Du schaust mit einem Auge zu den alten Christbaumkugeln, die über uns baumeln, mit dem anderen schräg hinab zum Kinderwagen und zum weissen Schaf, das neben dem Herd steht. Meine Hand streicht über deinen Kopf, während deine Cousins und Cousinen dich von allen Seiten betrachten und Doktor Zbinden meint, dass wir als Allererstes deine Augen an die richtige Stelle nähen sollten. Bei den Bären nämlich liegen die Augen nah an der Nase, sagt er und zeigt auf dunkelbraue, rotbraune, grünbraune Glasaugen, die mir aus mehr oder minder abgewetzten Gesichtern entgegenschauen. Es läuft klassische Musik. Ich bin mir sicher: Deine Augen müssen bleiben, wo sie sind. Denn wenn wir deine Augen verschieben, kannst du das Schaf und die Weihnachtskugeln nicht mehr gleichzeitig sehen. Wenn wir deine Augen verschieben, bist du nicht mehr du. Könnten wir auch anderswo beginnen?, frage ich. Vieles ist möglich, sagt Doktor Zbinden, setzt seine Brille auf und mustert dich. Dein linkes Bein, das nur noch an einem Faden hängt. Die Holzwolle, die aus deinen Armen quillt, und die Wollstoffreste, die dir meine Grossmutter mit groben Stichen über die abgenutzten Tatzen genäht hat. Wie heisst er? Fritzli, antworte ich. Mindestens 77 Jahre alt. Teddybär meines Vaters. Mein Teddybär. Heute vor allem Teddybär meiner Kinder. Wir könnten ihm einen Kopf machen, den er drehen kann. Sagen Sie Ihren Kindern, dass er eine Spritze bekommen, dass er nichts spüren wird. Manchmal wird er vielleicht für ein paar Tage in der Klinik bleiben müssen. Und Doktor Zbinden drückt mir ein Buch in die Hand. Vater Bär kommt heim. Damit ich es zu Hause vorlesen kann, wenn du nicht da sein wirst.
Wir verabreden uns für nächste Woche. Doktor Zbinden ist einverstanden: Wir operieren gemeinsam. Auf dem Heimweg beginnt es zu schneien. Ich wickle dich in mein Halstuch. Dein rechtes Auge schaut zu mir, dein linkes in den Himmel. Möchtest du denn überhaupt den Kopf drehen können? Jedenfalls wirst du nie allein sein in dieser Clinique de poupées. All die deckellosen Schuhschachteln und Bananenkisten, und in jeder ein Bär, eine Puppe, eine Bande von Affen, während Gross und Klein hoffen, dass sich eine Lösung finden lässt. Für das eingedrückte Auge, das verstummte Brummen, den hängenden Kopf.
Eine spezifische Ausbildung zum Puppendoktor gibt es nicht. Es sind ganz viele Fähigkeiten, ganz viele Fäden, die zusammenlaufen. Jean-François Zbinden wächst auf dem Land, im freiburgischen Fétigny auf. Seine Tante zeigt ihm, wie man näht, stickt, flickt, seine Mutter ruft ihn, damit er im Dorfladen der Familie die Kundschaft bedient, und sein Vater schickt ihn in eine Lehre als Versicherungs-Sachbearbeiter in Fribourg. Mit 25 Jahren verwirklicht er schliesslich seinen eigenen Berufswunsch und macht eine Lehre als Coiffeur in Bern. Sein Wissen rund um Bürsten, Bigoudis, Frisuren und Volumen führt ihn schliesslich zu den Puppen: Er repariert Perücken, befestigt Wimpern, dreht Locken. Jean-François Zbinden ist seit rund 35 Jahren Puppendoktor in der Altstadt von Biel. Zuerst arbeitet er noch in der Puppenklinik des Ehepaars Hürlimann, doch als dieses pensioniert und das Töpferatelier gleich über der Strasse frei wird, richtet er sich dort seine eigene Clinique de poupées ein.
