Zurück in die Kolonie

Wirtschaftsmigration umgekehrt: In der Krise suchen Tausende Portugiesen gut bezahlte Arbeit in Angola.

Florian Leu

José Macedo kam in Angola zur Welt, als es noch Teil Portugals war, vierzehnmal so gross wie das Mutterland. Wegen des Kolonialkriegs zog die Familie nach Europa zurück, eine Vorhut der 850 000 Portugiesen, die später aus den Kolonien heimkehrten, der grösste Exodus der zweiten Jahrhunderthälfte. Die meisten kamen im Flugzeug zurück, viele segelten in selbstgemachten Schiffen nach Hause, prekärer als die Seefahrer ein halbes Jahrtausend zuvor. 1974 wohnte José in Lissabon und druckte Pamphlete, er sollte sich nie wieder so lebendig fühlen. Jeden Tag geschah etwas Neues, es war die Zeit der Nelkenrevolution. Nach 48 Jahren ging die Diktatur in Portugal zu Ende, nirgends waren Faschisten länger an der Macht gewesen. Bekannte waren von der Geheimpolizei gefoltert, andere ins Hinterland Angolas geschickt worden, wo der Bürgerkrieg besonders grausam war.

Noch mehr Reportagen.
Hol dir dein kostenloses Probeexemplar.

Jetzt bestellen

Wenn man darauf achtet, sieht man noch heute viele Alte, die mit Prothesen durch Lissabon staksen, im Gesicht einen Ausdruck von strapazierter Würde. Portugal ist eine alte, strapazierte Gegend. Seit die Wirtschaftskrise begann, sind jedes Jahr 100 000 Leute ausgewandert, oft waren sie jung. Auch José und seine Frau Manuela, beide Mitte fünfzig, gingen fort, allerdings schon zwei Jahre davor, eine Vorhut der 350 000 Portugiesen, die in Angola heute ihr Glück suchen. Während die Zeitungen voller Artikel über Schiffbrüchige im Mittelmeer sind, in denen es heisst, Europa könne keine Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika mehr aufnehmen, fliegen Hunderttausende Wirtschaftsflüchtlinge von Lissabon nach Luanda, für Ausländer zurzeit die teuerste Stadt der Welt.
In Luanda ist es wie im Innern eines Motors. Die Strassen, bald aufgeplatzter Teer, bald aufgewirbelter Staub, sind immer verstopft. Trotzdem werden jeden Tag zwölf Leute totgefahren. Jeder zweite Wagen ist ein Jeep, für mehrere Tausend Dollar aus Europa eingeflogen, Statussymbol mit Vierradantrieb und einziges Vehikel, mit dem man über die zum Teil noch immer zerstörten Strassen im Landesinnern kommt. Im angolanischen Portugiesisch bedeutet Bomba de Gasolina, Tankstelle, auch Herz. Erdöl ist Angolas Blut. Kein Rohstoff ist so wichtig. Sogar die Junkies sind in dieser Hinsicht Patrioten. Sie liegen überall neben den Strassen, schlafen den Rausch aus. Ihre Droge ist Benzin. Wer einen Lappen tränkt und daran riecht, verliert das Gleichgewicht.
In Luanda ist es wie im Innern eines Generators. Der Strom fällt jeden Tag aus. In der Nacht erlöschen die Laternen, die dafür tagsüber immer brennen. Dann springen Millionen von Generatoren an. Die Luft ist so dick, dass ich manchmal, wenn ich den Notizblock hervorholte, nicht mehr wusste, was ich hatte aufschreiben wollen. Wer in der Nacht die Strasse hochgeht, sollte den Gehsteig meiden. Er ist voller Löcher, die man in der Dunkelheit nicht sieht. Das einzige Licht kommt von den Scheinwerfern der Autos und von den flimmernden Fernsehern, die Wachleute auf die Strasse stellen, um die Zeit ihrer Schicht etwas zu beschleunigen. Wer eine Melone kauft, zahlt auch mal hundert Dollar, wie ein Geschäftsmann aus Frankreich im Supermarkt Casa dos Frescos. Sie schmeckte ihm nicht, er ging vor Gericht und klagte wegen Wuchers. Der Richter machte kurzen Prozess – aus Mangel an Beweisen: Die Melone hatte der Mann bereits gegessen.
Alle fünf Meter steht ein Verkäufer an der Strasse. Die Autofahrer können hier Klobrillen kaufen, Plastik-Gorillas, Büstenhalter, Weihnachtsbäume, Duschbrausen, Bügeleisen, Feuerlöscher oder eine Flasche Mineralwasser aus Portugal, Água das Pedras. Ein Verkäufer in Kindersandalen bietet Stöckelschuhe an. Ein Verkäufer in zerfetztem T-Shirt trägt an jedem Finger einen Kleiderhaken, daran schillernde Glitzertops. Es ist eine gute Idee, die Strasse zum Einkaufszentrum zu machen. Läden gibt es fast keine, und die meisten Shoppingcenter befinden sich im Süden, im grössten davon ist auch das einzige Kino der Stadt untergebracht.
