Notizen zur Gegenwart

Lotterie des Schreckens

Im vierten Kriegsjahr verlieren meine Eltern ihre Wohnung in Süddeutschland. Eigenbedarf! Also beginne ich, mehrmals in der Woche Lotto zu spielen. Nichts anderes ist die Suche nach vier Wänden für zwei geflüchtete ukrainische Rentner auf dem überhitzten Immobilienmarkt von Berlin.

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Seit ein paar Monaten spiele ich Lotto, mehrmals pro Woche, manchmal auch mehrmals täglich. Die gute Nachricht ist: Ich hasse es so sehr, dass ich nicht Gefahr laufe, süchtig zu werden. Aber dafür gibt es bei dieser Lotterie auch nicht so viel zu gewinnen. Nur eine kleine Wohnung. Für meine aus der Ukraine geflüchteten Eltern.

Kurz nach dem russischen Überfall, der sich inzwischen zum vierten Mal jährt, haben sie in Deutschland Zuflucht gefunden. Weil die Vermieter ihre bisherige Wohnung in Baden-Württemberg für sich selbst benötigen, haben wir beschlossen, sie zu uns nach Berlin zu holen: Mit den Kindern könnten wir ein paar helfende Hände gut gebrauchen, und für die beiden wäre es eine erfreuliche Abwechslung zum bedrückenden Nachrichtenstrom aus der Heimat. (Neulich hat mir meine Mutter das Foto einer tropischen Pflanze weitergeleitet, die mein Vater für sein früheres Kyjiwer Büro angeschafft hatte: Die Blätter waren gefroren – eine noch vergleichsweise harmlose Folge der russischen Bombardierungen der ukrainischen Strom- und Wärmeversorgung.)

Doch zuvor muss noch eine (warme) Wohnung für die beiden gefunden werden. Und das ist in Berlin inzwischen nicht mehr so einfach wie noch vor zwanzig Jahren. Erschwerend kommt hinzu: Weil sie als Rentner staatliche Unterstützung bekommen, ist genau festgelegt, wie viel – oder eher wenig – die Wohnung kosten darf. Da für Genossenschaftswohnungen entweder endlos lange Wartelisten bestehen oder die Genossenschaften bis zum Jahr 2100 keine neuen Mitglieder aufnehmen (ich übertreibe nur leicht), kommen im Grunde nur Sozialwohnungen infrage.

Die Sucharbeit haben wir aufgeteilt: Sobald eine Wohnung, die den Vorgaben entsprach, aufgeschaltet wurde, kontaktierte mein Vater – von Süddeutschland aus – die Hausverwaltung. Ich nahm die Besichtigungstermine vor Ort wahr. Beim ersten Mal war ich noch geschockt, als ich im Nieselregen eine gewaltige, vor Nässe glitzernde Menschentraube vor einem heruntergekommenen Wohnblock ganz im Süden Berlins antraf, die ebenfalls Interesse an den beiden ranzigen Zimmern mit Kochnische und winzigem Bad im dritten Stock hatte. Wie die Mitarbeiterin der Immobiliengesellschaft fröhlich ansagte, hätten sich über 1000 Personen aufs Inserat gemeldet, wir seien «die Glücklichen», die zufällig für die Besichtigung ausgewählt worden waren. Ich übersetzte für ein betagtes ukrainisches Ehepaar, und sie gaben es an die Umstehenden weiter: Viele der Anwesenden waren wie meine Eltern vor dem Krieg geflohen und suchten nun ein neues Zuhause auf Zeit.

