Die Inuit und ihre Oase im Eis
Die Arktis wandelt sich rasend schnell. Die Inuit halten dagegen. Eine Reise zu Robben, Walen und Eisbergen – solange es sie noch gibt.
Wo ist Süden, Larry? «Da hinten, wo Ihre Augen hinsehen», sagt der alte Inuit. Und deutet zunächst auf einen unbestimmten Punkt im Meer, irgendwo in der Ferne. Dann bewegt er seinen knotigen Zeigefinger in Richtung der steinernen Statue, die vor uns steht: eine aus einem einzigen Block gehauene Mutter. Eng hält sie ihr Kind umschlungen. Beide Figuren sind in Felle gekleidet, die Gesichter gramerfüllt.
Wir stehen hinter dem Dorf Grise Fiord, auf der Granitfläche, die steil zum Berg hinaufführt. Es ist ein klarer Morgen Anfang September. Im Blau des Meeres schwimmen vereinzelte Eisblöcke, am azurblauen Himmel schweben ein paar einsame Wolken, zwischen den gezackten Eisbergen zeichnet sich am Horizont Devon Island ab. Vom Steilhang aus überblickt man die ganze Bucht von Grise Fiord, der nördlichsten Inuit-Gemeinde der kanadischen Arktis. 160 Menschen leben hier. Mitten im Kalten Krieg wurden die ersten von ihnen auf den 76. Breitengrad 25’ Nord zwischen die Fjorde von Ellesmere Island geschifft, was auf Inuktitut so viel heisst wie Gipfel der Welt, quttinirpaaq.
Bis 1953 lebten auf diesem Kilometer steinigem Küstenstreifen nur Walrosse und Eisbären; die einzigen Menschen, die auf ihren jahreszeitlichen Streifzügen bis hierher gelangten, waren Jäger der Inughuit, der grönländischen Inuit. Sie durchquerten mit ihren Schlitten und Hunden diesen Arm des Polarmeers nördlich der Baffin Bay, eine Meeresregion, die die Inughuit Pikialasorsuaq nennen, was so viel bedeutet wie «grosser Auftrieb». Unter Expertinnen und Experten ist das Gebiet auch als North Water Polynya bekannt, eine Region, die gleichzeitig Brücke und riesiges Proteinreservoir darstellt, mit dem kanadischen Territorium auf der einen und dem grönländischen Gebiet auf der anderen Seite.
Lange Zeit wurde dieser Winkel der Welt von der Geschichte ebenso ignoriert wie von der Wissenschaft, ein grenzen- und rechtloser Raum, allein regiert von den Gesetzen einer unbarmherzigen Natur, die den Einheimischen im Winter Temperaturen von minus 40 bis hin zu minus 60 Grad auferlegt.
«Sie haben uns über einen Betrug hierher deportiert, ich war damals drei Jahre alt», sagt Larry Audlaluk in der lauten Stimme eines Mannes, der nicht mehr gut hört und dem der Wind vom Ozean kommend die Worte aus dem Mund reisst. Larry hat immer noch den durchtrainierten Körper eines Jägers und einen ruhelosen Blick, in dem sich die Leiden seines Volkes und alle Schattierungen des Eises spiegeln.
«Mit unserer Mutter standen wir damals so reglos da wie diese Statue», erinnert sich Larry, «umarmten uns schweigend in der Polarnacht und schauten übers Meer Richtung Süden, von wo sie uns vertrieben hatten, genauer gesagt von Inukjuak in der Hudson Bay im nördlichen Quebec, etwa 2000 Kilometer von hier.»
1 Alert, 800 km bis zum Nordpol
2 Alexandra Fiord
3 Qaanaaq, 1600 km bis Nuuk
4 Lindstrom
5 Grise Fiord, 3500 km bis Ottawa
6 Devon Island
7 Ottawa Resolute Bay
8 Arctis Bay
9 Pikialasorsuaq
Die kanadische Regierung hatte sie gelockt. Mit dem Versprechen, durch diese Reise ein anstrengendes Leben hinter sich lassen zu können, denn in Grise Fiord würde ein bequemeres warten, in einem Land voller Meeressäuger, Heilbutt und Saiblingen, das einem Volk wie dem ihrigen das Paradies auf Erden sein würde.
«Dabei war es die Hölle», erzählt Larry, der zu den wenigen Überlebenden der sogenannten relocation zählt. Die stellt noch immer eines der erschütterndsten Kapitel in der Geschichte Kanadas dar, das die Regierung des Landes lange totschwieg.
Erst 2010 bat der kanadische Premier Stephen Harper die Inuit von Nunavut – ihrem 1999 gegründeten autonomen Territorium – um Verzeihung. Den Menschen in Grise Fiord kam das vor wie ein Versuch, alles unter einem grossen Stein zu begraben. Deshalb liessen sie ihre erschütternde Geschichte in einen Gedenkstein hauen.
Die Erzählungen, die Larry über die Jahrzehnte den Älteren entlockt hat, ebenso wie seine eigenen Erinnerungen an die ersten Jahre eines extremen Überlebenskampfes, haben nie aufgehört, ihn zu verfolgen; erst kürzlich hat er sich entschlossen, all das öffentlich anzuprangern, was damals in der Stille des hohen Nordens geschah – die Wahrheit wie eine Harpune zu ergreifen. Gerade jetzt könnten sie nicht relevanter sein. Jetzt, wo die Arktis durch die zunehmende Eisschmelze immer zugänglicher wird und damit neue Begehrlichkeiten weckt – plötzlich rückt dieser blinde Fleck der Welt in das Zentrum einer globalen Geopolitik, in der sich die Mächtigen immer erbitterter um Ressourcen streiten. So dass manche schon meinen, unser Jahrhundert sei nicht das Jahrhunderts Chinas, sondern das der Arktis.
«Damals kamen die Vertreter der Royal Canadian Mounted Police immer wieder zu uns ins Dorf, und sie hatten auch immer einen anglikanischen Geistlichen dabei», erinnert sich Larry. «Sie erzählten uns, unsere Verwandten aus den anderen Dörfern in der Hudson Bay seien schon für die Abfahrt bereit. Das war gelogen, aber die Ältesten begannen allmählich, es zu glauben. Sie glaubten auch an das andere Versprechen: dass sie jederzeit zurückkehren könnten, wenn es ihnen im ‹Paradies› nicht gefiele.» Doch so war es nicht, die Reise ging nur in eine Richtung.
«Wir fuhren Ende Juli los und kamen im September an», erzählt Larry und schiebt sich die Fäuste unter die Achseln. «Die Polizisten haben uns auf ein Schiff der Marine verfrachtet, die ‹C. D. Howe›, ohne entsprechende Kleidung, nur mit den Hunden, den Schlitten, den Zelten und ein paar Utensilien für die Jagd. Eine Gruppe setzten sie in Resolute Bay aus – der anderen Deportiertensiedlung weiter südlich – und rissen dabei die Familien auseinander. Die Frauen auf der Schiffsbrücke begannen zu heulen, die Hunde mit ihnen. Aus unseren Namen wurden Nummern. Ich hiess E9-1905. Wir waren Nummern, die ans Ende der Welt verfrachtet wurden.»