José Macedo ist ein fülliger Mann, der immer schwitzt und immer stöhnt, wenn er einen Raum mit Klimaanlage betritt. Er ist Betriebswirt und arbeitet als Geschäftsführer einer Molkerei, die 250 Leute beschäftigt und manchmal auch nicht beschäftigt. Es ist fast unmöglich, Leute zu feuern. Sie kommen zur Arbeit, wenn ihnen danach zumute ist. In ein paar Tagen wird auch José nicht im Geschäft auftauchen. Er wird nach Lubango im Süden des Landes reisen, um einen Preis zu übergeben, den er gestiftet hat. Am Steuer wird wie immer sein Chauffeur sitzen, Sebastião. Auf der Rückbank José und Manuela, nach all der Zeit noch neugierig auf die Veränderungen in Angola. Auf dem Beifahrersitz ich, meist mit einem Auge auf dem Tacho. Sebastião wird mit 150 Kilometern in der Stunde durch sein Land rasen und durch seine Vergangenheit: fünf Jahrhunderte Kolonialherrschaft, 13 Jahre Unabhängigkeitskrieg, 27 Jahre Bürgerkrieg, 12 Jahre Frieden.
Vor der Abfahrt lerne ich Paulo dos Santos kennen, der Josés Auto für die Reise sauber machte und dabei sogar die Reifen schrubbte. Paulos Sandalen könnten seiner Tochter gehören, sie sind rosafarben und zu klein. Das T-Shirt könnte er von seinem Sohn geliehen haben, es ist eng und von der Brust grinst ein Frosch. Nachdem er mit einem Lappen über die Scheiben gefahren war, putzte er sich damit auch das Gesicht. Dann erzählte er, wie er nach Luanda gekommen war: als blinder Passagier.
Paulo ist 32, doch er sieht aus wie 23. Wenn er kein Geld für die Miete hat, schläft er im Keller von Josés Haus, er hat dort eine Gummimatte. Seine Frau und die beiden Kinder ziehen dann jeweils zu den Nachbarn. Unter der Woche steht Paulo um fünf Uhr auf und nimmt ein Sammeltaxi. Viermal muss er umsteigen, fünfmal muss er zahlen, bis er an der Rua Marien N'Gouabi eintrifft. Die Fahrer der Taxis dürfen den Preis nicht erhöhen, deshalb verkürzen sie die Strecken.
Paulo sagt, dass er sich eine Stelle mit Arbeitsvertrag wünsche. Doch als ihm eine Frau aus dem dritten Stock einen Job als Gärtner anbot, lehnte er ab. Er verdient mehr, wenn er Autos wäscht. Dafür nimmt er in Kauf, dass er an Regentagen nichts bekommt. In Luanda haben nur wenige einen Vertrag. Als sich die Portugiesen vor vierzig Jahren zurückzogen, konnte von zehn Angolanern nur einer lesen. Dann vertagte der Bürgerkrieg die Zukunft. Die meisten guten Stellen gehen heute an Ausländer. Paulo hat einen der drei Jobs, an die gewöhnliche Angolaner herankommen: Autos waschen, Häuser bewachen, Dinge schleppen.
Paulo war zehn, zwei Brüder und eine Schwester waren im Krieg gestorben, der Vater unter einen Lastwagen geraten, die Mutter wahnsinnig geworden. Paulo arbeitete im Hafen von Benguela, bis er auf ein Frachtschiff schlich. Er versteckte sich unter einem Hühnerkäfig und fuhr nach Luanda. Er hatte oft von der Stadt gehört. Der Krieg verschonte sie. Deshalb wuchs sie so schnell: eine halbe Million Einwohner zur Zeit der Unabhängigkeit, sechs Millionen heute.
Am Anfang erwachte Paulo immer im Sand. Er hatte versucht, in der Stadt zu schlafen, war aber oft verprügelt worden. Er richtete sich am Strand ein, vier Jahre lebte er in einem Bretterverschlag. Einmal hat ihn eine Gang eingekreist, dann haben sie ihm Zigaretten auf der Haut ausgedrückt. Paulo hebt das T-Shirt mit dem Frosch darauf, zeigt die Punkte auf seiner Brust. Er erzählt wie in einem Rausch. Bei den schlimmen Geschichten lacht er. Bei den stillen springen ihm Tränen aus dem Gesicht. Er sagt: «Ich habe einfach immer weitergemacht und alles in mir versteckt.»
Wenn Paulo das Geld fürs Essen fehlt, tauscht er Kleider ein. Als Josés und Manuelas Sohn zum Studium nach Lissabon zog, schenkte er Paulo einen Haufen Kleider, es war ein Zeichen des Himmels: Vor ein paar Jahren hat Paulo Gott gefunden, aber seine brasilianische Freikirche besucht er nicht mehr. Er bricht immer in Tränen aus, wenn er Jesus sieht. Er sagt: «Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht aus Luanda weg will. Dann denke ich an die Kinder. Ich bleibe, strample mich ab und komme zu nichts.»
Angolas Wirtschaft wächst seit Jahren mit zweistelligen Raten. Weniger Menschen leben jetzt angeblich in Armut. Doch für zwei von drei Angolanern müssen zwei Dollar pro Tag reichen. Die Präsidententochter Isabel dos Santos hingegen steht an der Spitze der steilen Pyramide der Einkommensverteilung – sie ist Afrikas erste Milliardärin. 1970 hatte Angola sieben Millionen Einwohner. Jetzt sind es zirka dreimal so viele, die Hälfte ist in Städten zu Hause. Vielleicht greift das Wort zu kurz; die Armenviertel gleichen eher Flüchtlingslagern. Man kann sie von der Strasse aus kaum sehen, gigantische Werbetafeln stehen davor. Eine Bank meint: Die Zukunft beginnt hier. Johnnie Walker empfiehlt: Folge deinem Pfad. Eine andere Schnapswerbung: Glück ist Einstellungssache. Eine Firma, die Fingerabdrucksensoren anbietet: Hyper- sicherheit. Weil Sie existieren.