Bonjour, Fritzli, sagt Doktor Zbinden und führt uns durch einen schmalen Gang. Über uns geflochtene Stubenwagen in allen Grössen und eine Hexe, die zuschaut, wie wir uns dünn machen. Links Tapetenrollen, alte Postkarten, ein Kruzifix, rechts ein Engelsbild, Taschen mit Seidenpapierresten, Plastiksäcken, kleinen Schachteln, und einen Schritt weiter ein antikes Geschirregal mit Puppenköpfen anstelle von Tassen. Puppenköpfe ohne Augen. Puppenköpfe mit Rissen. Puppenköpfe mit abgeschlagenen Ohren. Puppenköpfe ohne Haar. Hin und wieder unversehrte Puppenköpfe. Und gleich dahinter ein langer Tisch. Hier können wir arbeiten, sagt Jean-François Zbinden. Meine Augen wandern zwischen den Spitalbetten hin und her, von Schachtel zu Korb zu Kiste, quer durch ein Neben- und Übereinander, wo Plüschtiere und Puppen in der Warteschlange liegen. Tage-, monate-, jahrelang. Je nachdem, wie rar die Ersatzteile, wie gross die Verletzung, wie dringend die Reparatur. In jedem Bett liegt ein Zettel, und auf jedem Zettel steht in Schnürchenschrift der Name der Puppe, des Tiers, darunter die Kontaktangaben der nahestehenden Person. Ich habe Arbeit, bis ich sterbe, sagt Jean-François Zbinden und lacht.
Ich setze mich. Meine Füsse stossen gegen eine Kiste. Ich lege dich auf die kleine Arbeitsfläche auf dem grossen Tisch. Es gibt gerade Platz für dich und ein paar Werkzeuge. Ein dicker Draht läuft quer durch dich hindurch, durch Arm, Oberkörper, Arm, wobei die spitzen Enden auf beiden Seiten um 180 Grad gebogen und zurück ins Fell gerammt worden sind. So halten deine Arme zusammen. So können sie sich bewegen. Ich muss immer optimistisch sein, um eine Reparatur beginnen zu können, sagt Jean-François Zbinden. Die Werkzeuge stammen zum grossen Teil aus dem Nähkasten der mittlerweile verstorbenen Tante und den aussortierten Utensilien einer Zahnarztpraxis. Arterienklemmen, Fäden, Nadeln, Pinsel, Pinzetten, Zangen, Scheren und Drähte, die zu unterschiedlich grossen Haken zurechtgebogen sind. Auch eine ausrangierte Spritze. Doktor Zbinden sticht damit in deinen linken, in deinen rechten Arm, so wie er es den Kindern versprochen hat. Ich schaue von deinem Gesicht zu seinem Gesicht. Beide Nasen: breit, mit zunehmender Biegung nach links. Jean-François Zbinden ist nur wenige Jahre jünger als du. Seine Bewegungen sind flink, seine Vorstellungskraft trägt seine Ideen. Ab und an mischt er schweizerdeutsche Splitter in seine französischen Sätze, etwas von der Vater- in die Muttersprache: O mein Gott! Lueg emol! So!
Er repariert alles von Hand. In seiner Werkstatt gibt es keine Nähmaschine. Wenn er Wasser braucht, geht er zum Engelsbrunnen vor der Klinik, der Abfluss seines Waschbeckens ist seit Jahren verstopft. Mit jedem Bären kommt eine neue Geschichte, sagt Jean-François Zbinden und entfernt den Draht, der deine Arme zusammenhält. Ich suche einen braunen Faden im Nähkasten, braun wie dein Fell, und fädle ein. Sorgfältig stopfe ich etwas Holzwolle ins Armloch. Holzwolle aus anderen Armen, Beinen, Bäuchen, aus Bären, die in ihre Einzelteile zerlegt, die nicht mehr geflickt worden sind. Organtransplantationen. Ich behalte alles, sagt Doktor Zbinden, denn vielleicht ist es genau jener Stoffrest, jene Perücke, jenes unversehrte Bein, mit dem sich eines Tages etwas anderes retten lässt. Er nimmt den braunen Faden und meint, wir hätten ebenso gut einen roten nehmen können, denn letzten Endes dürfe man davon nichts mehr sehen.
