Yoshikos Vater ist verschwunden

Sie ist noch ein Kind, als er seine Familie verlässt.

Sabine Riedel

Was du alles verpasst hast: Ich war ein kleines Mädchen mit einem Haar, so dicht und von einem aussergewöhnlichen Schwarz, das zu einem europäischen Kind nicht passt. Auf dem Weg zur Schule verfing sich das Morgenlicht darin.

Ich ging durch die Singerstrasse immer geradeaus, bis zur Kreuzung, bog in die Andreasstrasse nach rechts. An der Kreuzung standen ein Kaiser's-Supermarkt und eine Pommes-Bude. Ich konnte lesen, bevor ich in die Schule kam. Ich hatte mir die Buchstaben selbst beigebracht, sie verschlungen wie andere Kinder Bonbons. Ich war gut, im Gymnasium übersprang ich die achte Klasse.

Ich stelle mir vor, du wärst stolz gewesen auf deine kluge Tochter. Aber du hattest ja keine Ahnung.

Auf dem Nachhauseweg liefen manchmal Mädchen hinter mir her und riefen: Tsching-Tschang-Tschong. Ich drehte mich nicht um, und die Worte versickerten auf der Strasse.

Manchmal fragen mich die Leute: «Woher kommen Sie eigentlich?»

Dabei bin ich deutsch durch und durch. Ich bin 1989 in Berlin geboren und aufgewachsen. Ich habe eine deutsche Mutter, deutsche Grosseltern und Urgrosseltern und immer so weiter. Ich habe eine deutsche Biografie, in der dritten Klasse lernte ich Rad fahren, erst mit Stützrädern, dann ohne. Mit elf probierte ich meine erste Zigarette. Sie schmeckte nicht. Und nach der Schule ass ich gerne Pommes an der Pommes-Bude neben dem Supermarkt.

Ich bin Deutsche. Ich bin deutsch bis aufs Knochenmark. Nur meine Augen – meine Augen sind ein Geschenk Asiens.

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Was du auch nicht weisst: Nachmittags ging ich gerne zu meiner Freundin, wir liebten amerikanische Sitcoms. Meine Lieblingsserie hiess Eine himmlische Familie. Sie erzählte von den grossen und kleinen Sorgen von Reverend Eric Camden, seiner Frau Annie und den fünf Kindern.

Unsere Familie war nicht komplett: Es gab Mama, meine grosse Schwester Noriko, genannt Nori, und mich.

Ich heisse Yoshiko.

Du hast den Namen für mich ausgesucht.

Daran wirst du dich doch erinnern.

Und es gab Axel, er war mein Stiefvater, und ich nannte ihn Vater. Denn du, Toshi, mein Vater, bist eines Tages einfach verschwunden. Und als ich elf war, war auch Axel weg. Da waren wir nur noch zu dritt. Mama, Nori und ich. Wir waren nicht komplett. Wir waren wie ein Hund mit einer lahmenden Pfote. Die lahmende Pfote warst du.

Aber wir kamen ja zurecht.

Man kann auch auf drei gesunden Beinen durch das Leben gehen.

Wie ich dich sehe: Du bist ein kleiner, fast schon alter Mann. Du hast etwas Bauch angesetzt. Das ist nicht schlimm. Du hast noch immer volles schwarzes Haar. Du lebst in einem kleinen Haus. Da lebst du mit deiner Einsamkeit. Sie braucht nicht viel Platz. Darum ist dein Haus klein. Deine Einsamkeit ist eine freundliche Katze, die manchmal neben dir im Sessel liegt.

Dein Leben: eine schnurrende Katze.

Unser Leben: ein Hund auf drei Beinen.

Daraus konnte ja nichts werden. Und daraus wird auch jetzt nichts mehr.

