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10 Freunde, ein Konto

Alle zahlen ein, was sie haben. Und nehmen, was sie brauchen. Ein Experiment in Brüssel.

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Marta

Auch wenn ihnen die Vorstellung missfällt, «Anführer» zu sein, waren Marta und Boris genau das. Sie hatten ursprünglich die Idee zu einem Common Wallet, einer gemeinsamen Brieftasche. Geht man in der Geschichte noch weiter zurück, ist das Erste, woran sich Marta erinnert, Folgendes: Eines Abends zündete sie mit drei Freunden in einem Schrebergarten in Brüssel ein Feuer an, und sie liefen so lange rückwärts darum herum, bis sie erschöpft waren und jeder ein initiales Bild vor Augen hatte. Ein solches von Schamanen- und Sufi-Praktiken beeinflusstes Imkreislaufen ist die Sorte von Ritual, die Marta gern sowohl im Leben als auch in ihren Theaterstücken inszeniert. Auf dem Bild, das bei ihr hochkam, war sie ein kleines Mädchen, das ihrer Grossmutter half, Kartoffeln auszubuddeln. Eine mühsame Arbeit in der Erde: Marta ist stolz darauf, Bäuerinnenhände zu haben wie ihre Grossmutter, Hände, die sich vor dem Dreckigwerden nicht scheuen. Sie ist eine schöne, warmherzige und begeisterungsfähige Frau von Anfang vierzig. Als gebürtige Norditalienerin hat sie alle linken Bewegungen hinter sich, die es in Turin und vor allem in Bologna heutzutage noch gibt: Kommunen, Genossenschaften, Hausbesetzungen, alternative Projekte. Wäre sie dreissig Jahre früher geboren worden, hätte sie sich vielleicht den Roten Brigaden angeschlossen, stattdessen wurde sie Schauspielerin und Tänzerin. Als solche spielte sie in den verrückten und provokanten Stücken eines belgischen Choreografen mit, und so begann sie, zwischen Bologna und Brüssel zu pendeln – zusammen mit Berlin eine der europäischen Städte, wo menschliche Wärme, eine potthässliche Architektur und niedrige Mieten der Künstlerszene besonders förderlich sind oder zumindest mal waren. Wenn Marta Strassenperformances und Happenings inszeniert, macht sie sich aktiv Gedanken über das, was sie Fair Practices nennt, also die gerechte Bezahlung und Berechnung von Arbeitszeit. Alle, die bei ihren Stücken mitmachen, sind aufgefordert, ihre Arbeitsstunden zu erfassen, was grosse Fragen aufwirft: Ist es Arbeitszeit, wenn man im Café mit einem Freund über das Stück redet oder in der Badewanne darüber nachdenkt? Wenn ja, auf welcher Basis bezahlt man sie? Warum ist die Zeit von allen Leuten nicht gleich viel wert? Woran liegt es, dass eine Zahnarztstunde mehr wert ist als eine Babysitterstunde? Ist es gerechtfertigt, dass eine Arbeitsstunde von Marta mehr wert ist als die des Beleuchters oder der Person, die die Eintrittskarten verkauft, weil Marta das Stück konzipiert und inszeniert hat? Ist ein Essen genauso viel wert wie die Mitarbeit in einer Vorstellung als Statist? Wiegen acht Stunden Schlaf in einem Gästezimmer bei Martas Mutter in Venedig ebenso viele Stunden administrative Arbeit für die Gruppe auf? Inspiriert von diesen Fragen hat Marta ein Stück entwickelt, das genau eine Stunde dauert, weil eine runde Zahl einfacher zum Rechnen ist: eine Stunde, die die Künstler dem Publikum schenken, das umgekehrt eine Stunde den Künstlern schenkt. So sah sich eine ganze Reihe Zuschauer eine Performance über Arbeitszeit an und schälte dabei Kartoffeln für das Essen der Schauspieler. Das Problem war nur, dass diese Zuschauer sich nicht damit zufriedengaben, zuzuschauen, sondern selbst mitzuspielen begannen, und es also ebenso verdient hätten, entlohnt zu werden: Die Sache ist eben kompliziert. 

Boris

In Brüssel lernte Marta Boris kennen, sie wurden ein Paar, das man ohne Übertreibung als Ausbund von alternativem Glamour beschreiben kann. Boris, wie alle Protagonistinnen und Protagonisten dieser Geschichte heisst er in Wirklichkeit anders, ist ein grosser, gutaussehender Typ mit Bart und so sanft wie charismatisch, und wenn er bescheiden sagt, er arbeite für ein Künstlerkollektiv, muss man wissen, dass er der Chef dieses Künstlerkollektivs ist. Denn so besessen er von der Vorstellung von Gleichheit auch ist, er ist ein natürlicher Anführer. Er ist in diesem Grüppchen, das die Macht des Geldes zu unterlaufen versucht, auch der Einzige, der welches besitzt. Und ihm ist absolut klar, was für ein Selbstbewusstsein ihm dieses verschafft; er weiss, dass sein Schlauchboot, wie er sagt, besser aufgeblasen ist als das von anderen. Boris stammt aus einer deutschschweizerischen Familie, die innerhalb von drei Generationen auf der sozialen Leiter ziemlich weit nach oben gestiegen ist. Während seine Grosseltern noch Bauern waren, wurde sein Vater Volkswirt, so dass er seinem Sohn den Luxus bieten konnte, Künstler zu werden. Als Boris zu Hause auszog, gab sein Vater ihm 150 000 Euro, um sein Glück im harten Geschäft der zeitgenössischen Musik zu versuchen. Boris lebte vier, fünf Jahre von diesem hübschen Sümmchen und fühlte sich unwohl, wenn er sich mit Studienfreunden verglich, die weniger gut gestellt waren. Das ging so weit, dass er sehr ernsthaft daran dachte, seine privilegierte Stellung gegen die von einem anderen einzutauschen, diesem freien Zugang zu seinem Bankkonto zu gewähren und sich selbst zu verbieten, davon Geld abzuheben. Seltsamerweise nahm aber niemand dieses Angebot an. Als Boris einmal eigenmächtig 10 000 Euro auf das Konto eines besonders bedürftigen Freundes überwies, schickte dieser ihm das Geld umgehend zurück und beschimpfte ihn. Was Boris am Ende seiner Lehrjahre in Amsterdam, Berlin und später Brüssel übrigblieb – wo er sich auch niederliess, nachdem er Marta kennengelernt hatte –, investierte er in den Umbau einer alten, riesigen, nicht wirklich beheizbaren Keksfabrik in der Nähe von Molenbeek. Molenbeek ist jenes Brüsseler Viertel, das den schlechten Ruf hat, ein Schlupfwinkel von Jihadisten zu sein – zwei Strassen von ihrer Keksfabrik entfernt wurde Salah Abdeslam verhaftet, der Attentäter vom November 2015 in Paris. Boris und Marta würden Molenbeek gern als multikulturellen Ort sehen, aber sie müssen wohl oder übel zugeben, dass es ein fast völlig monokultureller Ort ist, von dessen Bewohnern 95 Prozent Moslems sind, und in dem die seltenen Versuche der restlichen fünf Prozent, mit einladenden Cafés oder alternativen Kitas eine buntere Mischung herzustellen, kaum zünden. Boris und Marta zogen deshalb in eine andere alte Fabrik im angenehmen Stadtviertel Saint-Gilles, einem Viertel, das schon vor so langer Zeit gentrifiziert wurde, dass sie nicht das Gefühl haben, selbst Teil dieses Phänomens zu sein, das sie verurteilen: Das Unheil ist schon eingetreten, die Mieten sind schon gestiegen – wenngleich sie noch bezahlbar bleiben und man schöne Lofts für 600 Euro im Monat findet. Die Molenbeeker Keksfabrik ist eine Art Coworking Space geworden, in dem Boris, Marta, Oreste und Tahel, von denen ich gleich noch erzählen werde, Projekte und Performances entwickeln. Die von Boris haben eine klar politische Ausrichtung: Er will, dass sie etwas verändern. Er interessiert sich für das Thema Geld, dieses Etwas, mit dem man die ganze Zeit lebt, ohne recht zu wissen, wie es funktioniert. «Im Grunde wusste ich weniger über Geld als über Quantenphysik», sagt Boris. So fuhr er nach Genf und traf Bankmenschen, Vermögensverwalter und eine Dame von der Schweizerischen Nationalbank und stellte ihnen bewusst naive Fragen: Woher kommt das Geld auf meinem Konto? Wie wird es geschaffen? Warum dürfen nur Banken Geld schöpfen? Das Ganze wurde zu Boris’ Marotte, und er gibt lachend zu, dass er wohl ziemlich daneben gewesen sein muss, weil er seinen Freunden mit diesem Thema so auf die Nerven gegangen ist. 