Die Inuit der relocation schwiegen jahrzehntelang –
«weil das Leid unbeschreiblich war.
Aber vor allem aufgrund der Scham. Scham darüber, dass wir so
naiv waren, ihnen in die Falle zu gehen», sagt Larry.
Das Militärschiff fährt damals nach Norden, Ziel und Endstation ist Alexandra Fiord, 1200 Kilometer vom Pol entfernt. Doch der flüchtige arktische Sommer neigt sich dem Ende zu, Eis und Nebel machen die Weiterfahrt unmöglich. Und so werden 87 Personen mit ihren sechs Hunderudeln gezwungen, in Lindstrom auszusteigen, einem schmalen Küstenstreifen, unter einem Steilhang liegend. Ein kiesiges Gefängnis auf einer Fläche von 100 mal 500 Metern. Die Bundespolizei richtet nicht einmal acht Kilometer weiter östlich einen Posten ein, fast direkt jenseits des Fjords, auf den Karten trägt er den Namen Grise Fiord. Die ansässigen Walrosse werden bei der Aktion vertrieben, den Inuit wird bei Gefängnisstrafe verboten, sich den Beamten aus welchem Grund auch immer zu nähern. Erst in den sechziger Jahren werden die Herbeigeschifften nach Grise Fiord umziehen. Bis dahin überstehen viele die Strapazen nicht; sie sterben an der Kälte, am Hunger, an Tuberkulose, an Depression oder durch Selbstmord. Und viele werden nie geboren, sterben an der Unterernährung ihrer Mütter, noch bevor sie leben.
«Sie haben uns wie Vieh uns selbst überlassen», erinnert sich Larry. «Wir schliefen eng aneinander in den Zelten, um uns zu wärmen. Es gab nicht mal ein Stück Holz, nichts, um sich auch nur einen winzigen Unterstand zu bauen. Die wenigen Seehunde, die wir fingen, genügten nicht, um die Familien und die Hunde zu ernähren. Wie man Narwale und Belugas jagt, wussten wir nicht. Am Anfang gab es nur Hundefleisch … und manchmal Wölfe. Mutter sagte mir, es seien Karibus.»
Und dann verschwand auch noch der Tag.
Am 28. Oktober 1953 wurden sie von der
langen Polarnacht verschluckt, von der sie
bis dahin nicht einmal gehört hatten.
«Wenn man nicht daran gewöhnt ist, will man nur noch sterben», sagt Larry. «Warum haben sie uns das angetan? Ich habe die Dokumente studiert, und einer vom Dezernat für Ressourcen und Entwicklung sagte, es sei ein Experiment gewesen, genau in diesen Worten. Um herauszufinden, ob die Eskimos, statt den kanadischen Sozialstaat zu belasten, noch imstande seien, sich wie ihre Vorfahren an den arktischen Archipel anzupassen. In Wahrheit wurden wir also instrumentalisiert: als indigene kanadische Staatsbürger, die man mit einem handfesten Betrug deportierte, um Kanada zu erlauben, Souveränität über die Arktis zu beanspruchen und auszuüben. Sie dachten, wir wären die einzigen menschlichen Wesen, die diesen Breitengraden gewachsen sind und damit deren Besitz legitimieren könnten. Im Grunde ein gelungenes Experiment», sagt Larry ironisch, «schliesslich leben wir ja noch.»
Ottawa hatte jahrzehntelang befürchtet, grönländische Jäger könnten sich in den unbewohnten Fjorden von Ellesmere Island niederlassen und dem Königreich Dänemark damit einen Vorwand für Gebietsansprüche liefern. Sporadisch wurden Ranger auf Expeditionen gegen die «Wilddiebe» geschickt. Doch mit dem Kalten Krieg entwickelte sich die Arktis zum Schauplatz des Frontenkampfes zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten. Amerikanische Soldaten landeten zu Tausenden im Nordwesten Grönlands und bauten Basen für Atomwaffen auf. Also musste Kanada im riesigen äussersten Norden eiligst Fähnchen hissen und kanadische Bürgerinnen und Bürger ansiedeln.
«Jetzt, 70 Jahre später, wiederholt sich die Geschichte»,
sagt Larry nach einer dieser langen Pausen, die die Gespräche
mit den Inuit so besonders machen.
Vielleicht, weil sie an einem der stillsten aller Orte leben.
Der alte Jäger weiss sehr wohl, was unter dem Eis schwelt und warum er und sein Volk sich nach einem Leben am Ende der Welt unvermittelt im Zentrum unverhältnismässiger Interessen wiederfinden. Kanada ist nicht nur entschlossen, Anspruch auf seinen Status als arktische Nation zu erheben, sondern schickt sich auch an, Militär hierherzubringen, die Bodenschätze auszubeuten und strategisch von der Nordwestpassage zu profitieren. Darüber hinaus herrscht noch immer Krieg in der Ukraine, was die geopolitischen Kräfteverhältnisse verschiebt. Und dann ist da noch Donald Trump: Mit Beginn seiner zweiten Amtszeit rückte die Arktis näher in seinen Fokus, genauer gesagt: Grönland. Trump gab an, Grönland annektieren und die nordamerikanische Arktis beherrschen zu wollen. Daraufhin jettete erst der älteste Sohn des Präsidenten, Donald Trump Jr., in die Arktis, angeblich nur für einen Privatbesuch, so die offizielle Erzählung. Dann schickte der Präsident auch noch seinen Stellvertreter J. D. Vance nach Grönland.
Längst zieht ein Gerücht in Grise Fiord, Resolute Bay und Arctic Bay ebenso wie in unzähligen Facebook-Chats seine Kreise: Ottawa soll für den Nordpol einen Plan für eine erneute Umsiedlung und die Gründung neuer hamlets in der Tasche haben – so nennen die Kanadier ihre kleinen arktischen Siedlungen. Und zwar im äussersten Norden von Ellesmere Island, wo bis jetzt nur zwei meteorologische Stationen stehen, Eureka und Alert. Erstere ist die nördlichste zivile Wetterstation der Erde, Letztere ist eine Militärbasis der kanadischen Armee und gilt als der am weitesten im Norden liegende bewohnte Ort der Welt. «Das Echo solcher Reden vernimmt man sehr deutlich, auch ein halb Tauber wie ich», sagt Larry. «Diesmal ist das Versprechen, die Inuit weiter nach Norden zu verfrachten, der auf dem Flugweg heute besser erschlossen ist, um sie aus der logistischen Isolation zu befreien, die das Leben in Grise Fiord, aber auch in Resolute und Arctic Bay so hart macht.» Er führt den Satz an einem Beispiel aus: In diesem Jahr habe das Versorgungsschiff, das Lebensmittel bringt, einen Monat Verspätung gehabt – in der Folge habe ein Glas Essiggurken 50 Dollar gekostet, ein Stück Brot 20 Dollar.
