
Griechenlands Plastikflotte
Müll statt Dorsch und Barsch. Auf Amorgos gehen die Fischer neue Wege.
174 Seemeilen südöstlich von Piräus, mitten in der Ägäis, gibt es ein Kaffeehaus. Es heisst «Naftilia» und befindet sich in Katapola, dem Hafen von Amorgos, einer kargen, windumtosten Kykladeninsel mit der Topografie eines Drachenrückens, schmal, lang, felsig, zerklüftet, steil die Küste, ein ins Meer geworfener, von Macchia und windgekrümmten Kermeseichen bewachsener Fels, der etwas grösser ist als Sylt. 2000 Menschen leben auf der Insel. Das «Naftilia» ist eine Mischung aus Kaffeehaus, Schiffsagentur und Heimatmuseum. Man kann dort Tickets für Fähren lösen und bei einem Kaffee auf Zeitreise gehen. Die Wände sind geschmückt mit alten Karten, Drucken und Fotografien, die an eine Zeit erinnern, als es auf Amorgos weder Strom noch Autos gab und in der Bucht von Katapola Dampfschiffe ankerten. Auf einem vergilbten Foto sind eine Schar Kinder und zwei Männer zu sehen. Einer der Männer trägt auf seinem Rücken einen Fisch, gut eineinhalb Meter lang und zirka zwanzig Kilo schwer, ein echter Riesenbrocken. «Kein ungewöhnlicher Fang», sagt einer der Männer im Kaffeehaus. «Früher war die Bucht voller Fische, und die Fische waren gross.»
Es ist ein surreales Foto, ein Bild wie aus einer anderen Welt. Es könnte den Fischern von Amorgos Tränen in die Augen treiben, wenn sie sich nicht schon längst an die mickrigen Fische gewöhnt hätten, die sie seit Jahren aus dem Meer ziehen und von denen es immer weniger gibt, so wenige, dass sie ihre Arbeit bald an den Nagel hängen können. Eine Arbeit, die manche Familien seit Generationen ausüben und die, neben der Jagd und dem Sammeln, zu den ältesten Tätigkeiten des Menschen zählt.
«Wir haben keine Zukunft», sagt Nikolas Vekris, 73. «Die Fische sind weg, und sie kommen nicht mehr zurück», sagt Kostas Sigalas, 83. «Ich bin der letzte Fischer in unserer Familie», sagt Janis Psakis, 47. «Kein Fischer kann allein vom Fischen leben», sagt Lefteris Vekris, 60. «Es gibt kaum noch Fische», sagt Vangelis Spanos, 63. «Die Fischmenge beträgt nur noch ein Drittel von dem, was wir früher gefangen haben», sagt Michael Croessmann, 64.
Dies ist die Geschichte der Fischer von Amorgos, die ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben, in der Hoffnung, ihren Untergang hinauszuzögern, ihn im besten Fall abzuwenden und irgendwie weiterzuleben. Auch wenn niemand weiss, wie. Seit 2015 führen sie einen Kampf gegen die Überfischung, gegen zugemüllte Strände, gegen den Unwillen der Politik, sich ihrer Probleme anzunehmen. Genaugenommen führen sie einen Kampf gegen sich selbst. Es ist ein Kampf, der mit vielen Widerständen verbunden ist, mit politischen, ökonomischen und bürokratischen, ein Kampf, den sie schon verloren geglaubt hatten und der nun, nach gut zehn Jahren, eine Wendung genommen hat.
Nikolas Vekris nennt diesen Kampf eine gute Sache, Kostas Sigalas einen Akt der Verzweiflung, Janis Psakis ein Experiment, Lefteris Vekris ein Zeichen der Hoffnung, Vangelis Spanos ein zum Scheitern verurteiltes Vorhaben und Michael Croessmann eine Notwendigkeit. Man könnte das Aufbäumen der Fischer gegen ihr Schicksal auch einen Akt des Muts nennen, ein Novum, und das in einem Land, in dem der Begriff Nachhaltigkeit mehr oder weniger noch immer ein Fremdwort ist und das Wort Umweltschützer für viele Fischer, Bauern und Viehzüchter ein Schimpfwort. Ein Land, in dem keine Partei, die sich einer nachhaltigen Umweltpolitik verschrieben hat, bei Parlamentswahlen über drei Prozent kommt und in dem Parteizugehörigkeit und persönliche Verbindungen wichtiger sind als Leistung und gute Ideen.
