Zwischen zwei Müttern

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Als Baby gestohlen und verschenkt, als Jugendlicher mit der Wahrheit konfrontiert: Ein argentinisches Schicksal.

Erwin Koch

Vor dem Haus stand ein grüner Ford Falcon, Carlos, das Gesicht aus Stein, rannte ins Haus, fand Marta, die er Mama rief, in Handschellen, sie stand auf der Treppe und sah mich an, Angst in ihren Augen oder Scham, es war Mittwoch, 14. Juni 1995, Riobamba Ecke Lavalle, Buenos Aires, kurz nach zwölf.
Polizisten schoben sie in den grünen Ford und fuhren los, Carlos neben Marta, sie hielten sich an den Händen und sprachen kein Wort, Winter in Argentinien, noch heute, siebzehn Jahre später, sagt Carlos Rodolfo d’Elia Casco, geboren am 26. Januar 1978 um zehn vor zwei Uhr nachts in einer geheimen Folterkammer der Polizei der Provinz Buenos Aires, Pozo de Banfield, Bezirk Lomas de Zamora, noch heute stelle ich lieber keine Fragen.
Man hielt vor dem Hauptkommissariat in der Avenida Belgrano, bat Marta und Carlos aus dem Wagen und führte sie in weite graue Hallen, befahl sie auf eine hölzerne Bank, dort sassen wir und schwiegen, ich weiss nicht mehr, wie lange, eine halbe Stunde oder zwei.
Schliesslich brachten sie Marta Leiro, siebenundfünfzig, geschiedene Ehefrau des Kapitänleutnants a. D. Carlos Federico Ernesto de Luccia, in ein Büro und liessen den Jungen, den Marta für ihren Sohn ausgab, allein auf der hölzernen Bank. Nie, sagt Carlos, habe er bezweifelt, der leibliche Sohn von Marta Leiro und ihrem einstigen Mann zu sein, der ihn Pichino nannte, der ihm, weil das Kind darum gebettelt hatte, ein schwarzes Pferdchen mit weissen Beinen schenkte, der ihm abends, wenn Carlos im Bett lag, die Geschichte vom bösen schlauen Kater Soundso erfand, und immer, sagt Carlos im Dezember 2012, liess Papa die Geschichte unvollendet, um sie am nächsten Abend erst fortzuspinnen.

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