«Wenn sie uns wieder ansiedeln, muss es diesmal anders laufen», sagt Larry, «mit schriftlichem Vertrag, in dem wir unsere Interessen und Bedingungen vertreten. Aber sie nehmen uns immer noch nicht ernst, da ist weiterhin dieser kolonialistische Ansatz, uns nur als arme und ignorante Jäger zu betrachten; die üblichen lächelnden Eskimos, die in der Arktis ihr Fähnchen schwenken.»
Die Schrecken der Vergangenheit haben nie aufgehört, den Jäger Larry Audlaluk zu verfolgen. Schon weil die Gegenwart hier oben erneut dem Gesetz des Stärkeren zu gehorchen scheint. Ohnehin geht unter den Inuit die Angst um, von dem Strudel der Interessen und der Unsicherheit überwältigt zu werden, der die Arktis ergriffen hat. Eine Sorge, die sich durch Putins Krieg und Washingtons Ambitionen in der Region nur noch verstärkt hat.
Um Widerstand zu leisten, besinnen sie sich wieder auf die Pikialasorsuaq zurück. Die eisfreie Wasserfläche des Grossen Beckens trennte diejenigen zwischen Ellesmere Island auf der einen Seite und jene im Nordwesten Grönlands auf der anderen, aber vereinte sie zeitweise auch. Das Becken ist für beide Seiten enorm wichtig, bietet es mit seiner Vielzahl an Säugetieren, Vögeln und Fischen doch die einzige Ressource, um sich gesund, preiswert und nachhaltig zu ernähren und der Isolation standzuhalten, die während der winterlichen Dunkelheit unvorstellbare Ausmasse annimmt.
2017 entwarf das Inuit Circumpolar Council die Idee, aus Pikialasorsuaq ein Wasserschutzgebiet zu machen, das von den länderübergreifenden Gemeinschaften der Inuit im Namen des Selbstbestimmungsrechts indigener Völker geschützt und autonom verwaltet werden soll. Das Circumpolar Council repräsentiert 160 000 zwischen Kanada, Grönland, Alaska und dem äussersten russischen Osten lebende Inuit. Im neuen Kontext der Arktis ist die Organisation gerade dabei, zum politischen Manifest zu werden. Es geht für die Inuit darum, nicht nur ihren Lebensunterhalt, sondern auch ihre Kultur und ihren Geist gegen die wachsenden Bedrohungen zu verteidigen, vom Klimawandel bis hin zum geopolitischen und wirtschaftlichen Wettstreit. Kurz gesagt: Es geht um alles. Weswegen auch Eva Aariak, die ehemalige Premierministerin von Nunavut, zu den Initiatorinnen der ersten Kommission gehört. In ihrem Büro im 1500 Kilometer südlich von Grise Fiord gelegenen Iqaluit erklärt sie, das Ziel der Selbstverwaltung und eines echten Schutzes dieser Küstenregion – «die das pulsierende Herz unserer Identität darstellt» – sei der freie Verkehr in der Baffin Bay, so, wie er vor 9/11 existierte, als die Einführung von Zöllen den Austausch zum Erliegen brachte. 2013 hatten Kanada und Grönland eine Absichtserklärung über die grundlegenden Prinzipien des Plans unterschrieben, einschliesslich des freien Verkehrs für die Inuit. Doch Dänemark, das immer noch über die Aussenpolitik und die Sicherheit Grönlands bestimmen kann, unterschrieb nicht.
«Wir müssen uns beeilen», sagt Eva Aariak, «mit jedem Tag, der vergeht, wird der Vertrag über das Wasserschutzgebiet dringlicher. Er kann zeigen, dass die Arktis kein Gebiet ist, das man einfach erobert. Ausserdem sind die Küsten der kanadischen und grönländischen Seite eng miteinander
verbunden, die Blutsverwandtschaften reichen weit zurück. Wie viele kanadische Inuit habe ich Verwandte auf der anderen Seite.» Ihre Stimme zittert, doch Aariak versucht, sich ihre Rührung nicht anmerken zu lassen.
Für die Deportierten von Grise Fiord war die Ankunft der Inughuit-Jäger aus den Dörfern der grönländischen Seite damals die einzige Verbindung zur Aussenwelt. Von ihnen lernten sie, wie man Narwale und Belugas erlegt. Sie kreuzten die mächtigen Qimmeq-Huskys von jenseits des Meeres mit ihren eigenen Eskimo-Hunden, die inzwischen von der Inzucht geschwächt waren. Über die Jahrzehnte wuchsen aus den Begegnungen Freundschaften, Liebesbeziehungen, Ehen. Eine gemeinsame, geteilte Geschichte entstand, die sich in den Karten der Jäger wiederfindet. Vor dem Attentat auf das World Trade Center gab es zwischen Grise Fiord und Qaanaaq jede Woche einen Flug, man brauchte keinen Pass.
«Agliani-agliani, seit so langer Zeit, seit Tausenden von Jahren», sagt Olaf Christiansen, 29 Jahre alt, einer der vielen Enkel von Larry, «ist die North Water Polynya das Meeresbecken, das uns zu leben erlaubt, wo niemand anderes überleben könnte. Die ersten Eskimos der Polarregion, die aus der westlichen Arktis eingewandert waren, liessen sich in dieser Region nieder, weil sie als Einzige von den grossen Eiszeiten verschont blieb.»
Olaf ist der conservation officer von Grise Fiord, der Inspekteur des Umwelterbes. In seinem Pick-up liegen etwa 20 Schneehühner, die er den Alten des Dorfes bringen will. «Es sind die ersten der Saison, die stehen ihnen zu.» Er öffnet eine App, um zu zeigen, dass die Dörfer von Ellesmere Island ebenso wie die Buchten, Fjorde und Vorgebirge entlang der Ostküste die alten Namen tragen, die ihnen von den Inughuit gegeben wurden. In ihrer Sprache der grönländischen Indigenen heisst Ellesmere Island Umingmak Nuna, das Land der Moschusochsen. «Vor der relocation waren dort seit Jahrhunderten keine Siedlungen mehr gewesen – wenn hier jetzt Kanada ist, verdanken sie das praktisch uns. Und wenn es unseren Alten gelungen ist, hier zu überleben, dann nur dank diesem Meeresbecken», sagt Olaf. Beim Fahren klopft er mit dem Zeigefinger auf die Windschutzscheibe und zeigt gen Osten, über Grise Fiord und die Halde hinaus, auf der sie die Schlittenhunde halten, damit sie als erste mit ihrem Gebell vor Bären und Wölfen warnen, und auf den Eisberg, der vergangene Nacht am Horizont aufgetaucht ist, dicht an der Küste, und von weitem aussieht wie eine riesige mittelalterliche Kathedrale.
