Adhoch sitzt im kleinen Garten hinter ihrem Haus und versucht, die Morgenstille zu geniessen. Sie ist 40 Jahre alt und lebt am Rande Nairobis. Etwa 40 Kilometer vom Zentrum entfernt besitzt sie in der Stadt Ngong eine kleine, möblierte Wohnung, die sie vermietet. Besucherinnen aus Nairobi kommen gern für eine Auszeit übers Wochenende ins viel kleinere Ngong, wo es mehr Ruhe gibt als in der Hauptstadt und das Panorama der angrenzenden Ngong Hills. Adhoch hat die Wohnung aus einem rot gestrichenen Schiffscontainer gebaut, ihr Traum ist es, noch viele weitere Ferienapartments auf dieselbe Art zu errichten. Doch jetzt schiebt sich die Realität zwischen ihre Träume: Boni, ihr Hausverwalter, hat sie angerufen und ihr mitgeteilt, was ersetzt werden muss. Bettlaken, Kissenbezüge, Vorhänge, Glühbirnen.
Es ist noch früh am Morgen, ihre beiden Kinder sind schon in der Schule, Adhochs Mann weit weg; er arbeitet im Südsudan. Es ist Adhochs heiliger Moment. Sie versucht, den Gedanken an die Aufgaben des Tages wegzuschieben. Er wird aus einer anstrengenden Fahrt bestehen, die sie schliesslich zu ihrer Ferienwohnung führen wird. Sie liebt ihre Frühstücksroutine. Jeden Tag startet sie gleich: mit zwei Eiern, zwei Mangos, dazu Kaffee und Musik, die gute Laune macht. Gute Musik ist Adhochs Hoffnungsgarant – als Geschäftsfrau in Kenya zu arbeiten, ist eine einzige Übung im Hoffen.
Wenig später sitzt Adhoch im Auto. Ihre Laune durchläuft den ersten Test: Die Hauptstrasse ist nicht mehr als ein schmaler, asphaltierter Streifen voller Schlaglöcher, Lkw-Fahrer machen sich einen Spass daraus, sie einzuschüchtern. Eine Frau, die allein Auto fährt. Aber Adhoch kämpft sich durch. Sie weiss, wo sie die besten Rabatte bekommt. Ihr Ziel: der Toy Market, ein Open-Air-Secondhand-Laden an der Ngong Road, der gute Schnäppchen bietet.
Um zum Toy Market zu gelangen, fährt sie auf einen abgelegenen Parkplatz und geht zu Fuss weiter; die Händler sind misstrauisch gegenüber jeder Person, die mit dem Auto vorfährt, Englisch spricht und sich durch schicke Kleidung auszeichnet. Solche Leute gelten als reich, auch wenn sie es nicht sind, und müssen höhere Preise zahlen. Adhoch geht deswegen immer in einem alten T-Shirt und Gummischuhen zum Toy Market. Der ist laut und überfüllt, alle sind hier, auch Taschendiebe. Adhoch ist wachsam, während sie verhandelt, und erleichtert, als sie ihren Einkauf beendet hat und sich zurückmacht auf den Weg zu ihrem Auto.
In Ngong angekommen, empfängt sie Boni, den Hausverwalter. «Es ist so staubig und trocken», bemerkt er. Adhoch nickt. «In Kenya ist alles staubig und trocken», sagt sie. «Die Sonne hat alles ausgetrocknet, auch unsere Geldbeutel.» In letzter Zeit läuft es nicht gut mit der Vermietung ihres Apartments. Immer weniger Menschen in Kenya gönnen sich für ein Wochenende eine Auszeit; das Geld sitzt bei den meisten knapp. Die Tage, an denen Adhoch keine Buchungsanfrage erhält, machen ihr Sorgen. Auf dem Weg zur Wohnung bittet Boni sie um einen Gehaltsvorschuss. Adhoch war sich zunächst unsicher, ob sie ihn, einen Mann, für diesen Job einstellen sollte. Denn der beinhaltet auch das Putzen der Wohnung. Kenyanische Männer sind allerdings nicht dafür bekannt, zu putzen; sie betrachten es als Frauenarbeit. Doch Boni reinigt die Wohnung jeden Tag so gründlich, dass nirgendwo auch nur ein Körnchen Staub zu finden ist. Und so gewährt sie ihm den Vorschuss.
Adhoch betritt ihr Apartment und geht in die Küche. Dort brät sie sich ein Steak und öffnet eine Flasche Wein, beides hat sie mitgebracht. Als Geschäftsfrau in Nairobi zu leben, bedeutet ständige Sorgen. Aber Adhoch hat gelernt, sich schöne Momente zu schaffen, in denen sie sich mehr auf das Gute konzentriert als auf ihre Ängste. Sie schaut aus dem Fenster, freut sich über die Schönheit dieses Ortes, den sie geschaffen hat, mit all seinen Blumen, Bäumen und Sträuchern. Sie wünscht sich, der Rest der Stadt könnte genauso schön sein.
