5 ×Post

Liebesbotschaften, Lebensmittelpakete, Streicheleinheiten: Briefträger leisten mehr, als es jede E-Mail könnte.

Erwin Koch, Carol Pires, Emilienne Malfatto, Amir Hassan Cheheltan und Kerstin Zilm

Diese globale Betrachtung zu einem Thema wurde finanziert durch den Reportagen-Recherchefonds (reportagen.com/recherchefonds).

Schweiz

ERWIN KOCH

Tschudi ist jetzt 39 Jahre alt und ein paar Tage. Fragt ihn einer, worauf er stolz sei, drückt er die Schultern hoch und grinst aus rundem Gesicht, er habe keinen Grund, sagt Tschudi, stolz zu sein, das Leben meine es gut mit ihm, er habe Frau und Kinder, ohnehin die besten auf Erden, Tschudi ist Pöstler, seit er sechzehn war.

Er führt die schwere Tasse zum Mund, nimmt einen Schluck, stellt sie auf den Tisch in seiner Stube, irgendwo bellt ein Hund, ein Kind lärmt vor Glück, es ist Freitag, 16 Uhr, Feierabend in Muri, Kanton Aargau.

Ich bringe, sagt er, den Leuten Pakete.

Moment, sagt Tschudi, irgendwo habe ich ein Flugblatt. Er steht auf, rennt in den oberen Stock, kommt wieder.

Bist du gerne unter freiem Himmel unterwegs – und das bei jedem Wetter? Magst du es, Verantwortung zu tragen? Und kannst du auch verschwiegen sein? Dann ist dieser Beruf sicher eine gute Wahl für dich! Das musst du mitbringen: Verantwortungsbewusstsein, Diskretion/Ehrlichkeit, Kontaktfreudigkeit, Konzentrationsfähigkeit, körperliche Belastbarkeit, Teamfähigkeit.

Klingt gut, sagt Tschudi.

Ist es das auch?

Er blickt zum Fenster, schaut hinaus in den Garten, legt sich die Hand aufs Herz: So kitschig es klingen mag, ja, es ist gut. Es stimmt.

Jeden Morgen schellt der Wecker um halb fünf, Tschudi schleicht aus dem Bett, zieht die Uniform an, gelbe Streifen auf hellem Grau, und setzt sich in den gelben VW Crafter, der neben dem Haus steht – gelb bewegt, Pakete kommen immer gut an. Dann fährt er den Weg, den er jeden Morgen fährt, Montag bis Freitag, Boswil, Wohlen, Anglikon, Dottikon, zwanzig Minuten bis zur Distributionsbasis Mägenwil der Post CH AG. Um halb sechs, zusammen mit zwei Dutzend anderen, steht er in einer weiten Halle, jemand sagt: Auf die Zehen, zurück auf die Fersen, auf die Zehen, auf die Fersen. Und nun die Arme.

Anfänglich kam ich mir vor wie im falschen Film, sagt Tschudi, mittlerweile tut mir das Turnen gut. Ich bewege jeden Tag vielleicht dreihundert Pakete, hunderte von Kilos, schnell klemmt ein Muskel, ein Nerv. Damit das selten geschieht, turnen wir uns warm.

Und wenn es doch passiert: Physio. Die Schweizerische Post beschäftigt eigene Physiotherapeuten.

Was war dein erster Berufswunsch?

Tschudi lacht auf, schiebt sich eine Waffel in den Mund, sagt so laut, dass es hallt: Pöstler.

Nie habe er etwas anderes werden wollen. Schon als Bub sei er mit dem Briefträger auf Tour gewesen, sei ihm gefolgt durch die Strassen von Muri, Freiamt, habe den Mann bewundert und ihm ab und zu geholfen, Werbung in die Kästen zu stecken.

Meine Eltern meinten zwar, die Post sei nichts für mich, sie sahen mich eher in einer Bäckerei oder bei einem Landschaftsgärtner. Um ihnen zu gefallen, machte ich Schnupperlehren – und wusste: Der Tschudi muss zur Post. Die Post braucht den Tschudi. Heute sind sie stolz auf mich. Weil ich Pöstler bin.

Wirst du mit 65 noch Pakete zustellen?

Weiss ich nicht. Weiss ich wirklich nicht.

Was lässt dich zögern?

Pakete, sagt Tschudi, das Wappen des FC Bayern München auf der Brust, Pakete sehen oft leicht und handlich aus. In der Tat sind die meisten sperrig und schwer. Ich bewege im Jahr rund 70 000 davon, sehr viel mehr als früher. Amazon, Zalando und wie sie alle heissen. Wohl vier von fünf Paketen, die ich zustelle, wurden online bestellt. Und es werden, denke ich, noch mehr.

Jeden Morgen, kaum ist das Turnen zu Ende, belädt Tschudi seinen gelben VW Crafter, ein Kollege reicht ihm die Pakete, jedes mit einem Strichcode. Was zuerst zu den Kunden muss, kommt am Schluss in den Wagen, was am Schluss der Tour zum Kunden muss, kommt zuerst ins Gefährt. Das, sagt er, das ist vielleicht das Schwierigste an meinem Job, das sinnvolle Beladen des Autos.

Ist ein Briefträger nicht näher beim Volk als ein Paketpöstler?

Der Briefträger, heute, schiebt nur noch ein. Der Briefträger sieht in der Regel seine Kunden nicht. Bei der Paketpost ist es anders. Als Päcklipöstler treffe ich Menschen, manchmal solche, die mir ein kurzes Gespräch anbieten, vielleicht sogar einen Espresso. Ab und zu einen Espresso trinken, dieses Recht nimmt sich der Tschudi.

Ist der Päcklipöstler auch Seelsorger?

Er schweigt und starrt in den Gummibaum.

Selten. Und wenn doch, schweigt er darüber, sagt Tschudi.

Gegen halb acht Uhr an jedem Morgen, Montag bis Freitag, ist er zurück in Muri, unterwegs auf Tour 10, Tschudi durchquert den Ort Richtung Süden, Richtung Luzern, hält vor dem ersten Kunden, Stobag vielleicht, Rey Chemie, Stäuble AG, Heggli & Gubler AG, öffnet seinen Wagen, sucht das richtige Paket und trägt es zum Kunden, führt den Scanner über den Strichcode, wünscht einen frohen Tag, ein warmes Wochenende und alles Gute sowieso.

Morgens um halb acht kann ich nicht in die Wohnhäuser. Wäre unanständig. Also beliefere ich zuerst die Fabriken, dann die Läden, dann die Menschen zu Hause.

Hält nun, es ist bereits acht, auf den Ortskern zu, Richtung Norden, vorbei an Industrie Hau und Industrie Stossbifang, am Gasthof Engel, Schweinsbratwurst mit Zwiebelsauce für 13.50, vorbei an der Bäckerei Bütler, 4 für 3 Crèmeschnitten, am «Frohsinn», Samstag und Sonntag geschlossen.

Wieder und wieder zückt er den Scanner, führt ihn übers Paket.

Ist die Arbeit, die du seit 23 Jahren tust, anspruchsvoller geworden?

Er hebt die Tasse, trinkt einen Schluck, nickt.

