Zürich 1760

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Der Herzensbrecher Casanova steht 1760 in Zürich vor einer schwerwiegenden Entscheidung: Askese oder Ausschweifung?

Giacomo Girolamo Casanova

Die überzeugungsvolle Miene, womit der Abt mir diese Ammenmärchen vortrug, erregte in mir eine Lachlust, die ich mit Rücksicht auf die Heiligkeit des Ortes und auf die Gesetze der Höflichkeit mühsam genug unterdrückte. Ich hörte jedoch in so ehrfurchtsvollem Schweigen zu, dass der Hochwürdige Herr ganz entzückt war und mich fragte, in welchem Gasthof ich wohnte. Ich antwortete ihm: «Nirgends; denn ich bin von Zürich zu Fuss gekommen, und mein erster Besuch hat Ihrer Kirche gegolten.»

Ich weiss nicht, ob ich vielleicht diese Worte mit einem Ausdruck von Zerknirschung vorbrachte, aber der Abt faltete seine Hände und hob sie zum Himmel empor, wie wenn er Gott dafür danken wollte, dass er mein Herz gerührt und mich auf meiner Pilgerschaft geleitet hätte, um in diesem Heiligtum die Last meiner Sünden abzuwerfen.

Dies erschien mir natürlich; denn ich weiss, dass ich stets wie ein grosser Sünder ausgesehen habe.

Der Abt sagte mir, es sei bald Mittag und er hoffe, ich werde ihm die Ehre antun, mit ihm zu speisen; ich nahm dies mit verbindlichem Dank an, denn erstens war ich nüchtern, zweitens wusste ich, dass man an solchen Orten gewöhnlich gutes Essen bekommt. Ich wusste nicht, wo ich war, und wollte ihn nicht fragen; denn es war mir erwünscht, ihn bei dem Glauben zu belassen, dass ich zur Abbüssung meiner Sünden eine Pilgerfahrt machte.

Unterwegs sagte der Abt mir, seine Ordensbrüder ässen an diesem Tage Fastenspeisen, wir aber würden Fleisch essen, da er von Benedikt dem Vierzehnten einen Dispens erhalten hätte, der ihm erlaubte, das ganze Jahr hindurch mit seinen Gästen Fleisch zu essen. Ich antwortete ihm, ich würde an seinem Vorrecht um so lieber teilnehmen, da der Heilige Vater mir die gleiche Gnade zu erweisen geruht hätte; dies schien ihn neugierig zu machen, wer ich sein möchte. Als wir in seinem Zimmer waren, das durchaus nicht einer Büsserzelle glich, zeigte er mir sofort den Dispensbrief, der unter Glas in einem schönen Rahmen dem Esstisch gegenüber an der Wand hing, damit die Neugierigen und Gewissenhaften Kenntnis davon nehmen könnten.

 

Da die Tafel nur für zwei Personen eingerichtet war, legte ein Bedienter in reicher Livree noch ein Gedeck auf, was dem bescheidenen Abt Gelegenheit gab, mir zu sagen: «Ich speise für gewöhnlich mit meinem Kanzler; ich muss nämlich eine Kanzlei halten, weil ich in meiner Eigenschaft als Abt Unserer Lieben Frau von Einsiedeln Fürst des Heiligen Römischen Reiches bin.»

Ich atmete auf; denn nun wusste ich endlich, wo ich mich befand, und dies war mir sehr angenehm. Von Unserer Lieben Frau von Einsiedeln hatte ich sprechen hören, und so war ich nicht mehr in Gefahr, bei der Unterhaltung als unwissend dazustehen. Das Kloster war das Loretto nördlich der Alpen, denn es war berühmt wegen der zahlreichen Wallfahrten, die dorthin unternommen wurden.

Bei Tisch fragte der Fürstabt mich, aus welchem Lande ich wäre, ob ich verheiratet wäre, und ob ich die schönen Gegenden der Schweiz zu besuchen gedächte; zugleich bot er mir Empfehlungsbriefe an für alle Orte, die ich aufzusuchen wünschte. Ich sagte ihm, ich wäre Venetianer, Junggeselle, und würde die mir angebotenen Briefe dankbar annehmen, nachdem ich ihm nach einer geheimen Unterredung gesagt haben würde, wer ich wäre. Ich hoffte, er würde mir diese bewilligen, da ich den Wunsch hätte, ihm alles anzuvertrauen, was ich auf dem Gewissen hätte. So ging ich, ohne jeden Vorbedacht und ohne eigentlich zu wissen, was ich sagte, die Verpflichtung ein, diesem Abt zu beichten. Diese Plötzlichkeit der Entschlüsse war meine besondere Liebhaberei. Wenn ich einem plötzlichen Einfall folgte, wenn ich etwas tat, was ich vorher nicht überlegt hatte, so kam es mir vor, wie wenn ich die Gesetze meines Schicksals befolgte und einem höchsten Willen nachgebe. Nachdem ich ihm so deutlich gesagt hatte, dass er mein Beichtvater werden sollte, hielt er sich für verpflichtet, recht salbungsvoll mit mir zu sprechen; es war jedoch nicht weiter unnatürlich, dass seine Reden mich bei diesem köstlichen, leckeren Mahl durchaus nicht langweilten, denn wir hatten sogar Schnepfen und Bekassinen, was mich zu dem Ausruf veranlasste: «Wie, hochwürdigster Herr, solches Wild um diese Jahreszeit?»

«Dies», antwortete er mit einem wohlgefälligen Lächeln, «ist ein Geheimnis, das ich Ihnen mit Vergnügen mitteilen werde.» Der Herr Abt war ein Leckerzahn ersten Ranges und ein kenntnisvoller Feinschmecker; denn, obwohl er sich für einen mässigen Mann ausgab, hatte er doch die feinsten Weine und die ausgesuchtesten Speisen. Man trug eine prachtvolle Lachsforelle auf, die ihm ein Lächeln entlockte, und das gute Essen mit einem feinen Scherze würzend, sagte er mir in gutem Latein, es würde lächerlich sein, die Forelle nicht essen zu wollen, weil sie ein Fisch wäre; um aber seinen Sophismus zu beschönigen, fügte er hinzu: «Etwas Fastenspeise ist notwendig, um die Fleischkost zu dämpfen.»

Während unseres Geplauders beobachtete der Herr Abt mich, und da mein reicher Anzug ihm die Gewissheit gab, dass ich nichts von ihm verlangen würde, so sprach er mit Zuversicht und liess sich sogar ein wenig gehen. Als das Mahl beendet war, machte der Kanzler eine ehrfurchtsvolle Verbeugung und entfernte sich. Gleich darauf führte der Abt mich im ganzen Kloster herum und zuletzt auch in die Bibliothek.

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