Stark sein wie Maggy
Waise, Strassenkind, Mutter ohne Arbeit. Eine Frau in Kenya überwindet alle Widerstände.
Nakuru: eine Stadt im Südwesten Kenyas. Laut, dicht, staubig, heiss. Das Zentrum ist prall gefüllt mit Verkäuferinnen, die auf Tüchern, in Kübeln und auf Schubkarren Gemüse, Früchte und Getreide anbieten; andere verkaufen eine Tür, eine Kuh, ein Motorrad oder einen Sarg. Die Strassen befinden sich in der Hand der Boda-Boda, der Fahrrad- und Motorradfahrer, die hier, unbekümmert physikalische Gesetze ignorierend, ein Sofa, sieben Kanister Wasser, zweihundert rohe Eier, ein frisch geschlachtetes Schwein oder eine vierköpfige Familie transportieren. Mitten in dieser Szenerie: Maggy und Mary, neun- und elfjährig. Soeben haben sie, ein paar Jahre nach dem Tod des Vaters, auch ihre Mutter verloren. Im Kalender steht das Jahr 1999. Verwandte? Gibt es, aber die haben ihre eigenen Sorgen. Also stehen die beiden Mädchen auf der Strasse. Was sie besitzen, sind die Kleider, die sie am Leib tragen, dazu ihre Ohnmacht, ihre Trauer.
So muss man sich die Szene vorstellen, von der Maggy mir Jahre später berichten wird.
Ich schreibe: ihre Ohnmacht, ihre Trauer. Und zögere. Neben einer unablässig surrenden Klimaanlage sitze ich an diesem Tag im Januar 2023 in einem Hotelzimmer, anderthalb Kilometer von Maggys Wohnung entfernt. Neben meiner Tastatur liegt das kleine Notizbuch, in welches manchmal auch Maggy etwas hineinschreibt. Ich versuche, ihre Geschichte zu verstehen, Worte zu finden für mich gänzlich fremd anmutende Lebensumstände. So wie auch Maggy aus dem Schweigen und zu den Worten findet. Denn allmählich nähert sich diese feingliedrige, zweiunddreissigjährige Frau dem Vertrauen, das nötig ist, um erzählen zu können. Sowohl sich selbst als auch mir, einem Fremden. Einem fremden Mann. Obwohl sie oft wiederholt, wie sehr sie Männer hasst.
Jeden Morgen verlasse ich mein von Mauern, Stacheldraht und Wachpersonal umgebenes Hotel, spaziere eine halbe Stunde durch den roten Staub, gehe auf dem schmalen Saum der Strasse und doch mitten im chaotischen Verkehr. Ich trage meine schrecklich weisse Haut, meinen gesenkten Blick und meine so gut wie möglich geschlossenen Ohren, denn anders geht es nicht, anders kann ich diese Strecke nicht zurücklegen, ohne dass mir jemand eine Kuh, einen Sarg, ein Motorrad oder ein Kilo Mangos verkaufen will, und ich bleibe angespannt, bis ich ankomme an Maggys Arbeitsplatz. Dieser besteht aus einer Blechhütte, aus vier sympathischen, improvisierten Quadratmetern. Maggy begrüsst mich, wir setzen uns, tauschen ein paar Worte aus, sie beginnt zu arbeiten. Ihre Arbeit besteht in erster Linie aus Warten. Es passiert wenig, fast nichts, die Sonne klettert in den Himmel, ein warmer Wind trägt den Lärm des Dorfes vor die Tür, und Maggy sortiert ihre Erinnerungen.
Sie erzählt, ich notiere; Maggy schweigt lange, ich lasse ihr Zeit. Spricht sie, so tut sie es langsam, sie sammelt und ordnet Gedanken, erzählt schliesslich in einem klaren, anschaulichen Englisch. Ihre Stimme ist hell und kräftig. Maggy sagt: «Das Einzige, was ich als Neunjährige bei mir trug, was mir damals kostbar war, war ein Bild. Eine Fotografie meiner Mutter.» Ich nicke, stelle nur ganz selten eine Frage; Maggy denkt lange nach, blickt mich an, erzählt.