Von oben nach unten: Flag/Aubry Broquard, Jannis Esselbrügge, Gregory Gilbert-Lodge, Lina Müller, Johanna Walderdorff

Oreste

Jeder hat seine eigene Version der Geschichte von der Entstehung des Common Wallet, aber alle fallen mehr oder weniger mit dem Moment zusammen, als Boris zum ersten Mal mit ihnen darüber sprach. Bei Oreste war das ein Abend im Herbst 2017 während der Tournee mit einem Theaterstück von Boris zum Thema Geld. Oreste stammt aus Genua, er hat dichte, lockige Haare, einen kleinen schwarzen Schnauzer und eine frappierende Ähnlichkeit mit Charlie Chaplin, dessen zerbrechliche, unzähmbare Anmut er auch teilt. An jenem Abend fuhren Boris und Oreste in einem Kleinbus eine Strasse in Nordeuropa entlang, wechselten sich beim Fahren ab, und da es in ihrem Stück um Geld ging, sprachen sie über Geld. Wir alle wissen, dass Geld ein so explosives wie schambesetztes Thema ist. Wenn Sie mir einen Einschub erlauben: Ich habe einen Freund, dessen einzige Gesprächsthemen Geld und Sex sind, nichts anderes interessiert ihn. Wenn er jemanden kennenlernt, kommt er sofort zur Sache: Wie viel verdienst du, was machst du mit deinem Geld, was sind deine sexuellen Vorlieben? Am Anfang irritiert so etwas, aber zumindest kann man sich sicher sein, dass man mit diesen Themen ein echtes Gespräch führen wird und keinen Small Talk. Während also der Regen über die Autobahn peitschte, sprachen Boris und Oreste über ein Genossenschaftsprojekt, das zum Ziel haben sollte, den besten Nutzen aus dem Status «Künstler» zu ziehen. Die Sache interessierte Oreste sehr, denn er hatte damals diesen begehrten amtlichen Status noch nicht und krebste ohne jede Art von Arbeitslosenversicherung oder sozialen Schutz herum. Und irgendwann fragte Boris Oreste mit seiner immer sanften und ruhigen Stimme, die kaum das Quietschen der Scheibenwischer übertönte, ob es denn nicht einfacher wäre, wenn man statt einer Genossenschaft gleich ein gemeinsames Bankkonto hätte, auf das jeder einzahlt, was er verdient, und von dem er abhebt, was er braucht. «Einfacher?», fragte Oreste. «Du glaubst, das wäre einfacher? Und wer wäre dieses man? Und wer wäre jeder?» «Na ja», antwortete Boris, «du und ich, Marta, Bettina, Tahel, Luis Maria …» – «Und die Lebensgefährten, würden wir die auch teilen? Soll das eine Hippiekommune werden oder was? Davon habe ich genug den Bach runtergehen sehen, da bin ich nicht dabei.» «Nein, keine Hippiekommune. Nur ein Common Wallet, ein gemeinsames Portemonnaie.» Oreste dachte nach, dann sagte er: «Habe ich dir schon mal von meiner Familie erzählt? Meine Familie ist ein natürliches Common Wallet. Mein Vater und mein Onkel haben beide am selben Tag in derselben Kirche zwei Schwestern geheiratet, und sie haben zusammen in Neapel ein gemeinsames kleines Unternehmen für Weihnachtsdekoration gegründet. Wenn wir essen gingen, dann alle zusammen, die vier Erwachsenen, ich, meine Cousins, und es war völlig egal, wer bezahlte, mein Vater oder mein Onkel, weil das Geld sowieso aus derselben Kasse kam …» «Und hat das funktioniert?» «Ja. Das heisst, bis zur Krise, danach wurde es schwierig. Ich erinnere mich, als mein Vater vom real green zum fake green gewechselt ist, von echten zu Plastiktannenbäumen. Er war superstolz, er fand ihn grossartig, diesen drei Meter hohen Plastikbaum, den er vor den Laden gestellt hatte, und ich weiss noch, dass ich zu ihm gesagt habe: Papa, wenn du glaubst, dieser Baum sei besser als ein echter, dann hast du ein Problem.» Boris fand diese Geschichte zum Schiessen, und sie haben beide herzlich gelacht. Nur hatte Oreste umgekehrt ein Problem mit dem, was Boris vorschlug. Das Problem war, dass Oreste wie Charlie Chaplin – oder na ja, nicht wie Charlie Chaplin, sondern wie dessen Figur, der Tramp – arm war. Er ist immer arm gewesen, und natürlich sagte er sich: Gemeinsame Kasse mit Boris zu machen, der reich ist – zumindest nach Orestes Kategorien –, das könnte kompliziert werden. Diese Zweifel nahmen noch zu, als er bei seiner Rückkehr mit Bettina darüber sprach, mit der er lebte und eine kleine Tochter hat. Denn auch Bettina ist arm, beide schlagen sich gerade so durch; er, indem er in Boris’ Performances filmt und darin das Licht macht, sie, indem sie eines seiner Lieblingsbücher auswendig lernt, nämlich Das Jagdgewehr von Yasushi Inoue, und damit improvisierte Lesungen in Buchhandlungen und Bibliotheken macht, vor allem aber, indem sie sich mit Nebenjobs über Wasser hält und für Leute arbeitet, die ihre Wohnungen und Häuser als Airbnb anbieten, das heisst, indem sie die Schlüssel einsammelt und putzt, und indem sie darum kämpft, den begehrten Künstlerstatus zu bekommen. Vergebens, denn, wie sie sagt, beisst sich hier die Katze in den Schwanz: Sie bekommt ihn nicht, weil sie zu viele Nebenjobs macht, und sie macht zu viele Nebenjobs, weil sie ihn nicht bekommt. Als Oreste nun daherkam und ihr von der Idee eines Common Wallet erzählte, rastete sie völlig aus. Weil ihr Einkommen so niedrig war, dass sie sich dafür schämte. Und es beruhigte sie auch nur zum Teil, als Boris und Marta, die sich ihnen gegenüber trotz des Altersunterschieds von nur wenigen Jahren ein bisschen wie Eltern verhalten, geduldig erklärten, dass das, was auf den ersten Blick wie ein Problem aussah, doch genau die Lösung des Problems sei.