Die Besichtigungen wurden schnell Routine. Ich stieg Treppen hoch, schritt im Gänsemarsch mal hellere, mal dunklere Räume ab, bekräftigte unser Interesse, schwärmte nach Leibeskräften, eilte zum nächsten Termin. Diese fanden selten morgens um 8 oder abends um 18 Uhr statt, sondern zumeist mitten am Tag, zur besten Arbeitszeit. Mal waren es über 50, mal 40, ein einziges Mal erlebte ich eine Besichtigung, die aus nur zehn Interessenten bestand. Aber nicht nur deswegen war ich bald gefrustet: Es hagelte Absagen. Man wolle fair sein, niemanden begünstigen oder benachteiligen, lautete die Antwort eines weiteren Mitarbeiters der Immobilienfirma – wer von den vielen Bewerbern am Ende die Wohnung bekam, entscheide: der Zufall. Wir waren in einer Wohnlotterie gelandet.

Mit jeder Absage brach bei meinen Eltern ein Stück Hoffnung weg, bald bei ihren Enkeln sein zu können, und ich wurde immer wütender. Für einmal führte das Gefühl aber nicht dazu, dass ich schrieb, ich fing an zu rechnen – kumulierte Wahrscheinlichkeiten, Erwartungswerte, da klingelte doch was. Die Frage, die ich mir stellte: Wenn die mittlere Erfolgswahrscheinlichkeit bei 1 zu 40 liegt, wie viele Wohnungen müsste ich besichtigen, um mit 95-prozentiger Sicherheit wenigstens eine Zusage zu kriegen?

119, lautete die niederschmetternde Antwort. (Um die Erfolgswahrscheinlichkeit auf 99 Prozent zu erhöhen, müsste ich sogar 182 Wohnungen sehen.) Ich rechnete weiter. Die bezahlbaren Wohnungen, die ich mir anschaute, lagen allesamt am Stadtrand, jede Besichtigung kostete mich mit Hin- und Rückfahrt gut zwei Stunden. Macht also rund 240 Stunden, in denen ich durchgehend von Wohnung zu Wohnung eilen müsste, sechs volle Arbeitswochen lang (die beiden Stunden, die mein Vater täglich im Internet verbrachte, um überhaupt passende Angebote zu scouten, nicht einmal mitgerechnet). Eine Zeit, in der ich keine Texte schreiben und auch sonst nichts arbeiten könnte, keinen wie auch immer gearteten «Wert» für die «Volkswirtschaft» schöpfen, ich hätte Verdienstausfall (von mindestens 3336 Euro, berechnet zum aktuellen deutschen Mindestlohn von 13,90 Euro die Stunde) – müsste für die Suche also eigentlich sogar Geld bekommen, Erwerbsersatz. Dabei bin ich nicht allein, für jede Wohnung habe ich mit 40 Besichtigenden gerechnet. Aus Tausenden und Abertausenden Suchenden. Für die nicht komplett andere Wahrscheinlichkeiten gelten dürften, oder?

Wie viel vergeudete Energie! Wie viel zum Fenster hinausgeworfene Lebenszeit, ausgelöst durch die imperialen Gelüste des entrückten Mannes im Kreml! Von Sozialdarwinismus ganz zu schweigen, weil sicherlich nicht alle, uns eingeschlossen, die aufreibende Suche durchhalten, bald aufgeben und entweder da wohnen bleiben, wo sie eigentlich nicht mehr wohnen wollen. Wie so oft, wie überall auf der Welt trifft es die Schwächsten der Gesellschaft, die Machtlosen. Menschen, denen viel genommen wurde und die es eigentlich verdient hätten, mal etwas zurückzubekommen. Stattdessen: diese «faire» Lotterie.

Inzwischen haben wir eine Wohnung für meine Eltern gefunden. Am Ende lief es, wie es meistens auf unvollkommenen Märkten läuft, unter der Hand: Jemand kannte jemanden, die jemanden kannte. Die Wohnung ist schön, hat einen grossen, verglasten Balkon und einen Badesee in der Nähe. Aber noch bleibt eine Hürde: Die Behörden müssen dem Umzug zustimmen, und die lassen sich Zeit. Seit Anfang Februar warten wir nun schon auf den erlösenden Brief, die Nerven zum Zerreissen gespannt.