Josés Jeep glänzt, Paulo wartet auf den nächsten Job. Um vier Uhr nachmittags wird er hinters Haus gehen und sich selber waschen, nach zwei Stunden im Stau wird er wieder daheim in Viana sein, einem Slum, der sich über ein Dutzend Kilometer erstreckt.
Nach einem Kaffee in der obersten Etage fahren wir los. Über der Stadt liegt Dunst wie immer, überall dieses diffuse Licht. Am Horizont die Choreographie der Baukräne. Stehende Autokolonne auf der Strasse, die Manuela wie früher nennt: Rua António Barroso. Das Haus gegenüber hat schmale Balkone, auf einem joggt ein Mann, fünf Meter vorwärts, fünf Meter rückwärts. Geräuschkulisse: das Knattern der Mofas, das Summen der Klimaanlagen, das Rufen der Marktfrauen, das so konstant ist, als komme es ab Band. Der Geruch ein Gemisch aus Staub, Fäulnis und Abgasen. Die Wirkung davon ist eine unerklärliche Müdigkeit, manchmal aber auch abrupte Euphorie.
Wer in einem der Blocks aus der Kolonialzeit wohnen will, zahlt dreitausend Dollar im Monat und muss froh sein, wenn er neben zwei oder drei Zimmern auch ein Bad hat. Wer einzieht, bekommt nicht das, wofür die Anzeige geworben hat: Renoviert wird erst nach einem halben Jahr Mietdauer und auch dann nicht unbedingt. Wer sich im Alltag einrichtet, wird es ähnlich haben wie Manuela, die manchmal drei Stunden braucht, um zur Bank und zum Supermarkt zu fahren, wegen des Staus aber oft auch zurückkommt, ohne etwas erledigt zu haben. Schafft sie es in den Supermarkt, vorbei an den Sicherheitsmännern, könnte sie sich vorkommen wie in einem Duty-free-Shop. Doch er ist das Gegenteil davon, alles ist noch teurer als sonst: ein Duschgel von Hugo Boss kostet 30 Dollar, eine kleine Toblerone 6 Dollar, ein zerquetschtes Käslein aus Frankreich 10 Dollar, eine weisse Puppe 40 Dollar, ein Pizzastück zum Mitnehmen 5 Dollar. Beim Ausgang wieder ein Wachmann, der den Kassenzettel prüft. Draussen ein Dutzend Kriegsversehrte, die auf ihren Mund zeigen. Supermärkte und Wohnungen sind begehbare Erklärungen dafür, warum Luanda so teuer ist. Weil Angola fast alles ausser Erdöl und Diamanten einführt und die Waren manchmal tagelang in der Bucht am Hafen von Luanda lagern oder Import-Unternehmen ihre Monopole ausüben, steigen die Preise ins Unermessliche. Weil Wohnraum im Zentrum knapp ist, sich hier aber fast alle Jobs befinden, es zumindest der Legende nach eine Kanalisation gibt, daneben die etwa drei oder vier halbwegs brauchbaren Cafés der Stadt, nahe der Bucht sogar ein Theater, all dessentwegen sowie der hohen Saläre für Ausländer können Makler hier mehr verlangen als in Manhattan, Tokio oder Rio. Die Firmen, verzweifelt auf der Suche nach Leuten, die einen Universitätsabschluss haben und Portugiesisch können, zahlen oft Löhne von 15 000 Dollar, hinzu kommt ein Flug nach Portugal, und das jeden Monat. Wenn man durch die Gänge der TAP-Maschinen geht, die täglich nach Luanda fliegen, wird man aber nicht nur Geschäftsleute sehen, die schon vor dem Start eingeschlafen sind. Sondern auch viele ältere, schon etwas verwitterte Männer, die in ihrem letzten Hemd zu reisen scheinen und sich während des Flugs in irgendeine traurige Illustrierte verkrallen: Bauarbeiter, die bald in der Gluthitze stehen werden und froh sein müssen, wenn sie einen für portugiesische Verhältnisse halbwegs anständigen Lohn bekommen. 
Die Wohnung von José und Manuela liegt in Maianga, einem Viertel mit Hochhäusern aus den sechziger Jahren. Wenn man nachts auf der Terrasse steht und in die Nachbarschaft schaut, kann man oft Lichtkegel in den Treppenhäusern sehen. Wegen der Stromausfälle müssen die Leute oft zu Fuss und mit Taschenlampe in den zwölften Stock. Es dauerte anderthalb Jahre, um Josés Wohnung instand zu setzen. Er heuerte einen Maurer an, bei dem er sicher war, dass der Verputz nicht gleich wieder abblättert. Als habe man einen Katalog betreten: Manuela liess alle Möbel aus der Lissabonner Ikea einfliegen. In der Stube leuchtet ein Fernseher, der meist dasselbe zeigt: Leute mit geschlossenen Augen, die an Bergseen sitzen und Yoga machen. Durch die Fenster dringt, beharrliches Hintergrundrauschen, Luandas Lärm.