Abgesehen von der Trauer ist es der Hunger, der ihre Tage damals zeichnet. Mary und Maggy stromern durch Nakuru, suchen im herumliegenden Abfall nach Nahrung, nicht anders als Hunde. Sie bitten Fremde um Geld und Essen, waschen sich im Regen und im Bach. Pflücken Maiskolben auf stadtnahen Feldern, sammeln Metall, schleppen Wasser zu Baustellen, kauen Zuckerrohr, klauen Früchte. Die beiden Mädchen besitzen Ausdauer, sich selbst, ein paar Kleider und jenes Hungergefühl, das sie kaum je verlässt. Sie gehören der Strasse, und die Strasse gehorcht dem Tageslicht: Kurz nach sechs Uhr klettert die Sonne über den Horizont, übergiesst die staubige Stadt mit ihrem Licht, bringt mittags alles zum Glühen, lässt Staub und Abgase über dem Asphalt flirren, und kurz nach 18 Uhr, wenn das Licht schwindet, versinkt alles in einem Meer aus Verkehrslärm, Stimmen, Abfall und Dunkelheit. Nachts kriecht die Kälte um die Hausecken, Nakuru liegt auf 1800 Metern über dem Meer, und die beiden Mädchen suchen sich, mal hier, mal dort, einen Schlafplatz.
Eines Tages, es stehen die regenreichen Monate im Kalender, mag Mary nicht richtig aufstehen, fühlt sich schwach. Maggy macht sich allein auf Nahrungssuche. Auch tags darauf fühlt sich Mary nicht gut, ihr ist zugleich heiss und kalt, sie wird geschüttelt von einem Fieber. Maggy weiss: Es hilft nichts, ihre Schwester zum Krankenhaus zu schleppen. Wer nicht bezahlen kann, wird nicht untersucht. Das Fieber steigt und steigt, Mary kämpft zwei Tage lang mit ihm, dann wird sie erlöst. Sie stirbt im Alter von zwölf Jahren.
Maggy, keinen Boden mehr fühlend, irrt hilflos umher. Die Stadt ist prallvoll, und doch ist Maggy der einzige Mensch auf Erden. Sie kann am Rand der Strasse liegend verhungern, kann im Handstand die ganze Stadt durchqueren, kann fliessend in fünfunddreissig Sprachen sprechen, egal, es wird dieses zehnjährige Mädchen, das sie ist und darstellt, niemandem auffallen, das Leben der anderen wird rauschend und lärmend an diesem Mädchen vorbeiziehen. Träge gibt ein Tag dem nächsten die Hand, gleissend steht die Sonne am Himmel, ewig scheuert der Sand auf der Haut, und die Gedanken gehen nicht weiter als bis zum nächsten Bissen.
Nach zwei Jahren im Staub der Strassen passiert das Unerwartete: Eine Frau nimmt das Mädchen zu sich nach Hause, gibt ihm zu essen, ein sauberes Kleid, hört sich seine Geschichte an. Die Frau, Jane Kimani mit Namen, entscheidet sich, Maggy in ihrer Familie aufzunehmen, sie zur Schule zu schicken. Maggy ist zwei Jahre älter als die anderen ihrer Klasse, aber sie ist klein und schmal, ihr Alter fällt nicht auf. Maggy, nun zwölfjährig, isst und blüht auf. Jane behandelt sie nicht anders als die eigenen Kinder; Maggy darf am gleichen Tisch essen, mit den drei Töchtern im gleichen Bett schlafen. Manches Mal, wenn Jane der schmalen Maggy ein Lächeln schenkt, sie an der Hand nimmt oder ihr übers Haar fährt, lebt Maggy in dem Gefühl, ihre Mutter sei zurückgekehrt im Körper dieser anderen Frau. Genährt von dieser Fürsorge, findet Maggy zu neuen Zuversichten. Maggy ist unendlich dankbar, sie lobt und preist ihren Gott.
Da verliert Jane ihren Mann. Ohne ihn fehlt das Einkommen; das Begräbnis verzehrt die Ersparnisse. Jane kann sich das Haus nicht mehr leisten, muss einen Job suchen, was schwierig ist, da Witwen in Kenya als unrein gelten. In ihrem Kampf, sich und ihre Kinder über Wasser zu halten, ist Jane nicht länger fähig, für Maggy zu sorgen. Mit ihren vierzehn Jahren findet sich Maggy wieder im roten Staub der Strasse, verschenkt ihre Schuluniform und zieht umher. Sie hört von Jugendlichen, die sich, um eine Mahlzeit zu erhalten, von Verwandten oder Fremden sexuell benutzen lassen. Maggy fühlt einen Stolz, der solcherlei nicht billigt. Aber es kommt vor, dass sie sich abends, erschöpft von einem durch Hunger und Aussichtslosigkeit leergeräumten Tag, im falschen dunklen Hinterhof wiederfindet. Ehe sie den Schatten des Mannes richtig sehen kann, wird sie gepackt, geschlagen und benutzt.
Maggy lernt andere Kinder kennen, eine Gruppe von sieben, acht, neun Jugendlichen, sie schliesst sich ihnen an. Sie lachen und betteln gemeinsam, stehen bei Regen unter einem Vordach, liegen nachmittags unter einem Baum, nennen sich Brüder und Schwestern, und was sie eint, ist die Suche nach Nahrung, das Lachen und die Geschichten ihrer Eltern. Die Mutter: tot. Der Vater: verschollen. Die Mutter: vielleicht noch am Leben, aber unauffindbar. Der Vater: ein Trinker.