Kinder und Erwachsene kommen und gehen, während wir dich, Fritzli, hier in Teile zerlegen. Sie bringen ihre Kuscheltiere, Puppen ihrer Mütter, ihrer Grossmütter, Puppen aus ihren Sammlungen, Puppen mit und Puppen ohne Seele. Sie zeigen auf Löcher, Brüche, offene Nähte, fragen nach Fabrikationsjahr, Marke, heutigem Wert. Sie bringen Augen, die sich nicht mehr öffnen, Augen, die sich nicht mehr schliessen. Sie gehen durch die Klinik wie durch ein Museum und sagen: Hier ist es wunderschön. Sie sind erstaunt, dass der Puppendoktor kein Interesse zeigt fürs Internet, kein Handy hat, dass man hier bar bezahlt, dass kürzlich einer eingebrochen ist: Was gibt es denn zu stehlen hier? Jean-François Zbinden hört zu, und manchmal möchte er sagen: Wie viel ist Ihnen denn diese über hundert Jahre alte Puppe wert? Warum kaufen Sie Ihre Puppen im Internet und nicht bei mir? Wenn die Rechnungen mit den Heiz- und Elektrizitätskosten kommen, geht ihm durch den Kopf: Was mache ich noch hier? Seine Mutter pflegte zu sagen: Ce n’est pas le travail qui tue! Aber ohne seine Rente wäre Jean-François Zbinden heute kein Puppendoktor mehr.
Nachdem ich den Wollstoff entfernt habe, mit dem dich meine Grossmutter geflickt hatte, schauen wir uns deine Tatzen an. Der beige Originalstoff ist abgenutzt. Jean-François Zbinden verschiebt zwei Kisten und zieht unter dem Tisch einen Sack mit alten Stoffresten hervor. Er wühlt, bis er ein Stück vom selben Beige in den Händen hält und meint: Ich weiss immer genau, wo ich was hingelegt habe. Alles hat seinen Platz, obwohl es im Grunde nicht genug Platz gibt. Wenn Doktor Zbinden seine Klinik öffnet, muss er zuerst vier kleine Betten mit Puppen, einen Schaukelschwan, eine Schaukelschnecke, ein Schaukelpferd, eine blaue Wiege mit Kleidern im Kleinformat und zwei Stubenwagen voll Bücher vor die Tür stellen, damit er an seinen Arbeitstisch und die Kundschaft überhaupt in den Laden kommt. Wenn er sich vorstellt, dass es schöner wäre, am Tisch hinter unserem Tisch, am Tisch, der am Fenster steht, im Tageslicht zu arbeiten, biete ich ihm meine Hilfe an, aber beide wissen wir: Wenn meine Hände die Schachteln verschieben, wissen seine Hände nicht mehr um deren neuen Ort.
Damit sich deine Tatze nicht sofort wieder abnutzt, unterlegen wir den neuen Stoff mit Filz. Ich nähe an der Grenze zwischen Haut und Fell. Doktor Zbinden zeigt mir, wie man Falten vermeiden, Fadenenden selbst ohne Knopf fixieren oder komplizierte Winkel nähen kann. Aber jetzt haben wir uns eine Pause verdient. Jean-François Zbinden nimmt sein Grapefruitmesser und schält zwei Kiwis aus seinem Garten. Im Rekordjahr habe er 1276 Kiwis geerntet, meint er, und dass dieses Grapefruitmesser seit rund 35 Jahren wie ein Teil von ihm sei. Es habe die perfekte Form und diese leicht gebogene Klinge, die sich für so vieles eigne. Modelliermasse in die richtige Konsistenz bringen. Holzwollfüllungen zurechtformen. Aceton-Farbgemische auf Zelluloid-Risse auftragen. Ich lege deinen Arm zur Seite und beisse in die Kiwi. Du schaust mich an, schaust zugleich zum Esel mit dem blau-gelben Sattel vor der Ofentür. Jean-François Zbinden putzt sich die Hände ab, legt das Messer zurück zum anderen Werkzeug und nimmt eine kleine Zelluloidpuppe aus einem Schachtelbett. Ihre Arme und Beine baumeln, die Gummikordeln sind ausgeleiert. Jean-François Zbinden nimmt die Puppe auseinander. Eine Staubkugel rollt aus ihrem Bauch. Jedes Mal, wenn das Kind der Puppe den Schoppen gegeben, sie in den Schlaf gewiegt habe, habe sich im Innern Staub von den Fasern der Kleider gesammelt und mit den Schaukelbewegungen eine immer grössere Kugel geformt.
