Was seither geschah

Verloren in Optionen (#55)

Die Berliner Journalistin Kerstin, 35 Jahre alt und Single, kann sich zwischen verschiedenen Lebensentwürfen nicht entscheiden. Möchte sie ein Kind? Auch diese Frage kann sie nicht richtig beantworten. ... was seither geschah

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Ein grauer Samstag im November 2019. Draussen macht der Regen die Grossstadt hässlich, drinnen liegt eine Frau Mitte 30 in ihrem Bett und starrt in den betonierten Hinterhof. Nennen wir sie Kerstin. Sie überlegt, was sie mit diesem Tag anfangen soll. Und mit ihrem Leben. In ihrer Wohnung ist es still, ausser Kerstin ist niemand da, sie lebt jetzt allein. Nur die Fragen in ihr tosen ohrenbetäubend laut. Wer bin ich? Was will ich? Will ich ein Kind? Wieso weiss ich nicht, was ich will? Woher wissen es die anderen? War es richtig, sich von dem Mann zu trennen, der eine Familie mit mir gründen wollte? All diese Fragen behelligen Kerstin, als sässe in ihrem Kopf ein Orchester, in dem alle Instrumente durcheinanderspielen. Sie wischt auf ihrem Handy herum, schaut sich Instagram-Bilder von anderen Frauen an – und hockt in ihrem eigenen Leben wie ein Kaninchen in Schockstarre. Sie könnte alles Mögliche sein, alles Mögliche tun. Doch aus Angst, einen falschen Schritt zu gehen, geht sie lieber: gar keinen. Kerstin hat sich verheddert im Konjunktiv der Möglichkeiten, sie ist verloren in Optionen.

Zweieinhalb Jahre sind seither vergangen. Viel hat sich geändert in Kerstins Leben, auch wenn da kein neuer Partner ist und auch kein Baby. Ihr Job ist heute ein anderer als damals. Es sollte sich nicht mehr alles ums Schreiben drehen, sie konnte nicht mehr, war müde; die Fragen in ihrem Kopf hatten zu viel Raum eingenommen. Also entschied sie sich gegen das Dasein als Ich-AG, als selbständige Journalistin. Mittlerweile ist sie fest angestellt, schreibt weniger als früher, trifft dafür jeden Tag viele kleine Entscheidungen im Hintergrund. Ihr Leben ist heute geregelter als früher, mehr von Routinen geprägt.

Kerstin schliesst die Tür zu ihrer Wohnung auf. Warmes Licht füllt den Flur, brasilianische Bossa-Nova-Musik strömt ihr entgegen, zusammen mit dem Geruch von Tomatensauce. Ihr Mitbewohner kocht. Kerstin lächelt, streift die Schuhe ab und steckt den Kopf in die Küche. Der kleine Raum sieht aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. So ist es immer, wenn ihr Mitbewohner kocht. Innerlich verdreht Kerstin die Augen, aber eigentlich mag sie das Mitbewohnerchaos. Er ist in vielem anders als sie: bunter, leichter. Seit Kerstin mit ihm zusammenlebt, hat sie gelernt: Es ist okay, wenn nicht alles perfekt ist. Die Wohnung nicht – und das Leben auch nicht.

Zwar kann sie sich heute, im Sommer 2022, viel besser als früher vorstellen, Mutter zu sein. Doch Kerstin hat verstanden, das Gefühl, nach dem sie so verbissen in sich suchte, der eindeutige, unabdingbare Wunsch nach einem Kind – er ist so nicht in ihr. Und auch das ist okay. Zigmal hat der Therapeut ihr das gesagt. Das alte Gedankenorchester, es ist noch immer da, aber es begleitet sie heute leiser, seltener. Irgendwann, nach vielen Sitzungen bei ihrem Therapeuten, konnte sie ihn loslassen, den verbissenen Willen zur Eindeutigkeit. Und sich anfreunden mit der Ambivalenz, die sie damals so gequält hatte. Der Therapeut hat ihr beigebracht, mit dem Blick ihrer besten Freundin auf sich zu schauen: wohlwollend. Gleichzeitig macht Kerstin sich nichts vor, mit 38 hat sie als Frau nicht mehr viel Zeit, Mutter zu werden. In zwei Jahren wird sie 40. Für eine Frau ist das ein Marker. Die Wechseljahre erscheinen plötzlich am Horizont. Dunstig noch, aber sie zeichnen sich ab.

Jetzt sitzt Kerstin auf ihrem Hinterhofbalkon, zwischen Hortensien, Basilikum und Oleanderblüten. Ein träger Samstag, fast 30 Grad. Zwischen den Betonwänden steht die schwüle Sommerluft, ein Gewitter kündigt sich an. Kerstin meint, den Regen schon riechen zu können. Sie blickt in den bedeckten Sommerhimmel und denkt an diesen Satz, den sie letztens irgendwo gelesen hat: «Das Leben hat keine Länge, nur Tiefe.» Sie hofft, dass der Satz stimmt. Über ihr flitzen Mauersegler, die sie liebt, denen sie stundenlang zuschauen kann. Sie stürzen sich in rasendem Tempo in die Tiefe, nur um Sekunden später wieder aufzusteigen und eine scharfe Kurve nach der nächsten zu jagen. Zuversicht macht sich in Kerstin breit, während sie die Vögel beobachtet. Eine neue Ruhe, die kommt, wenn man losgelassen hat. «Wird schon werden», denkt sie. Die Mauersegler kreischen über ihr.