Würde die Wohnung leer stehen, könnte man in der Anzeige lesen, dass sie einen Quintal habe, einen Garten. In Luanda bedeutet das Wort mittlerweile Parkplatz, Gärten gibt es keine mehr. Die hat nur noch der Präsident José Eduardo dos Santos, nach Robert Mugabe in Afrika der Autokrat mit der zweitlängsten Dienstzeit, der in Palästen hinter drei Mauern lebt und eine Armada von Gärtnern beschäftigt, die Wasser auf die Wiesen spritzen, die ausser ihnen und irgendwelchen seltsamen Vögeln nie jemand betritt.
Als wir endlich aus dem Haus kommen, sitzt Sebastião Domingos Gaspar bereits hinterm Steuer des Jeeps und schlummert ein wenig. Er schreckt hoch, reicht allen die Hand, «Bom dia doutor, bom dia doutora», dann lädt er die Koffer ein und startet den Wagen. Sebastião trägt, wie immer, ein militärgrünes Hemd und ein feines, unergündliches Lächeln. 
Im Stossverkehr durch die Altstadt. Viele Häuser der Portugiesen haben kein Dach mehr, doch leer stehen sie nicht. Kleine Urwälder wachsen darin. Daneben streben Wolkenkratzer in die Höhe: die glänzenden Gebäude der Ölfirmen. Die Hütten sind gerade niedergewalzt, die Bewohner der Slums dreissig Kilometer westlich wieder angesiedelt worden. Die Uferpromenade ist ein Prachtboulevard voller Palmen, es gibt sogar Fahrradwege, nur keine Fahrräder. In der Mitte der Bucht entsteht ein Vorzeigebau, das Museum des Geldes. In der Bucht ankern die Frachtschiffe, die sich oft wochenlang nicht vom Fleck rühren. Wer am meisten zahlt, dessen Schiff wird zuerst gelöscht. Sebastião schüttelt ungläubig den Kopf. Er kannte die Stadt, als wegen des Krieges alles vernachlässigt und verdreckt war. Er haut aufs Steuerrad, blinzelt hoch zu den funkelnden Wolkenkratzern und sagt: «Siehst du, Angola ist jetzt auch wer.»
Vorbei an leeren Mülleimern, der Abfall ist überall, nur nicht hier. Vorbei an einer Verkehrsinsel, wo die Krüppel des Quartiers Fussball spielen. Während des Krieges war Angola so vermint wie der Rest der Welt zusammen. Vorbei an Parkanlagen, die nur geöffnet werden, wenn darin eine Parade der Regierungspartei stattfindet, der so viele Leute wie möglich beiwohnen sollen. Vorbei am Flughafen, von dem aus die Portugiesen vor vierzig Jahren zurück nach Lissabon geflogen sind. Daneben befindet sich heute ein Slum. Die Häuser schliessen sich an die Flughafenmauer an, so sparten die Leute Backsteine.
Wenn man die Stadt nach zwei Stunden Stau endlich verlässt, reisst der Himmel auf. Plötzlich sind wir auf dem Land und in der Ferne taucht bereits Kilamba auf, die grösste Retortenstadt Afrikas. Arbeiter aus China haben sie in drei Jahren hochgezogen. Eine Adresse hier klingt so: Q1B678 Strada 1. Die Strasse wurde gerade geteert, hat aber schon Risse, da und dort spriesst stechend grünes Gras. Die Blocks sind gross, grau und leer, nur selten sieht man ein paar Kleider, die vor einem Fenster im Wind tanzen. Wer in Kilamba einziehen will, muss erst einmal eine Gebühr von 10 000 Dollar zahlen. Im Parterre sind ein paar Wohnungen vergeben, die Balkone haben alle ein Gitter.
Chinesische Hochhäuser, chinesische Trucks, chinesische Eisenbahnen, chinesische Fabriken, und auf den Strassen schwarze Frauen mit hellschwarzen Kindern an der Hand. Für die Kleinen haben die Angolaner ein Wort erfunden: Chilatos, chinesische Mulatten. Die meisten Chinesen hier sind, was viele Portugiesen vor hundert Jahren auch waren: Sträflinge. Sie bekommen Strafmilderung, wenn sie in Afrika arbeiten. Angola ist einer von Chinas wichtigsten Erdöllieferanten, im Gegenzug errichten die Chinesen Trabantenstädte. Sebastião schaut die windschiefen Laternen an und erzählt einen Witz. «Machte ein Chinese einer Angolanerin ein Kind. Kam eine kranke Tochter zur Welt. Die Familie steckte all ihr Geld in Medikamente. Dann starb das Kind mit drei Jahren. Der Vater zur Tochter: ‹Ich habe es dir doch gesagt. Was die Chinesen machen, ist nicht von Dauer.›»
Sebastião hat aber eigentlich wenig gegen die Chinesen einzuwenden. Auch wenn sie den Klang nicht hinbekommen, versuchen sie manchmal, Portugiesisch zu lernen. Vielen bleibt nichts anderes übrig, denn oft wohnen sie in den Slums wie fast alle anderen auch. Sie schleichen auch nicht ängstlich durch die Gegend wie die Amerikaner, ständig die Hand an der Gesässtasche. Die Chinesen spazieren in aller Selbstverständlichkeit durch die halb niedergerissenen, halb neugebauten Städte. Das Problem mit den etwa 300 000 Chinesen im Land sind weniger die Wohnhäuser, weniger die Chilatos, sondern die Tatsache, dass die Angolaner ihretwegen noch mehr Mühe bekunden, Arbeit zu finden. Noch kostet es weniger, Billigarbeiter aus China zu holen, als Maurer und Dachdecker auszubilden. Der Entschluss gleicht aber den Hochhäusern der Chinesen: Das kracht alles bald zusammen.