Diese Kinder: Sie bilden jetzt ihre eigene Familie. Teilen sich Nahrung, schleppen Kisten auf den Markt, verdienen sich hier und da ein paar Schilling für die gemeinsame Kasse. Suchen sich Schlafplätze, legen sich in Kartonkisten, teilen sich Decken, Scherze und Seife. Schlafend liegt Maggy in der Kartonkiste. Wer in solch einer Kiste schläft, ist immer beides: eine unantastbar stolze Königin, beschenkt mit der grösstmöglichen Freiheit. Zugleich ein Insekt, erbärmlich genug, vom Rest der Gesellschaft zertreten zu werden.
Wenn die Chancen der Stadt ausgepresst sind, wenn es nichts mehr zu putzen, zu schleppen, zu finden und erbetteln gibt, suchen die Jugendlichen eine grosse Kreuzung auf, an der sich allzeit alles drängt, warten auf schwer beladene Lastwagen, und biegt einer ab in die gewünschte Richtung, so legen sie einen beherzten Sprint auf den Asphalt und klammern sich an den dicken Fahrzeughintern, halten sich fest an der Metallhaut dieser dieselbetriebenen Tiere und lassen sich hinausfahren aus dem dichten Kessel der Stadt. Irgendwann wird ein Anstieg kommen, wo sich der Lastwagen nur mit zehn, fünfzehn Kilometern pro Stunde hochzuschleppen vermag – das ist der Moment, um abzuspringen. Gemeinsam durchstreifen die Kinder weite Felder, folgen Bachläufen, jagen Vögel und braten sie über dem Feuer, klettern über einen Zaun und gelangen in den Nationalpark, kauen Pflanzen, die vielleicht doch nicht besonders geniessbar sind, und legen sich abends, unweit von Tieren, die es ihnen gleichtun, ins Gras. Doch Fruchtbäume sind irgendwann leer, Wasserläufe trocken; früher oder später kehren die Jugendlichen zurück in die Stadt, wo sich doch, please be with me, Lord, jemand finden lassen muss, der helfen kann. Maggy sammelt Mut; falls es ihr tatsächlich nicht vergönnt ist, ein Leben mit Eltern und Schulbildung zu leben, so will sie immerhin von der Strasse wegkommen. Sie geht von Tür zu Tür; fragt nach Arbeit, die sie gegen Bezahlung erledigen könnte. Ja, sagt ein Mann, sie könne Kleider waschen, sie dürfe eintreten. Maggy ist höchst erfreut. Kleider zu waschen, ist eine Arbeit, die sie kennt, bei der sie nichts falsch machen, nicht enttäuschen wird. Kaum ist Maggy in der Wohnung, verschliesst der Mann die Tür, packt sich das Mädchen, und als er mit seiner Sache fertig ist, stellt er es wieder auf die Strasse.
Eines Tages erhält Maggy das Angebot, für monatlich 4000 Schilling in einem Haushalt zu helfen und dort zu wohnen. Das ist wenig Geld, nicht mehr als eine Handvoll Euro, aber genug, um Maggy zu motivieren. Es handelt sich um eine vielköpfige Familie, eine grosszügige Wohnung; es gibt viel zu reinigen, zu waschen und zu kochen. Die Atmosphäre ist kühl bis feindlich. Maggy muss allein in der Küche schlafen, wo sie morgens, wenn es ihr nicht gelingt, vor allen anderen zu erwachen, verscheucht wird. Nimmt die Familie eine Mahlzeit ein, muss Maggy der Küche fernbleiben; bemerkt Maggy, dass die Familie mit dem Essen fertig ist, darf sie in die Küche gehen und im Mund verschwinden lassen, was übriggeblieben ist. Hastig spült sie das Geschirr.
Als der erste Monat um ist, fragt Maggy nach ihrem Lohn: Gerade sei sie knapp bei Kasse, sagt die Frau, aber das Geld komme bald. Maggy ist schwer enttäuscht, nimmt es jedoch hin, auch weil ihr das Leben gerade Glück schenkt: Sie lernt einen charmanten jungen Mann kennen, in den sie sich verliebt. Er sagt, er werde sie heiraten. Als der zweite Monat vorbei ist, fragt Maggy nach ihrem Lohn: Gerade sei sie knapp bei Kasse, sagt die Frau, aber das Geld komme bald.