Tahel

Jedes Mal, wenn sie mit Leuten aus ihrem Umfeld über das sprachen, was bis dahin nur eine leicht schwammige Idee war, und sogar jedes Mal, wenn ich dreieinhalb Jahre später jemandem von der spannenden Recherche zu dieser Reportage erzählte, tauchte dieselbe Frage auf: Okay, es geht um eine gemeinsame Kasse, jeder gibt, was er verdient, und nimmt sich, was er braucht – aber was, wenn einer in der Gruppe die Sache missbraucht? Wenn irgendein Oberschmarotzer das Konto plündert, um sich eine Rolex zu kaufen oder gar mit dem gesamten Geld durchzubrennen? Wenn jemand anfangs dieses Argument Boris entgegenhielt, zuckte er mit den Schultern: Im schlimmsten Fall wäre das, was jeder verlöre, nicht das Ersparte von vielen Jahren, sondern nur sein Anteil, nämlich ein Zehntel von dem, was normalerweise so auf einem Konto liegt, das sowieso meistens im Minus ist, so what? Tatsache ist, dass während des bisherigen dreijährigen Bestehens des Common Wallet nichts dergleichen passiert ist und das Problem nie ein Oberschmarotzer war, der sich bereichert hatte – eine Rolle, zu der niemand in der Gruppe neigt –, sondern vielmehr, dass die Ärmsten von ihnen, Bettina etwa, sich fürchteten, den anderen auf der Tasche zu liegen. Das Problem sind Scham und Selbstzensur, und wenn jemand das Nachdenken darüber vorangebracht hat, dann Tahel. Tahel ist eine israelische Tänzerin und Choreografin, die die ersten zwanzig Jahre ihres Lebens in einem Kibbuz verbracht hat – ohne Geld. Dass es so etwas gab, entdeckte sie praktisch erst, als sie nach Europa kam. Im Laufe der Jahre, in denen sie sich wie alle anderen abstrampelte, entdeckte sie auch, dass ihre besten Freunde, diejenigen, die alles mit ihr teilten, in Wirklichkeit gar nicht alles teilten: das Geld nämlich nicht. Die Grosszügigsten leihen einem vielleicht noch Geld, aber sie teilen es nicht. Oder sie erwarten etwas dafür, eine Gefälligkeit zum Beispiel, die das geliehene Geld aufwiegt. Von daher Tahels revolutionäre Idee: Damit so etwas wie ein Common Wallet funktioniert, muss man erstmal die Vorstellung von Gegenseitigkeit aus dem Kopf kriegen. Und das geht viel weiter als das, was ein Tauschsystem von Gefälligkeiten oder zur Verfügung gestellter Zeit ausmacht. Beim Common Wallet geht es nicht um einen Tausch, weil man in einer Tauschbeziehung den Wert der getauschten Dinge oder Leistungen notwendigerweise berechnet, und das ist letztlich kein Unterschied zum Geld, es ist dieselbe Logik. Während der ganze Witz des Common Wallet darin besteht, diese Logik zu unterwandern. Es geht nicht darum, dass man sagt: Dann tun die Ärmsten halt etwas anderes in den gemeinsamen Topf als das Geld, das sie nicht haben, dann können sie bei den Reicheren klempnern oder babysitten. Nein, die Ärmsten tragen als Arme ihren Anteil zum Projekt bei, denn sie sind eben arm. Was sie zu diesem Projekt und entsprechend für andere beitragen, ist, dass sie dabei sind.

Luis Maria

Ein weiterer entscheidender Beitrag in der Phase, bevor man zum ersten Mal zur Bank ging, war der von Luis Maria. Noch ein Italiener – in dieser belgischen Geschichte gibt es mehr Italiener als Belgier. Noch ein Linksaussen, der schon alle Gemeinschaftsformen durchhat, der alles mitgemacht hat, was von den Utopien der sechziger und siebziger Jahre übriggeblieben ist. Nur dass er ausserdem noch Umweltingenieur ist und in Apulien eine Art Landwirtschaftskommune aufbaut, so dass er seit mehreren Monaten nur aus der Ferne beim Common Wallet mitmacht – aber er macht mit –, und ich mit ihm nur per Zoom sprechen konnte. 

Als wir zu mehreren rund um die Tischtennisplatte sassen, die in Martas und Boris’ Loft als Esstisch dient, stand zwischen zwei Tischgenossen der aufgeklappte Computer, und Luis Maria sprach und ass und trank mit grossem Genuss mit, als sässe er dabei. Wo er auch ist, Luis Maria wirkt, als sei er immer schon da gewesen, und wer auch immer sein Gesprächspartner ist, fühlt sich, als sei er seit seiner Kindheit mit ihm befreundet. Sein Name stand von Anfang an im Raum, als Marta und Boris mit dem Fingerspitzengefühl von erfahrenen Regisseuren – die sie ja auch sind, vergessen wir das nicht – eine Art Cast überlegten. Denn sie suchten nach Leuten mit verschiedenen Temperamenten und einem unterschiedlichen Verhältnis zum Geld, aber doch auch einer gewissen Vorsicht: Ein enger Freund von ihnen ist zum Beispiel ein Spieler, ein echter, zwanghafter, impulsiver Spieler, einer von der Sorte, der im Kasino alles, was er besitzt, verliert, und in einem Fall wie ihrem verliert man nicht nur alles, was man selbst besitzt, sondern auch alles, was die anderen besitzen. Auch wenn ihn alle heiss und innig liebten, hatte keiner Lust, ihn eines Morgens verdruckst herumstehen zu sehen und kleinlaut sagen zu hören: Hört mal, meine Lieben, es tut mir wahnsinnig leid, aber … Also keine Fässer ohne Boden, keine Alkoholiker, keine Süchtigen, aber auch keine Kontrollfreaks, deren Beteiligung der Idee des Projekts gewissermassen noch mehr entgegenstünde. Wenn das Ganze funktionieren soll, dann muss man blind vertrauen können und auf jede Art von Kontrolle verzichten. Ein paar Wochen nach Boris’ und Orestes erstem Gespräch über Geld im Kleinbus der Theatertruppe beschlossen sie, ins kalte Wasser zu springen, für drei Monate einen ersten Versuch zu wagen und einen Bankmenschen zu finden, der ein Konto für sie eröffnet.