Manchmal fällt es schwer, zu sagen, was sich am Himmel bewegt: Vögel, Zeitungen, Plastiktüten? Es ist ein gespenstisches Fahren, alle paar hundert Meter steht ein ausgebrannter Wagen am Strassenrand. Vorbei an Affenbrotbäumen, dem Symbol des Landes. Vorbei am Museum der Sklaverei, ein erstaunlich kleines und blendend weiss gestrichenes Haus. Nirgends haben die Portugiesen so viele Leute versklavt wie hier. In Brasilien arbeiteten achtmal so viele Sklaven wie in den USA, und viele kamen aus Angola. Nach vier Stunden kehren wir in einem Restaurant am Meer ein. Der Kellner poliert die Gläser nur für uns, das von Sebastião rührt er nicht an.
Wieder im Wagen, kramt Sebastião einen Memorystick mit seinen Hits hervor, Musik aus den siebziger Jahren, zwischendurch Kuduro: kantige, wütende Beats, zu denen Sebastião viel zu sanft aufs Steuerrad klopft. Während er überholt und Schlaglöchern ausweicht, erzählt er von früher. Sein Grossvater hatte hundert Kinder von vierzehn Frauen. Das war im Dorf, das Sebastião mit den Eltern verliess, als er zehn war. 1982, mit achtzehn, musste er zur Armee. Er blieb dreizehn Jahre lang. Noch immer gibt es Leute, die ihn Tropa nennen, ein Wort für Soldat, aber auch für jemanden, der alles aushält.
Tropa glaubt, dass er nur überlebte, weil sein Kommandant einen Fetisch hatte. Er schien immer zu wissen, wo der Feind war, die Kämpfer der UNITA, die mit Blutdiamanten Waffen kaufte, während die MPLA Erdöl gegen Panzer tauschte. Vor zwanzig Jahren verschwand Sebastiãos Vater. Er war Mechaniker, der Erste seiner Familie, der lesen konnte. Er verschwand, als die UNITA die Wahlen nicht anerkannte und den Bürgerkrieg wieder aufnahm. Noch immer, sagt Sebastião, halte ich jeden Tag Ausschau nach ihm, wenn ich mit José durch Luanda fahre.
Sebastião hat zwei Frauen und zehn Kinder. Manchmal verzichten sie aufs Nachtessen, damit der älteste Sohn Bücher für die Universität kaufen kann. Als die Kinder klein waren, hat Sebastião sie beobachtet, um ein Gespür zu bekommen, welches das schlauste ist. Als er sah, wie mühelos sein ältester Sohn Englisch lernte, wusste er, wie er sein Geld anlegen würde. Er sagt: «Das war immer das Wichtigste für mich. Doch ich hege noch einen Traum.»
Vor ein paar Jahren hat Sebastião beim neuen Flughafen, der bald eröffnet werden soll, etwas Land gekauft und angefangen, ein Haus zu bauen. Noch wohnt er in der Vorstadt Cacuaco, Bezirk Boa Esperança, Gute Hoffnung. Morgens um vier macht er sich auf den Weg in die Stadt. Eine Stunde später legt er sich in Josés Jeep auf die Rückbank und schläft, bis der Chef kommt. Der Kilometerstand: 38 000, den Grossteil haben sie im stockenden Verkehr zurückgelegt. Jeden Tag fahren sie um den Nationalhelden herum: Agostinho Neto, der Angola für unabhängig erklärte. Mit erhobener Faust steht er in den Abgasen. Er wurde mit einem Dutzend anderer Statuen von Nordkorea geliefert, dem Marktführer bei Monumentalstandbildern. Der Platz der Unabhängigkeit, auf dem Neto zuversichtlich über den Stau hinwegschaut, ist ein Treffpunkt von Demonstranten. Weil meist Polizisten hier sind, werden sie jedes Mal innert Minuten verhaftet.
Früher besass Sebastião ein Motorrad, doch bei einem Unfall brach er sich das Bein. José bezahlte die Operation. Sebastião ist sicher, dass er sonst nicht mehr recht gehen könnte. «Ich wäre», sagt er, «einfach einer dieser Amputierten.» Sebastião hat zwar ein Auto, aber er fährt es nur, damit es nicht einrostet. Er hat es für seinen ältesten Sohn gekauft. Er studiert Elektroingenieur, ein Nischenfach, das immer wichtiger wird. Angola versucht seit Jahren, seine Wirtschaft aufzufächern, eher erfolglos. Die schönsten und hellsten Gebäude sind die Tankstellen, die wie Erscheinungen aus dem Nichts auftauchen. Wir tanken, ein Liter kostet umgerechnet 70 Rappen, was für viele zu teuer ist. Als wir wieder auf die Strasse einbiegen, reicht uns Manuela Reiskuchen, den Sebastião heiss liebt, auch wenn es etwas schwierig ist, das bröcklige Ding zu essen und gleichzeitig mit 150 durchs Land zu rasen. Wir sind auf den Überlandstrassen und fast allein. Alle dreissig, vierzig Kilometer rasen wir an Märkten vorbei, die sich am Rand der Strasse befinden. Eine Verkäuferin, die auf dem Bauch liegt, den Kopf aufstützt und zwischen aufgereihten Ananas hindurch den Autos nachschaut. In der Nähe der Städte tauchen meist die Plakate der Partei auf: Das Vaterland verlangt von allen absolute Treue. Dahinter ziehen sich die kilometerlangen Slums von Lobito hin, noch zehn Kilometer bis zum surreal schönen Benguela.