Stressiger ist sie geworden. Alles andere wäre gelogen.

Kurz vor neun passiert er den Kreisel in der Mitte von Muri, fährt hinauf zum Kloster, das einst, bis sie 1841 aus dem Aargau vertrieben wurden, Benediktinern gehörte, nimmt die Kirchbühlstrasse – hier, sagt Tschudi, hier war bis vor einem Jahr die Praxis von Dr. Trost, unserem Kinderarzt, der mir, mit Tränen in den Augen, sagte, unser Silas habe Trisomie 21, elf Jahre ist das nun her, ein grossartiges Kind.

Tschudi schweigt und hustet leise, hält endlich vor einem Haus, hohe Bäume im Garten.

Zeitfensterzustellung, sagt er, ein Kunde mache vom Angebot Gebrauch, sich das Paket zu einer bestimmten Zeit bringen zu lassen, zwischen 9 und 11 oder zwischen 11 und 14, zwischen 13 und 16, 15 und 18 Uhr.

Dann, wohl oder übel, verlässt du den gewohnten Weg und bringst das Paket zur gewünschten Zeit.

Ärgerlich?

Ach, sagt Tschudi, man muss beweglich sein. Mein Glück ist es, dass ich in Muri, zumindest noch für eine gewisse Zeit, die meisten Leute kenne. Dass ich von fast allen weiss, wo sie wohnen. Ich brauche kein Navi, hatte nie eines.

Tschudi weiss, wo er besser die Treppe nimmt, weil der Aufzug länger braucht, er weiss, welche Hintertür direkt zum nächsten Wohnblock führt, wen man am Morgen besser nicht aus dem Bett schnellt, weil er Nachtschicht hatte.

Kümmert dich, was in den Paketen ist?

Nicht die Bohne – was nicht ganz stimme, sagt Tschudi. Manchmal trage er Pakete aus, die, wundersam geschmückt, für Kinder bestimmt seien. Da setze sich seine Phantasie in Gang. Pakete für Kinder sind mir die liebsten. Kinder, sagt Tschudi, sind sowieso das Grösste. Vor allem – logisch – meine zwei.

Zurück an die Luzernerstrasse, vorbei an Blumen Wanninger, an Migros, Denner und Ssang Yong, einen schönen Tag noch, ja, die

Bayern haben verloren, aber gopfertori unverdient, Tschudi, es gibt noch andere Klubs, zum Beispiel Grasshopper Zürich, he, sagt Tschudi, mach mich nicht krank.

Neulich habe ihm einer gesagt, er gehöre zu Muri wie das Kloster, sagt Tschudi am schweren hölzernen Tisch, ein Teller darauf, keine Waffeln mehr.

Ein Kompliment!

Er schiebt die Lippen hoch und lächelt.

Im vergangenen Februar, sagt er, seien hier fünf, sechs Leute an die Fasnacht gegangen, verkleidet als Päcklipöstler Tschudi, graue Kleider, gelbe Streifen.

Und?

Hat mich gefreut.

Stolz?

Bisschen.

Manchmal, immer wieder, fragt jemand: He, Tschudi, du heisst ja gar nicht Tschudi, wie heisst du wirklich?

Bütler, Stefan Bütler, lacht Tschudi, den in 5630 Muri, 8000 Einwohner, alle Tschudi rufen, seit sein Vater den Bub Tschudi nannte, der immer vor dem Fernseher sass, wenn Daktari lief mit der klugen Äffin namens Judy.

 


Brasilien

CAROL PIRES

 

Pedro Carlos da Silva, genannt Pedrinho, läuft wie einer, der weiss, wo es langgeht, durch das Strassen-, Fusswege- und Gassengewirr von Rocinha, einem Stadtviertel von Rio de Janeiro. Rocinha ist die grösste Favela Brasiliens. Es ist frühmorgens und Hochbetrieb: ein Hin und Her von Fussgängern und Hunden bergauf und bergab, zwischen Motorrädern mit Fahrgästen, die je zwei Reais bezahlt haben (umgerechnet etwa 50 Rappen oder knapp 50 Cent), um mit dem Mototaxi zur nächstgelegenen Bushaltestelle zu kommen, unten an der Strasse, die im Bogen um die Favela herumführt.

Pedrinho ist 48 Jahre alt, schwarz, ein grosser Mann, doch wenn er beim Lächeln die Augen zusammenkneift, wirkt er wie ein kleiner Junge. Frauen mit Kindern an der Hand erkennen und grüssen ihn. Als ein Mann auf Krücken vorbeistolpert, nickt er ihm zu. Und sagt leise: «Der steht auf der Liste der Polizei.» Weiter vorn feixen zwei Polizisten mit Gewehren, die sich über einen vermutlich betrunkenen Mann lustig machen, der mit einem Schlagstock hantiert.

Rio de Janeiro verstehen und erst recht Rocinha, im Kreuzfeuer von Drogenhandel und Polizei, ist keine leichte Aufgabe. Doch Pedrinho kann das. Er kann mit allen. Mit Polizisten und Verbrechern, Hausfrauen und Fahrern von Motorradtaxis. Wenn der Geschäftsführer eines Hotels in den reicheren Vierteln nach zuverlässigen Mitarbeitern sucht, klingelt Pedrinhos Telefon, und es klingelt auch, wenn die Stadtverwaltung Beratung braucht, um die entlegeneren Winkel von Rocinha zu erreichen. Pedrinho hat etwas von einem Stadtteilbeauftragten und Detektiv, Kartografen und Superhelden. Dabei ist Pedrinho eigentlich: Briefträger.

Rocinha liegt auf einem Berghang eingezwängt zwischen Sao Conrado und Gávea, zwei der reicheren Viertel von Rio de Janeiro. In den 1960er und 1970er Jahren wählten Scharen von Einwanderern aus dem Nordosten, der ärmsten Region Brasiliens, Rocinha nach ihrer Ankunft in Rio zur neuen Heimat: Die Lebenshaltungskosten waren niedrig, trotzdem war es nah an den Reichenvierteln, wo es Arbeit gab.

Pedrinhos Familie ist ebenfalls zugewandert, er selbst, in Rocinha geboren, hat schon alles gemacht, war schon Meister im Bodysurfing und hat Müll für ein städtisches Sozialprojekt gesammelt. 2000 heuerte er als Volkszähler für das Brasilianische Institut für Geografie und Statistik (IBGE) an, klopfte an jeder Tür und fragte nach der Zahl der Personen im Haushalt, dem Haushaltseinkommen, ob sie einen Fernseher hätten oder einen Kühlschrank.

Abends setzte er sich mit seiner Frau Eliane und deren Cousin Sila hin, um die Fragebögen sauber zu übertragen. Enthielten sie einen Fehler, bekam er kein Geld dafür. Beim Durchlesen der Antworten fiel ihm auf, dass die meisten Bewohner keine Post nach Hause bekamen. Einige wussten nicht einmal ihre genaue Adresse. Andere machten nur vage Angaben wie «Strasse Nr. 2, wo die Markierung an der Wand ist». In dieser Abwesenheit des Staates sah Pedro, damals 32 Jahre alt, seine Chance. Am nächsten Tag fügte er dem amtlichen Fragebogen von sich aus zwei Fragen hinzu: ob die Bewohner gern Post bekämen und ob sie bereit wären, dafür zu bezahlen.