Vater Bär ist nicht zu Hause. Er ist draussen auf dem Meer und fischt. Wenn die Kinder eingeschlafen sind, wird meine Hausaufgabe sein, deinen zweiten Arm zu reparieren. Du musst unbedingt wieder gesund sein, bis wir mit dem Buch fertig sind. Bei Vater Bär liegen die Augen ebenfalls nah an der Nase.
Tulipe, die Bieler Altstadtkatze, liegt in der blauen Wiege mit den kleinen Kleidern und schläft. Daneben steht ein Eierkarton voll Kiwis. Hier ist eine Klinik, aber noch ganz viel mehr. Im Frühjahr verkauft Jean-François Zbinden selbstgebundene Blumensträusse, im Sommer Zwetschgen, im Herbst Trauben, und das ganze Jahr hindurch gibt es hausgemachte Konfitüren aus den Früchten seines Gartens. Und ausserhalb der Öffnungszeiten arbeitet Jean-François Zbinden manchmal noch immer als Coiffeur. Dafür legt er zwischen die kleinen Betten und Stubenwagen ein grosses Tuch auf den Boden, um die abgeschnittenen Haare aufzufangen. So wie er ein Küchentuch auf den Arbeitstisch legt, wenn wir Fritzli die Holzwolle aus dem Körper ziehen. Er hat eine Stammkundschaft. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass er sich in die Leute hineindenkt und von dort nach handfesten Lösungen sucht, um ihre Wünsche zu erfüllen. Ähnlich wie er bei den Puppen und Plüschtieren zu rekonstruieren versucht: Wie haben sie ursprünglich ausgesehen, und was hat die Zeit aus ihnen gemacht? Was wird geflickt, und wo wird etwas so weit wie möglich belassen, damit die gelebte Zeit in ihnen bleibt?
Ich höre einen Föhn. Jean-François Zbinden hat eine Plastikpuppe mit schütterem Haar auf dem Schoss. Die Hitze macht die Kopfhaut weich. Auf dem Tisch liegen Haarsträhnen bereit, immer etwa 15 Haare zusammengeknüpft, die dann mit einer langen Nadel vom Kopfinnern durch die Löcher im Plastik gezogen werden. Er legt den Föhn zur Seite und begrüsst mich, schaut auf deinen zweiten Arm und nickt. Machen wir heute die Augen? Zuerst den Kopf, sage ich. Er reicht mir den Scaler, sein Zahnarzt entfernte damit einst Zahnstein. Ich trenne die Naht auf, die deinen Kopf und deinen Körper zusammenhält. Es sei ein Glück, dass Fritzli kein Blut habe, sagt Doktor Zbinden, sonst würde es jetzt nämlich bis zur Decke spritzen, und unter solchen Umständen könnte er unmöglich operieren. Er zeichnet einen Kreis auf ein Stück Karton, schneidet ihn aus und macht ein Loch in die Mitte. Das ist die Drehscheibe, die wir ans untere Ende deines Kopfes legen. Ein Metallstift soll sie mit einer zweiten, identischen Kartonscheibe am offenen Ende deines Oberkörpers verbinden.