Es ist Josés liebste Stadt. Er breitet die Arme aus und zeigt, wie viel Platz man hier hat. Wir spazieren durch das leere Benguela wie durch ein Bühnenbild, es ist eine dunkelblaue Nacht. Die Kirchen, Villen und Lagerhallen der Portugiesen stehen noch immer, als seien sie gestern erst gegangen. Es gibt sogar eine Wiese, die man betreten darf. Sie ist nur nicht echt, die Halme sind aus Plastik.
Nach dem Essen sitzen wir am grell leuchtenden Hotelpool, ein paar Angestellte stehen an der Bar, es läuft die Champions League, und der Moderator geht recht grosszügig mit seinen Gefühlen um. José und Manuela schauen still ins Wasser. Nach einer Weile sagt Manuela etwas zögerlich, dass sie Angola schon lange satt hätten. Die Blicke zum Fenster hinaus auf dem Weg hierher: Vielleicht tasteten sie das Land noch einmal ab und versuchten, etwas zu erkennen, das sie übersehen hatten.
Sie würden gern gehen. Doch sie bleiben, weil José in Portugal vermutlich keine gleichwertige Arbeit fände. Die Fabrik mit ihren 250 Mitarbeitern zu leiten, ist undankbar. Weil der Strom dauernd ausfällt, läuft alles mit Generatoren. Weil kein brauchbares Wasser zur Verfügung steht, kommen jeden Tag Lastwagen mit Frischwasser. Weil die meisten keine Ausbildung haben, verstehen sie nichts von Hygiene. Weil die Regierung der wichtigste Abnehmer ist, hat José ein Problem mehr: Sie zahlt die Rechnungen immer erst, nachdem er ein paar Mal nachgefragt hat. Schweiss auf der Stirn, den Blick in den Pool versenkt, sagt José: «Die Hoffnung, dass sich hier was ändert, habe ich aufgegeben.»
Manuela und José machen kein Drama deswegen, doch eigentlich sind sie fertig mit Angola. Ohne Schmiergelder läuft nichts. Es gibt kaum Leute, mit denen man reden könnte. In Luanda halten sie es nur mit einer Klimaanlage aus, die Polarluft in die Stube bläst. Ihre Hoffnung ist ein Konzern aus Frankreich, der Interesse an der Firma zeigt und José vielleicht einen Job in Lissabon anbietet. Sie sagt: «Wenn das klappt, hätten wir nur noch eine Sorge.» Der Sohn studiert Betriebswirtschaft wie schon der Vater und sehnt sich sehr danach, in Afrika zu sein. Löhne, so hoch, wie es sie in Portugal wohl nie geben wird. Und eine raue, harte Wirklichkeit, in der man sich sehr lebendig fühlen kann. 
Manuela ging es auch so, als sie 1982 zum ersten Mal nach Angola kam. Auf einmal wusste sie, wie es ist, mit einem abenteuerlichen Herzen zu leben. Wenn sie damals mit dem Auto unterwegs waren, mussten sie aufpassen, dass sie nicht zu schnell fuhren, denn Stau gab es nie. Besuchten sie Freunde, mussten sie sich entscheiden: vor der Sperrstunde nach Hause oder die Nacht durchmachen. Manuela hat Sozialarbeit studiert; während ihres ersten Aufenthalts in Angola arbeitete sie für die staatliche Erdölgesellschaft, die auch ein Sozialdepartement betreibt. Sie bemühte sich um Verbesserungen im öffentlichen Verkehr, setzte sich für bessere Löhne ein, besorgte Nahrung für Hungernde. Die Gesellschaft zahlte jedes Jahr einen Flug nach Portugal. Wenn Manuela und José dann jeweils zurück nach Luanda flogen, reizten sie das Limit aus: 230 Kilo Gepäck, wegen ihrer beiden Töchter mussten sie immer berechnen, wie viel sie wachsen würden bis zum nächsten Flug, Kinderkleider gab es keine in Angola.
Dreissig Jahre her. Seit sechs Jahren sind sie nun wieder hier, doch nur halb. In jedem Restaurant laufen Sendungen des portugiesischen Fernsehens, und immer, wenn wir irgendwo zu Mittag essen und dazu Wein aus dem Alentejo trinken, sehen wir die Nachrichten über die Krise. Manuela streckt manchmal ihre kleine Faust in die Luft und ruft mit den Demonstranten vor dem Parlament in Lissabon: «Die Troika soll sich verziehen!»
Draussen der Strand und der Wind, der in den Palmen spielt, im Fernsehen eine Horrormeldung nach der andern: Ohne fremde Hilfe ist Portugal in anderthalb Monaten pleite. Im September haben 9400 Leute die Sozialhilfe verloren. Es gibt mehr und mehr Pensionäre, die immer noch jeden Tag in ihrem Laden arbeiten. Ein anderer Kanal zeigt ständig Dokumentationen über Auswanderer, die nach Brasilien, Moçambique oder Macau aufbrechen.