Nach Abschluss der Volkszählung gründete er seinen ersten Briefträgerdienst in der Favela, «Carteiro Amigo», den «Freundlichen Briefträger». «Die Leute verwechseln Unternehmergeist damit, dass man Chef sein will. Aber ein Unternehmer muss doppelt arbeiten, alles im Blick haben, sein eigener Angestellter und Chef sein. Das kann nicht jeder.» Er hatte damals das Anrecht auf vier Monate Arbeitslosengeld von seiner letzten Tätigkeit als Müllsammler. Das musste reichen, um sein neues Unternehmen zum Laufen zu bringen. Und es gelang. Ziemlich schnell sogar.

Die Brasilianische Gesellschaft für Post- und Fernmeldewesen ECT ist ein Staatsunternehmen mit dem Monopol auf die Zustellung von Briefen und Postkarten in ganz Brasilien und nicht dazu verpflichtet, Post an eine ungültige Anschrift zu bringen, erst recht nicht an Orte, die von Amts wegen als gefährlich gelten. Somit liegen fast alle Favelas Brasiliens ausserhalb des Einsatzbereiches der Post. Rocinha ist nicht nur die grösste Favela im ganzen Land, sondern liegt auch für den Drogenhandel strategisch sehr günstig an der wichtigsten Verbindungsachse zwischen der reichen Südregion Rios, der Zona Sul, und dem Ostteil der Stadt.

Derzeit leben in Brasilien 11,5 Millionen Personen in Favelas – rund sechs Prozent der Bevölkerung. Allein in Rocinha sind es nach offiziellen Angaben der Regierung 90 000. Nach Berechnungen von Anwohnervereinigungen müssten es aber weit mehr sein: etwa 200 000 Menschen auf einer Fläche von 290 000 Quadratmetern.

Und die sind nur ein winziger Teil eines viel grösseren Problems: In ganz Brasilien haben 54,7 Millionen Menschen keine gültige Anschrift und sind dadurch von wichtigen Dienstleistungen ausgeschlossen, dem Empfang von Rechnungen, der Möglichkeit, eine Kreditkarte zu beantragen, Post von Familienangehörigen zu erhalten oder Zusagen von Arbeitgebern.

Aber man kann die staatlichen Briefträger nicht dazu zwingen, die Post dennoch zuzustellen. Als Briefträger zu arbeiten, ist in Brasilien ohnehin ein Risikojob; die Nachrichten sind voll von Meldungen über Angriffe auf sie. Erst kürzlich erstritt ein Postbote vor Gericht eine Abfindung, weil er im Dienst dreizehn Mal überfallen wurde. Ein anderer wurde elf Mal vom selben Dieb ausgeraubt. In Sao Paulo und Rio de Janeiro werden Postautos von bewaffneten privaten Sicherheitsdiensten begleitet.

 

Wo die Arbeit der Post endet, beginnt Pedrinhos Dienstleistung. Wer sie in Anspruch nimmt, gibt den Firmensitz des Freundlichen Briefträgers an der Estrada da Gávea als Adresse an, und von dort trägt dann einer von fünf Zustellern die Post in die hintersten Winkel des labyrinthischen Rocinha. Noch keiner der Angestellten ging in die Statistik der überfallenen Briefträger ein. Pedro heuert nur Leute aus der Community an. Und wenn ein Gebiet zu gefährlich ist, sucht er jemanden, der dort geboren wurde, sich also dort bewegen kann, ohne belästigt zu werden. «Drogenhändler respektieren mich hier genauso wie die Polizei.»

2010 arbeitete Pedro noch einmal für den Zensus der brasilianischen Bundesregierung. Damals, auf dem Höhepunkt des brasilianischen Wohlstandes, ging es darum, die Favela offiziell zu kartieren. Hintergrund war das sogenannte Wachstumsbeschleunigungsprogramm PAC, eine Infrastrukturmassnahme der damaligen Regierung Luiz Inácio Lula da Silva.

Bis dahin besass die Regierung nur eine Karte, die das Gesundheitsministerium noch in der 1984 zu Ende gegangenen Diktatur hatte erstellen lassen. Also kartierte Pedrinho die ganze Favela mit ihren 23 Quartieren – das ist nicht einmal Google gelungen. Bis heute sind auf Google Maps nur die Estrada da Gávea, eine Autoverbindung quer durch die Favela, sowie gerade einmal sieben weitere Strassen zu erkennen.

Auch andere, von Stiftungen in Auftrag gegebene Karten bilden nicht die Gassen und Hintergassen der Community ab, viele Häuser sind übereinander gebaut und verdecken die Gehwege. Auch die grösseren Strassen verschwinden oft unter einem Gewirr aus Strom- und Telefonkabeln, wie unter einer Häkeldecke.

Bevor Pedrinho den Stadtplan zeichnete – mit Bleistift, weil die Favela sich ständig verändert –, waren Adressen kaum mehr als nur grobe Richtungsanweisungen: dritte Tür rechts neben der Bar; gelbe Tür vor dem Treppenaufgang; erste Strasse, zweiter Durchgang, drittes Haus. Je nachdem aus welcher Richtung man kommt, kann der Anfang der Strasse auch deren Ende sein. Und vielleicht wurde die gelbe Tür inzwischen grün überstrichen.

Dennoch hat Pedrinho sich keine neuen Bezeichnungen ausgedacht, sondern nur Namen notiert, die in der Nachbarschaft schon gebräuchlich waren, auch wenn nicht alle damit glücklich sind. Ein Weg beispielsweise wird von allen die «Gasse der Gehörnten» genannt. Als Pedrinho dies als Adresse notierte, führte das zu einem Problem bei einem Ehepaar, das in der Gasse wohnte. Die Frau kam extra zu Pedrinho in den Laden, beschwerte sich und versicherte, ihr Ehemann sei davon nicht betroffen.

 

Mittlerweile zahlen 12 000 Bewohner der Favela Rocinha monatlich je 20 Reais (umgerechnet etwa 5 Schweizerfranken oder 5 Euro) für Pedrinhos Dienste, und der Freundliche Briefträger ist das bedeutendste je in einer Favela entstandene Franchise-Unternehmen mit bereits 10 Filialen in Rio de Janeiro. Mit ihm kommen die guten Nachrichten. Pedrinho hat schon alles gesehen: ein Mädchen, das die Zusage einer der besten Universitäten Brasiliens erhielt; eine Dame, die über 10 Jahre nichts mehr von ihrer Tochter gehört hatte; eine andere, die noch 1800 Reais von der Bank erwartete.

Der erste Brief, den Pedrinho vor mittlerweile 18 Jahren zustellte, ging an einen Herrn, der schon seit Jahren auf seinen Rentenbescheid von den Sozialbehörden wartete. Als er las, dass er sich nun endlich zur Ruhe setzen könne, kamen dem Empfänger die Tränen. Und der Briefträger lächelte.