Die «andere Seite», Qaanaaq, liegt im nordwestlichen Grönland, Breitengrad 77° 28’ N. Wie auch Grise Fiord ist Qaanaaq ein Produkt des Kalten Krieges und existiert erst seit 1953. Vorher lebten die Bewohner der Gemeinde etwa 105 Kilometer weiter südlich in Thule, ein Name, mit dem die alten Griechen die geheimnisumwitterte nördliche Hemisphäre bezeichneten. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte der dänische Ethnologe Knud Rasmussen die Siedlung gegründet. Er war hergekommen, um eine Handelsniederlassung zu etablieren und die dänischen Gebietsansprüche über den nördlichsten Teil der Insel zu bekräftigen: «Gebt mir den Winter, Hunde und einen Schlitten, den Rest könnt ihr behalten», so soll sein Leitspruch gewesen sein. In Thule lebten 300 Inuit, die an einem Tag des Jahres 1951 zusehen mussten, wie plötzlich 12 000 Amerikaner – Arbeiter und Soldaten – landeten, sie aus ihrem Dorf auf die Halbinsel Pituffik vertrieben und Thule umgehend zum amerikanischen Territorium ernannten. Es folgten zahllose Starts und Landungen der Jagdflieger, ausserdem Manöver und Explosionen. Die Einheimischen waren gezwungen, weiter nach Norden zu ziehen; eine relocation, die fast gleichzeitig zu jener von Larrys Familie auf der kanadischen Seite stattfand, und sich in dieser gepeinigten Polarregion unvermittelt im grossen Spiel um Macht und Territorialherrschaft wiederfand. Sie nahmen nur die Hunde mit – selbst der magische Name Thule wurde ihnen weggenommen und auf die grösste Militärbasis der USA im hohen Norden übertragen, wahrscheinlich um die Sowjets zu beeindrucken.
Heute zählt Qaanaaq ungefähr 600 Einwohner und bedeutet unter anderem «vom Wind geleert». Damit ist der heftige Wind gemeint, der über die obere Baffin Bay fegt und zum Phänomen der North Water Polynya beiträgt: das eisfreie Wasser. Auf einer Fläche so gross wie ganz Österreich bleibt es inmitten des vereisten Ozeans einen guten Teil des Jahres eisfrei. Es gibt in der Arktis weitere Polynyas, aber diese hier ist die grösste und biologisch produktivste; die Umwälzung von Tiefenwasser an die Oberfläche produziert einen solchen Nährstoffreichtum, dass die Planktonblüte sogar vom Weltraum aus sichtbar ist. Als Ergebnis dieser Umwälzungen entsteht eine blaue Oase inmitten der weissen Eiswüste, eine Heimat für Fische, Vögel, Narwale, Eisbären, Robben und Walrosse. Für die Menschen wiederum bilden die Tiere eine heilige Quelle von Proteinen und Vitaminen.
Was wäre ohne die Pikialasorsuaq aus den Inuit geworden – was würde in Zukunft aus ihnen werden? Aber auch aus uns, denn die grosse Umwälzung der Wassermassen hat globale Auswirkungen, die das Mantra der Forschenden – «Was in der Arktis geschieht, bleibt nicht in der Arktis» – bestätigen.
Marlene Hegelund, Meeresbiologin am Greenland Climate Research Center in Nuuk, erklärt uns, dass die komplexen ozeanografischen Phänomene, die sich in den hiesigen Gewässern vollziehen, zur Bildung einer Eisschranke führen. Sie blockiert die nördlicher gelegene Nares-Strasse und verhindert so, dass Eisberge in die Baffin Bay gelangen. Ein Pfropfen, der gemeinsam mit den besonderen Winden und Strömungen die obere Baffin Bay immer eisfrei hält, ohne dass sie je aufhören würde, welches zu produzieren. Gleichzeitig fungieren die Umwälzungen des Wassers wie ein Motor, der die wichtigsten Meeresströmungen am Laufen hält – unter anderem den Golfstrom. «Wenn diese Pumpe aufhören würde, fortlaufend Eis zu produzieren», sagt Hegelund, «würde auch der Golfstrom darunter leiden. Mit gravierenden Folgen vor allem für Nordeuropa.»
Schon seit einiger Zeit bildet sich die Eisbarriere an der Nares-Strasse nicht mehr so ohne weiteres wie früher. Zum ersten Mal fiel das im Jahre 2007 auf. Seither beobachten Forschende Irritationen im natürlichen Entstehungsprozess – und das in einer Arktis, die sich drei- bis viermal schneller erwärmt als der Rest des Planeten.
«Die Wahrheit ist, dass wir nicht wissen, was mit dem Nordwasser passiert», sagt die Glaziologin Ruth Mottram vom Danish Meteorological Institute, die vor ein paar Tagen in Qaanaaq angekommen ist. Das Institut hat eine kleine, permanent besetzte Beobachtungsstation, die am Fjord liegt, ein paar Dutzend Meter vom Packeis entfernt. Wie alle anderen kleineren Häuser ist sie wegen des Permafrosts auf Pfählen gebaut, mit spitzem Dach und farbigen Aussenwänden, ein Kulturerbe, das auf die Kolonialzeit zurückgeht, als die Farben dazu dienten, sich in Siedlungen ohne Strassen zurechtzufinden: Rot für Kirchen und Schulen, Blau für die Fischer, Schwarz für die Polizei.
Mottram sucht hier nach den Gründen für das schmelzende Eis. Sie trägt einen Schlitten zum Strand, der zum Packeis hin abfällt. Sie sagt, sie habe noch nie eine so frühzeitige Eisschmelze gesehen: Etwa zwei Monate hat diese sich im Kalender nach vorn gezogen. Mottram will zu einem Gletscher, auf dem sie letztes Jahr Messgeräte zur Klimaobservation aufgebaut hat. «Es wird immer schwieriger, die Kette von Wechselwirkungen vorherzusehen, die das Schwinden der sogenannten ice bridge von Nares auf das System der Pikialasorsuaq hat.» Was man weiss: Würde der Pfropfen aus Eis vollständig schwinden, würde sich das Becken mit Eisblöcken füllen, was wiederum die Sonneneinstrahlung ins Wasser reduzieren würde. Diese Strahlung jedoch braucht das Phytoplankton für seine Blüte. Ohne das Plankton verhungern die Fische, die wiederum Futter für andere Lebewesen darstellen; irgendwann würde die Nahrungskette kippen. Und mit ihr vielleicht auch die ständige Durchmischung der Wasserschichten und die Verteilung von Nährstoffen aus der Tiefe. «Das könnte globale Auswirkungen haben, die heute noch gar nicht kalkulierbar sind», sagt der Ozeanologe Andrew Hamilton von der Universität Alberta, der zwischen Qaanaag und Grise Fiord arbeitet.