Die Siedler, die vor hundert Jahren aufgebrochen waren, brauchten Monate, um von Benguela ins Hochland zu gelangen. Vor zehn Jahren konnte man sich auf den Strassen nur mit Tempo dreissig bewegen, alles war voller Bombenkrater. Heute braucht man ein paar Stunden für die Strecke, doch das letzte Stück ist holprig und staubig wie damals. Es führt zur Villa von Evaristo Macedo, einem Freund von José, einem der wenigen Portugiesen, die nach dem Unabhängigkeitskrieg geblieben sind.
Ein Rudel Hunde bellt sich wund, Evaristo hastet auf uns zu: ein kleiner, elektrisch geladener Mann. Er führt durch die Villa, die er nach dem Bürgerkrieg gebaut hat, etwas krud, aber gross. Sebastião bittet um Erlaubnis, das Cheminée und ein paar Plastik-Flamingos zu fotografieren, die im Garten herumstehen und lächelnd zur Dunstglocke über Lubango schauen. Evaristo nimmt uns mit in die Stadt, er will uns das Millennium zeigen, einen seiner Meilensteine als Unternehmer. Sein Jeep hat eine Frontscheibe voller Sprünge, deshalb sieht er die Leute auf der Strasse manchmal erst im letzten Moment und hupt sie wütend weg. Obwohl er, von Reisen abgesehen, sein ganzes Leben hier verbracht hat, 65 Jahre, sieht sein Gesicht verbrannt aus. Das Millennium ist Lubangos einziges Einkaufszentrum, Evaristo hatte die Idee dafür, das Ergebnis ist die Albtraumversion eines portugiesischen Dorfes. Ein paar Maler haben die Decke mit Wolken verziert. Weil die Kunden daran zweifeln, dass die Wolken nur gemalt sind, schnippen sie dauernd Steinchen zu Decke, um es nachzuprüfen.
An den Tischchen einer Cafeteria sitzen ein paar Portugiesen und rauchen die Aschenbecher voll. So sieht man sie überall im Land, in der Nähe von starkem Kaffee und starken Klimaanlagen. Sie tragen Hemden, die weiss und durchnässt sind. Sie brauchen die Zigaretten, um sich festzuhalten, ausser ihnen raucht hier niemand. Streng nach hinten gekämmte Haare, verlorene Blicke. Viele bleiben nicht lange, holen Geld heraus, so gut es geht, dann fliegen sie heim. Angola wurde deshalb vorgeworfen, noch immer eine Kolonie zu sein. Das stimmt nicht. José Eduardo dos Santos, Präsident seit 34 Jahren, führt das Land eher wie ein Zuhälter.
Evaristo muss weiter, wir werden ihn später auf seinem Landgut treffen. Als wir das Millennium verlassen, wissen wir nicht so recht, was wir tun sollen. Den Preis für den besten Schüler des Landkreises wird José erst morgen überreichen. Weil er fast immer Hunger hat, einigen wir uns darauf, essen zu gehen. José kennt ein Restaurant, das er uns zeigen will. Wir fahren lange durch die Stadt, ein paar alte portugiesische Verwaltungsgebäude stehen in grellem Licht, der Rest ist finster, ab und zu tauchen Kriegsruinen im Kegel der Scheinwerfer auf, die sichtbarsten Ruinen sind aber die Leute: Krüppel, die über die Strasse torkeln und ans Autofenster klopfen. Sebastião riegelt die Türen ab und zischt: «Banditen.» 
Nachdem wir es eine Stunde gesucht haben, stehen wir endlich vor einem eisernen Tor, davor wacht ein Junge mit Lächeln und Schrotflinte. Er winkt uns durch, wir rollen in eine Anlage wie aus einem Märchen. Vor einer Lodge quaken die Frösche, als würden sie dirigiert. Im Tal glüht Lubango, im Restaurant strahlen fünf Kronleuchter. Sebastião holt die Kamera hervor. Während wir in der Speisekarte blättern, wandert er umher, steigt auf die Galerie, betritt die Veranda, fotografiert die Stadt und schüttelt ständig den Kopf. Seit Tagen fahren wir schon herum, doch selten hat er ein Gefühl verraten. Erst jetzt, während er in seiner sorgfältig geflickten Hose unter den Kronleuchtern steht und zur Decke blinzelt, kann er sich nicht mehr beherrschen.
Als ich mir gerade die Hände wasche, stürmt er in die Toilette und hält sich am Lavabo fest, als hätte er ein Glas zu viel gehabt. Mehr zu seinem erstaunten Spiegelbild als zu mir sagt er: «Wir hatten so lange Krieg und sonst nichts. Schau dir diesen Luxus an, der Spiegel hat sogar einen Rahmen!» Er schiesst ein Bild. Aus dem Hahn schiesst Wasser! Klick. Und schau dir diesen kleinen hübschen Stuhl an! Klick. Mit tastenden Schritten geht er zu unserem Tisch zurück, als habe er Angst, etwas kaputt zu machen.
Es ist schon spät, als wir zum Jeep zurückgehen. José raucht, Manuela friert, Sebastião staunt. Als wir aus der Anlage zu kommen versuchen, verfährt er sich. Er wendet und fährt langsam zum Eingangstor. Plötzlich springen zwei Zebras aus dem Busch und traben in Zeitlupe über die Strasse. Sebastião schaut ihnen nach und sagt leise: «Das wäre auch noch eine schöne Foto gewesen.»