Doktor Zbinden legt ein altes Küchentuch auf den Tisch und meint: Jetzt nehmen wir die Holzwolle raus. Er schmunzelt, weil er mir ansieht, dass ich damit nicht gerechnet habe. Wieder eine Spritze, wieder die Zangen. Danach liegt dein Körper neben deinem Kopf neben deinen Beinen neben deinen Armen. Zum Glück können dich die Kinder so nicht sehen. Ich trenne die untere Naht auf, ziehe die Holzwolle Stück für Stück aus dir heraus und lege sie aufs Küchentuch. Mitten in deinem Bauch finde ich eine braune Kartonrolle. Sie ist solide, etwa 4 Zentimeter hoch, 4 Zentimeter breit. Das eine Ende ist verschlossen, das andere übersät mit kleinen Löchern, und dazwischen steht in Prägeschrift: Rococo. Das ist die Stimme, sagt Doktor Zbinden. Du hattest eine Stimme? Er dreht die Rolle auf und ab, kein Brummen mehr. Ob sich mein Vater noch an deine Stimme erinnert? Ob er weiss, dass sie aus einer Kartonrolle mit Blasebalg und Zungenpfeife kam?
Dein Fell liegt flach auf dem Tisch. Wenn wir nur wieder dei-
ne Form finden. Aber ich sage mir, Jean-François Zbinden ist ein Arzt mit Erfahrung. Als dein Kopf und dein Körper dank dem Metallstift wieder zusammenhalten, fülle ich deinen leeren Bauch, deine stumme Stimme lasse ich draussen, stopfe dafür etwas mehr Holzwolle rein. Jean-François Zbinden macht einen Knopf in einen Fadenrest, legt ihn in den Bauch, damit ich, falls ich dich eines Tages nochmals auseinandernehmen müsste, an ihn denken würde. Mit doppeltem Faden verschliesse ich die offene Naht. Jean-François Zbinden befestigt den Draht an deinem linken Bein. Ich höre die Anstrengung in seinem Atem. Ich halte dich fest. Er sticht quer durch deine Hüften, durch deinen rechten Oberschenkel, bringt beide Beine in die gleiche Position. Dann zieht er kräftig am Draht, biegt und rammt ihn einen Zentimeter daneben wieder in dein Bein zurück.
Jetzt stehst du aufrecht vor uns. Wir drücken an dir herum. Alles muss wieder seinen Platz finden. Das Einnähen der Kartonscheiben hat ein, zwei Zentimeter Stoff gekostet, dich etwas kleiner gemacht. Ich lege meine Hände an deine Schläfen, drehe deinen Kopf nach links, nach rechts, im Kreis. Es muss verrückt sein, 77 Jahre lang einen steifen Kopf zu haben und ihn dann plötzlich drehen zu können. Das Gleiche könnte man auch für die Augen vermuten: Es muss verrückt sein, so lange zu schielen und dann plötzlich …
Nachdem auch deine Arme wieder an den Schultern halten, bürsten wir dein flachgedrücktes Fell. Du wirst wieder flauschig. Heute Abend gibt es Löwenzahnsuppe bei uns zu Hause, sagt Jean-François Zbinden. Das sei köstlich und ausserdem brauche man kein grosses Budget dafür. Er habe immer tausend Rezepte im Kopf. Und schon sind wir bei den Frühlingszwiebeln in Weissweinsauce, bei den mit Speck umwickelten Feigen und stellen uns vor, was wir im Radio gehört haben: dass in jeder Feige einmal eine Wespe war.
Zu Hause erzähle ich, dass Fritzli früher brummen konnte. Dass er bald zurück sein wird. Dass er nun den Kopf drehen kann. Man muss nur wissen, wie man es macht, sagte die Eule. Du hast ganz recht, sagte Vater Bär. Man muss nur wissen, wie man es macht.