 


Frankreich

EMILIENNE MALFATTO

 

Die Sirupflasche hat sie nur für ihn geöffnet. Mandarine, ein schönes Orange, die Farbe des Sonnenuntergangs. Behutsam stellt Pierrette die Glasflasche auf den Tisch und holt ein Glas. Ein grosses Milchglas, verziert mit Mohnblumen. Die Art von altmodischem Glas, wie man es auf dem Land oder bei seinen Grosseltern findet. Serge bedient sich. Zurzeit tanke er Sirup, erklärt er lächelnd und mit einem leichten Schulterzucken. Vorher hat er immer Kaffee getrunken, wenn er Pierrette besuchte. Jeden Mittwoch. Ein geregelter, genau umrissener, kostenpflichtiger Besuch. Dabei ist Serge weder Altenpfleger noch Krankenpfleger oder Sozialarbeiter. Er ist Briefträger.

Trotzdem findet der wöchentliche Besuch bei der alten Dame im Rahmen seiner Aufgaben statt. Eine von der französischen Post seit Ende 2016 angebotene «Dienstleistung›, die man «Veiller sur mes parents»(«Auf meine Eltern aufpassen») getauft hat. Denn das Unternehmen – eine Aktiengesellschaft mit zugleich öffentlichem Auftrag – ist mit dem Rückgang des Briefverkehrs konfrontiert, dessen Volumen infolge der Digitalisierung jährlich um sieben Prozent abnimmt. Also vervielfacht La Poste ihre kostenpflichtigen Dienstleistungen, indem sie aus ihrem flächendeckenden Versorgungsnetz und ihren 250 000 Postboten, die bei den Franzosen ein hohes Ansehen geniessen, Kapital schlägt.

Der Briefträger ist in Frankreich die einzige öffentliche Figur, die das ganze Land systematisch, an sechs von sieben Tagen, abläuft, inklusive Randregionen. Ein echtes Potenzial an «sozialer Bindung», das sich das Unternehmen zunutze machen will. In etwas über 18 Monaten wurden rund 3000 «Auf meine Eltern aufpassen»-Verträge geschlossen. Die ursprünglich freiwillige, kostenlose «soziale» Rolle des Briefträgers ist nun Gegenstand eines förmlichen Vertrages.

«Klar, früher war es besser», meint Pierrette bedauernd, während sie in der Küche herumhantiert. «Als ich jung war, kam der Postbote mit dem Fahrrad bei meinen Eltern vorbei.» Sie setzt sich und öffnet mit der Schere zwei Packungen Kekse, die sie Serge hinschiebt: «Sie werden das doch essen, nicht wahr?» Dann nimmt sie ihre Erzählung wieder auf: «Der Briefträger besuchte einen früher einfach so, nicht für Geld. Aber das ist bestimmt fünfzig Jahre her.»

Im August wird Pierrette 79 Jahre alt. Ihre Haare trägt sie kurz, sie wirkt knabenhaft. Hinter der rechteckigen Brille sind die Augen wie verschleiert – viel sieht sie nicht mehr. Sie spricht die etwas derbe Mundart der Leute aus den Hochebenen. Die Lozère ist das am wenigsten bevölkerte Département Frankreichs und zugleich dasjenige, in dem die Menschen durchschnittlich am höchsten über dem Meeresspiegel leben. Das Klima hier, etwa hundert Kilometer vom Mittelmeer entfernt, ist rau. Die Landschaft und die Menschen sind es auch.

Trotzdem lässt sie sich auf das Drängen ihrer Postbankberaterin hin – denn La Poste ist auch eine Bank – im Herbst 2017 dazu überreden, sich für «Auf meine Eltern aufpassen» anzumelden. Ironisch in Pierrettes Fall ist, dass sie selbst die Initiative ergriffen hat und nicht ihre zwei Kinder. «Sie wohnen sehr weit weg», sagt sie lakonisch, bevor sie ausführt, dass «sehr weit» das etwa 200 Kilometer entfernte Lyon ist. Man begreift, dass es keine rein geografische Distanz ist.

Pierrette lebt allein – sogleich betont sie, dass sie sich von ihrem Mann getrennt hat, «nach 46 Jahren Ehe» – im obersten Stock eines kleinen Hauses in Mende. Von den Gründen möchte sie nicht erzählen.

Draussen vor dem Fenster türmen sich dicke schiefergraue Wolken. Noch einige Minuten bis zum Gewitter; Serge macht sich ein wenig Sorgen um den Rest seiner Tour.

Seit ungefähr neun Monaten schaut jede Woche ein Briefträger vorbei. Häufig Serge, manchmal ein Stellvertreter. Der Besuch dauert ungefähr zehn Minuten. Für Preise zwischen 19.90 Euro und 139.90 Euro monatlich findet er ein, zwei, vier oder sechs Mal die Woche statt. Wie die meisten der «Abonnenten» hat auch Pierrette sich für das Mindestangebot entschieden, einen Besuch pro Woche.

Wenn er bei Pierrette eintrifft, holt Serge, 58 Jahre alt, sein Diensttelefon heraus. Das Smartphone mit der eigens für die französische Post entwickelten App ist zum Arbeitsgerät des modernen Briefträgers geworden. Auch wenn die Post den «Auf meine Eltern aufpassen»-Service als mögliches «ungezwungenes, informelles zusätzliches Beziehungsangebot» beschreibt, ist die Dienstleistung in Wirklichkeit ganz genau definiert.

Ihre «Schritte» sind im Diensttelefon Punkt für Punkt festgehalten. «Ich stelle mich dem Abonnenten vor und unterhalte mich über ein Thema, das ihn interessieren könnte», diktiert der Bildschirm des Telefons. Mitsamt Beispielsätzen, um ein Gespräch zu beginnen: «Was für ein Wetter!», «Haben Sie gestern Abend ferngesehen?». Anschliessend erinnert das Diensttelefon Serge daran, den «Abonnenten» zu fragen, ob er etwas Bestimmtes benötige. Bei Bedarf, wenn etwa ein Klempner gebraucht wird, umfasst das Serviceangebot die Kontaktaufnahme mit einem «zertifizierten» Unternehmen.

Pierrette wahrt die Distanz, und Serge respektiert das. Zwischen den beiden ist keine emotionale oder wenigstens freundschaftliche Bindung entstanden. Lediglich das gemeinsame lokale Gedächtnis verbindet die beiden manchmal. Etwa wenn sie sich an den alten Briefträger erinnern, der seine Runde zu Fuss machte und «im Winter mit den Ski».

Einer der Hauptbestandteile des Angebots ist die Bereitstellung und Installation einer Notrufbox und eines Alarmknopfes, den man ständig am Handgelenk oder um den Hals trägt. Er ermöglicht es, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit, mit einer Notrufzentrale Kontakt aufzunehmen. Pierrette trägt ihn nicht. «Wozu haben Sie ihn denn, wenn Sie ihn neben dem Telefon liegen lassen?», fragt Serge. Pierrette macht «pah» und zuckt mit den Schultern. «Ich denke, dass, wenn ich draufdrücke, sofort der Rettungswagen kommt …». Und beinahe schelmisch: «Ich habe noch nie gedrückt … Möchten Sie, dass ich drücke?»