In meinem Portemonnaie trage ich ein Passfoto von meiner jungen, schönen Mutter und ein Passfoto von dir. Wenn ich nach Münzen krame, streichen meine Finger über dein junges Gesicht. So viel Nähe musst du schon aushalten. Du kleiner Mann in deinem kleinen Haus: Darf ich dich daran erinnern, dass du drei Kinder hast? Zwei Mädchen und einen Jungen. Der Junge heisst Eike. Er ist mein Halbbruder. Er ist das Kind einer Liebe, die du in Hamburg trafst. Das war vor unserer Zeit. Eike spürte dich, als er erwachsen war, eines Tages in Polen auf. Ist das nicht verrückt? Ausgerechnet Polen. So nah. Auch nicht verrückter, würdest du vielleicht sagen, als 1980 in die DDR zu gehen. Die achtziger Jahre: Das war unsere Zeit.

Zehn Jahre später hast du in Polen Shiitake-Pilze gezüchtet. Keine imposante Farm, nur eine Geschäftsidee aus Stein und Glas. Da lebtest du, anspruchslos, Chef und einfacher Arbeiter zugleich mit dem Erdgeruch an den Händen.

Eure Begegnung war steif, eure Konversation wie die Konversation von Fremden, die sich in einem überfüllten Zug ein Abteil teilen und jedes Mal, wenn sich ihre Knie berühren, über die Unerträglichkeit dieser erzwungenen Nähe hinweglächeln. Du hast gekocht: Spaghetti mit Shiitake. Das könnte man, wenn man grosszügig wäre, als väterliche Geste deuten. Aber dann kam der nächste Tag, und mit ihm erschienen potenzielle Investoren. Du hast Eike vorgestellt. Du hast nicht gesagt: «Das ist mein Sohn Eike. Er lebt in Hamburg.» Du hast gesagt: «Das ist ein Geschäftspartner.»

So, mein kleiner Vater, rammt man einem Menschen einen rostigen Nagel mitten ins Herz.

Was ich sonst noch weiss: Du hast viel ausprobiert. Du warst in Österreich und hast Weinanbau studiert. Du warst in Hamburg, in Paris, du hast dich als Kaufmann versucht, als Übersetzer, als Schmuckhändler. Dann gingst du nach Ostberlin/DDR. Ausgerechnet in die DDR, wo man in jedem Geschäft sehen konnte, dass der Traum vom Sozialismus schon gescheitert war. Du warst der Repräsentant einer japanischen Firma, die Hochpräzisionstechnik importierte. Mama war deine Sekretärin. Eine Büroliebe mit Blick auf Ostberlin und einem bedächtig wachsenden Gummibaum auf dem Fensterbrett. Es war nicht die Liebe auf den ersten Blick, es war die Art von Liebe, die beginnt, wenn man nach dem hundertsten Blick mit dem Zählen aufgehört hat.

Ich sehe dich in den alten Videos, die Mama gedreht hat. Da bin ich dir nah. Das kannst du mir nicht verwehren, dass ich dich sehe. Deine Mimik, Gestik, deine Bewegungen. Das Gesicht, eine etwas zu breite Nase, um sie schön, maskulin zu nennen. Lippen, so weich und voll, um die dich heute jede Frau beneiden würde.

Ich kenne deine Stimme. Sie ist dünn und hoch, nicht tief und raumgreifend. Keine Bassstimme, die die Worte bedeutungsvoller macht, als sie sind.

 Du lachst viel. Du siehst in die Kamera mit immer leicht geöffnetem Mund, ich sehe das Ebenmass deiner Zähne. Und wie weiss sie sind. Dabei warst du doch Raucher und bist es vielleicht immer noch.

Ihr habt viel gefilmt, Mama und du, als könnte man so viel Glück konservieren für alle Zeiten. Du: Landschaften, die 1.-Mai-Parade in Ostberlin, die Tiere im Tierpark. Mama: filmte dich. Du kochst, du stehst in der Küche und trägst eine Schürze.

Oder: eine Wohnung, zwei Sofas im rechten Winkel, ein niedriger Couchtisch, viel Holzfurnier, viele Gläser auf dem Tisch, Rotkäppchen-­Sekt, Glasschüsseln mit Snacks. Silvester, manche Frauen tragen bequeme Hausschuhe, Pullover aus Synthetik, unglamouröse DDR-Ästhetik aus volkseigener Produktion. Du lachst, du scheinst dich wohl zu fühlen in dieser Ostberliner Sofagesellschaft, bedrängt von den spitzen Schultern der Frauen an deiner Seite. An den Wänden Silvesterkrimskrams, bunte Girlanden.

