Reportagen:Herr Müller, in unserer Titelgeschichte begegnen wir Männern, die in der Karibik einen libertär angehauchten Privatstaat gründen. Was steckt hinter der Idee des Libertarismus?
Julian F. Müller: Als Philosoph schaue ich mir zunächst die Begriffe und deren Entstehung genauer an. Sowohl im Deutschen als auch im Englischen kennen wir das Wort Liberalismus bzw. liberalism. Nur bedeuten sie komplett unterschiedliche Dinge. Der klassische Liberale im Deutschen setzt sich für persönliche wie wirtschaftliche Freiheiten ein mit möglichst wenig Staat. Während der liberal etwa in den USA einem Sozialdemokraten bei uns entspricht.
Also einem Verfechter eines umfassenden Sozialstaates mit weitreichenden Kompetenzen.
Ja. Um Verwechslungen und Missverständnissen vorzubeugen, haben die klassischen Liberalen, also Verfechter von freien Märkten und Nachtwächterstaaten, die beschützen, sich aber ansonsten nicht ins Wirtschaften einmischen, im englischsprachigen Raum Mitte des 20. Jahrhunderts damit begonnen, ihre Denkschule als libertarianism, Libertarismus, zu bezeichnen. Dennoch sind wir dem Begriff im Deutschen jahrzehntelang kaum begegnet. Erst um das Jahr 2010 schwappte er aus den USA nach Europa – zurück, weil es sich dabei eigentlich um einen Reimport handelt.
Im 19. Jahrhundert haben sich unter anderem europäische Anarchisten, die den Staat komplett ablehnen, als Libertäre bezeichnet, um Verboten und Zensur zu entgehen. Warum kehrte der alte Begriff plötzlich nach Europa zurück?
Wegen der Finanz- und der daraus resultierenden Euro-Krise. Der Libertarismus baut auf ökonomischer Theorie auf. Ein zentrales Narrativ libertärer Ökonomen lautet, die Wurzel allen Übels sei «schlechtes» Geld.
Was bedeutet das?
Geld, das die Politik beliebig inflationieren kann. Es erlaubt Regierungen, dauerhaft auf Pump zu leben und so vor Problemen davonzulaufen. Statt etwa notwendige Reformen anzupacken, bei den Ausgaben den Gürtel
enger zu schnallen oder höhere Steuern einzuziehen, können sie endlos weitermachen und sich dabei immer mehr verschulden. Diese Schulden finanzieren sie dann, indem sie neues Geld drucken. Geld verliert an Kauf-
kraft, letztlich findet eine Umverteilung von den Bürgerinnen und Bürgern zugunsten des Staates statt. Libertäre lehnen ein solches Geldsystem entschieden ab.
Welche Alternative schlagen sie vor, was ist in ihren Augen denn «gutes» Geld? Kryptowährungen wie der Bitcoin?
Etwa der Goldstandard, wie er in den USA früher galt. Bis zu dessen Aufhebung 1971 durch Richard Nixon war jeder US-Dollar durch Gold gedeckt. Solches Geld lässt sich nicht beliebig inflationieren, weil die Goldmenge auf der Welt begrenzt ist. Während der Schuldenkrise haben US-Libertäre wie etwa Ron Paul lautstark für die Rückkehr zu einer solchen «soliden» Geldpolitik geworben. Die Idee fand auch im krisengeschüttelten Europa Anklang. Um sich von den «gemässigten»
Liberalen abzugrenzen, die sowohl an der bisherigen Finanzpolitik als auch an der europäischen Gemeinschaftswährung festhielten, begannen diese Leute zunehmend, sich als Libertäre zu bezeichnen.
Der Einfachheit halber wollen wir liberal und libertär synonym verwenden. Wo kommt diese Idee ursprünglich her?
Der klassische Liberalismus ist ein Produkt der Aufklärung und fest im Christentum verwurzelt. Seine Vordenker, John Locke, John Stuart Mill oder auch Immanuel Kant, haben versucht, christliche Werte in eine
moralische Ideenwelt zu übersetzen, die auch ohne Gott auskommt.
Locke und Mill waren Briten. Warum hat ihr Denken ausgerechnet in den USA so grosse Spuren hinterlassen?
Die USA sind ein faszinierendes Beispiel. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung liest sich wie eine Zusammenfassung von John Lockes Hauptwerk Zwei Abhandlungen über die Regierung, in dem er einen libertären Staat entwirft. Ein solcher Staat soll den Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum seiner Bürger garantieren, die alle die gleichen Rechte haben. Der Staat schliesst mit ihnen quasi einen Gesellschaftsvertrag ab. Zugleich erhalten die Bürger das Recht auf Widerstand, wenn die Regierung ihre Rechte verletzt.
Ich sehe gleich mehrere Parallelen zur Privatstadt Próspera aus der Reportage. Auch dort sind Freiheit und Eigentum die höchsten Güter. Und zugleich steht es einem jederzeit frei, zu gehen, wenn die Umstände nicht mehr passen.
Die USA waren wohl das erste grosse libertäre Experiment. Die Idee des Ausprobierens ist in diesem Denken tief verwurzelt. Der wohl bedeutendste libertäre Philosoph des 19. Jahrhunderts, der Brite John Stuart Mill, prägte den inzwischen geflügelten Ausdruck experiments in living. Dieser besagt, dass sich letztlich nur Ideen durchsetzen, wenn sie bewiesen haben, dass sie auch tatsächlich funktionieren. Nur wenn ich demonstriert habe, dass eine bestimmte Form des Zusammenlebens alle reicher und glücklicher macht und die Welt zu einem freieren, friedlicheren Ort, kann ich die Menschen davon überzeugen, sie zu kopieren, zu vergrössern und weiterzudenken.