Ein Lächeln erhellt Serges von Falten durchfurchtes Gesicht. Mit der Zeit hat er Pierrettes Charakter kennengelernt. Und als jemand, der seit 37 Jahren bei der Post angestellt ist, hat er die Entwicklung des «immer stärker reglementierten» Berufs miterlebt. «Als ich in der Lozère angefangen habe, machte ich die Tour in den Bergen. Die Leute da oben hatten keine Briefkästen, also ging man ins Haus. Man trank einen Kaffee.» Damals waren die Besuche spontan und umsonst. «Aber die Routen, die man innerhalb einer bestimmten Zeit absolvieren muss, sind so verlängert worden, dass man nicht mehr wirklich anhalten und die Leute fragen kann, was es Neues gibt.»

Andererseits erklärt man bei La Poste, dass der Briefträger der alten Schule nur dann angehalten habe, wenn er Lust dazu hatte, je nach Laune und persönlicher Sympathie. In Zukunft und als Teil der «Dienstleistung» bleibt dem Postboten keine Wahl. «Auf meine Eltern aufpassen» beruht nicht auf Freiwilligkeit. Die zuständigen Briefträger absolvieren einen maximal dreistündigen Online-Kurs, um sich mit dem Angebot vertraut zu machen. Man bringt ihnen zum Beispiel bei, wie man sich mit schwerhörigen Senioren unterhält: deutlich sprechen und ins Gesicht sehen.

Diese neuen Dienstleistungen spiegeln eine globale Gesellschaftsentwicklung wider. Auch wenn die kostenlose Solidarität in den abgelegensten ländlichen Gebieten des Département Bestand habe, wie Muriel Brochier betont, die Geschäftsführerin der Sortierungs- und Vertriebsplattform der Post in Mende. «‹Auf meine Eltern aufpassen›» hat sich auf dem abgelegenen Land recht schwach entwickelt, weil sich die Leute umeinander kümmern», erklärt sie. «Die Nachbarn sind präsent. Wenn es einen isolierten Senior gibt, besuchen sie ihn.»

2016 waren in Frankreich 19 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre alt oder älter. Insgesamt altert die Bevölkerung, weil die Babyboomer-­Generation nun in ihr Rentnerdasein eintritt. Im Jahr 2060 wird jeder dritte Einwohner die 60 Jahre überschritten haben.  Gleichzeitig ist der traditionelle – familiäre, lokale – Zusammenhalt schwächer als früher. Ob es der Briefträger oder jemand anderes ist, Dienstleistungen vom Typ «Auf meine Eltern aufpassen» stehen rosige Zeiten bevor.

Was die Postangestellten betrifft, so werden diese in Zukunft immer öfter ihre Briefträgermütze gegen eine andere eintauschen müssen, so unterschiedlich sind die Dienstleistungen des Unternehmens: theoretische Führerscheinprüfungen durchführen, Büroabfälle recyceln, Medikamente nach Hause liefern, für die Gemeinden den Zustand der Strassen überwachen, Leuten mit dem Internet helfen … Man versteht, dass dem Briefträger keine Zeit mehr bleibt, hereinzukommen, sich hinzusetzen und Kaffee zu trinken. Serge hat sein ganzes Leben lang als Briefträger gearbeitet. Er war nicht sonderlich begeistert über seine neue Aufgabe. Er hat nichts gegen den persönlichen Kontakt mit Menschen, aber es stört ihn, dass alles kontrolliert und reglementiert abläuft, kein Raum bleibt für persönliche Initiative. Andererseits macht genau jene digitale Technologie, die jeden seiner Schritte überwacht, die Dinge auch einfacher, es gibt viel weniger Papierkram als früher. «Was ich am meisten an meiner Arbeit mag, ist, dass ich sie allein und in Ruhe machen kann, ohne Chef oder Kollegen unmittelbar um mich herum.» Zumindest das scheint sich noch immer nicht geändert zu haben.

 


Iran

AMIR HASSAN CHEHELTAN

 

Jeden Monat, wenn er in die Gasse einbog, wusste er, dass etwas weiter vorne im Haus mit der Nummer 33 die junge Frau aus dem dritten Stock mit einem Korb im Fensterrahmen auf ihn wartete. Wenn er sich verspätete, konnte er den Oberkörper der Frau erkennen, wie sie sich aus dem Fenster lehnte und nach ihm Ausschau hielt. An solchen Tagen teilte er die Briefe in diesem Viertel in der Regel so ein, dass die junge Frau nicht lange auf ihren warten musste. Kaum stand er vor dem Haus, und noch bevor er Gelegenheit zum Gruss hatte, liess sie an einem Seil den Strohkorb herab, aus dem er einen gefalteten Zettel und die Münze entnahm und den frischen Brief hineinlegte. Danach tauschten sie ein Lächeln aus. Dann zog die junge Frau überwältigt von Freude den Korb hoch, schenkte dem Postboten ein weiteres Lächeln, winkte ihm und schloss das Fenster: Bis zum nächsten Wiedersehen trennte sie ein ganzer Monat. Er konnte sich ausmalen, wie sie sich sofort an einen sicheren Ort im Haus zurückzog, den Briefumschlag öffnete und zu lesen begann. Sie hatte in einer ihrer Notizen an den Postboten geschrieben, dass sie jeden dieser Briefe über hundertmal las. So kannte sie vermutlich alle auswendig und las sie dennoch immer wieder.

Die junge Frau war taubstumm, schien um die zwanzig Jahre alt zu sein und war aussergewöhnlich schön; ihre Augen drückten wie bei allen Taubstummen jene Unrast und jenes Fragen aus, das beim Postboten gleich bei der ersten Begegnung Mitleid ausgelöst hatte. Als er die junge Frau etwas später näher kennenlernte, fühlte er, dass es die wichtigste Mission in seinem dreissigjährigen Beamtendasein als Postbote war, ihr zu helfen. Das war auch der Grund, warum er seine Pensionierung verzögerte, obwohl es bereits einige Monate her war, dass er seine dreissig Pflichtjahre, wie in Iran für Angestellte und Beamte üblich, erfüllt hatte. Als ihn vor einigen Monaten der zuständige Personalbeamte daran erinnerte, dass er bald in Pension gehen könne, fragte er sich, wie das Schicksal der jungen Frau sich entwickeln könnte, wenn jemand anderes als er ihre Briefe austragen würde. Er entschloss sich, den Antrag auf seine Pensionierung vorläufig weit in die hintersten Kammern seines Kopfes zu verdrängen, wo er nicht mehr auffindbar war.

Alles hatte vor ungefähr zwei Jahren begonnen. Für das dritte Stockwerk im Gebäude mit der Nummer 33 hatte er vorher ausser Rechnungen für Strom, Wasser und Stadtgebühren keine Sendungen ausgeliefert. Als er an jenem Tag die Briefe für diese Gasse aus seiner Tasche gezogen hatte, da wusste er, dass das dritte Stockwerk neue Mieter gefunden hatte, die nun einen Brief bekamen. Kurz vor der Haustür, bevor er noch den Brief durch den Briefschlitz stecken konnte, machte eine Frau aus dem dritten Stockwerk auf sich aufmerksam und liess gleichzeitig einen Korb an einem Seil herab. In ihm befand sich eine kurze Notiz: Ich bin Marjan Omid. Falls der Brief für mich bestimmt sein sollte, legen Sie ihn bitte in den Korb. In diesem Haus darf niemand erfahren, dass ich einen Brief erhalte.