«Und, Toshi», fragt Mama vor laufender Kamera, «wann heiratest du mich endlich?» Du sagst nichts. Und dann fragen die Freunde: «Ja, Toshi. Wann heiratet ihr endlich?»

Wie hast du dich gewunden, ich sehe es genau. Du hast dich gewunden, so kunstvoll wie eine der Silvestergirlanden an der Wand.

Oder: Du sitzt mit Nori auf dem Boden und baust aus bunten Legosteinen ein Haus. Zwei Wände stehen schon. Ein Haus bauen. Es war ja nur ein Spiel. Und wenn man des Spiels müde war, konnte man die Wände mit einem Faustschlag zertrümmern.

So ging auch unsere Familie zu Bruch. Sieben Jahre warst du Mamas nicht ganz heimliche Liebe. 1985 wurde Nori geboren, vier Jahre später ich. Sieben Jahre warst du Mamas verbotener Westkontakt. Dann bist du zum Neujahrsfest nach Japan geflogen – und verschwunden. Du bist verschwunden seit jenem Novembertag 1991.

Wir haben dich gesucht. Mama schickte Telefaxe an deine Firma in Tokio, sie richtete ein Gesuch um Unterhaltszahlungen an die deutsche Botschaft (da war die Romantik schon flöten gegangen, und Mamas Sinn für Pragmatismus erinnerte sie an ihre Rechte). Später suchte sie dich in den sozialen Medien: «Noriko and her sister Yoshiko both living in Berlin (Germany) with their mother are trying to get in contact with their father Toshiaki Sasaki, born 15th of July 1949. Toshiaki went home to Japan 9 years ago and never came back.»

Als die DDR Geschichte war, lasen wir in der Zeitung, dass Japan strafrechtlich gegen deine alte Firma ermittelt, weil sie entgegen internationalen Abkommen das seltene Metall Hafnium in ein Land des Warschauer Pakts geliefert hatte. Ist das die Antwort? Hat man auch gegen dich ermittelt? Hat dich die Scham sprachlos gemacht? Der Gesichtsverlust? (Ihr Asiaten mit euren zwei Gesichtern: eines für den Spiegel zu Hause und eines für den Spiegel, den die Gesellschaft euch vorhält. Wie fremd mir das ist. Toshi, ein Vater mit einem Gesicht hätte mir gereicht.)

Toshi. Ich erlaube mir, dich ängstlich zu nennen. Ängstlich und feige. Denn ich will dich jetzt ein bisschen klein machen. Und dass deine Zunge nie den Buchstaben r lernte, diese Zunge, die die Konsonanten schleift, ich höre es in den alten Filmen. Du sagst: «Glün.» Glün, nicht grün.

Was ich sagen will: Ich bin nicht wütend auf dich. Wut ist ein zu grosses Wort, es passt nicht zu mir.

Ich spreche auch nicht von Schuld.

Es lief ja alles gut: Ich war gut in der Schule, danach habe ich mich ein Jahr lang in der Slowakei um Roma-Kinder gekümmert. Ich habe studiert.

Du hast mich nicht spielen sehen mit diesen Kindern, die barfuss laufen, die man in die Schule zerren muss. Du hast mich nicht gesehen, als ich mein Diplom bekam.

So vieles siehst du nicht.

Zum Beispiel jetzt: Ich sitze in meiner kleinen, schmalen Küche in der WG, in der ich lebe. Ich habe die Füsse angezogen und stütze sie auf die Sitzfläche. Ich sitze dort zusammengeklappt wie ein Falter. Ich halte eine henkellose Tasse in beiden Händen. Übrigens riecht es nach Curry in meiner Küche, ständig riecht es nach Curry, in allen WG-Küchen. Wusstest du das? Ich frage mich, wie es in deiner Küche riecht.

Wir könnten jetzt an das Fenster meiner WG-Küche treten und gemeinsam darüber rätseln, wie der Feigenbaum im Nachbargarten all diese deutschen Winter überlebt hat. Aber wie die Dinge nun einmal liegen, muss ich mir allein meine Gedanken machen, während ich nach und nach einen Schluck von meinem Kräutertee nehme.