Heute Morgen war der Zaunkönig in meinem Garten. Das ist mein Lieblingsvogel, sagt Jean-François Zbinden. Er hat sich den Bart gekürzt. Die abgeschnittenen Haare bewahre er auf. Eines Tages wolle er damit eine Matratze für ein Puppenbett füllen. Dann zeigt er mir eine Sascha-Puppe, für die er aus einer alten Strumpfhose Socken genäht hat. Daneben sitzt ein Cousin von dir. Jean-François Zbinden hat ihm die Augen so angemacht, wie sie bei dir sind. Wir lachen. Schauen Sie, ursprünglich waren Fritzlis Augen hier, sagt Jean-François Zbinden und zeigt auf zwei winzige Löcher neben deiner Nase. Letztlich würden wir auch nicht mit einem Auge auf die Nähnadel und mit dem anderen zur Tür schauen. So könnten wir uns ja nie im Leben konzentrieren. Überhaupt glaube er, es wäre das Beste, ich würde den Familienrat einberufen, um zu besprechen, was in Fritzlis Fall zu tun sei.
Du hast Glasaugen. Meine Urgrossmutter oder meine Grossmutter hat sie dir wahrscheinlich nach einem Unfall wieder angenäht. Bärenaugen waren im Gegensatz zu Knöpfen nicht ihr Spezialgebiet. Sie haben die Drahtösen an den Glasaugen auf die Seite gebogen und flach am Kopf angenäht, statt sie einzufädeln und mit einer langen Nadel in die Holzwolle zu ziehen, an deinem Hinterkopf wieder rauszustechen, um dann den Faden deines linken Auges mit dem Faden deines rechten Auges zu verknüpfen, zu verstecken. Wenn ich dich ans Licht halte, sehe ich ein paar Kratzer auf den runden Pupillen. Deine Iris ist rotbraun. Die Glasaugen der Katzen und der Schlangen hingegen sind grün mit ovaler, senkrechtstehender Pupille. Bei Hunden und Pferden ist links und rechts der Iris noch etwas Weiss zu sehen. Bei dir liegt die Pupille in der Mitte des Auges. Und Hermann, der Pinguin, hat im Grunde die gleichen Augen wie Katzen oder Schlangen, aber seine Pupille verläuft fast parallel zum Schnabel. Ich habe ihn kürzlich auf dem untersten Regal der Vitrine neben der Eingangstür entdeckt und gedacht, er sei neu, dabei ist er schon seit 30 Jahren hier. Wir nahmen ihn heraus. Sein rechter Flügel war angerissen und sein roter Filzschnabel etwas löchrig. Da er bereits in unseren Händen war, machten wir eine Klammer auf und reparierten ihn. Ich nähte seinen Flügel wieder an. Doktor Zbinden reicht mir das Grapefruitmesser und etwas Holzwolle, damit ich die Schnabelform ausbessern kann. Mir gefallen sein schlanker, langgezogener Körper, seine leuchtendgrünen Augen. Der Name Hermann passt zu ihm, obwohl es eigentlich nur sein Markenname ist. Nach der Reparatur stellen wir ihn ins Schaufenster. Und wenn ihn jemand kaufen will? Mir wird sofort klar: Wenn ich Puppendoktorin werden würde, müsste ich als Allererstes lernen, loszulassen, was mir beim Reparieren ans Herz gewachsen ist.
Hier musste es schnell gehen, sagt Jean-François Zbinden und löst den Faden, an dem dein rechtes Ohr locker am Kopf hält. Im Innern sind kleine Stoffreste. Ihr Vater war bestimmt traurig gewesen, und jemand musste das abgerissene Ohr mit dem erstbesten Faden so schnell wie möglich wieder annähen. Da!, ruft Doktor Zbinden, quel horreur! Eine Motte flattert neben uns. Wir klatschen und klatschen mit den Händen in die Luft. Als sie schliesslich am Boden liegt, nähe ich dein Ohr wieder an, suche seine Kurvenform, gebe acht, dass man den Faden nicht sieht. Jean-François Zbinden schaut mir zu und meint, dass es letztlich drauf ankomme, wie ich das meiner Familie erzähle. Wenn Sie sagen, findet ihr nicht auch, dass die Augen so bleiben sollten, wie sie sind, ist es was ganz anderes, als wenn Sie sagen: Doktor Zbinden hat die beiden Löcher, wo ursprünglich die Augen fixiert waren, gefunden und schlägt vor, die Augen umzunähen, damit Fritzli nicht mehr schielt. Seid ihr einverstanden?