Der Postbote betrachtete die Vorderseite des Umschlages in seinen Händen: Die Empfängerin war Marjan Omid. Er nickte und legte den Brief in den Korb. Die junge Frau warf ihm vor Freude eine Kusshand zu, zog den Korb hoch und entfernte sich vom Fenster.

Der Postbote war völlig verwirrt: Seit fast dreissig Jahren übte er diesen Beruf aus, von denen zwölf Jahre in diesem Viertel stattgefunden hatten, und noch nie war er mit einer solchen Situation konfrontiert gewesen. Das Ganze erschien ihm sehr dubios, also lieferte er dem Geheimdienst in der Zentralpost einen Bericht ab. Kaum hatte er das getan, bereute er es auch schon. Sie verpflichteten ihn dazu, eine Abschrift aller abgesandten und empfangenen Briefe der Frau dem zuständigen Amt auszuhändigen. Dies war das erste Mal, dass er einen mysteriösen Fall gemeldet hatte und beauftragt wurde, ihm nachzugehen. Er fühlte, dass er das Leben einer unschuldigen Frau in Gefahr gebracht hatte.

Eine Stunde später stand er vor der Tür zum Gebäude mit der Nummer 33. Ja, die junge Frau wartete hinter dem Fenster auf ihn. Kaum hatte sie ihn gesehen, liess sie nach einem flüchtigen Lächeln den Korb herab. Im Korb befand sich ein gefaltetes Blatt mit einer kurzen Notiz sowie einer Münze. Der Postbote las die Notiz: Herr Postbote! Ich bin in dieser Wohnung wie gefangen und habe keinen Kontakt zur Aussenwelt. Bitte verschicken Sie den Brief an die Adresse, die ich am Ende dieser Notiz aufgeschrieben habe. Das Geld für den Umschlag und die Briefmarke habe ich ebenfalls in den Korb gelegt. Er entnahm alles dem Korb, nickte zum Zeichen seines Einverständnisses und legte den Brief für die junge Frau in den Korb. Er wusste selbst nicht, warum er ihr so leicht vertraute.

Der Postbote erlag der Versuchung, den gefalteten Brief der jungen Frau zu lesen, und öffnete ihn. Er hatte keine zwei Zeilen gelesen, als er es bereute. Der Brief begann mit verliebten Worten, so dass ihn das Gefühl beschlich, in die heilige Zweisamkeit ruhelos Verliebter eingebrochen zu sein. Er faltete den Brief wieder, steckte ihn im Postamt in einen Umschlag, klebte eine Briefmarke darauf und warf ihn ein. Bereits die ersten Zeilen, die er gelesen hatte, genügten, um ihm zu beweisen, dass sein Entschluss, dieser Frau zu helfen, richtig gewesen war. Er würde dem Geheimdienst nichts mehr berichten.

Das ganze nächste Jahr hindurch wiederholte sich der Ablauf im Abstand von jeweils einem Monat: eine junge Frau, die am Fenster wartete, und ein Korb, der herabgelassen wurde, mit einem Brief sowie einer Münze und eventuell einer kurzen Notiz. Der Postbote war ein für alle Mal von der Versuchung, ihre Briefe zu lesen, befreit. Er war sich sicher, dass die Briefe nichts ausser den Worten von Verliebten enthielten.

Doch eines Tages geschah es. Als der Postbote vor der Tür zum Gebäude Nummer 33 stand, wartete die junge Frau nicht mehr am Fenster auf ihn. Das Fenster war verschlossen und die Vorhänge zugezogen. Er wusste nun nicht, was er mit dem geheimen Brief anstellen sollte. Er war verwirrt. Dann sah er die Anzeige, die an der Tür angebracht war: Marjan Omid war tot.

Seine Verwirrung wich einer Verzweiflung und Bestürzung. Ihm wurde schwindlig, weshalb er sich an die Gebäudemauer lehnte. Unbewusst führte er seinen Finger an die Türklingel und drückte sie. Es änderte sich nichts, ausser dass das Schwindelgefühl stärker wurde.

Es vergingen einige lang anmutende Augenblicke, bis ein ungefähr 60-jähriger Mann mit einem tadellosen Äusseren die Tür öffnete. Der Postbote öffnete seinen Mund, um etwas zu sagen, doch er blieb stumm: Es war, als wäre sein Hirn von sämtlichen Wörtern geleert worden. Was ihn am traurigsten stimmte, war die Tatsache, dass das Gesicht des Mannes überhaupt keine Ähnlichkeit mit dem Gesicht eines Menschen hatte, der in Trauer war. Der Mann fragte: «Habe ich etwa einen Brief?», und blickte ihn erwartungsvoll an. Der Postbote setzte noch einmal an, zu sprechen, aber vergebens, am Ende schüttelte er den Kopf, wandte sich ab und ging seiner Wege.

Er war noch keine sieben Schritte gelaufen, als er hörte, wie sich hinter ihm die Tür schloss. Dann wagte er es, zurückzukehren, und starrte wieder auf die Todesanzeige. Die junge Frau war erst vor vier Tagen gestorben. Er drehte sich um und unterzog die gegenüberliegenden Gebäude, Bäume, ein oder zwei geparkte Autos sowie einige Passanten einem forschenden Blick. Ja, alles war real, und er war wach.

Er entfernte sich von der Gasse, doch dann kehrte er zurück. Er konnte nicht einfach über dieses traurige Rätsel hinwegsehen und es wie ein normales Geschehen wegstecken. Er betrat den kleinen Supermarkt des Viertels und sah sich nach dem Besitzer des Ladens um. Der Besitzer des Supermarkts glaubte einen Brief zu erhalten und kam aus der hinteren Ecke seines Ladens nach vorn. Doch der Postbote begrüsste ihn nur und setzte sich nahe dem Tresen auf einen Hocker. Er konnte die Aufregung und Angst in seinen Augen nicht verbergen. Darum fragte der Ladenbesitzer: «Ist etwas passiert?»

Er wartete nicht auf eine Antwort und fügte sofort hinzu: «Ich hole Ihnen gleich ein Glas Wasser.»

Der Postbote sagte nichts. Er nickte vage zum Zeichen seiner Zustimmung und seines Dankes. Jäh fuhr es ihm in den Sinn, dass er mit seiner Neugierde über die junge Frau möglicherweise den Argwohn des Ladenbesitzers wecken könnte. Aber es war zu spät, um den Laden zu verlassen: Der Mann stand bereits mit einem Glas Wasser vor ihm. Er nahm das Glas und leerte es in einem Zug. Dann begann er: «Diese junge Frau ...»

Der Ladenbesitzer verstand sofort. «Sie stürzte sich aus dem Fenster und war tot», sagte er.

Der Postbote riss vor Verzweiflung die Augen auf, da fügte der Ladenbesitzer hinzu: «Die Polizei hatte das Haus umzingelt, als sie das Fenster aufriss und sich hinabstürzte.»