Vor Evaristos Villa sitzen die Wachleute im Schein einer Glühbirne, die ständig erlischt. Ringsherum singen die Grillen. Der Smog über Lubango leuchtet orangefarben. Evaristo liegt auf dem Sofa und sieht fern: Nachrichten aus Portugal, das er nur Tuga nennt. Er schnellt hoch und holt eine rote Schachtel vom Regal.
Wenn er über Angola redet, spricht er von «minha terra», meiner Erde. Seine Eltern seien keine Kolonialisten gewesen, sondern Pioniere. Er war ein Krieger, kämpfte für ein sozialistisches Angola. Als die Portugiesen das Land verliessen, ging er von Haus zu Haus und versuchte, die Leute zu überreden, doch hier zu bleiben. «Ich bin», sagt er traurig, «kein einziges Mal erfolgreich gewesen.» Damals sah Evaristo auch seine Mutter zum letzten Mal. Bevor sie ging, sagte sie noch: «Ich bin froh, dass du eine Waffe hast.» 
Alles, was ihm von den Eltern bleibt, sind ein paar Landmaschinen, die im Garten stehen wie vernachlässigte Museumsstücke. Ein paar vergilbte Pässe. Ein abgegriffenes Buch, darin die Rezepte der Mutter, ein Stück essbare Heimat. Evaristo öffnet nun seine rote Schachtel, wirft ein ausgebleichtes Foto nach dem anderen auf den Tisch und sagt knappe Sätze dazu.
Ein Teenager mit verkniffenem Gesicht: «Winter 64 in Lissabon, einziger Aufenthalt in Tuga. War eng und kalt.» Eine Schar glatt rasierter Männer im Busch: «Die Zeit meines Militärdienstes, ich habe die Kameraden nie wiedergesehen, sind alle nach Tuga abgehauen.» Eine Schar bärtiger Männer im Busch: «Ein paar Jahre später, Mitte der siebziger Jahre. Da war ich bei den FAPLA, den Forças Armadas Populares de Libertação de Angola, dem Heer der Regierungspartei. Die härteste Zeit meines Lebens, manchmal sind wir fast verdurstet.» Ein Platz voller entzückter, erleichterter Leute: «Der glücklichste Tag meines Lebens. Am Morgen verstummte das Artilleriefeuer, am Abend gingen wir zum Largo da Independência und hörten, wie Agostinho Neto die Unabhängigkeit erklärte. Er stand nur ein paar Meter von mir entfernt.» Bärtige Männer am Strand: «In Kuba, bei unseren Genossen.» Bärtige Männer in einem Schulzimmer: «In der DDR, ebenfalls bei Genossen.» Zuletzt klaubt Evaristo noch einmal das Bild hervor, auf dem er mit anderen portugiesischen Soldaten abgelichtet ist. Schaut es mit zusammengekniffenen Augen an, sagt erneut: «Habe die alten Kameraden nie wiedergesehen.»
Vor zehn Jahren kaufte er ein Stück Land, weit ausserhalb der Stadt und an der Strasse, auf der seine Eltern hundert Jahre zuvor mit Pflügen und Ochsenkarren nach Lubango gekommen waren, das damals Sá da Bandeira hiess. Seine Mutter fürchtete sich vor Löwen und Angestellten, die kein Portugiesisch verstanden. Mittlerweile ist die Stadt bis zu Evaristos Villa gewuchert, deshalb auch der Stacheldraht rund um das Anwesen. José zieht sich zurück, er muss noch seine Rede für den nächsten Tag vorbereiten. Evaristo redet weiter bis zum Morgengrauen.
José trägt einen plakatgrossen Check durch einen Festsaal am Rand von Lubango. Das hätte er eigentlich schon zwei Stunden früher tun sollen, aber die Festgemeinde wollte die Esstische im Saal nebenan nicht verlassen. Jetzt scheitert der beste Schüler des Jahrgangs am Versuch, die Tränen zu unterdrücken. Er bekommt 15 000 Dollar für ein Studium im Ausland. Als José den Saal verlässt, umringen ihn Journalisten. Der Fotograf der Lokalzeitung hat den Griff eines Gewehrs zu einem Handstativ umgebaut. Der Moderator eines Fernsehsenders fragt José, warum er den Preis vergebe. Der sagt ohne zu zögern: «Weil Bildung die einzige Lösung für Angolas Probleme ist.» Vor dem Hotel stehen eine Ambulanz und ein Feuerwehrauto und glänzen, als seien sie gestern aus dem Spritzwerk gerollt. Die Rotlichter der Wagen drehen sich, doch Notärzte oder Feuerwehrleute waren während des ganzen Anlasses nie zu sehen. Abgesehen vom Gemurmel der Partygäste ist es still.
Sebastião hat den Sitz nach hinten geklappt, um bei laufender Klimaanlage zu schlafen. Als wir zurückkommen, reibt er sich die Augen, und mit routinierter Freundlichkeit fragt er, wie es gehe: «Tudo bem doutor, tudo bem doutora?» Er wartet keine Antwort ab und startet den Wagen. José, das schöne Hemd ganz nass, wird schon nach zwei Minuten eingeschlafen sein.

 

Florian Leu unterwegs:
AutorIn
Themen
Region
Florian Leu
Florian Leu
Florian Leu
Florian Leu