Lore

Warum hat Boris gerade Lore gebeten, diesen Bankmenschen zu finden? Lore hat keinerlei Expertise auf diesem Gebiet, das ist das Mindeste, was man dazu sagen kann, ihre Expertise besteht eher darin, an jedem 15. des Monats ohne besonders grosse Aufregung festzustellen, dass sie im Minus ist. Im Verlauf meiner Interviews habe ich recht schnell die Gewohnheit angenommen, jeden zu fragen, was er verdient – was mir alle völlig schamfrei beantworteten – und welches Verhältnis er zum Geld hat. Lore bezeichnete ihres als «nonchalant». Für ihre Arbeit als freiberufliche Dramaturgin verdient sie durchschnittlich 1300 Euro im Monat – ein Dramaturg ist in Belgien wie auch im deutschsprachigen Raum kein Dramatiker, sondern eine Art Materialbeschaffer, der den Regisseur bei seinen Recherchen unterstützt. Sätze wie: «Wir arbeiten nicht nur an Projekten, wir arbeiten am Zustand der Welt» kommen ihr leicht über die Lippen, und ich stelle mir mit einem gewissen Vergnügen den Blick der belgischen Banker vor, die diese hübsche, junge, ruhige, in jeder Hinsicht wohlgeratene Frau in ihr Büro kommen sehen, und sie dann nicht um ein Darlehen bittet, um sich ein Auto oder eine Wohnung zu kaufen, sondern fragt, ob sie ein Konto für sich und neun Freunde eröffnen könne. Ein gemeinsames Konto? Für zehn Kontoinhaber? Zehn Kreditkarten auf dasselbe Konto? Zehn Personen, die einzahlen, und zehn, die abheben? Die Ironie der Geschichte ist, dass Lore zuerst zu den Banken geht, die sich ethisch, alternativ und fair nennen – die gibt es, alles existiert in einer ethischen, alternativen und fairen Variante, selbst Hedge-Funds und Waffenherstellung, nehme ich an. All diese Banker sagen ihr: Nein, das kann nicht funktionieren, was ihr da vorhabt, wir geben euch drei Monate, dann erwürgt ihr euch. Ja eben, erwidert darauf Lore, wir wollen es ja auch nur drei Monate lang ausprobieren; wenn es nach drei Monaten nicht funktioniert, hören wir auf, wir sind ja nicht verrückt. Die ethischen Bankmenschen schütteln einhellig die Köpfe. Da Lore die vermeintlich Netten nicht überzeugen kann, wendet sie sich an die Bösen, und hier natürlich zuallererst an die KBC, die grösste und ganz und gar nicht ethische Bank in Belgien – und mit der KBC kann das Abenteuer starten. Auf einem Foto sieht man alle zehn (Marta, Boris, Oreste, Bettina, Luis Maria, Tahel, Lore, dazu Harpo, Kirsten und Annabel, die Sie noch kennenlernen werden) im viel zu engen Büro eines so perplexen wie neugierigen Bankberaters: In einer kleinen Zweigstelle der KBC amüsiert man sich nicht allzu oft, jetzt hat er für einmal etwas, wovon er seiner Frau beim Heimkommen erzählen kann. Dass der KBC-Berater letztlich beschloss, das Abenteuer zu wagen, kann ich mir nur damit erklären, dass er alle zehn wahnsinnig sympathisch fand. Offen, geradlinig, direkt, Leute also, denen man gern Vertrauen schenkt, und er hat es nicht bereut. Er hat sich daran gewöhnt, dass ihr Konto regelmässig überzogen wird, weil es auch regelmässig wieder gefüllt wird. Er hat sich daran gewöhnt, dass es auf einem einzigen Konto zwanzig oder dreissig Transaktionen am Tag gibt, während es sonst nur zwei bis drei sind. Und die Mitglieder des Common Wallet, das von jetzt an CW heissen soll, haben gedacht, die Sache mit der KBC sei schon okay für die ersten drei Monate, dann werde man etwas Besseres, Faireres und Ethischeres finden. Nach drei Jahren sind sie gegen alle Erwartung immer noch dort.  

Von oben nach unten: Animationseries200, Céline Ducrot, Dario Forlin, Friederike Hantel, Luca Schenardi

Harpo

Denn wiederum gegen alle Erwartung funktioniert es. Im Januar 2018 haben sie das Konto eröffnet, im Januar 2021 habe ich sie besucht: Die Sache läuft. Von der Probezeit sind sie organisch zu einer Art von friedlichem Geldumlauf übergegangen, und alle Mitglieder des CW stimmen überein, dass ihr Umgang mit Geld dadurch einfacher geworden ist. Speziell für die Paare, erklärte mir Harpo, denn es stellte sich heraus, dass es viel einfacher war, ein Bankkonto zu zehnt zu haben als zu zweit. Er zum Beispiel lebt mit Kirsten. Er macht Strassentheater, sie ist Leiterin eines Theaters, und er gibt umstandslos zu, dass sie mehr verdient als er, und dass sie die Einzige in ihrer Bande ist, die regelmässig Geld verdient, weil sie die einzige Angestellte ist. Zuvor besassen sie ein gemeinsames Konto, um daraus das Darlehen für ihre Wohnung, grössere Rechnungen und Steuern zu bezahlen, und jeder noch ein getrenntes Konto, dessen Gebrauch nicht festgelegt war. Wenn sie zusammen essen waren, gab es immer ein kurzes Zögern und Zaudern, wenn die Rechnung kam: Wer würde seine Kreditkarte zücken? Sollte man zusammenlegen? Jetzt ziehen sie die Wallet-Karte, und die Sache ist geritzt. Harpo ist ein hochgewachsener Typ mit langen Haaren, der zu Hause mit Anzughose über Kindersöckchen herumläuft, und es ist sehr angenehm, einen Winternachmittag mit ihm zu verbringen und Tee zu trinken, weil er den Eindruck vermittelt, völlig frei über seine Zeit zu verfügen, und weil er über alles mit einer leichten, zärtlichen Ironie spricht, die frei ist von jedem Sarkasmus. Schon seit drei Tagen treffe ich sie nacheinander im kleinen Umkreis des Viertels Saint-Gilles, in dem alle wohnen, und ich bin so gemacht, dass es mich selber zu nerven beginnt, dass ich sie alle, so wie der KBC-Berater, dermassen sympathisch finde. Ich wünschte, es gäbe irgendeine Schattenseite, und deshalb beginne ich alle zu fragen, was die dunkle Seite des Common Wallet sein könnte. Harpo amüsiert die Übung sichtlich, er zieht ein Gesicht wie ein Troll und sagt: «Hör zu, wenn du darauf wartest, dass sich unter uns ein Serienkiller befindet, muss ich dich enttäuschen. Ich weiss von keinem, wobei, man weiss ja nie, aber zumindest glaube ich nicht, dass es einen gibt. Wir sind alle mehr oder weniger coole Leute, wir mögen uns, wir treffen uns gern, und am meisten an der Sache gefällt uns, dass sie unsere Freundschaft noch tiefer macht. Das Einzige, was man dazu sagen kann, ist: Wir geben uns mit relativ wenig zufrieden. Wir halten uns ein bisschen zurück.» «Ach, wirklich?» «Ja klar, schau: Wir füllen das Konto jeden Monat mit dem Geld, das wir verdienen, und wir heben jeden Monat ab, was wir zum Leben brauchen, aber wir beschränken uns auf den Cashflow, wir setzen nicht das Ersparte oder das Erbe aufs Spiel, und es bleibt ein Riesenunterschied zwischen denen, die zum Beispiel Wohnungseigentümer sind, und denen, die es nicht sind. Zwischen denen, die einen doppelten Boden haben wie Kirsten und ich oder Marta und Boris, und denen, die keinen haben. Solange man nicht auch das angeht, ist man trotz allem noch irgendwie im Klein-Klein. Wir sprechen auch regelmässig darüber, das Thema kommt immer wieder aufs Tapet, aber bis jetzt haben wir noch keinen guten Weg gefunden, diese Hürde zu nehmen. Und dann ist da noch etwas anderes, aber das muss ich dir wohl nicht sagen, das hast du sicher selbst gemerkt: das Blasenhafte an der Sache. Wir sind ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, manche verdienen ihre Brötchen leichter als andere, aber wir sind trotzdem ein Grüppchen von Freunden, die in derselben Welt leben und über dieselben Witze lachen, ohne dass wir je mit einer wirklich anderen Meinung konfrontiert sind. Das ist nicht wahnsinnig dunkel im Sinn von dunkle Seite, aber es ist eine Beschränkung, und wenn wir das CW wirklich weiterentwickeln wollen, brauchten wir unter uns jemanden, der nicht über dieselben Witze lacht wie wir. Einen, der nicht Performer oder Bühnenbildner ist, sondern Klempner oder Versicherungsfritze. Oder sogar…», an dieser Stelle schaut Harpo nach rechts und links, als wolle er sichergehen, dass niemand ihn hört, und er senkt die Stimme: «Oder sogar einen Rechten.» Und dann schaut er wieder drein wie ein Troll, der gerade alle so richtig reingelegt hat, und prustet los: «Aber wie soll das gehen? Wir kennen ja keine Rechten!» 