Maggy wird schwanger. Sie weiss nicht, ob sie sich freuen oder verzweifeln soll. Sie erzählt ihrem zukünftigen Mann davon. Es ist das letzte Gespräch, das sie mit ihm führt. Verzweifelt ringt Maggy um eine Entscheidung; wie soll sie für ein Kind sorgen können? Sie wünscht sich, auch wenn das in Kenya illegal und mit hohen Risiken verbunden ist, einen Schwangerschaftsabbruch. Sie fordert von der Familie den geschuldeten Lohn, den sie nun bitter nötig hat. Die Frau sagt: Du hast die ganze Zeit über hier im Haus geschlafen und gegessen: Das ist Lohn genug! Maggy, beharrend auf dem vereinbarten Honorar, wird angeschrien und rausgeschmissen. Schwanger kehrt Maggy zurück auf die Strasse, um schliesslich, siebzehnjährig, einen Sohn zur Welt zu bringen. Sie nennt ihn Thaman.
Maggy steht da, einen Säugling im Arm. Es muss eine andere Zeit beginnen, das Übernachten in Kartonkisten muss vorbei sein! Wärme muss her in der Nacht! Saubere Kleider, saubere Tücher müssen her!
Maggy hofft, aufgenommen zu werden von der ersten Frau ihres Vaters, die, so Gott will, noch lebt. Ihren winzigen Thaman packt Maggy in ein Tuch, verzichtet, um genügend Geld für das Busticket zu haben, auf eine Mahlzeit und reist nach Bondo, einer Kleinstadt nahe des Viktoriasees, 250 Kilometer westlich von Nakuru. Dort fragt Maggy nach ihrer Stiefmutter, fragt hier und dort, geht durch die Strassen und nennt den Namen ihres verstorbenen Vaters. Von Stiefbrüdern wird ihr erzählt; die Verwandtschaft ist grösser als gedacht, aber Tagediebe sind das offenbar, Landstreicher und Alkoholiker, es wird ihr empfohlen, sich nicht bei ihnen zu melden. Schliesslich erhält Maggy einen hilfreichen Hinweis. Nach einem längeren Marsch findet sie die erste Ehefrau ihres Vaters. Untätig sitzt diese vor einem Haus, das Gesicht erloschen über verschränkten Armen, und freut sich nicht über Maggys Besuch. Der Wortwechsel bleibt karg und abweisend, Maggy wird nichts zu essen angeboten. Sie ignoriert ihren Hunger, gibt Thaman die Brust und ruht sich, auf dem Grundstück verweilend, etwas aus. Eines der Lehmhäuser hier ist zur Hälfte eingebrochen, magere Pflanzen stehen in einem verwaisten Garten, und die Gräber, vermutlich von Vorfahren väterlicherseits, tragen kein Kreuz, auch keine Namen. Es sind nicht mehr als schlichte Erdhaufen, wie hier üblich bei mittellosen Familien.
Maggy macht ein paar Schritte auf ihre Stiefmutter zu, um zu erfragen, wer hier begraben liegt. Die Stiefmutter will von Maggy wissen, wann sie endlich verschwinden wird.
Den kleinen Thaman am Rücken, im Kopf den eisernen Imperativ, nicht aufzugeben, marschiert Maggy in Bondo von Tür zu Tür und bietet an, Kleider zu waschen. Das scheint ihre einzige Chance, zu Geld und Essen zu kommen. Manche öffnen nicht, schauen nur abschätzig durchs Fenster. Andere öffnen – und beschimpfen sie. Weil sie eine Mutter ohne dazugehörigen Kindsvater ist. Nur hin und wieder findet Maggy eine Familie, die ihren Dienst annimmt.
Indem sie wenig isst, gelingt es ihr, vom kargen Verdienst ab und zu winzige Ersparnisse abzuzweigen; sie möchte, noch vor der nächsten Regenzeit, ein egal wie kleines Zimmer mieten. Dazu wird sie eine doppelte Monatsmiete hinterlegen müssen. Weil ihre Dienste empfohlen werden, kann sie für ein Hotel die Bettwäsche waschen. Private Kunden, die zufrieden sind, bleiben ihr treu. Das Zimmer, das sie mietet, besteht zur Hauptsache aus einem kurzen, schlanken Bett. Und doch ist es ein komplettes Zimmer: ein sauberer Boden aus festem Lehm, vier Wände, eine Tür, welche die Hühner fernhält, und ein Wellblechdach, das zuverlässig den meisten Regen abwehrt. Nahrung bleibt knapp, und die Einkünfte sind instabil, aber sie sind da, und kaum bilden sie ein kleines Häuflein, trägt es Maggy zum Vermieter und stellt sicher, das bescheidene Zimmer weiterhin bewohnen zu können. So gehen die Monate dahin, und auch wenn sie bisweilen auf eine Mahlzeit verzichten muss, ist Maggy wirklich weg von der Strasse, fern davon, in einer Kartonkiste zu übernachten. Wenn ihr etwas fehlt, so ist es ihre Mutter, der sie liebend gerne ihren Thaman zeigen würde. Und es fehlt ihr jemand, mit dem sie über Gott sprechen könnte, über die Welt und die ungleich auf ihr verteilten Chancen.