Er wollte noch nach dem Grund fragen. Aber er fragte dann doch nicht. Er stand auf und verliess den Supermarkt. Als er am nächsten Tag zur Post ging, drückte er als erste Amtshandlung den roten Stempel mit der Aufschrift «Adressat unbekannt» auf den Brief und warf ihn in den Behälter für unzustellbare Briefe. Noch bevor er seinen Anteil an Briefen und Paketen für die tägliche Zustellung entgegennahm, ging er in die Personalabteilung und legte sein Gesuch für die Pensionierung auf den Tisch des Beamten.

 


USA

KERSTIN ZILM

 

Jeden Morgen, Montag bis Freitag, überquert Veronica Lozano kurz vor neun in dunkelblauer Hose und hellblauem Hemd die Dorfstrasse und geht von ihrem Haus zu ihrem Arbeitsplatz: die Post in Lone Pine, einem Ort mit 2000 Einwohnern im Süden Kaliforniens. Am Horizont sieht sie die schneebedeckten Gipfel eines Gebirgskammes, in dessen Mitte Mount Whitney thront, der höchste Berg der USA ausserhalb Alaskas, 4421 Meter.

Es ist der zweite Juli und morgens um neun schon fast dreissig Grad Celsius. Um halb zehn hisst sie die amerikanische Flagge vor dem Eingang und schliesst den Verkaufsraum auf. Veronica ist mehr als nur eine Postangestellte – sie ist Krisenretterin, Lebenshelferin und Erstversorgerin. Sie überreicht müden, ausgelaugten, manchmal demoralisierten Wanderern heiss ersehnte Pakete; mit Briefen der Eltern, neuen Strümpfen oder der Lieblingsknabberei, die sie dazu beflügeln soll, ihren Weg weiterzugehen.

Auch heute warten bereits zwei Gestalten in Wanderschuhen, Shorts und mit von der Sonne geröteten Gesichtern vor dem Verkaufsraum. Ashley und Judah sind leicht als Wanderer vom Pacific Crest Trail zu identifizieren. PCT nennen Kenner und Fans den 4279 Kilometer langen Wanderweg von Mexiko nach Kanada, durch gnadenlos trockene Wüstengebiete voller Klapperschlangen und blendende Schneefelder in der Sierra Nevada mit Berglöwen und Schwarzbären. Seit Cheryl Strayed mit ihrem Buch Wild den Wanderweg 2012 weltweit berühmt gemacht hat, suchen hier jedes Jahr tausende nach dem Sinn ihres Lebens, nach neuen Aufgaben und der Kraft, Überflüssiges loszulassen. Bergsteiger, die die höchsten Berge der Welt erklommen haben, genauso wie Anfänger, die nicht wissen, wie sehr ein Rücken nach der ersten Wanderwoche mit Rucksack schmerzen kann. Ashley und Judah sind irgendwo dazwischen: athletische Wochenendwanderer aus Kentucky, 24 und 29 Jahre alt, die ihre IT-Jobs gekündigt haben. Seit zwei Jahren sind sie zusammen, haben genug von Büros, Computerbildschirmen und Zehn-Stunden-Arbeitstagen; sie wollen zurück zur Natur, das Jetzt geniessen und sich materiell auf das Nötigste beschränken. Die Wanderung ist auch ein Beziehungstest.

Vor anderthalb Monaten sind sie an der kalifornisch-mexikanischen Grenze gestartet. In Lone Pine wollen die beiden ihre Bärenkanister abholen und dann den Anstieg zum Mount Whitney beginnen. Bärenkanister sind tragbare Kunststoffbehälter, in denen Wanderer in der Wildnis ihr Essen und Kosmetikprodukte verstauen, alles, was irgendwie verlockend für Bären riechen könnte. Ashley und Judah haben auch von Berglöwen gehört, die Wanderern in der Nacht nachstellen. «Ein Mann hat sich in einem Dixi-Klo eingesperrt. Als er nach zwei Stunden rausgeschaut hat, sass der Löwe zehn Meter entfernt von ihm. Erst am Morgen ist er endlich verschwunden.»

Veronica hat schlechte Nachrichten für das Paar. «Es sind keine Bärenkanister für euch da. Laut Tracking-Nummer müssten sie eigentlich hier sein.» Den beiden stockt das Herz. Ohne Kanister kein Weiterwandern! Sich noch einmal welche liefern zu lassen, wäre nicht nur teuer, sondern würde auch Tage dauern, und sie sind sowieso schon spät dran. PCT-Profis sind vor Mitte Juni durch Lone Pine gekommen. Schaffen Ashley und Judah es nicht bis Oktober nach Kanada, wird der Schnee im letzten Abschnitt unüberwindbar. «Könnte ein anderer Name draufstehen?», hakt die Postbeamtin nach. «Der von meinem Freund, der sie geschickt hat?», schlägt Judah vor. Volltreffer! Sie haben aber mit noch einem Paket gerechnet. Ashleys Lieblingsschokolade sollte da drin sein. Während Veronica andere Kunden bedient, setzt sich Kollege Jeff Hofrock an den Computer. Nach zehn Minuten findet er heraus: Das Paket ist in einer anderen Poststation gelandet. Er bietet an, es ohne zusätzliche Kosten weiter Richtung Norden schicken zu lassen. Ashley ist frustriert. Die Vorfreude auf ihre Schokolade hat sie über Hitzestrecken und durch Nachtwanderungen getragen. Sie hat sich schon vorgestellt, ein paar Stücke auf dem Berggipfel zu geniessen. Sie nehmen Jeffs Angebot trotzdem gern an und schauen dann ratlos auf die Putzeimer-grossen Bärencontainer. Die sind grösser als ihre Rucksäcke. Die beiden haben so wenig Gepäck, als gingen sie auf eine Tageswanderung. Ersatz-Shorts, Haferflocken und Erdnussbutter haben sie schon am zweiten Tag in eine sogenannte Hiker-Box gelegt, die es immer wieder an den Zwischenstationen auf dem Wanderweg gibt. In diesen Boxen lassen Wanderer zurück, was sie nicht mehr benutzen, andere finden dann vielleicht genau das darin, was sie brauchen. «Ab jetzt haben wir Sitze», versucht Judah seine Freundin aufzuheitern, und zehn Minuten später machen sich die beiden wieder gut gelaunt auf den Weg. «Ich hoffe, sie haben genug warme Sachen zum Anziehen und eine gute Iso-Matte dabei», meint Jeff besorgt.

In Lone Pine gibt es keinen Briefträger. Wer hier lebt, muss seine Post beim Amt abholen. Am Schalter stehen inzwischen wie an jedem ersten Montag im Monat Kunden für Zahlungsanweisungen Schlange. Sie zählen Dollarscheine auf den Tresen für Miete, Hypothek und Autoraten. Veronica kennt fast alle mit Vornamen. Sie reden über das Wetter, die Enkel und ihre Pläne für den bevorstehenden Feiertag. Eine von ihnen, Caroline Paquet, lobt: «Hier arbeiten einfach die freundlichsten Postangestellten! Sie regen sich nie über dreckige, stinkende Wanderer auf und tun alles, was sie können, um Pakete und Briefe dem richtigen Empfänger zu übergeben.» Das sei entlang des Pacific Crest Trail keine Selbstverständlichkeit, sagt Paquet, «obwohl manches Paket lebenswichtig ist, zum Beispiel, wenn jemand dringend Medikamente braucht.»