Es ist sieben Uhr früh, ein wolkenverhangener Tag im April. Katzen kauern im Fischerhafen von Katapola. Janis Psakis und Lukas Pasaris, 64, steigen ins Boot und schippern hinaus aufs Meer. Die beiden sind auf dem Weg zur Arbeit. Pasarisʼ Boot, die «Nikitas», ist zehn Meter lang, dreieinhalb Meter breit und verfügt über zwei Hydraulikwinden, Echolot und Sonargerät. Psakis kann genau sehen, welche und wie viele Fische sich in welcher Tiefe tummeln. Gischt spritzt und zerfällt knisternd wie Papier. Südwind weht. Hinterm Heck schaukelt im weissen Schraubenwasser das vertäute Beiboot. Der Wellengang, anfangs leicht und wenig, nimmt mit jeder Seemeile zu.
Psakis, Vater zweier Kinder, breitschulterig, das Haar schütter, ist Fischer in vierter Generation. Er fischt seit 30 Jahren. Pasaris, sein Helfer, ist Seemann. Er hat 28 Jahre lang auf der inseleigenen Fähre seine Dienste getan. Seit drei Jahren arbeitet er für Psakis. Sechs Stunden lang werden die beiden tun, was eigentlich kein Fischer tut und worum sich weder der Staat noch die Gemeinde kümmern. Anstatt zu fischen, säubern sie Strände von Müll.
Herangetrieben vom Meltemi, jenem steifen Nordwind, der mit bis zu zehn Beaufort durch die Ägäis fegt und im Sommer für Abkühlung sorgt, sammeln sich an den schwer zugänglichen Stränden im Norden der Insel Berge von Plastikmüll. Die Gemeinde von Amorgos ist nicht verpflichtet, den angespülten Unrat einzusammeln, und selbst wenn sie es wäre oder es wollte, hätte sie dazu keine Mittel. Wind, Wasser und Sonne sorgen dafür, dass im Laufe der Zeit Plastikmüll in immer kleinere Teilchen zerfällt, um erst im Bauch der Fische und schliesslich in dem von Menschen zu landen. Damit das nicht geschieht, säubern die Fischer von Amorgos im April und Mai die Strände von Müll.
Die Idee, die dahintersteckt, ist eine zweifache: April und Mai ist Laichzeit. Die Fischer haben beschlossen, während dieser Zeit auf das Fischen zu verzichten. So werden die Bestände geschont. Für die zwei Monate Verdienstausfall werden sie finanziell entschädigt. Das ist die eine Idee. Die zweite: Statt zu fischen, sammeln die Fischer den angespülten Müll ein. Auch dafür bekommen sie Geld. Jeder Tag, an dem ein Fischer Müll sammelt, bedeutet einen Tag weniger Fischen und zugleich weniger Müll. So schlagen sie zwei Fliegen mit einer Klappe.
«Ich hätte nie gedacht, dass es eines Tages so wenige Fische geben wird», sagt Janis Psakis, während er das Boot in Richtung Vlychada steuert, jenes Strands, der heute gesäubert werden soll. Er sagt es geradezu erschüttert, so, als ob etwas Unmögliches und Unvorhersehbares eingetreten sei. Psakis gehört zu den jüngsten der 40 Fischer von Amorgos. Noch als Jugendlicher hat er gesehen, wie das Boot seines Vaters sich mit Fischen füllte. Das war in den Neunzigern. «Es waren so viele, wir hatten nicht genügend Kisten, der ganze Boden war bedeckt mit zappelnden Fischen», erinnert er sich und deutet auf das Hinterdeck, wo jetzt leere Müllsäcke und Berge von gelben Nylonnetzen liegen.
Um 2010 herum, keiner der Fischer kann genau sagen, wann es begann, wurde die Menge der gefangenen Fische immer kleiner, so wie die Fische selbst. Langusten und Kabeljau wurden seltener. Hummer, Hechtdorsch, Rotbarben, Goldbrassen verschwanden nahezu ganz. Alles wurde weniger, nur eines nicht: Plastikmüll. Die Fischer wussten nicht, was tun. Also gingen sie weiter ihrer Arbeit nach. Erst als die Menge der gefangenen Tiere noch mehr schrumpfte und damit das Einkommen der Fischer, handelten sie.