Die Welt, wie sie heute noch rund um die Oase Pikialasorsuaq existiert,
in der man Nahrung findet und sich auf dem Eis der Umgebung fortbewegen kann, wackelt bedenklich: Der Klimawandel und die aktuelle Geopolitik drohen, eine über tausendjährige Ordnung umzustürzen.
«In dieser Region der Arktis greifen zu viele Fragen ineinander: physikalische, geografische, politische, militärische und Umweltfragen», sagt Hamilton. «Und dann fällt mir noch die kommerzielle Öffnung der Nordwestpassage ein, der Wettlauf um die Ausbeutung der Bodenschätze und Fischbestände, der Boom von Kreuzfahrtschiffen in der Baffin Bay – ein Konzentrat, das jederzeit explodieren kann. Die Inuit spüren das, deshalb üben sie auch so viel Druck aus für das Wasserschutzgebiet. Hoffentlich ist es nicht zu spät.»
Um zu verstehen, was die North Water Polynya für die Menschen an ihren Rändern wirklich bedeutet, musst du dich mitten hineinbegeben. Wenn die Hunde dich übers Packeis ziehen, wird dir klar, warum das «gesunde traditionelle Essen», von dem die Inuit fast obsessiv sprechen, für sie eine Frage von Leben und Tod ist. Nicht nur, weil es die einzige erschwingliche Existenzgrundlage darstellt. Sondern auch, weil es um die Bewahrung ihrer eigenen, einzigartigen Geschichte geht, die auf einer symbiotischen und empathischen Beziehung zu einer feindseligen Welt beruht; feindselig für alle ausser den Kindern des Eises. In gewisser Weise ist der Inuk das, was er jagt. Und im Pikialasorsuaq zu jagen, ist eine Reise zu den tieferen, vielleicht auch verzweifelten Gründen, aus denen die Inuit der Baffin Bay sie erhalten wollen; die Polynya als die einzige Möglichkeit, sich selbst zu bewahren.
Und dann hältst du die Luft an und lauschst dem Atem des Narwals.
Ein Warten, in dem sich die Wahrnehmung der Zeit verliert.
Als hätte sie keine Stunden mehr und nie welche gehabt.
Wir stehen am Rand des Packeises. Die Hoffnung, noch einen Wal zu sehen, schwindet in einem ähnlichen Tempo wie das Gefühl in den Fingern. Die Sonne blendet, reglos wie das Thermometer, das bei minus 10 Grad verharrt. Aleqatsiaq Peary, Jäger und Leiter der Expedition, schaut prüfend auf die Wasserschneise, die sich im Eis gebildet hat. «Sowie das Eis zu brechen beginnt», sagt er, «kommen die Narwale in die Bucht, um Heilbutt zu jagen. Aber dieses Jahr haben wir noch keine gesehen.» Das Packeis ist so früh eingebrochen, dass wir vorsichtig sein müssen; wenn das Wasser der North Water Polynya sich ausdehnt, wird es schwieriger, mit den Schlitten voranzukommen. Schon jetzt bilden sich Spalten entlang der Piste; die Hunde wissen, wie man sie überspringt, aber es gibt immer mehr Opfer im Gespann.
Peary ist 42 Jahre alt, trägt einen schwarzen Kinnbart und dichte Augenbrauen, die blauen Augen blitzen in seinem vom unbarmherzigen Licht der Arktis gegerbten Gesicht. Er hat eine athletische Statur, obwohl er seit 2012 unter Parkinson leidet und den rechten Arm kaum noch bewegen kann. Aber er kennt das Terrain und koordiniert das Team, wobei er doppelt so viel arbeitet wie die anderen, um seine Behinderung zu kompensieren. Mit ihm unterwegs sind sein 15-jähriger Adoptivsohn Jonas Nielsen und Jogen Uumaag, genannt Julu. Peary ist ein Ur-ur-ur-Enkel von Robert Peary, der stets behauptete, als allererster Forscher 1909 den Nordpol erreicht zu haben. Ob das wirklich so war, ist heute umstritten, aber Peary gestand ein, dass er den Pol ohne das Team von Jägern, die er in diesem Teil der grönländischen Küste angeworben hatte, nicht erreicht hätte. Ebenso wenig ohne die Hilfe der Frauen, die ihm spezielle Parkas aus Karibuleder und nanut nähten, Hosen aus Bärenfell.
Um zu überleben, jagt der heutige Peary alles: Narwale, Walrosse, Robben, Vögel. Gejagt wird im Kajak und mit Harpune. Die Regierung in Nuuk gibt Quoten aus, die in Qaanaaq peinlich genau respektiert werden. In den letzten Jahren ist es jedoch die Pikialasorsuaq, die nicht mehr zuverlässig ist. «Das Eis bildet sich nicht mehr so wie früher: Die Perioden, in denen es für die Schlitten zu dünn und für die Schiffe zu dick ist, werden immer länger», erzählt er in tadellosem Englisch, ohne die Augen vom Fernglas zu nehmen. «Im Frühjahr bricht es früher ein, dadurch wird die Angelsaison kürzer und die Narwale vertreiben den Heilbutt. Und im Herbst bildet es sich später.» Er betont, dass sie ja auch jagen würden, um ihre Huskys zu ernähren. Aber die Beute aus dem Meer reiche nicht aus: «Manche bringen ganze Meuten um, damit sie nicht an Hunger sterben müssen. Wenn wir nicht genug Beute heimbringen, gibt es keine andere Möglichkeit.»
Wir sprechen leise und spitzen die Ohren: Der Narwal kündigt sich normalerweise mit einem dumpfen Geräusch an, wenn er an die Oberfläche kommt, um zu atmen. Peary erzählt, dass sein Stiefsohn Jonas schon seine eigene Hundemeute habe. Im Sommer trainiert er mit dem Kajak, die Harpune zu werfen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Die Harpune ist ein zwei Meter langer Speer aus Holz, der auf einer Seite eine gespitzte und leicht gebogene Klinge trägt, die mit einem Seil an einem Verschlusssystem aus Seehundfell befestigt ist. Wenn die Harpune den Wal trifft, bohrt sie sich in sein Fleisch und bleibt an dem Verschluss hängen, damit das Tier nicht wegtauchen kann.
Fast ist ein ganzer Tag vergangen, als wir endlich einen Wal atmen hören, direkt an der Wasseroberfläche.
Es klingt wie ein Seufzer der Erleichterung nach grosser Mühe, es folgen Laute wie aus einer Bassposaune.