Kirsten

Auf seine Weise sagte Oreste mir dasselbe: «Ich habe zwanzig Jahre in einem Land gelebt, das von Berlusconi regiert wurde. Aber, ja, ob du’s glaubst oder nicht, ich habe nie jemanden getroffen, der Berlusconi gewählt hat!» Das Erste, was Kirsten dazu einfiel, war ein Gespräch mit Marta zum Thema Fernsehen. Marta war, wie ich, davon überzeugt, dass der Computer das Fernsehen getötet hat und keiner mehr einen Fernseher besitzt. Sie hat keinen, ich habe keinen, niemand in der Gruppe hat einen, also: Keiner hat mehr einen Fernseher. Ein bisschen genervt suchte Kirsten die Zahlen heraus und hielt sie Marta unter die Nase: 98 Prozent aller Belgier haben einen Fernseher. Marta ahnt noch nicht mal etwas von diesen 98 Prozent, denn wie auch alle anderen Mitglieder des Common Wallet gehört sie zu den übrigen 2 Prozent oder vielmehr, präzisiert Kirsten, zu den 0,2 Prozent, an die sich ihre Stücke und Performances richten und ebenso die Stücke und Performances, die in ihrem Theater spielen. Doch auch wenn sie die Direktorin eines Avantgarde-Theaters ist, reklamiert Kirsten für sich, in der Gruppe die Repräsentantin jener 99,8 Prozent von Leuten zu sein, die weder Performer noch Bühnenbildner oder Installationskünstler sind und von denen ihre Freunde vom CW so gar nichts wissen. Als einzige geborene Belgierin und einzige Angestellte, einzige Autobesitzerin und Einzige, die ihren Urlaub mit der Familie während der Schulferien verbringt, ist Kirsten die verführerische, spöttische und hellsichtige Inkarnation des Realitätsprinzips in der Gruppe. Seit zwanzig Jahren lebt sie in der Welt der zeitgenössischen Kunst, die die flämische Regierung grosszügig subventioniert, und beobachtet dieses paradoxe Phänomen: Die Leute, die wie sie rund um die Kunst arbeiten, werden Vollzeit bezahlt, während die Künstler herumkrebsen. Diese Kluft erlebt sie auch in ihrem privaten Umfeld, denn nach einer Ehe klassischeren Typs, aus der sie zwei Kinder hat, lebt sie inzwischen mit Harpo, der ein so mittelloser wie charmanter Künstler ist, und hat eine sechsjährige Tochter mit ihm. «Als wir an der Bar des Theaters angefangen haben, über unser CW zu sprechen, war das wie ein Kunstprojekt», erzählt sie. Tatsächlich ist in ihrer kleinen Welt selbst das Zähneputzen ein Kunstprojekt, und Kirsten hat so viele Kunstprojekte gemacht, dass eines schon sehr besonders sein muss, um sie zu beeindrucken. Aber in diesem Fall sagte sie sich: endlich ein Kunstprojekt mit einem Bezug zur Wirklichkeit. Statt eines Experiments auf der Bühne etwas, was das Leben der Leute verändert. Deshalb hat es sie erst interessiert und dann gereizt, und zu ihrer eigenen Überraschung beschloss sie ziemlich spontan, den Sprung zu wagen. Harpo war ein ganz natürlicher Kandidat für das CW, sie überhaupt nicht, aber es war schwer vorstellbar, dass bei einem Paar einer mitmachen würde und der andere nicht, und als sie eines Abends alle zusammen tranken, sagte Kirsten zu ihnen: «Hört zu, mich selbst interessiert das, aber ich will den Karren nicht lenken, ich bleibe für die drei Monate Probezeit und zu gewissen Bedingungen quasi auf dem ‹Rücksitz›. Weil ihr, meine lieben Freunde, ohne euch verärgern zu wollen, mit vierzig 1200 oder 1300 Euro im Monat verdient – und bei 1500 wird schon der Champagner rausgeholt, obwohl das etwa der Armutsgrenze in Belgien entspricht –, und ich weiss, ihr habt dabei ein Gefühl der Selbstverwirklichung, aber in jedem anderen Beruf wäre das Ganze undenkbar. Um mich klar auszudrücken: Ich bin eine Middle-Class-Frau mit Middle-Class-Träumen, und ich habe genug Geld, um mir die Freiheit zu nehmen, mit den monatlichen Ausgaben ein bisschen zu experimentieren, aber auch nicht genug, um mehr zu riskieren. Ich trage mehr Verantwortung für meine Familie als für euch. Sind wir uns da einig?» «Ja, klar, Kirsten», antworteten die anderen einstimmig, denn es ist schwer, Kirstens gesundem Menschenverstand zu widerstehen. Kirsten ist megakonkret, megacash, und mit ihrer konkreten und cashen Art erklärte sie mir, wie die Dinge organisiert wurden: Sie verdient 2800 Euro im Monat – was sie zur Reichen in ihrem Trüppchen macht, doch der Unterschied zu den Ärmsten ist trotzdem nicht astronomisch. Davon bezahlt sie 1100 Euro vom Darlehen für ihre Wohnung in der grossbürgerlichen Avenue du Roi ab. Dieses Geld bleibt beim CW aussen vor, bleiben also 1700 Euro, die sie einzahlt. Ausserdem erhält sie Kindergeld, das auf ein separates Konto geht. Da sie das Darlehen mit ihrem Gehalt abzahlt, schuldet Harpo ihr die Hälfte des monatlichen Betrags, das heisst 550 Euro, die er dem CW entnimmt, aber da er auch seine gesamten Einkünfte ins CW einzahlt, trifft man sich dort wieder. Das ungeschriebene Gesetz, denn es gibt kein schriftlich fixiertes, lautet also: Der Wirtschaftskreislauf der Ärmsten läuft vollständig über das CW – man zahlt alles ein, was man verdient, und nimmt sich alles heraus, was man braucht –, während die Bessergestellten noch weitere Konten und andere Kreditkarten haben, die für andere Zwecke bestimmt und vom Gemeinsamen ausgenommen sind. Und wenn man nun gegen Ende des Monats oder vorher bemerkt, dass man im Minus landet? Dann macht man zweierlei. Zum einen schnallt man den Gürtel enger, und daran sind einige mehr gewöhnt als andere. Und da das Gürtelengerschnallen seine Grenzen hat und Kirsten nicht dieselben Konsumgewohnheiten wie Oreste oder Bettina und sich auch nicht zu ihrer Genügsamkeit bekehren will, besteht die zweite Lösung darin, auf die Reserven derer zurückzugreifen, die welche haben. Irgendwann passiert immer das Erstaunliche: Die Reicheren füllen das CW jedes Mal, wenn es nötig ist, aus ihren Aussentaschen auf. Was sie hineingeben, bildet eine Art Kredit, aber einen ungefähren, nicht exakt berechneten, der auch nicht sofort zurückgezahlt werden muss. So also funktioniert das CW, und Kirsten ist wie Harpo der Meinung, dass es bequem, unbekümmert, aber nicht riskant ist und letztlich erlaubt, weniger ans Geld zu denken als vorher. Das Problem sind die ausserordentlichen Ausgaben. Abgesehen von der haarigen Frage nach Ersparnissen, dem, was man für die Zukunft, das Studium der Kinder oder den Notfall zurücklegt, und abgesehen von den Stunden, die man damit verbracht hat, sich ein System auszudenken, das über einen längeren Zeitraum als einen Monat funktionieren könnte, war die Frage, die alles zugespitzt hat, die nach den Ferien. Der Moment scheint gekommen, den Staffelstab an Annabel weiterzureichen und von der Krise vom Sommer 2019 zu erzählen.

