Augenblicke

Beat, Bern, Schweiz

Als Bademeister sorgt Beat nicht nur dafür, dass niemand ertrinkt, er muss auch im Umgang mit Menschen Fingerspitzengefühl beweisen.

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Elf Uhr morgens ist der beste Augenblick des Tages. Dann macht Bademeister und Anlagechef Beat Wüthrich das, was ein Bademeister in der Vorstellung der meisten Menschen tut: Er nimmt auf dem Hochsitz neben dem 50-Meter-Schwimmbecken Platz, setzt seine Sonnenbrille auf und beginnt, das Geschehen im und ums Wasser zu überwachen. Zwei Dutzend Schwimmer schwimmen Längen um Längen, die nur deshalb nicht olympisch sind, weil das Becken genau genommen nur 49,97 Meter misst. Kein Fehler, sondern Absicht: Es passt durchaus zur Mentalität der Bewohner der Stadt, in der sich das Bad befindet, dass man sich um die Auflagen, die mit dem Bau eines olympischen Beckens verbunden gewesen wären, foutierte. 

Wüthrichs Blick schweift über die angrenzende Rasenfläche, die wegen der frühen Juni-Hitze grösstenteils in Senftönen statt dem sonst üblichen saftigen Grün aufwartet. Im hinteren Bereich liegen die älteren Herren, die hier seit Jahren die Sommertage verbringen und von denen manche sagen, das Bad sei ihr Wohnzimmer. Unter den schattigen Pappeln versammeln sich junge Leute, denen es, man sieht es an ihren nervösen Blicken und ihrem betont coolen Gehabe, ums Gutaussehen und Gesehenwerden geht. Auf der gegenüberliegenden Seite der Badeanstalt befindet sich das «Paradiesli», eine Zone nur für Frauen. Keine 30 Meter vom Schwimmbeckenrand entfernt fliesst smaragdgrün und zügig der Fluss. Im Hintergrund thront die Kuppel des Regierungsgebäudes über der Stadt. Der Duft von Pommes frites erfüllt die Luft, die aufgeregten Jauchzer von Kindern, die sich im Planschbecken vergnügen, sind zu hören. Man beneidet Bademeister Wüthrich in diesem Augenblick unweigerlich um einen der wohl schönsten Sommerjobs der Welt im grössten und meistbesuchten Flussbad der Schweiz: dem Marzili in Bern.

Doch die Arbeit beginnt früh. Morgens um sechs Uhr gilt es, die 2800 Kubikmeter Wasser der insgesamt fünf Schwimmbecken zu reinigen, zu filtern, mit Chlor und Schwefelsäure zu versetzen, mit einem Sandgemisch zwecks besserer Qualität anzureichern, zu ozonisieren und umzuwälzen. Wer Beat Wüthrich über die hauseigene Chlorherstellung, über anzustrebende Wasserhärten und ausgefeilte Filtertechniken reden hört, merkt, dass ihm der «Anlagechef» in seiner Berufsbezeichnung wichtiger ist als der «Bademeister». Hinzufügen müsste man noch «Troubleshooter», etwa wenn er einen aus dem nahen Tierpark entflohenen Pelikan unter den Arm nimmt und zurückbringt. Oder auch «Mediator», denn der Rest des Tages besteht für Wüthrich und sein Team oft darin, bei aufkommenden Streitigkeiten und Beschwerden einzugreifen: Knaben, die verbotenerweise Ball spielen, herumliegende Plastikflaschen, zu wenig Schatten, zu warmes Wasser. «Die aktuelle Hitzewelle erhitzt definitiv nicht nur die Gewässer, sondern auch die Gemüter», sagt Wüthrich. Er hat festgestellt, dass die ersten beiden Wochen mit hohen Temperaturen die Leute noch erfreuen: Endlich Sommer! «Die dritte Woche fühlt sich dann bereits etwas angespannt an, und ab der vierten werden die meisten dünnhäutig.»

So geschehen vor wenigen Tagen im Paradiesli, das Mitte der 1960er Jahre nationale Berühmtheit erlangte: Die ersten Schweizerinnen sonnten sich damals hier mit nacktem Oberkörper. Und nun betritt also eine Transfrau die blickgeschützte Zone und sorgt für helle Aufregung. Das Personal bat die Person, sich als Frau auszuweisen, was diese verweigerte. Es folgten: Polizeiaufgebot, Handschellen, eine angeblich spontane Demo in der Innenstadt für die Rechte von Transmenschen, Schlagzeilen, erboste Online-Kommentare. Die Stadt hielt fest: «In Bern gilt als Frau, wer sich als Frau fühlt.» Zum Glück kam die Bise auf. Der typische Schweizer Nordostwind kühlte nicht nur die Aare ab, den smaragdgrünen, mit Gletscherwasser gespeisten Fluss, sondern auch die aufgebrachten Damen. Wüthrich nahm den Vorfall gelassen, denn er weiss: Irgendwann ist Saisonende, und dann beginnt sein Winterjob, seine wahre Leidenschaft. Als ehemaliger Eishockeyspieler wird der Bademeister dann zum Eismeister.