Es sind mehrere Tiere. Zügig lassen wir die Kajaks ins Wasser, Jonas und Julu rudern entschlossen auf die Narwale zu; eine falsche Bewegung oder ein besonders starker Windstoss genügt, um ins Wasser zu kippen. Inzwischen hat Peary ein Jagdboot mit einem Aussenbordmotor von 20 PS vom Schlitten geholt. Als die Kajaks nah genug an den Wal herangefahren sind, wirft Julu die Harpune. Sie trifft den Rücken des Tieres. Der Wal taucht unter, muss jedoch zum Atmen kurz darauf wieder an die Oberfläche kommen, erschöpft und aufgerieben von der Wunde, dem Haken und dem Bedürfnis, Luft zu holen. Julu wirft eine zweite Harpune, es folgt eine dritte, diesmal von Jonas. Inzwischen nähert sich auch Peary mit dem Boot – und gibt dem Narwal mit ein paar Schlägen eines Karabinerhakens den Rest.
Die Szene ist grausam und blutig, doch als der Todeskampf vorbei ist, macht sich Erleichterung breit. Und bei Peary Rührung über den ersten Wal, den sein Junge selbst erlegt hat. Das Tier ist etwa vier Meter lang und wiegt mehr als eine halbe Tonne. Ein Weibchen, ohne Horn. Von dem verarbeiteten Fleisch können die Jäger ihre Familien einen Monat lang ernähren, Hunde inklusive, und auch noch etwas im Dorf verteilen. Die Allianz zwischen den Inuit und der Pikialasorsuaq, sie scheint noch zu funktionieren.
In Grise Fiord ist Terry Noah, 32, mit sechs Robben beschäftigt: Er häutet sie, vom Hals ab. Währenddessen gibt er Auskunft über «Mister P.», aber nur kurz. Denn eigentlich solle man ihn nicht einmal erwähnen, den Eisbären, sagt Noah. Wehe dem, der die Worte polar bear ausspricht. Und so nennen sie ihn in Grise Fiord nur Mister P., zur Beschwörung oder aus Respekt. «Der Geist von Mister P. soll im Dorf nicht gereizt werden, man muss ihn in Ruhe lassen», sagt Noah.
Er und die anderen aus der Siedlung hatten uns vor einem Spaziergang auf der Uferstrasse abgeraten, was wir nicht ganz verstanden; ging es darum, sich einen Spass zu machen und uns Fremden Angst einzujagen – oder lauerte Mister P. einem wirklich auf? Vielleicht sogar auf der wandernden Eisberg-Kathedrale, die sich langsam vorwärtsschiebt und der Bucht immer näherkommt? Will man den Uferweg jedenfalls nicht meiden, muss man zwischen den Fertighäusern durchlaufen – die hier gedeckte Töne wie Grau und Beige tragen – und das Risiko eingehen, von den wütenden Hunden zerfleischt zu werden, die an eiserne Stützpfeiler angekettet sind. Sie sollen gerade vor Mister P. warnen und Wache halten, stürzen sich aber mit derselben Entschlossenheit auf Neuankömmlinge. So dass man, wenn man zwischen zwei Häusern durchgeht, geschickt die Mitte halten muss, weil die Bestien mit ihren geöffneten Rachen nicht bis dorthin gelangen; die Ketten halten sie rechtzeitig zurück.
Terry Noah ist nicht nur Jäger, sondern auch Wissenschaftler. Er arbeitet an dem Managementplan zur Konservierung und Verwaltung der Pikialasorsuaq indirekt mit, indem er dem Pool an Forschenden angehört, die den Zustand des Grossen Beckens untersuchen und dabei auch auf einheimische freiwillige Techniker aus der Region zurückgreifen. Als Noah endlich einen freien Tag hat, fahren wir mit dem Boot nach Lindstrom, der ersten Etappe der Deportierten von 1953 jenseits des Fjords. Mitten in einem Knochenfriedhof, den die Eisbären einst bei einem Robben-Festmahl hinterliessen, finden wir noch Überreste der Deportierten: verrostete Topfreste, einen Hammer, zwei Zeltpflöcke. Noah hat eine spezielle Verbindung zu diesem Ort, eine emotionale: Sein Grossvater, der ihn als Baby adoptierte und den Noah Papa nannte, zählte mit Larry Audlaluk zu den Überlebenden der relocation nach Grise Fiord. «Er hat mir alles beigebracht, was man wissen muss, wenn man hier draussen überleben will», sagt Noah. «Denn wenn du das alles nicht weisst, bist du tot.» Mit 17 sei er einmal im Packeis vor der Insel Devon mitten in der Polarnacht von zwei Eisbären angegriffen worden: «Papa schaffte es, einem mit der Faust auf die Nase zu schlagen und ihn ein paar Meter zurückzudrängen, während ich mit der Winchester erst auf den schoss, der schon über mir war, und dann auf den anderen. Im Dorf spricht man immer noch darüber.»
Bis zum Alter von 21 sei er ein hervorragender Student gewesen, erzählt Noah weiter, erst in Iqaluit und dann in Ottawa. Unter dem Dach des internationalen Programms Students on Ice bereiste er die Antarktis. Doch dann kehrte er heim, um zu bleiben. «Ich habe kapiert, dass man mich hier braucht. Ohne die Inuit stirbt die Arktis», sagt er. Er wurde zum professionellen Jäger und ernährt nicht nur das halbe Dorf, sondern versorgt mit dem wöchentlichen Frachtflug auch das südliche Nunavut mit tiefgekühltem Fleisch von Seehunden, Narwalen, Belugas und Moschusochsen. Wirklich besessen ist er jedoch vom Polarwolf, den er verehrt wie ein Totem. Nie würde er einen töten. Vor einiger Zeit ist es ihm gelungen, das Reich der Wölfe im Nordwesten von Ellesmere Island zu entdecken: Nachdem er zwölf Tage lang mit dem Motorschlitte herumgefahren war, spürte er sie in einem 10 000 Quadratmeter grossen Gebiet schliesslich auf. Es sollte nicht Noahs letzter Ausflug zu den Wölfen bleiben: Beim nächsten Mal nahm er den israelischen Wildtierfotografen Amit Eshel mit – und machte gemeinsam mit ihm eine aussergewöhnliche Entdeckung: «Wir sind mitten in einem Rudel gelandet, du kannst dir die Bilder auf Instagram anschauen. Die majestätischen weissen Wölfe kamen, um uns zu beschnuppern, knabberten an den Parkas und den Stiefeln. Wir hatten uns ausgestreckt auf den Boden gelegt, um sie aus einem Meter Entfernung zu fotografieren und zu filmen. Sie hatten noch nie Menschen gesehen und nahmen uns weder als Bedrohung noch als Beute wahr.» Nach langem Schweigen macht sich ein sanftes, strahlendes Lächeln in Noahs Gesicht breit: «Es kam mir vor, als könne ich ihre Gedanken hören», sagt er.