Wenn heutzutage von Libertären die Rede ist, landet man früher oder später im Silicon Valley bei Tech-Unternehmern wie Elon Musk oder
Peter Thiel.
Dabei haben diese Tech-Bros für mich als politischen Philosophen wenig mit Libertarismus zu tun. Ich würde sogar sagen, dass sie eher das Gegenteil von echten Libertären sind.
Wie meinen Sie das?
Nehmen wir Elon Musk, den mit Abstand reichsten Menschen der Welt, der zeitweise sogar Billionär war. Ohne staatliche Subventionen wären weder seine Automarke Tesla noch seine Raumfahrtfirma SpaceX ein Erfolg geworden. Und wir sprechen nicht gerade von kleinen Beträgen.
Wie Capital und Washington Post 2025 errechnet haben, hat Musk in den letzten 20 Jahren 38 Milliarden Dollar an Subventionen kassiert, davon ein knappes Drittel allein in den letzten fünf Jahren. Warum sehen Sie das kritisch?
Weil ein echter Libertärer sich niemals vom Staat stützen lassen würde. Musk dagegen sucht die Nähe des Staates, um einerseits Macht zu erlangen und andererseits neue Aufträge an Land zu ziehen.
Was ist mit dem Investor Peter Thiel, dem anderen libertären Aushängeschild?
Als Student hat Thiel sich für den Libertarismus stark gemacht, den «reinen» Libertarismus, wenn man so will. Wenn man sich heute seine Reden anhört, merkt man hingegen, dass er zwar ein sehr kluger Mann ist – was, denke ich, eine Voraussetzung ist, um so viel Geld zu verdienen.
Thiels Vermögen wird auf rund 30 Milliarden Dollar geschätzt.
Aber auch er ist kein lupenreiner Libertärer. Wenn er in die libertäre Werkzeugkiste greift, dann um die heutige Wirtschaftsordnung zu seinem Vorteil auszutricksen. Relativ unverblümt erklärt er, dass er die Bildung von Monopolen anstrebt, was nicht nur Monopolgewinne verspricht, sondern auch in seinem Fall Macht. Die libertären Ideale von Freiheit und Gleichheit aller Menschen sehen anders aus.
Weil der Libertarismus nicht nur eine wirtschaftliche Idee ist?
Der Lehrbuchlibertarismus nimmt persönliche Rechte extrem ernst, ernster, als die verschiedenen Demokratietheorien. Demgemäss hat jeder Mensch von Geburt an eine Würde und die gleichen Rechte, egal ob er schwarz oder weiss, Mann oder Frau ist. Das gilt universell, ohne Ausnahme. Und was tun Musk und Thiel? Sie beschimpfen Minderheiten, versuchen, ihre Rechte zu beschneiden. Das ist alles andere als libertär.
Es fällt auf, dass die meisten Leute, die sich selbst als libertär bezeichnen, Männer sind. Zufall?
Wenn wir uns anschauen, wer alles unter der Fahne des Libertarismus segelt, sowohl in den USA als auch im deutschsprachigen Raum, merken wir schnell, dass es ganz sicher keine Universalisten sind, die das Wohlergehen aller im Sinn haben.
Sondern?
Was ist die älteste Art und Weise, die Gesellschaft zu strukturieren? Es ist die patriarchale Familie. Mit einem pater familias, dem Familienvater, dem uneingeschränkten Familienoberhaupt und alleinigen Herrscher eines Haushaltes. Der auf seinem Grund und Boden tun und lassen kann, was er will. Ohne dass jemand ihm irgendwie reinreden kann. Diese archaische Vorstellung von männlicher Dominanz übt eine unheimliche Anziehung auf viele Männer aus.
Was hat das mit dem Libertarismus zu tun?
Darin sehen sie ein Mittel, den lästigen Rechtsstaat loszuwerden, der sie in ihrer Wahrnehmung daran hindert, Pater Familias zu spielen. Sie missbrauchen den Libertarismus, um durch die Hintertür wieder eine patriarchale Gesellschaft zu begründen und zu legitimieren. Das finde ich extrem tragisch.
Noch eine persönliche Frage zum Schluss: Warum sind Sie politischer Philosoph geworden?
In meiner Jugend habe ich irgendwann das Buch Wie kommt der Hunger in die Welt? von Jean Ziegler gelesen, dem jüngst verstorbenen Schweizer Soziologen. Es hat mich inspiriert, danach wollte ich wissen, wie Gesellschaft funktioniert und wie wir die Armut unter Kontrolle bekommen, weltweit. Erst habe ich Volkswirtschaftslehre studiert, aber irgendwann reichte es mir nicht mehr, ich wollte zu den tieferen Fundamenten vordringen. Also habe ich mich auf die Philosophie der Wirtschaftswissenschaften spezialisiert und bin dabei quasi zwangsläufig der Figur des klassischen Liberalen begegnet. Die Ideen haben mir imponiert, dass wir alle letztendlich die gleichen Wesen sind, die nur verschiedene Sachen anhaben.
Das Gespräch führte Dmitrij Gawrisch.