2015 schliesslich berief der Berufsfischerverband von Amorgos eine Krisensitzung ein. Aus Egiali, Katapola und Kalotaritissa, den drei Häfen der Insel, kamen die Fischer zusammen und überlegten, was getan werden müsste. Sie einigten sich auf einen Vierpunkteplan: Kein Fischfang während der Laichzeiten, stattdessen im April und Mai Säubern der Strände und Küsten von Müll. Grössere Maschenweiten der Fangnetze und, besonders wichtig, die Errichtung von Meeresschutzzonen, damit sich die Bestände erholen können. Meeresschutzzonen und Fangverbote können jedoch nur vom Staat durchgesetzt werden. Ein Bekannter vermittelte den Fischern noch im selben Jahr den Kontakt zum zuständigen Minister für Fischerei in Athen. In Begleitung des Bürgermeisters von Amorgos legten die Fischer ihren Plan vor, mit einer Ambitioniertheit, wie sie den Minister überrascht haben dürfte. Drei Jahre später kam die Antwort. Ihre Vorschläge wurden abgelehnt. Sie erfüllten die notwendigen Kriterien nicht. Sechs Jahre sind seitdem vergangen, und die Fischer haben nicht aufgegeben.
In der Bucht von Vlychada angekommen, wirft Pasaris den Anker aus und befestigt das Boot mit Leinen an Felsen. Dann ziehen er und Psakis Gummistiefel an, steigen ins Beiboot, rudern an den Strand, stülpen sich Handschuhe über, schnappen sich 70-Liter-Müllsäcke und beginnen, die Erzeugnisse der menschlichen Zivilisation Stück für Stück aus Sand, Kies, Gestrüpp, von Hängen und Felsen aufzulesen.
Zersplittert, zerbrochen, zerquetscht, verrostet, zu Fetzen und in Stücke zerrissen, liegt umher, was der Mensch nicht mehr braucht: Tüten, Verpackungen, Kanister, Sportschuhe, Plastikflaschen, Plastikstühle, Plastikrohre, Fischernetze, Feuerzeuge, dicke, zwanzig Meter lange Taue, volle Farbeimer, Infusionsflaschen, Teerklumpen, Schlauchboote, Paddel, Kämme, Zahncrème, Zahnbürsten, Klobürsten, Toilettenspray, Kabel, Ölfilter, Spielzeugbagger, Lkw-Reifen, Trillerpfeifen, Coffee-to-go-Becher, Konservendosen, Sektflaschen, Spraydosen mit Polyurethanschaum. Von überall stammt der über Flüsse ins Meer gespülte oder gekippte Müll. Griechenland, die Türkei, Ägypten, die USA, China, Deutschland, Italien, Indien, Dubai, England, Frankreich, die Ukraine, auch Vietnam hat es bis nach Amorgos geschafft.
Als die Fischer 2021 zum ersten Mal am Strand von Vlychada anlegten, trauten sie ihren Augen nicht, so gross waren die Müllberge. «Kühlschränke und Waschmaschinen lagen in der Bucht und Hunderte von Schuhen», erinnert sich Psakis. Das Meer und der Wind hatten den Unrat tief in die Bucht und bis hinauf auf die mit Dornengestrüpp bewachsenen Felshänge getragen. Viele Inselbewohner halfen den Fischern freiwillig beim Sammeln des Mülls: Sie waren begeistert von der Aktion. Nahezu die ganze Inselgemeinde unterstützte das Projekt von Beginn an. Saubere Strände sind nicht nur für die Umwelt wichtig, sondern auch für die Inselbewohner. Der Tourismus ist die Haupteinnahmequelle von Amorgos. Alle verdienen an den Touristen, betreiben Hotels, Pensionen, Touristenboote, Taxis, Restaurants, Bars, Cafés, Geschäfte. Manche müssten gar nicht mehr fischen, so gut laufen die Geschäfte im Sommer, wenn die Insel aus allen Nähten platzt und kein Zimmer unter hundert Euro zu finden ist.