Annabel

Annabel ist eine junge Frau mit blauen Augen und langen, schwarzen Haaren, die gleichermassen von der Verzückung über die Schönheit der Welt angetrieben wird wie von ihrer Wut auf die, die sie zerstören. Sie bezeichnet sich als «antiextraktivistische Aktivistin». Die Extraktivisten, die sie bekämpft, sind jene, die dem Boden die primären Rohstoffe entziehen, ohne sich um ihre Erneuerung zu kümmern, und das Emblem der extraktivistischen Perversion ist ihrer Meinung nach die Topfpflanze: Von ihrem ursprünglichen Milieu entfernt, wird sie verdinglicht, kolonisiert und unserer kolonialen Erzählung unterworfen … Ich höre Annabel ein bisschen perplex zu, als mir plötzlich bewusst wird, dass es in ihrem kleinen Wohnzimmer Dutzende von Topfpflanzen gibt und wir unser Gespräch eigentlich inmitten eines Topfpflanzenwalds führen. «Ja», antwortet sie, ohne mit der Wimper zu zucken, «aber ich mag sie, und letztlich muss man dieser Realität ins Gesicht sehen, statt sie zu verleugnen, ausserdem kaufe ich sie nicht, sondern ich sammle sie auf der Strasse auf, ich mache beim Handel damit nicht mit, das ist ein grosser Unterschied.» Okay. Annabel kommt aus einer flämischen Familie, ihre Grosseltern waren Arbeiter, der Vater Architekt, die Mutter Krankenschwester, sie ist die dritte Generation in diesem Stammbaum sozialen Aufstiegs, diejenige, für die man Geld gespart hat und die ihre Eltern sowohl mit Stolz erfüllt als auch damit um den Schlaf bringt, dass sie irgendwelche künstlerischen Sachen macht. Ihr Verhältnis zum Geld ist recht entspannt. Ihr ist nur wichtig, ein bisschen mehr zu haben als das Nötigste, um auch spendabel sein zu können. So viel wie möglich geben zu können, ohne sich deswegen selbst zu kasteien, das ist ihr Credo, das ist Ehrensache, das sagt sie ganz klar, und ich finde es richtig und schön. Annabel hat als Produktionsleiterin für Harpo und seine Performances gearbeitet, über ihn hat sie auch Kirsten, Marta, Boris und die anderen kennengelernt. Eines Abends lud Boris sie ein, ein paar Bier zu trinken und über etwas zu sprechen, was er damals noch als eine Art Genossenschaft bezeichnete. Als er ihr vorschlug, Teil des Klubs zu werden, antwortete sie ihm ehrlich, sie habe gerade aufgehört zu arbeiten, um noch einmal zu studieren, sie schliefe mal hier, mal da und befinde sich in einer Lebensphase, in der sie nur sehr wenig Geld in den Gemeinschaftstopf geben könnte. Das fand Boris nicht schlimm und sagte, das sei doch völlig in Ordnung. Anfangs verdiente sie tatsächlich sehr wenig und konnte nicht einmal 1000 Euro im Monat – das heisst in guten Monaten – beitragen. Sie hatte Angst vor der Vorstellung, die Sache möglicherweise auszunutzen, doch die anderen machten ihr klar, dass es kein Ausnutzen sei, sich zu nehmen, was man brauche oder worauf man einfach Lust habe, denn das Wort «ausnutzen» sei das genaue Gegenteil von dem, was man da zu tun versuche, nämlich sich gemeinsam darauf zu einigen, dass jedem geholfen wird, das Leben zu leben, das er leben will und das er verdient. Dann, nach anderthalb Jahren, plötzlich der Jackpot: Annabel unterzeichnet einen fetten Vertrag für eine Recherchearbeit, 10 000 Euro auf einen Schlag, mehr Geld, als sie je gesehen hat, und überstolz und überglücklich überweist sie es aufs CW. Die Goldgrube fällt zeitlich mit dem Beginn der Sommerferien zusammen – und mit einer Diskussion über das, was man in Belgien pécule nennt, Urlaubsgeld, das etwa einem Monatsgehalt entspricht. Manche haben einen Status, der ihnen erlaubt, dieses Gehalt zu beziehen, andere nicht, und es stellt sich die Frage, ob diejenigen, die es beziehen, es ins CW einzahlen müssen oder nicht. Boris zahlt seines wie selbstverständlich ein, und da sagt Kirsten: Nein. Nein und nochmals nein. Urlaub ist in ihrem Lebensmodell etwas Entscheidendes, nicht Verhandelbares, sie weiss aus Erfahrung, dass jeder Euro, der ins CW eingezahlt wird, in Sekundenschnelle ausgegeben ist, und sie will die Sicherheit haben, dass ihre fünfköpfige Familie in die USA reisen kann. Sie will dabei nicht vom Glück oder Unglück der anderen abhängen, sie will nicht riskieren, dass ihre Kreditkarte abgelehnt wird, also behält sie ihr dreizehntes Monatsgehalt für sich. Eine paradoxe Situation: Boris verteidigt sein Recht, sein pécule ins CW einzuzahlen, wirft Kirsten deswegen aber nicht vor, genau das nicht zu tun, doch Kirsten fühlt sich unter Druck und fordert, er solle seines zurücknehmen. Schliesslich gibt Boris nach und willigt ein, sein Geld zurückzuziehen; trotzdem bleibt bei Kirsten der Eindruck, sie habe etwas «falsch» gemacht, und bei ihm, das Ganze sei «nicht richtig» gewesen. Dann fahren alle in die Ferien – Kirsten, Harpo und ihre Kinder in die USA, Marta, Boris und ihre Tochter Dora nach Indonesien, genauer gesagt auf die Insel Flores, wo sie den Sommer in einem entlegenen Dorf verbringen. Und das Geld?, werden Sie fragen. Antwort: Die Flugtickets und ein paar Spezialausgaben wie Tauchkurse haben sie aus eigener Tasche bezahlt, nicht aus dem CW, und alles andere ist, wenn man einmal dort ist, in Flores deutlich billiger als in Brüssel. Alle fuhren also umso leichteren Herzens los, als das CW so gut gefüllt war wie noch nie, und zwar dank der 10 000 Euro von Annabel. Doch es leerte sich auch wieder dermassen schnell, dass Annabels Karte Anfang August, als sie nach eher bescheidenen Ferien ein Zugticket von Amsterdam zurück nach Brüssel kaufen wollte, abgelehnt wurde, und das fuhr ihr dann doch schlecht rein. Sie schickte eine Chatnachricht in die Telegram-Gruppe, Harpo kaufte ihr umgehend ein Zugticket, das Minus wurde schnell von mehreren aus der Bande ausgeglichen, die dafür ihre Nebenkonten leerten, der Monat September und frisches Geld kamen rein, aber alle fühlten sich ein bisschen schuldig: Das war das einzige Mal gewesen, dass sie gespürt hatten, die Sache könnte auch entgleisen. Und dann haben sie sich ausgesprochen, haben Vorwürfe und Missverständnisse auf die Tischtennisplatte gelegt, haben einander in Aufrichtigkeit und gegenseitigem Verständnis übertroffen und sich versprochen, das nächste Mal besser aufzupassen. Die Krise wurde überwunden. 