Aufgrund ihrer bisherigen Erfahrung mit Männern verhält sich Maggy meist ablehnend; sie glaubt an Gott und dass er schon wissen wird, wie es weitergehen soll. Es dauert, bis sie jemanden kennenlernt, bis sie in ein längeres, freundschaftliches Gespräch findet mit einem Mann. Mit einem, in den sie sich verliebt. Der sich, als sie schwanger wird, noch immer blicken lässt, der ihr schöne Umarmungen schenkt. Er sagt, es sei nun wichtig, gemeinsam seine Familie zu besuchen, damit er den Eltern seine zukünftige Frau vorstellen könne.
Maggy freut sich und ist aufgeregt. Wird es vielleicht möglich sein, im gelegentlichen Zusammensein mit den Eltern dieses Mannes etwas zu finden, was sie in ihrer eigenen Familie entbehrt hat? Die Mutter ihres zukünftigen Mannes begrüsst sie überaus herzlich, ein festliches Essen wird aufgetischt. Doch als ihr dämmert, dass Maggy ihre Eltern verloren hat und keinerlei Besitz vorweisen kann, kein Land, kein Haus, keine Kuh, kein Schaf und keine Ziege, als sich dies Satz um Satz zu einer unumstösslichen Wahrheit formt an diesem reich gedeckten Tisch, verdüstert sich die Miene der künftigen Schwiegermutter. Alsbald schüttelt diese energisch den Kopf, lässt ihre Hände durch die Luft fahren und verbietet es ihrem Sohn, Maggy zu heiraten. Verbietet es ihm in den klarsten Worten und in der Anwesenheit Maggys, erklärt sie für unwürdig, für eine Schande der Familie. Der Sohn blickt ins Leere, findet keine Worte. Schliesslich respektiert er den Willen seiner Mutter und begleitet Maggy zur Tür. Es ist das letzte Mal, dass sie ihn sieht. Die dreiundzwanzigjährige Maggy bringt eine Tochter zur Welt; sie nennt sie Precious.
Maggy versucht weiterhin, ihren Lebensunterhalt mit dem Waschen von Wäsche zu verdienen. Andere Möglichkeiten: Sie könnte in Sumpfgebieten nach langen Blättern suchen, sie zu einem Korb flechten, unter dem die Leute hier ein Huhn zu halten pflegen, sich an den Strassenrand setzen und auf Kundschaft warten.
Sie könnte in den Dörfern draussen Gemüse kaufen, die Ware ins Zentrum Bondos transportieren, sich an den Strassenrand setzen und auf Kundschaft warten.
Sie könnte Brennholz suchen, Äste zu einem Bündel binden, sie ins Zentrum schleppen, sich an den Strassenrand setzen und dann auf Kundschaft warten.
Sie könnte Leute finden, die eine Arbeit haben: Während diese Menschen am Strassenrand sitzend auf Kundschaft warten, könnte sie Wasser schleppen und sich um deren Haushalt kümmern.
Sie könnte sich aus Ästen und Wellblech eine Hütte bauen, könnte Maismehl kaufen, ein paar Eier und Gemüse, könnte Pfannen und Brennholz auftreiben, könnte die Namen von drei Menus an die Wand schreiben und auf Kundschaft warten für ihr Restaurant.
Sie könnte eine harte Nadel auftreiben und einen kräftigen, dünnen Faden. Könnte ins Dorfzentrum spazieren, sich am Rand der Strasse unter einen Baum setzen, und falls es ihr zu aufwendig wäre, ein Schild zu basteln, könnte sie jedem, der vorbeigeht, zurufen, dass sie hier günstig Schuhe repariert.
Sie könnte sich von jemandem anstellen lassen, der im fernen Nairobi lebt, aber hier in Bondo ein Haus besitzt. Sie wäre dafür verantwortlich, dass niemand einbricht, auf dem Grundstück keine Bäume gefällt, keine jungen Bäume ausgegraben werden, dass niemand das Eingangstor wegträgt.
Sie könnte sich ein Solarpanel organisieren, einen Transformator und ein paar Steckdosen. Könnte sich ein Quartier suchen, des-
sen Stromversorgung notorisch schlecht ist, könnte ein winziges Lokal mieten und phone charging auf ein Schild schreiben.