2019, ein Jahr nach der Ablehnung ihres Vierpunkteplans, hatten die Fischer beschlossen, nicht auf die Politik oder einen Deus ex Machina zu warten. Sie gründeten Amorgorama. Es ist ein Wortspiel: Orama bedeutet Vision. Es ist genau das, was der Staat ihnen nicht gab, die Fischer aber verzweifelt suchen und dringend brauchen: eine Vision, wie es weitergeht, mit ihnen, ihrem Beruf, ihrer Insel. Das Projekt basiert auf den bisherigen vier Punkten. Neu ist die Idee, das Geld für das Säubern der Strände und Küsten über Crowdfunding zu finanzieren. Ein Fischer, der Müll sammelt und nicht fischt, hat laufende Kosten und keinen Verdienst. Also sammelt kein Fischer Müll. Doch er will überleben, Idealismus allein rettet ihn nicht. Und so wurden eine Website und ein Account auf Facebook eingerichtet, um die Fischer zu entschädigen. 5000 Euro kamen bisher zusammen, Spendengelder von Privatleuten und NGOs.
Heftiger Fallwind bläst bergabwärts und fegt über den Strand von Vlychada. Er zerrt an den Säcken, in die Psakis und Pasaris den Plastikmüll stopfen. Pasaris zieht eine Plastikflasche aus dem Sand. Sofort zerbröselt sie unter seinen Fingern. Er sammelt die gröbsten Teile ein und lässt die kleinen liegen. Wollte man Strand und Bucht von allen Plastiksplittern säubern, müsste man den Sand, den Kies, die Erde und die Büsche an den Hängen abtragen und sieben. Neben angeschwemmtem Schilfrohr und Plastikkörben liegt eine grosse Meeresschildkröte tot im Sand. Würmer und Fliegen haben sich über sie hergemacht. Psakis und Pasaris wissen nicht, woran sie verendet ist. Doch viele Meerestiere verheddern sich in Tüten und Netzen, verschlucken Plastikteile, ersticken, sterben langsam und qualvoll.
Mit 25 Säcken Müll kehren die beiden zurück nach Katapola. Dafür bekommt Psakis 350 Euro. Nach Abzug aller Kosten bleiben ihm zirka 150 Euro übrig. Das ist weniger, als er an einem guten Tag draussen auf dem Meer verdient, doch er weiss, er hat etwas Gutes getan. «Wir können die Hände nicht in den Schoss legen», sagt er. «Wir müssen etwas tun gegen Vermüllung und Überfischung.»
Das Mittelmeer hat weltweit die höchste Konzentration an Plastikmüll. Psakis ist optimistisch, wirkt aber nicht ganz überzeugt vom möglichen Erfolg des Vorhabens. Immer wieder kommen ihm Zweifel. Er kennt sein Land. Und er ist sich darüber im Klaren, dass seine Probleme und die seiner Kollegen bloss ein winziger Teil einer viel grösseren, globalen Katastrophe sind, die er weder in seiner ganzen Tragweite überblicken, geschweige denn beeinflussen kann – und die vielleicht nicht mehr in den Griff zu bekommen ist. Das löst ein Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht aus, alle Fischer teilen es. Psakis sagt: «Das Meer, wie ich es kannte, hat sich verändert. Wir können es nicht zurückbringen.» Seinem Sohn hat er davon abgeraten, der Familientradition zu folgen. Er soll Kapitän auf einem Handelsschiff werden.
«Wir hätten früher die Probleme angehen müssen», sagt Janis Psakis. «Wir haben das Klima und die Umwelt zerstört», sagt Lefteris Vekris. «Sonargerät, Echolot, wir haben das Meer leergefischt», sagt Nikolas Vekris. «Früher haben wir viel mit Langleinen gefischt. So fängt man weniger, aber man fängt die Fische, die man will», sagt Kostas Sigalas. «Wir sind Teil des Problems», sagt Michael Croessmann.
Das Meer, aus dem das Leben entstand, ist durch die Aktivitäten einer Form dieses Lebens bedroht. Dieses Leben heisst Mensch. Das Mass zu erkennen, hat der Mensch nicht gelernt. Verzicht ist nicht seine Stärke. Rücksicht, Umsicht, Vorsicht, Voraussicht sind die Phrasen, die er drischt. Doch der Mensch arbeitet auf seinen Untergang zu.
Am Quai wartet bereits Dimitra, die Frau von Janis Psakis. Sie fährt den Müll in einen eigens für die Säuberungsaktionen bereitgestellten Container. Er soll nicht, wie der Müll der ganzen Insel, in einem Erdloch irgendwo hinter Katapola verbuddelt, sondern in Athen recycelt werden. 17,5 Tonnen Müll wurden seit 2021 gesammelt und zu 60 Prozent recycelt. Schnell sprachen sich die Säuberungsaktionen der Fischer herum. NGOs und die griechischen Medien wurden auf Amorgorama aufmerksam, sie feierten das Projekt. Zeitungen, Radiostationen, Fernsehsender berichteten über die Graswurzelinitiative: Ein paar Fischer setzen sich für nachhaltige Fischerei ein und säubern die Strände vom Müll, während der Staat sie ignoriert! Was für eine Geschichte! Die Blue Marine Foundation drehte einen PR-Videoclip, in dem die Fischer zu Wort kommen. Sie fühlten sich aufgewertet. Endlich hörte ihnen jemand zu. Endlich nahm sie jemand ernst.