Jeff Hofrock, Mitte fünfzig, entscheidet über Umgangsformen und Formalitäten in der Post von Lone Pine. Er ist schmächtig und hat graublondes Haar, seine Stimme klingt sanft; seit anderthalb Jahren ist er hier Postmaster. Veronica, die schon zwölf Jahre im Amt arbeitet, hat ihm die besonderen Bedürfnisse der Wanderer erklärt, deren Pakete ab Mai den Lagerraum überfluten. Jedes Jahr werden es mehr. «In der Hochsaison haben wir um die 600 gleichzeitig. Alle Regale und der Boden sind voll», sagt Jeff.

Jetzt im Juli ist der Lagerraum noch übersichtlich geordnet, mit rund sechzig Paketen in den Regalen. Bis zum Nachmittag holt niemand mehr eines ab. Erst kurz vor Ladenschluss um halb fünf kommt ein junger Mann in Shorts, T-Shirt und Wanderschuhen hereingestolpert. Ein vollgepackter Riesenrucksack drückt seine Schultern nach unten. In einer Hand hält er einen Faltstuhl, in der anderen einen Eispickel. «Verschickst du die Sachen innerhalb der USA?», fragt Veronica. «Ja, das geht alles an meine Mutter. Kein Eis mehr in den Bergen!» Er legt Faltstuhl und Pickel, zwei Paar Socken, eine Buskarte und einen Ausweis fürs Fitnessstudio auf den Tresen. «Nimm unsere Flat-Rate-Pakete. Die Verpackung kostet dich dann nichts», rät sie ihm. «Und das Verpacken ist billiger als nach Gewicht. Das wird teuer.» Sie gibt ihm eine Rolle Klebeband. «Die Spitzen vom Pickel bitte gut einwickeln!»

Austin Rogers ist vor drei Wochen bei Kilometer 728 nördlich von Los Angeles in den Wanderweg eingestiegen. Er hat eine Nacht im Hostel von Lone Pine geschlafen, am Abend vorher neun Stück Pizza verschlungen, am Morgen lange geduscht und dann seine Wäsche gewaschen. «So frisch habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt», sagt er. Jetzt will er schnell zurück auf den Weg. Dort nennen sie ihn «Gorilla», weil er dieses Ungetüm von Rucksack schleppt. «Ich glaube, es sind siebzig Pfund», sagt er und lacht. Er will zwölf Pfund leichter aus der Post rauskommen. Veronica muss ihn enttäuschen: «Dein Paket sieht eher nach sechs, sieben Pfund aus.» Knapp sechs Pfund zeigt ihre Waage. «Willst du noch was reinpacken?» Austin nimmt ein dickes Buch aus dem Rucksack: A Course in Miracles – eine Anleitung zur Selbstverwirklichung. Zwanzig Jahre ist Austin alt. Auf dem Weg will er herausfinden, ob er weiter als Fotomodell arbeiten oder eine Karriere als Schauspieler anstreben soll. Mit einem Rucksack war Austin noch nie unterwegs. In den vergangenen Wochen, erzählt er, sei es bei ihm deshalb vor allem ums tägliche Überleben gegangen: Essen, Wasser, sichere Schlafstelle, Blasen verarzten und das gestresste Knie bandagieren. Bei über vierzig Grad in der Wüste gab es mehrmals meilenweit keine Wasserquelle.

«Es wird steil in den Sierras. Da zählt jedes Pfund!», warnt ihn Veronica. Austin zuckt mit den Schultern und steckt das Buch zurück in den Rucksack. Dann klebt er das Päckchen zu; knapp vierzig Dollar kostet der Versand. Austin schultert sein Ungetüm und marschiert los.

Veronica geht nach draussen zum Flaggenmast und holt die Fahne ein. Ihr Arbeitstag ist nun zu Ende. Das Licht auf Mount Whitney ist sanfter geworden. Irgendwo da oben kämpfen Wanderer mit den Elementen und ihren eigenen Dämonen, erleben atemberaubende Aussichten und dramatische Überraschungen. Sie werden Dinge über sich selbst erfahren, die sie nicht ahnten oder wohlweislich unterdrückten, neue Freundschaften knüpfen und sich von Ballast trennen. Sie selbst würde nie den PCT-Trail wandern, sagt Veronica, auch weil sie es nicht so lange ohne Familie aushielte. Doch die Sehnsüchte und Hoffnungen der Wanderer versteht sie gut. Morgen wird sie wieder die Fahne hissen und den Suchenden signalisieren, dass hier Hilfe auf sie wartet.

 

 


 

Unter dieser neuen Rubrik haben wir nun zum zweiten Mal fünf Autoren rund um den Globus zu einem Thema recherchieren lassen – und ihre Geschichten zu einem Ganzen zusammengefügt. Wir arbeiten für diesen «globalen Lokaljournalismus» nach Möglichkeit mit Journalisten vor Ort zusammen.

 

Erwin Koch

Der Schweizer Autor ist berühmt für seine intensiven Porträts von Durchschnittsmenschen mit ihren besonderen Geschichten. Als 16-Jähriger war Koch in einem Luzerner Bauerndorf selbst 3 Wochen lang Briefträger. «Die meisten Höfe hatten keinen Briefkasten. Ich spazierte in die Wohnung und legte die Post auf den Küchentisch. Manchmal gab es ein Glas Apfelmost von der Bäuerin.»

 

Carol Pires

Die Politikjournalistin lebt und arbeitet in Rio de Janeiro. Zu ihrer Schulzeit war sie eine grosse Briefschreiberin: «Der letzte Brief, den ich geschrieben habe, das war vermutlich ein Liebesbrief an einen Schulfreund. Ich habe noch immer einen grossen Karton voller Briefe mit Blumen und Zeichnungen, manche waren sogar parfümiert!»

 

Emilienne Malfatto

Die Reportage aus dem Süden Frankreichs war für Emilienne Malfatto eine Abweichung von ihren sonstigen Einsatzgebieten, sie berichtet vor allem aus Krisenregionen im Nahen Osten. Malfatto schreibt heutzutage kaum noch Briefe, «höchstens wenn es um offizielle Dinge geht, an Ämter, oder vielleicht mal ein kleines Geschenk, das ich per Brief verschicke.»

 

Amir Hassan Cheheltan

Der iranische Autor beschreibt in seinen Reportagen und Büchern kritisch und doch warmherzig die Zerrissenheit seines Landes zwischen Religiosität und Moderne. Cheheltan ist gegenüber seinem Briefträger übermässig freundlich: «Wenn ich ihn nicht mit kleinen Geschenken bei Laune halte, kann es vorkommen, dass meine Briefe nicht bis zu mir finden.»

 

Kerstin Zilm

Die deutsche Autorin lebt in Kalifornien und schreibt selbst in Zeiten von Whatsapp und E-Mail noch häufig Briefe, vor allem an ihre Eltern in Deutschland. «Die haben weder Smartphone noch Computer und freuen sich, wenn regelmässig Post von mir kommt. Meine berufliche Kommunikation läuft dagegen fast komplett digital.»