All dies wäre möglich. Aber eines Tages entdeckt Maggy an der grossen Strasse, der D 246, in einem schlanken, blau gestrichenen Bau aus Holz und Wellblech einen Friseursalon. Ein winziger Laden ist es, gerade gross genug, um zwei Stühlen, einem Spiegel, einem Föhn und einer Steckdose Platz zu bieten. Maggy findet mit der Besitzerin in ein Gespräch, in ein freundliches Lachen, und ehe sie richtig nachdenkt, fragt Maggy diese Frau, ob sie bereit wäre, ihr das Flechten von Haaren beizubringen.
Mit einem blauen Kunststoffkamm bildet Maggy im Haar der Kundin einen exakten Scheitel, isoliert ein winziges Haarbüschel, lässt sich von der Kundin eine Kunststoffsträhne aushändigen, streicht diese Haare ein paarmal glatt und beginnt schliesslich, das natürliche mit dem künstlichen Haar eng und fein zu verflechten, wobei sie gelegentlich mit dem Zeigefinger der rechten Hand etwas von der glänzenden Pomade aufträgt, die auf dem linken Handrücken ruht, alles einbindend in eine Kaskade unendlich geschickter Fingerbewegungen. Ein vorbeischlurfender Händler wirbt für Hosen und Socken, ein anderer bietet Ratten- und Insektengift an, dann scheppert, von der Ladefläche eines Pickups, Gospel-Musik über die Strasse, werbend für eine der oft ausufernden Beerdigungsfeiern, die beliebt, aber berüchtigt sind für ihre Gewalt – Maggy lässt alle Angebote vorbeiziehen, bleibt auf ihre Arbeit konzentriert, auf die unzählbar vielen schlanken Zöpfe, für deren Verflechten sie ungefähr drei Stunden Zeit aufwenden wird. Als es geschafft ist, betrachtet sich die Kundin zufrieden im Spiegel, bezahlt 600 Schilling, rund vier Euro, und verabschiedet sich. 300 Schilling steckt Maggy ein, 300 gehen an die Chefin. Eine Frau kommt vorbei, einen Kübel gekochter Maiskolben auf dem Kopf balancierend: 40 Schilling das Stück. Maggy ist hungrig. Doch weil sie nicht wissen kann, ob heute noch eine weitere Kundin auftauchen wird, verzichtet sie. Maggy lehnt sich hinein in einen Stuhl, hält Fingerbeeren auf Fingerbeeren, direkt unter ihrem kräftigen Unterkiefer, es sieht aus, als wolle sie beten, aber sie blickt lediglich hinaus in den Verkehr. Ich sitze neben ihr, direkt vor dem Eingang, klappe mein Notizbuch zu; nochmals frage ich Maggy, ob ich nicht vielleicht Kundschaft abhalte, wenn ich hier, als weisser Mann, direkt vor ihrem Coiffeursalon sitze. Maggy lacht und sagt, das sei gute Werbung; die Menschen seien neugierig und hätten gern etwas Abwechslung. Ich kann nicht ausschliessen, dass Maggy dies nur sagt, um höflich zu sein. Aber wenn ich nicht bei der Arbeit mit ihr sprechen kann, kann ich überhaupt nicht mit ihr sprechen. Sechseinhalb Tage die Woche verbringt sie im Salon, der Sonntagvormittag ist reserviert für die Kirche. Precious ist in der Tagesschule, Thaman lebt auf dem Gymnasium, auch an den Wochenenden. Eine NGO zahlt das Schulgeld. Maggy sieht ihn nur in den Ferien.
Für einen kurzen Schwatz kommt Indianah zu Besuch, die quirlige, mit lauter Stimme und lauten Gesten sprechende Indianah, die, zweiundzwanzigjährig, an Weihnachten ihren jüngsten Bruder verloren hat. Sie glaubt, er sei entführt und ermordet worden. Einfach weil Kenyaner, so sagt sie es, manchmal ein Ritual brauchen. Indianah erzählt höchst amüsiert von einem, der in der Nähe von Bondo eine Kuhherde beobachtet hat, um im Moment, da der Hirte kurz mit anderen Dingen beschäftigt war, zur schönsten Kuh hinzugehen und sie am Strick wegzuziehen. Er habe sie woanders für 2000 Schilling verkauft, sei nach einer Weile zurückgekehrt zu der verkleinerten Herde, wo er nicht nur den Hirten, sondern auch den Landwirt vorgefunden habe, lauthals das erlittene Unrecht beklagend. Da habe der Dieb dem Landwirt drei Stunden lang geholfen, die Kuh zu suchen, und habe sich schliesslich von einem traurigen, aber für seine Hilfe dankbaren Landwirt zu einem Abendessen einladen lassen. «Typisch Bondo», sagt Indianah, klatscht vor Begeisterung in die Hände und verabschiedet sich.
