
2021, zwei Jahre, nachdem ich zum ersten Mal über Nikkis Geschichte berichtet hatte, besuchte ich sie im Gefängnis. Ich fragte sie, wie es sei, eingesperrt zu sein. Sie sass mir in ihrer Gefängniskleidung gegenüber und erzählte mir, dass sie sich wie in einem dunklen Meer fühle, ohne Land in Sicht. Sie könne nur weitertreiben.
Nikki, damals 33 Jahre alt und Mutter von zwei kleinen Kindern, war 2019 wegen Mordes an ihrem Partner zu 19 Jahren Haft in einem Hochsicherheitsgefängnis verurteilt worden. Chris hatte sie jahrelang geschlagen, vergewaltigt und Fotos von ihr in brutal misshandeltem Zustand auf Pornoseiten hochgeladen. Vor Gericht argumentierte Nikki, sie habe in Notwehr gehandelt. Trotz der Beweise, die ihre Erzählung stützten, beharrte die Staatsanwaltschaft damals darauf, dass sie eine «Meisterin der Manipulation» sei, die den Mord geplant habe.
Ich habe als Journalistin immer wieder über inhaftierte Frauen geschrieben. Von der Gesellschaft verstossen, ziehen sich viele in sich selbst zurück; es kann einfacher sein, sich auf das Leben im Gefängnis zu konzentrieren als auf die Aussenwelt. Aber für Mütter wie Nikki war es unmöglich, sich in sich selbst zurückzuziehen. Ihre Kinder waren auf der anderen Seite der Gefängnismauern. Eine enorme Belastung, aber ihre Kinder stärkten Nikki auch. Ihre Schwester Michelle brachte sie so oft wie möglich zu Besuch. Nikki, eine ehemalige Vorschullehrerin, beschäftigte sie dann unter Aufsicht der Gefängniswärterinnen. Sie erfand Spiele mit Skittles oder Buntstiften. Jeder Besuch war, wie sie mir schrieb, «herzzerreissend und erfüllend gleichermassen». Nikki hatte ihren Partner nicht verlassen, auch weil sein Job es ihr ermöglicht hatte, zu Hause zu bleiben und ihre ganze Zeit den beiden kleinen Kindern zu widmen. Jetzt mussten zwei Stunden jeden Sonntag reichen.
Während der Corona-Pandemie waren Besuche im Gefängnis monatelang verboten. Als sie wieder möglich waren, sah Nikki ihren Sohn und ihre Tochter aufmerksam an. «Ich entdeckte neue Sommersprossen auf ihren Nasen», schrieb sie mir. «Neue Schönheitsflecken auf ihren Armen, die vorher nicht da waren. Ich nahm jeden Teil von ihnen in mich auf, als wäre es das erste und letzte Mal.»
2022 moderierte ich einen am Ende vielgehörten Podcast namens «Believe Her», der sich mit Nikkis Fall befasste. Zur gleichen Zeit führte eine Gruppe von Unterstützerinnen, hauptsächlich engagierte Mütter aus Upstate New York, eine «Free Nikki»-Kampagne durch und forderte ihre Freilassung. Sie koordinierten Beiträge auf Social Media, verschickten E-Mails, sammelten Hunderttausende von Dollar, um die Kosten für einen Berufungsprozess zu decken und Nikkis Kindern zu helfen. Schwester Michelle hatte deren Vormundschaft übernommen. Sie veröffentlichte ein Memoire über diese Erfahrung. Eine Schauspielerin setzte sich für die Sache ein. Ein grosser Fernsehsender strahlte eine zweistündige Sondersendung über Nikki aus. Ein berühmter Moderator interviewte sie. «Wenn ich ihn nicht getötet hätte, hätte er mich getötet», sagte Nikki in diesem Interview.
Schliesslich bot ein Anwalt aus Manhattan an, sie in einem Berufungsverfahren unentgeltlich zu vertreten. 2019, während Nikkis ursprünglichem Prozess, wurde ein neues Gesetz verabschiedet: Der Domestic Violence Survivors Justice Act (DVSJA) berücksichtigte strafmildernd, wenn der Straftat wie im Falle Nikkis ein Missbrauch vorausgegangen war. Richter konnten dann eine reduzierte oder alternative Strafe beschliessen. Der Richter in Nikkis erstem Prozess hatte damals entschieden, dass das Gesetz in Nikkis Fall nicht anwendbar war. Ihr neuer Anwalt argumentierte nun, dass dies ein Fehler gewesen sei, und die Berufungsrichter stimmten ihm zu. Nikkis Strafe wurde auf siebeneinhalb Jahre herabgesetzt. Vier hatte sie bereits verbüsst. Im Januar 2024 wurde Nikki freigelassen. Ihre Kinder, die bei ihrer Inhaftierung zwei und vier Jahre alt gewesen waren, waren nun neun und elf.
Während Nikki im Gefängnis gesessen hatte, malten sie und ihre Kinder bei deren Besuchen mit Buntstiften ein fiktives Haus namens «560 Together Lane». Als Nikki entlassen wurde, sammelte ihre Familie alle verfügbaren Mittel, um ein einfaches Haus zu kaufen. Sie tauften es «Together Lane». Die Familie adoptierte ein Kätzchen. Ein Therapeut bot Nikki kostenlose Sitzungen an. Sie begann die schwierige Arbeit, ihr Leben wieder aufzubauen. Das Trauma und die Nachwirkungen der mehrjährigen Inhaftierung sind langwierig. Aber jetzt ist sie endlich wieder zu Hause.