Zocken in Babylon

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Elly hat noch zwei Chips. Je zehn Euro. Sie macht ihren Einsatz. Die Kugel rollt.

Nik Afanasjew

Wenn schon alles verzocken, dann in einer Westernstadt, mitten in der Prärie. Draussen ziehen Wolken auf, aber hier drinnen, über dem Roulettetisch, ist der an die Decke gemalte Nachthimmel sternenklar. Er wird es bleiben, so makellos, wie nur eine Illusion sein kann.

Elly spielt in diesem Western eine Hauptrolle. Sie sitzt auf einem lederbespannten Hocker in einem Casino, das immer geöffnet ist und wie die meisten Casinos kein einziges Fenster nach draussen hat, damit die Spieler die Zeit vergessen. Elly, mit ihren beharrlichen Stirnfältchen, sicher älter als fünfzig, trägt Schwarz – Jeans, Pulli, Weste: alles schwarz, nur ihre rosa Sneaker kontrastieren. Sie hält sich an einer E-Zigarette fest, hat Pfefferminztee und etwa siebentausend Euro in Jetons vor sich. Elly zockt.

«Mit Jefüühhl. Mit mehr Jefüüühhhl!», ruft sie dem Croupier zu, einem slawischen Schlacks mit starrem Blick. «Du musst das so machen, als wenn du ’ne Frau betatschst!»

Schon dreht der Croupier das Rad, die Kugel rollt, Elly schaut gebannt; es ist dieser kurze Augenblick, in dem die Zeit stillzustehen und alles möglich scheint – etwa dass Elly gewinnt, dieses Spiel und überhaupt.

Die Kugel fällt.

«Eight», verkündet der Croupier.

«Ja!», haucht Elly.

15 Euro Einsatz, multipliziert mit 36, ergibt 540 Euro. Elly atmet aus, ihre Gesichtszüge bekommen eine weiche Note, etwas in ihr scheint sich gerade zu lösen. Sie nimmt einen Zug von ihrer E-Zigarette, die leuchtet bunt auf, wie ein elektrifiziertes Bonbon.

Das Casino, in dem Elly ihr Geld verzockt, heisst «Eldorado». Es liegt in Folmava an der tschechisch-deutschen Grenze. Folmava ist eines von mehreren tschechischen Dörfern, die sich entlang einer hügeligen Fernstrasse aufreihen, die ins Landesinnere zieht. Eines dieser Dörfer heisst Babylon. Für diesen Text leiht es dem gesamten Landstrich seinen Namen.

In acht Ortschaften leben hier knapp 1300 Menschen. Fünf pompöse Casinos, zahlreiche Spielhallen sowie sieben Bordelle erleuchten die Nächte. Händler bieten tagsüber an mehr als zweihundert Marktständen ihre Ware feil. Vor einigen Jahren wurde noch ein riesiges Duty-­Free-Einkaufszentrum eröffnet. Das Laster professionalisiert sich und expandiert. Legaler und illegaler Konsum sind heute eng verzahnt. Für die Sicherheit werden mittlerweile ganze Dörfer videoüberwacht, von dem Geld, das das Laster abwirft, werden neue Strassen gebaut.

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