Wie ich Blut schmuggelte

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Die Autorin brachte jahrelang amerikanisches Plasma unerlaubt nach China. Weil ihr Leben davon abhing.

Kathleen McLaughlin

Mein Leben als internationale Blutschmugglerin begann im Jahr 2004 mit einer banalen Aufgabe: dem Packen. Vorsichtig stapelte ich ein Dutzend gläserne Halbliterampullen in zwei gepolsterte Picknickkühltaschen. Die Flaschen enthielten eine sirupartige Mischung, eine starke Medizin aus Immunsystemteilchen, gesammelt von Tausenden Menschen. Eine Pflegerin sollte später den Sirup in meine Venen fliessen lassen. Diese Behandlung würde mein Immunsystem unter Kontrolle halten und verhindern, dass es meine Nerven angreift und lähmt.

Als Erstes musste ich all das, und ausserdem meine Nadeln, nach China bringen.

Bald nachdem ich erfahren hatte, dass ich an einer Nervenkrankheit litt, die regelmässige Infusionen mit der Medizin aus Immunsystemteilchen erfordern würde, zog ich beruflich von den USA nach China, dem Ort der grössten und tödlichsten Blutplasmakatastrophe der Welt. Schon früh begegnete ich einer Statistik, die mich während fast fünfzehn Jahren in China begleiten sollte: Geschätzt etwa die Hälfte der Medikamente, die damals im Land verkauft wurden, waren gefälscht oder nur teilweise wirksam. Das war nur eines der Symptome, die auf ein kaputtes System hindeuteten, in dem Blut das gefährlichste aller Produkte war.

Die alarmierenden Daten hielten mich nicht von der Reise ab. Ich war entschlossen, in China als Journalistin zu arbeiten. Ich suchte das Abenteuer, und das Land war unendlich faszinierend. Vermutlich wollte ich auch nicht wahrhaben, dass meine Krankheit chronisch ist – dass ich während Jahren immer wieder krank werden würde, vielleicht mein ganzes Leben lang.

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