Sophie

In ihrem Umfeld interessieren sich immer mehr Leute für ihre Erfahrung. Manche fragen, ob sie zur Gruppe dazustossen können. Nein, bekommen sie zur Antwort, weil es besser ist, nicht zu viele zu sein. Wir sind zehn und wollen gern zehn bleiben, aber nichts spricht dagegen, eine eigene Gruppe zu gründen, wir geben euch so viele Tipps, wie ihr wollt – und im Übrigen existiert im Norden von Italien auch schon ein Ableger des Common Wallet. Zehn scheint eine gute Zahl zu sein, nicht zu viele und nicht zu wenige. Diese Zahl ist natürlich nicht in Stein gemeisselt, doch als Bettina verkündete, sie wolle die Gruppe verlassen, wurde sofort nach einem Ersatz gesucht. Dieser Ersatz heisst Sophie. Ich habe sie nach meinem Nachmittag bei Kirsten und Harpo getroffen, und der kleine Verschlag, in dem sie wohnt, steht umso mehr im Gegensatz zur geräumigen, schönen Wohnung der beiden anderen; Sophies Matratze ist temporär von Hausstaubmilben befallen, bis zur professionellen Behandlung ihrer Wohnung schläft sie in der Badewanne. Sie sagt, sie habe derzeit so plötzliche und heftige Anfälle von Lebenslust, dass sie tanzen muss, trotzdem strahlt sie eine Schüchternheit und Einsamkeit aus, die sie sehr poetisch erklärt, indem sie von ihrer Kindheit erzählt. Als ihre Eltern aus den Abruzzen nach Brüssel kamen, eröffneten sie eines der ersten italienischen Restaurants am Ort. Sie arbeiteten wie verrückt, waren nie zu Hause, und Sophie, ihr einziges Kind, das von niemandem betreut wurde, gewöhnte sich sehr schnell daran, ihre Mahlzeiten oder zumindest das Abendessen im Restaurant einzunehmen. Brav und aufrecht sass sie allein auf ihrem Stuhl in der Ecke und lernte nie die grossen italienischen Tafelrunden kennen, die zum Beispiel in Orestes herzlicher und lauter Familie, diesem natürlichen Common Wallet, ganz normal waren. Sophie träumte davon, Künstlerin zu werden, genauer: Fotografin. Dann fand sie ihren Platz so wie Kirsten auf der administrativen Seite der Kunst. So lernte sie die ganze Bande kennen. Ihr gesamtes Leben lang hatte sie von Zugehörigkeit geträumt, von Gemeinschaft, vom Teilen, doch das war ihr immer völlig unerreichbar erschienen. Als Tahel ihr sagte, Bettina würde gehen und sie könne ihren Platz haben, konnte sie es kaum glauben. Sie hatte Angst, der Sache nicht gewachsen zu sein, Angst, als sie zum ersten Mal ihr Gehalt, ihr ganzes Gehalt, auf das Gemeinschaftskonto überwies, Angst, als sie, die frisch Dazugekommene, beim berühmten «Ferienstreit» dabei war. Trotz ihrer extremen Freundlichkeit schüchterte Boris’ Grand-Seigneur-Seite sie ein. Dann verschwand diese Angst, die sie ihr Leben lang begleitet hatte, ziemlich schnell, ohne dass sie weiss wodurch, und sie lernte schwimmen, wie sie sagt. Wenn sie Schwimmen oder Tanzen sagt, spürt man, dass Sophie von einer heftigen, ozeanischen Erfahrung spricht, die sie aus ihrer ursprünglichen Einsamkeit herausreisst. Sie hat gelernt, Probleme dann zu lösen, wenn sie auftreten, ohne sie vorwegzunehmen und Kontrolle ausüben zu wollen. Sie hat gelernt, die anderen zu akzeptieren, mit ihren Temperamenten und ihren Schwächen, die vielleicht weniger sichtbar, aber genauso vorhanden sind wie bei ihr selbst. Sie hat gelernt, Dinge anzusprechen und dass eine Meinungsverschiedenheit nicht schlimm ist, wenn sie freundschaftlich formuliert wird. Sie hat gelernt, dass es auch nicht schlimm ist, wenn sie hundert Euro mehr ausgibt, als sie eingezahlt hat. Sie hat gelernt, ihre Antennen weiter auszufahren, sich in diese Gruppe einzugliedern, die sie mag, weil sie weder Anführer hat noch Regeln. Inzwischen, sagt sie mit einem Lächeln, das ihr Gesicht von innen erhellt, steckt sie ihre Karte in den Geldautomaten und hat dabei das Gefühl, die neun anderen stünden neben ihr, als würden sie sie mit einer sanften, wohlwollenden, vertrauensvollen Anwesenheit begleiten. Manchmal wirft sie einen Blick auf die Kontobewegungen, die dank der Banken-App für alle einsehbar sind. Sie sieht zum Beispiel, dass die Rechnung hoch ist, wenn jemand in ein sehr gutes Restaurant gegangen ist. Sie freut sich für ihn oder sie oder für ihn und sie: Sicher haben sie sich ein Festessen gegönnt, weil sie einfach Lust darauf hatten. Sophie hat auch das gelernt, es ist eine Maxime von Boris: Eine Lust ist genauso ehrbar wie ein Bedürfnis. Im Rahmen ihrer bescheidenen Möglichkeiten machen sie – wie in einem Laborexperiment – etwas Neues, etwas Gewagtes, etwas, was sich meiner Meinung nach lohnt. Und das für eine junge Frau wie Sophie das Leben ändert, wirklich ändert.