«Dann kam der Anruf», sagt Michael Croessmann. Seit 2016 ist er Präsident des Berufsfischerverbands von Amorgos. Croessmann, ein grossgewachsener Mann mit graumeliertem Haar, vertritt das Projekt nach aussen. Er ist das Gesicht von Amorgorama. «Kostas Skrekas war dran. Er wollte zum Weltumwelttag am 5. Juni anreisen und mit uns Müll sammeln», erinnert er sich. Skrekas war gerade neuer Umweltminister geworden. Croessmann sagte ihm nicht sofort zu. Das Wort Greenwashing schoss ihm durch den Kopf. Skrekas spürte das Zögern seines Gesprächspartners, also fragte er, ob der Berufsfischerverband etwas benötige. «Einen Trailer für die Werft», antwortete Croessmann. «Ist das alles? Sonst noch was?», fragte Skrekas, und ohne die Antwort abzuwarten, versprach er 70 000 Euro für das Säubern der Strände. Am 5. Juni 2021 war Skrekas in allen Abendnachrichten zu sehen. Er trug schwarze Gummihandschuhe und stopfte Müll in einen 70-Liter-Müllsack. Amorgorama nahm Fahrt auf, Skrekasʼ Karriere ebenfalls.
Von so viel medialem Wirbel angespornt, reisten die Fischer ein zweites Mal nach Athen, in der Hoffnung, dieses Mal Unterstützung zu finden. Simos Kedikoglou, stellvertretender Minister für Fischereipolitik, empfing Croessmann, umarmte ihn wie einen alten Freund, hörte sich alles in Ruhe an und verlangte eine wissenschaftliche Studie. Laichzeiten, Fischarten, Meeresschutzzonen, alles müsse untersucht und dokumentiert werden, erst dann könne man weitersehen, sagte er. Die Studie koste 135 000 Euro. Das Problem: Die Fördertöpfe seien gerade geschlossen worden, der Staat könne oder wolle die Studie nicht bezahlen. Die NGO Blue Marine Foundation und Cyclades Preservation Fund sprangen ein. Mittlerweile ist die Untersuchung abgeschlossen, die Athener Universität für Landwirtschaft hat sie durchgeführt.
Croessmann sitzt im Büro des Berufsfischerverbands in Katapola, einem kleinen, kahlen Raum. An der Wand hängen Fotos vom letzten Fischerfest, das jeden Sommer stattfindet und bei Fischsuppe, Wein und Musik jeden willkommen heisst. Croessmann ist gerade von der Our Ocean Conference aus Athen zurückgekommen. Lefteris Avgenakis, der neue Minister für ländliche Entwicklung und Ernährung, in dessen Zuständigkeit die Fischerei fällt, hat sich auf der Konferenz offiziell zu Amorgorama verpflichtet. Ein Durchbruch. Fangverbot während der Laichzeit, Errichtung, Kontrolle und Überwachung von Meeresschutzzonen, all das soll in den nächsten Monaten in Gesetze gegossen und vom Parlament verabschiedet werden.
Die Fischer von Amorgos scheinen ihr Ziel erreicht zu haben. Doch Croessmann bleibt nüchtern. Er weiss aus Erfahrung, dass auf Worte nicht immer Taten folgen, dass die Industriefischerei eine Lobby hat, über die die Kleinfischerei nicht verfügt, dass in Griechenland nichts ohne Mittler läuft, die ein Anliegen vorantreiben.
Als 2018 der Vierpunkteplan abgelehnt wurde, beschloss Croessmann, alles hinzuschmeissen und sein Fischerboot abzuwracken. «Überall in der EU ging es voran mit nachhaltiger Fischerei, nur bei uns nicht», erzählt er. Die EU hatte, im Kampf gegen Überfischung, ein Abwrackprogramm für Fischereiboote aufgelegt. Wer sein Boot hergab, erhielt eine Ausgleichszahlung. So sollte die Zahl der Fischerboote in der EU reduziert werden. Croessmann hatte das Abwracken seines Kaikis schon unterschrieben, als er in letzter Minute die Vereinbarung widerrief. Es kam ihm vor wie ein Verrat an seinem Beruf, seinem Boot, an der Vision, die die Fischer haben.
