
Im April 2015 landen privat geglaubte Sexvideos im Netz, ohne Einverständnis der jungen Frau aus Neapel, die darauf zu sehen ist: Tiziana Cantone. Bei der Polizei erstellt sie Anzeige und gibt an, Videos und Fotos über WhatsApp und Facebook an vier Männer geschickt zu haben, die sie zuvor im Internet kennengelernt hatte. Schnell verbreitet sich das Material im ganzen Land, falsche Facebook-Profile werden angelegt mit Tizianas Namen und Fotos, die das Video verlinken. Ein Satz aus einem der Videos gerät ausser Kontrolle: «Machst du gerade ein Video von mir? Gut so», wird auf T-Shirts gedruckt, auf Kaffeetassen und Schlüsselanhänger.
Schon bald wird Tiziana Cantone zum digitalen Boxsack, in den jeder hineinschlagen darf. Ihre Mutter Maria Teresa Giglio, bei der sie als Einzelkind aufwächst und zu der sie eine innige Beziehung pflegt, vermutet hinter den Geschehnissen den Freund der Tochter, Sergio di Palo. Er ist es, der in einem der Videos als «Betrogener» bezeichnet wird, und er ist es auch, der für Urlaube, Kleidung, Anwalts- und Arztkosten aufkommt – Tiziana ist seit Jahren in Therapie.
Weil die Häme gegen ihre Person nicht endet, verklagt die junge Frau Facebook, Youtube und Google sowie diverse italienische Onlinezeitungen. Ausserdem fordert sie das Recht auf Vergessenwerden im Internet ein. Vierzehn Monate später verpflichtet das Gericht Facebook sowie vier italienische Onlineseiten zu Zahlungen. Facebook legt Einspruch ein und wird erneut verurteilt. Gegenüber Youtube, Yahoo, Google und zwei italienischen Medienunternehmen wird Tizianas Klage nicht stattgegeben, ebenso wenig erhält sie das Recht auf Vergessenwerden. Die Geschichte hat ihr Leben zerstört. Am 13. September 2016 erhängt sich Tiziana im Keller ihres Zuhauses.
September 2017: Maria Teresa Giglio ist vor Monaten frühpensioniert worden, ihr Kopf ist nicht mehr frei zum Arbeiten. Alles dreht sich nach wie vor um ihre Tochter. Die Leere, die sie hinterlassen habe, werde grösser, sagt die Mutter. Sie versucht noch immer, jene Person zu finden, die die Videos online stellte; sie hat einen Hacker kontaktiert, aber der konnte ihr nicht helfen. Zum zweiten Mal hat sie den Strafrechtler gewechselt, weil sie sich von den beiden Vorgängern im Stich gelassen fühlte, ebenso von den italienischen Behörden, die die Ermittlungen nach und nach einstellen: Im April 2017 archivierte die Staatsanwaltschaft Neapel die Ermittlungen gegen jene Männer, denen Tiziana die Videos zuerst geschickt haben soll. Gegen den Ex-Freund di Palo wurde auch ermittelt, unter anderem wegen Verleumdung dieser Männer, da er Tiziana dazu angestiftet haben könnte, ihre Namen zu nennen – ergebnislos. Über seinen Anwalt liess di Palo verlauten, er sei wie Tiziana ein Opfer des medialen Fleischwolfs. Im September beantragte die Staatsanwaltschaft Neapel Nord die Archivierung der Ermittlungen wegen Anstiftung zum Selbstmord gegen unbekannt.
Der Posaunist Antonio Leaf Foglio – er verhöhnte Tiziana am Tag ihres Todes auf Facebook und wünschte allen Frauen, die Ähnliches erlebten, den Tod – wurde nicht verurteilt. Stattdessen wanderten auch seine Akten ins Archiv, er selbst arbeitet wieder als Musiker. Giglios Anwälte haben dagegen Einspruch erhoben. Noch nicht abgeschlossen ist die Untersuchung, welche den Umfang der Verantwortung des gesetzlichen Vertreters von Facebook Italien ermitteln soll. Dieser hatte die falschen Profile Tizianas auch nach deren Tod nicht sofort entfernen lassen. Weitere Anzeigen harren einer Entscheidung, etwa jene gegen den Verleger einer italienischen Tageszeitung.
Maria Teresa Giglio indes kämpft weiter. Dabei scheint sie mehr und mehr zu vereinsamen. Hoffnung gibt ihr die junge Anwältin Romina. Vor ein paar Monaten hatte sie die trauernde Maria Teresa kontaktiert, erschüttert von Tizianas Geschichte. Die Mutter und Romina haben einen Verein gegründet: «Tiziana Cantone für die anderen; auf dass es sich nicht wiederhole» ist sein langer, etwas sperriger Name. Aber er enthält das, was die Mutter zu ihrer Mission erklären will: Junge italienische Frauen davor bewahren, dass ihre Zukunft ruiniert wird – weil sie sich unüberlegt in intimsten Momenten filmen liessen.
Reportagen #34 – Sex, Lügen und Youtube – von Barbara Bachmann