Danach ist Maggy wieder allein. Allein mit sich, allein mit diesem Salon, der nicht ihr gehört, in dem sie jedoch fast all ihre Zeit verbringt, und je länger sich das Warten auf die nächste Kundin hinzieht, je länger sie nichts isst, desto tiefer sinkt Maggy hinab in ihren Plastiksessel, desto tiefer verschwindet sie in einer uferlosen Langeweile. Leise summt sie ein Lied, legt die nackten Füsse auf die winzige Holzbank und bringt diese zum Wippen. Maggys Lider werden schwer, die Gegenwart zieht Fäden. Draussen wiegen sich hohe, rätselhaft schlanke Eukalyptusbäume in einem stärker werdenden Wind und unter einem sich aufbauenden Wolkengefüge, dem es schliesslich, eine Ewigkeit umfassende halbe Stunde später, tatsächlich gelingt, ein Gewitter zu bilden. In theatralischen kurzen zehn Minuten geht ein kraftvoller Regen nieder, der die Strasse komplett leerfegt. Mit der Rückkehr der trockenen, warmen Luft stellt sich auch der Verkehr wieder ein.
Maggy, beglückt auf das glänzend graue Asphaltband blickend, ist froh um den Regen, froh um jeden Tropfen, denn mit dem Regen steigen die Chancen, dass es anderntags Wasser zu kaufen gibt am nahen Kiosk. Owens Water Kiosk nennt sich das kleine blaue Häuschen, das in Maggys Nachbarschaft von zentraler Bedeutung ist. Die Wohnungen hier sind ohne Wasseranschluss, und jeden Morgen steht Maggy um fünf Uhr auf, verlässt ihre beiden fast lichtlosen Zimmer und die schlafende Tochter, folgt dem staubigen Feldweg bis zur D 246, um zu sehen, ob die Fenster des Wasserkiosks geöffnet sind. Meistens ist der Kiosk ohne Wasser, abgesehen von zwei, drei Tagen pro Monat. Hat er Wasser, bildet sich früh am Morgen schon eine derart lange Schlange, dass alle, die es nicht früh zum Kiosk schaffen, stundenlang zu warten haben. Um genügend Vorräte anlegen zu können, stapelt Maggy in ihrer Wohnung 27 gelbe Behälter. Schön beschriftet und sortiert. Das Wasser, das sie zum Waschen der Wäsche und für die Körperpflege benutzt, holt sie, solange er nicht trockenliegt, aus einem kleinen Bach.
Anderntags kann Maggy tatsächlich Wasser kaufen gehen am nahen Kiosk; aber sie bemerkt es bereits beim Aufstehen: Ein Fieber raubt ihr die Kraft. Kaum hat sie viermal zwanzig Liter auf dem Kopf zu ihrer Wohnung getragen, bestellt sie sich einen Boda-Boda und lässt sich ins Spital fahren. Dort erhält sie die notwendigen Malaria-Medikamente, zusammen mit einem fiebersenkenden Mittel; der Boda-Boda-Fahrer bringt sie zurück zum Salon. Sie sperrt die mit Wellblech verstärkte Holztür auf, trägt die beiden Stühle nach draussen, reinigt den Boden, schmeisst einige Kunsthaare in den Eimer, wartet zwei Minuten, bis der Boden trocken ist, stellt die Stühle wieder rein und wartet auf die erste Kundin. Die andere Angestellte wird, wie üblich, erst später kommen. Wer morgens zuerst im Laden ist, muss putzen, sichert sich aber die erste Kundin und deren Geld. So ist es vereinbart, so hat es sich eingespielt, und weil es Tage gibt, an denen nach der ersten keine weitere Kundin mehr auftaucht, denkt Maggy nicht ans Ausschlafen. Nein, sie weiss nicht, wie hoch ihr Fieber ist. Aber egal wie hoch, sie kommt in den Salon. Denn ohne Arbeit gibt es keinen Verdienst. Maggy richtet alles ein, hängt das Telefon an die Steckdose, die in ihrer Wohnung nicht existiert, blickt verschwommen in den Verkehr der D 246 und versinkt wartend und wartend im Plastiksessel.