Bettina

Bettina habe ich als Letzte getroffen, kurz bevor ich nach Paris zurückfuhr. Wenn jemand eine so eingeschworene Gruppe verlässt, warnen die anderen oft vor dem Abtrünnigen, dem Dissidenten, dem schwarzen Schaf. Man ist sauer auf ihn und macht sich auf Schwierigkeiten gefasst. Nichts davon hier. Alle sagten mir: Es ist wichtig, dass du auch Bettinas Standpunkt kennenlernst – mit der übrigens diejenigen, die mit ihr befreundet waren, auch befreundet geblieben sind. Trotzdem ist Bettina anders als die anderen. Sie ist weiss Gott nicht die «Rechte», die Harpo mit seinem schönen Troll-Lächeln gern rekrutieren würde, um der Homogenität der Gruppe entgegenzuwirken. Das Gegenteil ist der Fall, weniger rechts als Bettina kann man gar nicht sein, doch egal, wo sie ist und in welcher Gruppe auch immer, man wird, glaube ich, immer spüren, dass sie von woanders kommt und nicht dieselbe Sprache spricht. Ich zumindest habe das so wahrgenommen, sobald sie auch nur das Wohnzimmer der Wohnung betrat, die man mir für meinen Aufenthalt geliehen hatte. Sie setzte sich auf den Teppich vor den glimmenden Kamin, und bevor sie den Mund auftat, blieb sie erstmal lange so sitzen und wärmte sich schweigend auf, und zwar nicht wie jemand, der einfach aus der Strassenkälte kommt, sondern eher wie eine, der immer schon kalt war und die nichts je wirklich aufwärmen wird. Dann begann sie zu erzählen. Sie hatte überlegt, was sie mir sagen würde, es war, als müsste sie ihr Leben vor mir rechtfertigen und mir begreiflich machen, wie schwierig es sei und wie viel Scham und Kampf immer schon darüber geschwebt hätten. Zum einen ist sie in einem kommunistischen Land aufgewachsen, dem nämlich, das früher einmal Jugoslawien hiess, und ein kommunistisches Land ist per Definition ein armes Land, aber in diesem armen Land war auch noch ihre Familie arm: Armut hoch zwei, das heisst Elend. Und sogar Hunger, und das ist eine der unsichtbaren Grenzen, die die Menschheit in zwei Teile teilt: die, die wissen, was Hunger ist, und die, die nicht die geringste Vorstellung davon haben, so wie ich, so wie hoffentlich auch Sie, die Sie diesen Artikel lesen, und so wie alle vom CW. Dann kam der Krieg. Ihre kroatische Mutter wird plötzlich Zielscheibe der Feindseligkeit ihrer serbischen Freunde und Kollegen. Das Ganze wird so bedrohlich, dass sie beschliessen, es hinter sich zu lassen. Den klassischen Weg von Flüchtlingen zu gehen: die Routen der Massenflucht, durch die Lager des Roten Kreuzes. Sie landen in Italien und siedeln sich in Bologna an – es könnte auch anderswo sein, doch es ist Bologna. Bettinas Mutter hat grösste Schwierigkeit, sich und ihre Tochter durchzubringen. Bettina kommt in die Schule, ohne auch nur ein Wort Italienisch zu sprechen. Alles ist hart und feindselig. Sie glaubt, nie dort herauskommen zu können, nie wie die anderen zu sein, nie diese Sorglosigkeit zu haben. Und dann findet sie ihren Weg und schliesst sich mit 17 einer Theatergruppe an, in der sie Marta kennenlernt. Marta ist eine strahlende Frau, die alle anzieht, sie ist die Frau, die Bettina gern wäre, und, oh Wunder, Marta nimmt sie unter ihre Fittiche. Sie lässt sie mit in ihrer kleinen Wohnung wohnen. Später verliebt sich Marta in Boris, der genauso ein heller Stern ist wie sie, und Bettina in Oreste, der wie Charlie Chaplin aussieht. Alle vier werden Freunde, echte, unzertrennliche Freunde, doch Marta und Boris ernten für ihre Theater- und Choreografieabenteuer echte Anerkennung, während Oreste und Bettina immer noch herumkrebsen, er an Videos bastelt und sie in einem Theater arbeitet, aber Sekretariatsaufgaben erledigt. Bologna ist für seine Arkaden berühmt, von denen es so viele gibt, dass man auch bei strömendem Regen von einem Ende der Stadt zum anderen kommt, ohne nass zu werden. Das ist schön, aber Bettina und Oreste finden, dass der Horizont zu eng ist, und sie träumen von einem besseren Leben woanders. Sie denken zuerst an Berlin, alle Künstler in Europa denken an Berlin, doch Marta und Boris bearbeiten sie: «Brüssel! Brüssel!», dort könnten sie ihnen bei der Ankunft helfen. Wie immer sind das bei ihnen keine leeren Worte: Sie bringen sie drei Monate lang in der Keksfabrik in Molenbeek unter und besorgen ihnen ihre ersten Jobs. Trotzdem gehen Bettina und Oreste finanziell weiter auf dem Zahnfleisch, und mit einem Kind wird es noch härter. Als Oreste ihr von seinem Gespräch mit Boris im Kleinbus erzählt und ihr die Idee des CW erklärt, ist Bettinas erster Reflex: Angst. Angst, weil sie die Ärmste von ihnen ist, Angst, weil sie immer schon, überall und zu jeder Zeit in ihrem Leben, die Ärmste war. Also erklärt ihr Boris, was er auch Annabel erklärt hat: Wenn du weniger Geld hast als die anderen, ist das kein Problem beziehungsweise ist das Problem auch die Lösung. 

Für Bettina verkörpert das CW zwar alles, was sie mag: Es ist radikal, antikapitalistisch, eine Gemeinschaft, doch statt für sie zu einer Befreiung zu werden, hat es sie ins Unglück gestürzt. Auch wenn sie versucht hat, daran zu glauben, auch wenn sie getan hat, was sie konnte: Es war eine grosse Verheissung für sie gewesen, doch es ist zum grossen Kummer geworden. Denn sie konnte nie aufhören zu vergleichen, was sie hineintat und was sie herausnahm, und sich dafür zu schämen, nicht genügend beitragen zu können. Sie konnte nie aufhören, am Unterschied zu leiden zwischen denen, die Geld auf der Seite haben und Häuser und Familien, mit denen sie nach New York oder Indonesien reisen, und den armen Waisenkindern wie Oreste und sie. Dann haben Oreste und sie sich getrennt, der so schwierige Alltag hatte ihre Liebe aufgefressen. Sie will nicht jammern, sie spricht zärtlich von ihm und spricht über alle mit grosser Zuneigung, aber sie sagt auch, dass sie sich nicht genug respektiert gefühlt hat. Sie hatte den Eindruck, dass manche wichtiger waren als andere und dass alle wichtiger waren als sie. Dann lud einer von ihnen, dessen Namen sie nicht nennt, sie zu einem Bier ein, um ihr freundlich im Namen der sakrosankten Ehrlichkeit zu sagen, die alle Konflikte entschärfen soll, ihn störe ihre Ausstrahlung, sie sei nicht cool genug. Sie fühlte sich immer mehr wie das hässliche kleine Entlein. Es war schon hart gewesen, Oreste die eigene Misere zu offenbaren, aber noch acht weiteren Personen, das war zu hart, und so schickte sie schliesslich eine Rundmail an alle. Wenn sie heute daran zurückdenkt, sagt sie mir, dann hat das CW sie Tränen der Freude und der Traurigkeit zugleich weinen lassen. Es hat sie mit Stolz erfüllt, sie erzählt immer noch gern davon, es ist ihr Reichtum, dass sie diese grossartige Erfahrung gemacht hat, und sie mag es, wenn die Leute dann die Augen aufreissen. Sie hat Angst, sagt sie mir, schlimme Dinge gesagt und gedacht zu haben. Ihre Beteiligung am CW und ihr Scheitern am CW haben sie gelehrt, dass ihre ewige Armut nicht nur von den Zufällen des Lebens herrührt und auch nicht von dem, was man in ihrem Land und in ihrer Kindheit Klassenkampf nannte, sondern von etwas viel Mysteriöserem, das aber die Substanz ihres ganzen Wesens ausmacht. Ich habe kein einziges Mitglied der Gruppe zu keinem Zeitpunkt ein spirituelles Vokabular benutzen gehört, auch wenn es letztlich nicht unangemessen wäre, sich zum Beispiel auf das Evangelium zu beziehen. Doch als Bettina ihr so feindseliges und widriges Schicksal erklären wollte, sagte sie: Das ist eben mein Karma. Und sobald dieses Wort heraus war, zog sie ihren Mantel an, dankte mir für den Tee und brach schnell auf, fast stahl sie sich hinaus. Und während ich ihre Schritte im Treppenhaus leiser und leiser werden hörte, wurde mir plötzlich klar, dass ich alle anderen von ihnen zu Hause aufgesucht hatte. Ihr Zuhause war klein oder gross, aber alle hatten mich zu sich eingeladen. Bettina ist die Einzige, die mir nicht vorgeschlagen hat, zu ihr zu kommen, sondern die zu mir gekommen ist, in diese Wohnung, die noch für eine Stunde mein Zuhause ist, bis ich ein Taxi rufe, um mich zum Bahnhof Bruxelles-Midi zu bringen. Durchs Fenster schaue ich ihr nach, wie sie auf der regenglänzenden, durch die Ausgangssperre menschenleeren Strasse verschwindet, an der Ecke biegt sie ab, ich weiss nicht, wohin. 

Aus dem Französischen von Claudia Hamm.