In einem Plastikkörbchen schläft eine Zelluloidpuppe mit einem Riss am Bein. Jean-François Zbinden legt sie sorgfältig auf den Tisch und holt das Marmeladenglas mit dem hellrosafarbenen Aceton-Gemisch. Er stellt eigenhändig alle möglichen Hautfarben her. Mit dem Grapefruitmesser rührt er die zähflüssige Masse aus zerbröselten alten Zelluloidkörpern und Lösungsmittel auf. Es ist, wie wenn man ein Fondue macht, sagt er, nimmt etwas Masse mit dem Messer aus dem Glas und trägt sie an der verletzten Stelle auf, verstreicht sie sachte mit dem Zeigefinger, verkittet den Riss. Ich wäre gerne Fälscher geworden, sagt Jean-François Zbinden, ich glaube, es hätte mir gefallen, etwas zu kopieren und dabei immer auch die Abnutzung, die Zeit mitberücksichtigen zu müssen. Damit man nicht sieht, dass etwas neu gemacht worden ist. Die gelebte Zeit muss er auch als Puppendoktor im Auge behalten. Wenn zum Beispiel ein geflickter Finger neu bemalt werden muss, darf die reparierte Stelle nicht herausstechen. Oder wenn eine alte Puppe Haare braucht, wühlt Jean-François Zbinden im grossen Sack mit den Perücken, wirft alles, was nicht passt, auf einen Haufen, bis er fündig wird. Ältere Modelle, die weniger Haare haben, wirken authentischer für eine alte Puppe. Manchmal braucht es auch ein paar Wimpern. Damit der Blick nicht zu starr ist, nicht Angst macht. Ich versuche immer zu rekonstruieren, wie das Original ausgesehen hat, sagt Jean-François Zbinden, und belasse so weit wie möglich, was noch davon übrig ist.
Endlich: Du kommst heim. Die Kinder drehen deinen Kopf. Wir schauen dich alle an, und du schaust uns alle gleichzeitig an. Der Familienrat tagt.
Während Zbinden die Klinik aufmacht und ich die Schaukelschnecke mit den beiden Bären unter die Arkade stelle, bleibt eine Frau neben uns stehen und fragt nach Glasaugen. Jean-François Zbinden nickt. Wofür genau? Sie suche Glasaugen für einen Hasen. Einen echten Hasen. Un vrai lapin?, fragt er erstaunt. Sie sei Tierärztin und müsse einem Hasen aufgrund einer Infektion ein Auge entfernen, und wenn ein Hase nur noch ein Auge habe, verliere er den Sinn fürs Gleichgewicht. Jean-François Zbinden fragt, wie gross ein echtes Hasenauge sei, und holt dann ohne zu zögern eine länglichbraune Schachtel. Die Tierärztin sucht in der Schachtel nach der richtigen Grösse, der passenden Iris, nimmt noch ein paar Augen mehr, in Reserve, weil solche Infektionen bei Hasen keine Seltenheit seien, sie auch schon Murmeln eingesetzt habe, aber ein Auge anstelle eines Auges natürlich das Passendste sei.
