»

Sofort war er hellwach und sah auf seine Uhr. «Ich glaube, ich muss irgendwo eine Rede halten», sagte er. «Und ich muss irgendwann Shirley MacLaine [Anmerk. der Red.: amerikanische Schauspielerin und Autorin] treffen. Wo gibt’s ein Telefon? Ich muss ein paar Anrufe erledigen.»

Kurz darauf schlurften wir durch den langen Korridor zum grossen Gepäckkarussell. Mankiewicz hatte nichts abzuholen, weil er gewohnt war, mit leichtem Gepäck zu reisen, das aus einer kleinen Segeltuchtasche bestand, die einem zu gross geratenen Reisenecessaire glich.

Mein Kram – zwei wuchtige Ledertaschen und ein Xerox-Fernkopierer, der festgezurrt in einem Samsonite-Koffer ruhte – musste jeden Moment auf dem Laufband auftauchen. Ich habe die Angewohnheit, schwerbeladen zu reisen – ohne einleuchtenden Grund, sondern ganz einfach deswegen, weil ich die richtigen Reisetricks noch nicht raushabe.

 «Ich hab einen Wagen bestellt», sagte ich. «Ein schickes goldbraunes Kabrio. Soll ich Sie mitnehmen?»

«Vielleicht», antwortete er. «Aber ich muss erst mal telefonieren. Gehen Sie ruhig vor, holen Sie den Wagen und das verdammte Gepäck. Wir treffen uns dann am Haupteingang.»

Ich nickte und hastete davon. Der Avis-Schalter war nur ungefähr fünfzig Meter von dem Wandtelefon entfernt, wo Mankiewicz mit einer Handvoll Dimes und einem kleinen Notizbuch Stellung bezogen hatte. Er erledigte mindestens sechs Anrufe und machte sich eine Seite Notizen, bis mein Gepäck antrudelte … und als mein Streit mit der Frau von der Autovermietung losging, verriet mir seine Miene, dass zumindest er alles unter Kontrolle hatte.

Die Souveränität, mit der er die Dinge regelte, beeindruckte mich. Hier vor mir agierte der Ein-Mann-Wirbelwind, der wichtigste Theoretiker und Stratege, die Intelligenzbestie hinter McGoverns Präsidentschaftswahlkampf  – ein kleiner zerknautschter Mann, der eher aussah wie ein arbeitsloser Verkäufer von «Autos aus zweiter Hand», der aber im Augenblick von einem öffentlichen Wandtelefon im Flughafen von Miami aus McGoverns Auftritt bei den Vorwahlen in Florida organisierte.

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