Wo bitte liegt Transnistrien?

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Von Kadetten und Mädchen mit grossen Träumen: Reise durch ein Land, das niemand kennt.

Urs Mannhart

Begleitet von einer schnurgeraden Strasse, holpert ein alter Zug durch den südöstlichsten Zipfel der Ukraine. Die Tage sind kurz, die Schienen lang, und eine müde, tiefer und tiefer rutschende Sonne legt schöne Schatten über das Holz der Sitzbänke, holt einen zauberhaften Glanz aus dem alten, zwischen den doppelt verglasten Fenstern sitzenden Kalk. Entlang der nahen Strasse, welche Odessa mit Tiraspol verbindet, stehen unzählige gekalkte Bäume: Absolventen einer Baumschule in weissen Kniesocken. Hinter ihnen liegt flaches, buschbestandenes Brachland, aus dessen Staub die Grenze gebaut ist, an welcher der Zug bald mit singenden Bremsen hält. Grimmig blickend stehen Uniformierte vor dem Bahnhofsgebäude, die Waffen fest umklammert. Der Wagen füllt sich mit dem Schweigen der Reisenden. Lange passiert nichts, einmal abgesehen vom Abteil vis-à-vis, wo eine junge Frau in ihrem Koffer kramt, sich kämmt, sich schminkt, sich wieder in ein Heft mit Arztromanen vertieft.

Wartend denke ich an den Konflikt in der östlichen Ukraine, frage mich, was das eigentlich für Männer sind, die sich auf das Handwerk dieses Krieges einlassen? Verrückte – das haben mir viele gesagt. Arbeitslose, Verschuldete, Ungebildete. Oft auch Männer, die bereits in Afghanistan gekämpft haben. Männer, die jenes Lebensgefühl suchen, das allein im Licht des Todes blüht.

Und ich denke an den Fahrer des Linienbusses, der uns, nach der Zugfahrt durch eine mondlose, von schwergewichtigen Wolken verdüsterte Nacht, in Budapest quer durch die Stadt vom einen zum anderen Bahnhof gefahren hat. Als wir ihm, soeben eingestiegen, kummervoll erklärten, wir hätten nirgends einen Ticketautomaten gefunden, posaunte er fröhlich: «No ticket? No problem!» Derart unbekümmert bin ich noch nie schwarzgefahren.

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