Puppendoktor ist ein Beruf, zu dem ein Lager mit potenziellen Ersatzteilen gehört. Lange dachte ich, dass dieses Lager aus den aufgeschichteten Köpfen im Geschirrregal, den Schachteln über Schachteln mit sortierten Glasaugen, Kopfdeckeln, Händen, Plastiknasen, Schelmenaugen, Kippstimmen, Schlafaugen und Perücken besteht, aber in einem von Jean-François Zbindens Nebensätzen wird mir klar: Das ist noch längst nicht alles. Weiter hinten gibt es noch ein Zimmer und dahinter noch eins, da könne einen der Schlag treffen, meint Jean-François Zbinden und lacht. Er schliesst die Seitentür auf, und wir gehen ans Ende des Flurs. Machen Sie die Augen zu! Achtung, eine Stufe. Noch eine. Ich höre, wie eine Tür aufgeht. Jean-François Zbinden dreht mich nach rechts. Jetzt die Augen öffnen.
Ich stehe am Eingang zu einem fast quadratischen Raum, sehe vom Boden bis zur Decke gestapelte Puppen, Hunderte, manche liegen kopf-, manche fussvoran auf den Ablagen, andere in Bananenkisten, die auf Bananenkisten stehen, die auf Bananenkisten stehen. Alle Haarfarben, alle Hautfarben, alle möglichen Materialien: Bakelitkörper, Zelluloidkörper, Holzkörper, Lederkörper, Papiermachékörper, Plastikkörper, Porzellankörper, Stoffkörper, Vinylkörper. Manche haben keinen Kopf, anderen fehlt ein Bein, ein Arm, ein Fuss. Jean-François Zbinden nimmt da und dort eine Puppe in die Hand und denkt laut vor sich hin: Das hätte ich früher geflickt, aber heute interessiert sich niemand mehr dafür. Hier kann ich vielleicht einmal die Augen, hier die Beine für was anderes gebrauchen. Da sind zwei exakt gleiche Puppen, die eine mit kaputtem Kopf, die andere mit kaputtem Körper, zusammen gibt das immerhin ein ganzes Exemplar. Und dieser Kopf aus dem 19. Jahrhundert steht schon seit meinem Einzug hier, aber wenn ich ihn wegwerfe, kommt garantiert jemand mit dem passenden Körper, dem einzig der Kopf fehlt! Mais mon Dieu, ich möchte Ihnen wenigstens eine Puppe zeigen, die ich so, wie sie hier liegt, wegwerfen kann.
Beim Hinausgehen aus dem Lager drehe ich mich nochmals um. Ganz oben an der Tür ist ein kleines Fenster, aus dem zwei Marionettenarme baumeln. Daneben hängt ein Zettel, auf dem – dreifach unterstrichen – Entrée interdite! steht. Und?, fragt Jean-François Zbinden. Was hat der Familienrat beschlossen?
Diese Augen machen seinen Charakter aus.
Er ist lustig so.
Er würde zu perfekt.
Wir haben uns doch an seinen Blick gewöhnt.
Einstimmig!, antworte ich. Jean-François Zbinden schmunzelt. Ich weiss, er nimmt es uns nicht übel. Auch wenn er deine Augen längst woanders sieht. Für diesen Beruf braucht es Imagination, sonst ist es aus, sagt Doktor Zbinden. Als Sie mit Ihrem Bären gekommen sind, sah ich ihn bereits geflickt.
Inzwischen habe ich mich rund ein Jahr lang einmal die Woche in die Clinique de poupées gesetzt, habe Porzellanhände geflickt, Stoffaugen gemalt, Gummikordeln gewechselt. Inzwischen hat jemand den Schaukelschwan gekauft, und Jean-François Zbinden hat die Kisten umgeräumt, so dass ich meine Beine strecken kann. Dich, Fritzli, kann ich mir inzwischen nicht mehr mit steifem Kopf vorstellen, aber immer noch bin ich mir sicher, was deine Augen angeht. Dass hier etwas unvollkommen bleiben musste, damit das Leben in dir bleibt. Damit wir weiter an die Mütter, die Gross- und Urgrossmütter und auch an Doktor Zbinden denken. Damit du nicht irgendein Bär wirst. Dein Körper wurde aufgeschnitten, geleert und wieder gefüllt, aber du bist noch immer du.
«Swiss Non-Fiction» – die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia lädt Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller dazu ein, erzählende
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