«Ohne Croessmann gäbe es Amorgorama nicht», sagt Janis Psakis. «Ohne Croessmann wären wir nicht so weit gekommen», sagt Lefteris Vekris. «Croessmann hat die Fischer an einen Tisch gebracht», sagt Nikolas Vekris. «Ohne Croessmann wird sich der Berufsfischerverband auflösen», sagt Kostas Sigalas. «Ohne mich gäbe es Amorgorama nicht», sagt Croessmann selbst, wenn auch ungern. Er mag es nicht, im Mittelpunkt zu stehen, und schon gar nicht mag er es, wenn griechische Journalisten über den «Deutschen» auf Amorgos berichten. Das kränkt ihn.
Croessmann fühlt sich mehr als Grieche. 1960 wurde er in Esslingen geboren, er ist gelernter Gross- und Aussenhandelskaufmann. 1980 kam Croessmann nach Amorgos, gemeinsam mit einem Freund. Eigentlich wollten die beiden nach Ägypten reisen. Doch Croessmann verliebte sich in die Insel – und blieb. Aus dem Trip wurde sein Leben. Kostas Sigalas, Halbwaise und Vater von drei Töchtern, nahm den Jungspund, der kein Wort Griechisch sprach, unter seine Fittiche. Nahezu alles, was man über die Fischerei wissen muss, lernte der junge Mann von Sigalas. Croessmann zieht ein altes Foto hervor. Es zeigt zwei Männer, einen Fischer wie aus dem Bilderbuch, das bärtige Gesicht vom Wetter gegerbt, die Haare wild und verstrubbelt, daneben er, ein Milchgesicht, bartlos, faltenlos, freundlich lächelnd.
Er erwarb eine Lizenz, arbeitete 30 Jahre lang auf dem Meer. Er sagt: «Fischer sind von Natur aus Einzelkämpfer. Der Beruf ist schwierig, manchmal gefährlich, aber immer schön. Der Fischer hat nur Gott und die Natur über sich.» Für Croessmann ist seine Arbeit kein Beruf. Sondern Berufung. Er ist verheiratet, griechisch-orthodox getauft, hat einen Sohn. Er fischt nicht mehr, ist stattdessen jetzt viel unterwegs, verhandelt mit NGOs und Politikern, besucht Konferenzen, Rom, Warschau, demnächst Belgrad und immer wieder Athen. Er trifft Menschen, die ähnliche Projekte leiten, stellt Amorgorama vor, gibt Interviews.
«Keiner von uns könnte tun, was er tut», sagt Kostas Sigalas. «Er spricht Deutsch und Englisch», sagt Nikolas Vekris. «Er hat Zeit, er muss nicht fischen», sagt Janis Psakis. «Er ist finanziell unabhängig», sagt Vangelis Spanos. Die Fischer zählen auf Croessmann. Es ist, als hätte ein Fremder nach Griechenland kommen müssen, um ein Projekt wie Amorgorama durchzuziehen. Croessmann denkt strategisch, arbeitet transparent, bohrt sich in die Materie, und er hat einen Vertrauensvorschuss: Er und seine Frau stammen nicht aus Amorgos, und keiner ihrer Verwandten lebt auf der Insel. Er steht folglich nicht in Verdacht, dem Interesse der Sippe zu dienen, indem er ihr irgendwelche Vorteile durch das Projekt verschafft. Doch sosehr die Fischer Croessmann schätzen und ihm vertrauen, so kritisch sehen manche die ausgehandelten Vereinbarungen und Kompromisse, die sie eingehen müssen, um ihr Projekt verwirklicht zu sehen.