Eine Alltagsszene, zugegeben, aber du siehst mich ja nicht.

Ich habe dich lange nicht vermisst. Jetzt bist du mein Phantomschmerz. Ein Schmerz, den man da spürt, wo nichts ist.

Ich fuhr nach Japan. In die Präfektur, in der du aufgewachsen bist. Ich mochte die Landschaft im Norden, den Wald aus Zedern, Pinien und Kiefern, wie die Küste steil abfällt zum Meer, das rau ist und abweisend. Was ich sagen konnte: «Ich heisse Yoshiko, ich komme aus Deutschland, mein Vater ist Japaner.» Was ich nicht sagen konnte: «Mein Vater ist verschwunden.» Dafür fehlten mir die Worte.

Ich stand vor dem Mietshaus, in dem du einmal gelebt hast: vier Stockwerke hoch, hellrosa Fassade. Kam jemand nach Hause, schlich ich mich hinter seinem Rücken ins Haus. Ich ging durch jeden Flur, blieb stehen und lauschte. Ich wartete, dass die Wände mir etwas von dir erzählen.

Wieder in Deutschland, traf ich einen Japaner in der digitalen Welt: Herrn Yutaka Gomaibashi. Er lebt in der Stadt, in der du einmal zu Hause warst. Er hat dich gefunden, über einen Bekannten, der einen Bekannten hat, und der kennt jemanden … wie das manchmal so läuft. All diese Bekannten, denen ich nie begegnet bin – es war, als würden wir uns in dieser unwirklichen Welt des Internets die Hände reichen und eine Kette bilden, die von Bremen nach Chiba reicht, wo du heute lebst. Und der Letzte in der Kette ging zu deinem kleinen Haus, klopfte an deine Tür und sagte: «Toshi, erinnere dich an deine drei Kinder.»

Ich habe gewartet. Dass deine Antwort von Hand zu Hand gereicht wird, bis zu mir nach Bremen.

Am 18. März 2018 erhielt ich eine Mail von Herrn Gomaibashi: «Ich habe gestern von meinem Freund eine neue Information bekommen. Herr Sasaki gesagt, ich möchte nicht mit meinen Kindern Kontakt machen. Möchte nicht Telefonnummer und Adresse geben. Tut mir leit. Man kann nicht machen.»

Und ich schrieb zurück: «Sehr geehrter Herr Gomaibashi! Sie können sich sicher vorstellen, dass es mich sehr traurig macht, dass Herr Sasaki keinen Kontakt haben will. Ich habe grosse Hoffnungen gehabt, ihm wenigstens einmal in meinem Leben Hallo sagen zu können. Nun bin ich wirklich enttäuscht.»

Das trifft nicht ganz die Wahrheit. Als ich die Mail von Herrn Gomaibashi gelesen hatte, setzte ich mich hin und weinte.

Ich könnte meine Tränen in ein kleines Kästchen legen und sie per Express nach Japan schicken, damit sie dich erreichen, bevor sie getrocknet sind. Ich könnte ein Haiku, ein traditionelles japanisches Kurzgedicht, über meine Sehnsucht schreiben und es auf deinen Fenstersims legen. Ich habe einen Rucksack voller Fragen. Den könnte ich vor deine Tür stellen. Und beim Hinausgehen würdest du vielleicht darüber stolpern.

Wie es aussieht, werde ich ohne Antworten durch mein Leben gehen. Ich werde nicht stolpern. Ich bin stark. Mama hat mich dazu erzogen, stark und unabhängig zu sein. Ich bin eine starke junge Frau.

Nur meinen Namen, Yoshiko, habe ich von dir.

Er bedeutet: schönes Kind.

Er ist dein Geschenk an mich.

Und meine Augen – meine Augen sind ein Geschenk Asiens.


 

Yoshiko Jentczak, 29, lebt in Bremen und arbeitet als Grafikdesignerin. Sie schrieb ihre Masterarbeit über ihren Vater – und hat die Hoffnung darauf, dass er sich doch einmal meldet, noch immer nicht aufgegeben.

 

Lieblingsgeschichte: Reportagen#40 — Frauendämmerung

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