Eine aufgebrachte Frau erscheint; sie trägt Plastik-Ballerinas und ein hochbesorgtes Gesicht. Sie redet wie ein Wasserfall und wedelt mit einem Telefon durch die Luft. Maggy ignoriert ihr Fieber und hört der Frau zu; es ist klar, dass sie nicht ihrer Haare wegen gekommen ist. Sie möchte ihren geschiedenen Mann dazu bringen, einen Beitrag für den Unterhalt der gemeinsamen Kinder zu bezahlen. Dazu fehlt es aber an einer gesetzlichen Grundlage wie auch an gesellschaftlicher Tradition. Maggy hört zu, stellt Fragen, nickt verständig; die Frau hört kaum je mit Erzählen auf. Es geschieht, was geschieht, nicht ohne Grund, sagt Maggy schliesslich und gibt der Frau den Rat, den Mann zu vergessen und sich nach Verdienstmöglichkeiten umzusehen. Die Frau lässt einen schweren Seufzer hören, bedankt sich und geht. Maggy, benebelt von den Medikamenten, von dem langen Zuhören wie auch von der Tatsache, dass sie, obwohl bereits Mittag ist, noch nichts verdient hat, lehnt sich in den Stuhl und schliesst die Augen. Dann bückt sie sich, blickt kritisch zu ihren Füssen, als wäre dies ihre ganz eigene Art, wieder bei sich anzukommen, bückt sich tief zu ihren Füssen und schneidet sich, gemächlich und enorm sorgfältig, mit einer Rasierklinge die Zehennägel. Ich sitze neben ihr; ich notiere, was geschieht, und mir scheint, es sei die Situation ein Kompliment an unser Gespräch: Wer sich in meiner Gegenwart die Zehennägel schneidet, fühlt sich wohl.
Dass sich Frauen von ihr beraten lassen, daran hat sich Maggy gewöhnt. Sie weiss nicht, wie sich das Vertrauen der anderen in sie erklärt; offenbar gilt sie als klug. Dass sie ohne Mann lebt und finanziell unabhängig zwei Kinder grosszieht, scheint zu imponieren. Es kommen die unterschiedlichsten Frauen zu ihr: eine Zwanzigjährige, die mit drei Kindern allein ist. Eine Frau, die ihren Mann kaum sieht und nicht weiss, ob er eine andere geheiratet hat. Eine Frau, die sich, um weiterhin Fische verkaufen zu können, zu sexuellen Diensten hat verpflichten lassen. Eine Witwe, die geflüchtet ist aus einer traditionellen Familie, geflüchtet ist aus der Verpflichtung, sich übernehmen zu lassen von einem Bruder des Verstorbenen. Das Vererben einer Frau zählt zu den alten Traditionen des Luo-Stammes und wird noch immer praktiziert: Eine Frau, deren Mann verstorben ist, muss vier Nächte lang ihre Haustür offen lassen. Dringt ein Bruder des Verstorbenen ins Haus ein, darf er die Tür schliessen, mit der Frau schlafen und sie so, begleitet von allerlei anderen Ritualen, zu seiner zweiten Ehefrau machen. All diese Beratungen leistet Maggy gerne; es ist ihr ein Anliegen, Frauen zu helfen, aus patriarchalen Traditionen auszubrechen.
Das Warten auf Kundschaft zieht sich hin, Maggy schliesst die Augen und übergibt sich dem Fieber. In drei Tagen, spätestens in vier, wird sie wieder fit sein. Sie kennt das, sie kommt damit zurecht, auch ein Mückennetz bietet keinen restlosen Schutz, und sie versucht, nicht zu lange an ihre Schwester zu denken, an Mary, die jetzt so stolz wäre, sie hier zu sehen, an Mary, der sie gerne eine besonders schöne Frisur auf den Kopf zaubern würde.
Oft stellt sich Maggy vor, wie es sein wird, ein eigenes Lokal zu führen: Sie hat es satt, die Hälfte ihres Verdienstes der Chefin abgeben zu müssen. Ausserdem muss sie damit rechnen, dass ihre Chefin eines Tages aufkreuzt und erklärt, Ende des Monats mache der Laden dicht. Um überhaupt die Chance zu erhalten, die doppelte Monatsmiete für ein Ladenlokal auf den Tresen zu legen, ist Maggy einem kleinen Wirtschaftskreis beigetreten. 20 Frauen treffen sich dort zweimal monatlich; eine jede muss jeweils 200 Schilling mitbringen. So kommen pro Anlass 4000 Schilling zusammen, und immer darf eine Frau diesen Betrag einstecken. So macht das gesammelte Geld die Runde, und nach 20 Treffen hat jede Frau einmal von dieser Summe profitiert. Trotzdem bezweifelt Maggy, ob es ihr in den kommenden Monaten gelingen wird, einen eigenen Salon zu eröffnen. Denn kürzlich hat sie die vierzehnjährige Christine bei sich aufgenommen, ein Mädchen aus der Nachbarschaft. Christines Vater trinkt, ihre Mutter verkauft sich in einer Bar, von einem Verwandten ist Christine sexuell misshandelt worden; es kümmert sich niemand darum, das Mädchen zur Schule zu schicken. Maggy ist fest entschlossen, Christine eine neue Heimat zu geben und ihr die Schulgebühren zu bezahlen.
«Es ist dies nun meine Aufgabe», sagt Maggy, und unvermittelt scheinen Fieber und Erschöpfung weit weg. «Es ist meine Aufgabe: Ich kann nicht zulassen, dass dieses Mädchen auf der Strasse landet.»