Kostas Sigalas, 83, Croessmanns Ziehvater, ist der älteste aktive Fischer. Er ist längst in Rente, aber er kann nicht aufhören. Er liebt seine Arbeit. Ginge es nach ihm, er würde weitere 83 Jahre fischen. «Man darf das Meer nicht fürchten, aber achten muss man es», sagt er. Er sitzt in einem Café am Hafen und nippt am Mokka. Auf Amorgorama angesprochen, sagt er: «Es gibt viele Robben. Die werden während der Schonzeit unsere Fische fressen, und die Fischer von den Nachbarinseln werden sich auf unsere Fischgründe stürzen, falls es wieder genügend Fische gibt. Die lachen sich ins Fäustchen!» Die Fischer der benachbarten Inseln wollten sich dem Projekt nicht anschliessen. Sie warten ab, um zu sehen, was auf Amorgos passiert. Sigalas verlangt Papier und Stift und skizziert Amorgos und die 1,5 Seemeilen grosse Fangverbotszone rund um die Insel, die während der Schonzeit gilt. «Entlang dieser Linie werden die anderen Fischer unsere Fische aus dem Meer ziehen, und wir müssen zuschauen», erklärt er. «Man hätte eine Fangverbotszone für die ganze Inselgruppe errichten müssen.» Trotz seiner Bedenken hat Kostas Sigalas die Übereinkunft mit den Projektpartnern unterschrieben. «Aus Not», wie er sagt.
Vangelis Spanos sieht es ähnlich. Er kommt gerade vom Fischen und säubert die Netze. Ganze drei Kilo hat er gefangen. Spanos flucht. «Die Robben fressen die Fische weg, die sich im Netz verfangen, und sie reissen Löcher in die Netze», sagt er. Schuld seien die Umweltschützer. Sie hätten Robben ausgesetzt. Als ob sie hier nicht schon genügend Probleme mit Delfinen hätten. Jetzt wimmele es von Robben. «Man müsste sie abschiessen», schimpft er. Nein, er habe die Übereinkunft nicht unterschrieben, er sei nicht für das Projekt und er beteilige sich an keiner Säuberungsaktion. Amorgorama könne nicht gelingen, zuerst müssten die Robben weg. Früher habe der Staat für jede erlegte Robbe eine Prämie bezahlt, heute sei es leichter, einen Menschen zu töten als eine Robbe, beklagt sich Spanos.
Croessmann winkt ab. «Es wurden keine Robben ausgesetzt. Das ist ein Märchen», erwidert er. Dennoch bleibt auch er in gewisser Weise skeptisch, ob Amorgorama die Lösung für die Probleme der Fischer ist. Das Einzige, was er mit Gewissheit sagen kann: So wie bisher kann es nicht weitergehen. «Amorgorama ist der erste Schritt. Das Projekt legt alle Probleme auf den Tisch und versucht Lösungen anzubieten. Es steht und fällt mit einem ausgeklügelten Kontroll- und Überwachungssystem», sagt Croessmann. Genau darin liege ein Problem. Griechenland verfügt über Unmengen von Gesetzen, doch sie werden lasch kontrolliert und Verstösse nicht immer oder zu lax geahndet. Sein Kollege Psakis zum Beispiel wurde in 30 Jahren nur zweimal kontrolliert.
Stefanos Kalogirou, 43, Meeresbiologe an der Universität für Landwirtschaft in Athen, hat die wissenschaftliche Studie zu Amorgorama ein Jahr lang begleitet. Mit seinem Team hat er das marine Ökosystem von Amorgos untersucht, Seegraswiesen, Korallenformationen, Sandböden. Und er hat sich ausgiebige Gedanken gemacht über die Kontrolle der Fangverbotszone und der drei Meeresschutzzonen, die für den Fischfang für immer geschlossen werden. Er ist überzeugt, dass ein satellitengestütztes Überwachungssystem auf jedem Kaiki, ein vor Ort installiertes Radarsystem und ein Boot für die perfekte Kontrolle sorgen. Kalogirou weiss, Fischer wollen keine Kontrollen; sie wollen frei sein, sie hassen Regeln und Verbote. Aber ohne geht es nicht. Er sagt auch: «Amorgorama ist einzigartig. Das Projekt kommt von ganz unten, und alle Teilnehmer des Projekts sind ein Team: die Inselgemeinde, die NGOs, das Ministerium für Fischerei, die Universität für Landwirtschaft und die Fischer von Amorgos.» Amorgorama sei ein Pilotprojekt für Griechenland. Er hofft, dass andere Inseln dem Beispiel folgen werden.
Auf die Frage, ob das Projekt scheitern könne, lässt sich Kalogirou drei Sekunden Zeit für seine Antwort. Dann sagt er mit fester Stimme, ohne jeden Zweifel: «Amorgorama kann nicht scheitern. Es wird ein Erfolg. Die Bestände werden sich erholen. Die Fische kommen zurück.»