Seit drei Jahren hat er eine neue zusätzliche Aufgabe: Er ist der Wächter der North Water Polynya. Er misst ihr Fieber, hilft den Studenten, wenn sie vor Ort im Permafrost und auf den Gletschern Kernbohrungen vornehmen, prüft die Temperatur des Ozeans, entnimmt regelmässig Wasserproben, die auf Leitfähigkeit, Salzgehalt und Biodiversität analysiert werden. Er benutzt sogar ein Instrument zur Datenerhebung, das bis zum Boden des Ozeans hinunterreicht.
«Einen wissenschaftlichen Überblick über den Zustand der North Water Polynya zu haben, hilft auch politisch dabei, die internationale Anerkennung als Wasserschutzgebiet voranzutreiben», sagt Noah.
Er empfindet seine Aufgabe als eine Mission. «Unsere einzigen Mitstreiter sind die Wissenschaftler und Forscherinnen. Unser traditionelles Wissen reicht allein nicht mehr aus, um zu verstehen, was in unserem Meer und mit unseren Tieren geschieht. Die Leute wissen, dass all das keine Zufälle mehr sind. Aber sie vertrauen nur den Forschenden, die kommen, um Fragen zu stellen und aus den Erfahrungen von uns Jägern und den Frauen zu lernen.»
Doch nicht nur die ice bridge hat sich verändert. Terry bestätigt, was wir während unserer Recherche in Grise Fiord gehört haben, oft begleitet von bestürzten Mienen oder empathischem, tiefempfundenem Schmerz über eine Umwelt, die so stark leidet. Schmerz über das Festeis, das sich im März bildet statt im Januar, das zerstückelt vom Norden herunterkommt und im August hier landet statt im Oktober, weil sich irgendetwas an der ice bridge von Nares verhakt hat. «Auch die Ebbe ist anders», sagt Noah und schaut auf den Steinhaufen am Strand. «Zu dieser Zeit müsste sie eigentlich ganz tief stehen, doch wir können schon keine Mollusken mehr sammeln, die immer eine Quelle von Vitaminen und Mineralien waren.» Die Strömungen ändern sich, das schmelzende Meereis lässt die Wasserhöhe steigen und wäscht den Permafrost an den Küsten rund um die Pikialasorsuaq aus. Terry zeigt mir ein Video auf seinem Handy. Er hat es tags zuvor aufgenommen, etwa 20 Kilometer im Inneren des Fjords und direkt vor dem Gletscher Sydkap, einem der grössten der Region, wo er für Probeentnahmen unterwegs war: Das Video zeigt eine mehrere Hundert Meter hohe Felswand, die auseinanderbricht und in die Tiefe stürzt. Nur weil er mit einem starken Boot unterwegs war, konnte er dem Tsunamieffekt entgehen. «An diesem Ufer sind wir vor allem an der Erwärmung des Meerwassers interessiert, am Verhalten des Eises, am Auftauchen brauner Algen, die wir zuvor noch nie gesehen haben», erklärt er. «In Qaanaaq und entlang der nordwestlichen Küste Grönlands dagegen sorgen sie sich vor allem um die Tiere. Man findet dort viele Seehunde mit Infektionen und kahlen Flecken auf der Haut.» Er erzählt noch, dass das Forscherteam, für das er arbeitet, in ein paar Wochen nach Qaanaaq fahren will, um gemeinsame Recherchen in die Wege zu leiten. Vielleicht bildet sich auch eine gemeinsame Arbeitsgruppe heraus. «Die Leute in Qaanaaq sind im Vergleich zu uns näher an der Polynya und kennen sie seit Jahrhunderten, weil sie mit den Hunden bis an die Grenze des Packeises vordringen können, auch wenn das immer gefährlicher wird. Wir bewegen uns nur mit Motoren, Booten und Schneemobilen fort. Die Schlittenhunde nehmen wir nur zum Vergnügen oder um den Weissen Eisbären zu jagen. Aber wir müssen wieder gemeinsame Sache machen, die Pikialasorsuaq ist unser aller Vaterland.»
Während wir von Lindstrom zurück Richtung Grise Fiord reisen, sprechen wir über den Kontrast zwischen der Dringlichkeit, mit der die Inuit versuchen, die bedrohlichen Veränderungen aufzuhalten, und der Welle unterschiedlicher Interessen, die über die Arktis hereingebrochen ist. Noah sagt, er sei ratlos: «Viele Inuit wehren sich nicht mehr gegen die Projekte, weil sie selbst immer ärmer werden; sie haben nicht einmal mehr die Mittel, um jagen zu können. Aber wir sind alle misstrauisch, wir spüren, dass wir die Kontrolle verlieren.»
Wer sich in der Baffin Bay von einem Ort zum anderen bewegt, nimmt meist den Luftweg. In den kleinen Flugzeugen herrscht Kameradschaft: Der Pilot hilft mit, die Koffer und grossen Behälter mit Vorräten im Rumpf zu verstauen, die Hostess schenkt unter der Hand ein Gläschen Whisky aus, der Ingenieur und Informatiker teilt die neueste Wetter-App mit allen. Und dann sind da noch die anderen Reisenden: etwa die reizende Lehrerin Moyra Francis, 60 Jahre alt, die mit ihrem Terrier Jasmine und der Siamkatze Willow reist. Moyra stammt aus New Brunswick und hat sich aus einem unglücklichen Leben voller Dramen verabschiedet, um als Lehrerin von sechs Inuit-Teenagern an der Highschool von Grise Fiord ein neues Leben zu beginnen. Die Schule wird von einem Nigerianer geleitet, der ebenfalls auf der Flucht vor seiner Vergangenheit ist. Da ist Jason, den man als Zimmerer für den Bau eines neuen Komplexes für die Datenbankspeicherung in Resolute Bay engagiert hat; mit seinem Stundensatz von 70 Dollar unterhält er einen Haufen Kinder in Manitoba. Da ist Robert Moretti, als Manager betraut mit den Investitionen der Gemeinde von Arctic Bay. Mark Lindström, ein Satellitentechniker, der notfallmässig aus dem Urlaub zurückbeordert wurde, um in Resolute Bay drei neue Antennen zu installieren, und schliesslich Cam Knight, der als Taucher damit beauftragt ist, die Umwelteinwirkung eines neuen Tiefwasserhafens in Arctic Bay zu untersuchen.
Resolute Bay, der obligatorische Stopp vor der letzten Etappe nach Grise Fiord, ist vollständig in der Hand der ATCO, jenes kanadischen Energie- und Infrastrukturunternehmens, dem die kanadische Regierung die Schlüssel der Arktis anvertraut hat: die grossen Bauten nach dem Baukastenprinzip, die Flughäfen, das Satellitennetz, die Häfen sowie den Ausbau der neuen Zentren, den Sektor Energieversorgung, den logistischen Support für den Bergbau und die Errichtung von Militärbasen. Vor den Unterkünften von ATCO zählt man im Durchschnitt rund 30 Pick-ups, die alle von indischen, somalischen und äthiopischen Immigranten gefahren werden. In Resolute Bay liegt der neuralgische Punkt der kanadischen Arktis, den die Pioniere des Rushs auf die Arktis zu ihrem Stützpunkt gewählt haben.
Chris Coventry, 38 Jahre alt, ist Operations Manager der Firma für das ganze nördliche Nunavut. Ein Typ wie von Jack London geschaffen: Er kommt aus Dublin, wo er laut seinen Aussagen in einem Waisenhaus und dann bis zum Alter von 18 Jahren in Pflegschaft aufwuchs, um sich dann in Calgary freizuschwimmen, dem Sitz von ATCO, die ihn in die vermeintliche arktische Goldgrube geschickt hat. Coventry korrigiert die Zahlen, die der neue kanadische Premierminister Mark Carney über die militärischen Anfangsinvestitionen in die Arktis verbreitet, eine Summe um die 10 Milliarden Dollar: «Nach unseren Berechnungen werden über die nächsten fünf Jahre für Bauvorhaben zirka 100 Milliarden notwendig sein. Auch aus Sicherheitsgründen muss man alles neu machen, weil es keine verlässlichen Allianzen mehr gibt, nicht einmal mit den Vereinigten Staaten. Unser Gefühl ist, dass alles sehr eilt; in den 18 Monaten, die ich hier bin, habe ich gesehen, wie sich ganze Landschaften verändern, die Wasserleitungssysteme, die Gebäude. Es gibt einen Plan für den Bau von 3000 Häusern bis 2030 im nördlichen Nunavut und von drei Häfen, ich darf noch nicht sagen, wo», sagt Coventry vor einem Teller hervorragendem Roastbeef. Er spricht von einer Militärbasis in Resolute Bay und der unmittelbar bevorstehenden Ankunft von 2000 Männern: «Das Nato-Ziel von fünf Prozent Verteidigungsausgaben wird vollständig in die Arktis investiert werden. Gleichzeitig wird es auch der einheimischen Bevölkerung zugutekommen, denn wenn man Material und Lebensmittel für das Militär importiert, werden auch die Ladenpreise sinken. Man muss die Inuit miteinbeziehen, sie könnten die besten Bündnispartner für die Entwicklung werden.»
Er räumt ein, dass derzeit verstärkt nach Bodenschätzen gesucht wird, über geologische Kartierungen oder aus der Luft und via Satellit: «Man spricht derzeit von grossen Kupfer- und Lithium-Lagerstätten im südlich von Devon Island gelegenen Somerset Island. Aber hier ist ohnehin für die nächsten Jahrhunderte genug zu tun. Strategisch gesehen hat man keine Wahl, als arktische Nation muss man sich heute die Hände schmutzig machen», sagt der Ire.
Schätzungsweise 100 Männer hat ATCO nach Grise Fiord eingeflogen, in ein Dorf von 160 Einwohnern. Und einen Haufen schweres Gerät, um die Fundamente einer ganzen Stadt zu graben. Gerade bauen die Männer ein Wasserwerk mit einem Leitungssystem, das bis zum Gletscher hochreichen soll, weil dieser sich zurückgezogen hat und die Sturzbäche, die im Sommer jeweils die Zisternen füllten, trockengefallen sind. Ein ganzer Hügel wurde weggesprengt, um ein ständiges Basislager zu errichten.
«Dabei wissen wir noch gar nicht genau, zu was es dienen soll», erzählt mir wenig später die stellvertretende Bürgermeisterin Laisa Audlaluk-Watsko – die Tochter von Larry, dem alten Inuit. Sie berichtet, wie empört sie darüber ist, dass die ATCO die Inklusionsvereinbarungen nicht respektiert: Sie hätten zwanzig Inuit einstellen müssen, haben aber nur zwei genommen. «Sie halten uns für die Arbeit nicht geeignet, das ist immer noch deren Mentalität. Sie weisen ihre Arbeiter an, sich von uns fernzuhalten, als ob wir Wilde wären.»
Laisa sieht harte Zeiten heraufziehen, sie räumt auch der Zukunft, die sich abzeichnet, keine mildernden Umstände ein: «Sie kommen mit Sonderflügen, führen Material und Arbeitsmittel mit eigenen Schiffen ein, bald werden Militärs mit einem Haufen spezieller logistischer Supports kommen. Welche speziellen Vorteile haben wir? Sie geben uns keine Arbeit, sondern bieten uns 400 Dollar Arbeitslosengeld an, 800, wenn du zwei Kinder hast. Bei den Lebenshaltungskosten kommst du damit eine Woche über die Runden. Nach allem, was vor 70 Jahren passiert ist, zahlen wir immer noch für die Souveränität Kanadas.»
Sie hat die Arbeiten der Kommission für die North Water Polynya von Anfang an verfolgt und steht immer noch in engem Kontakt mit den verschiedenen Niederlassungen der Inuit-Regierung von Iqaluit. Doch sie fürchtet, dass Ottawa immer weniger zur Zusammenarbeit bereit sein wird, jetzt, wo die Pläne zum Umweltschutz aus der Mode gekommen sind. «Es geschehen merkwürdige Dinge», sagt sie. «Wir wissen von Bergbauunternehmen, die in ausgewiesenen Siedlungsgebieten der Inuit heimlich Untersuchungen vornehmen, obwohl sie uns fragen und um Begleitung bitten müssten. Auch in der Baffin Bay sind welche im Gang, man spricht von Gold, Kupfer, Gas. Aber sie beziehen uns nicht ein. Manchmal frage ich mich, ob wir die Kraft haben, unsere Welt gegen den Rest der Welt zu verteidigen.»
Der Eisberg, der sich so gross wie Notre Dame angekündigt hatte, ist endlich mit unerbittlicher Trägheit vor der Bucht angekommen. Innert weniger Tage ist er beträchtlich geschmolzen und gleicht nun eher einer kleinen lutherischen Kirche, die sich in eine Landschaft aus Gletscherruinen einfügt. Doch dann springt eine Robbe mit einem Satz darauf, und Pikialasorsuaq erwacht plötzlich wieder zum Leben.
In unserer Printausgabe heisst es, Mark Carney sei kanadischer Gouverneur. Richtig ist, dass er der Premierminister von Kanada ist. Wir haben den Fehler in der Online-Version der Reportage korrigiert.
Aus dem Italienischen von Susanne Eversmann.
Diese Recherche wurde vom Recherchefonds von Reportagen
mitfinanziert und dem Journalistennetzwerk The Arctic Times
Project unterstützt.